Bendler Predigten 2. Timotheus 1, 7 – 10
Predigtgottesdienst mit Taufe am 16. So n. Tr. , 19. 09. 2010
in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 281, 1 – 3 Erhebet er sich unser Gott...
Psalm Nr. 761 Lobgesang der Maria (Lk 1,46 – 55)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Ansprache zur Taufe
Tauflied 206, 1 + 3 + 5 Liebster Jesu wir sind hier...
Schriftlesung zur Taufe
Glaubensbekenntnis
Tauffragen
Taufhandlung
Taufgebet
Lied: 635, 1 – 4 Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut...
Predigt
Orgelmeditation
Lied: 133, 1 + 5 – 7 Zieh ein zu deinen Toren...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 394, 1 – 5 Nun aufwärts froh den Blick gewandt
Abkündigungen
Segensstrophe 421 Verleih uns Frieden gnädiglich...
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am am 16. So n. Tr. , 19. 09. 2010 in der Jakobuskirche Kuchen Reihe II 2. Tim. 1, 7 - 10
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
wer auf andere mit dem Finger zeigt, auf den weisen drei Finger zurück. Sie kennen vermutlich diesen äußerst treffenden Vergleich, der verdeutlichen soll, dass nicht nur alles auf den anderen geschoben werden kann. Jeder und jede, die von sich weg weist, bekommt auf diese Weise gezeigt, dass er oder sie auch ganz schön mit drin hängt. Manchmal, ja sogar oft, ist es besser, erst einmal bei sich selbst anzu- fangen. Drei Finger, die auf einen selbst weisen, sind einfach Argumente genug dafür. Natürlich, es ist nicht zu leugnen, ist dies auch ein gewaltiger Wink mit dem Zaunpfahl, eine moralische Keule sozusagen. So gesehen, kann man es sich ganz sparen, auf jemand anderen zu zeigen, denn die drei Finger zurück sind ja immer da. Und ganz so stimmt das ja nicht, im manchen Fällen. Der Zeigefinger, mit dem man auf das andere weist, hat auch sein Recht. Das ist unbestreitbar.
Aber in dem Bibelabschnitt aus dem 2. Timotheusbrief geht es nicht um Moral. Es geht auch nicht um Zurechtweisung und Schuldanrechung. Ganz im Gegenteil: Die drei Finger, die zurückweisen, sollen mir eine andere Perspektive eröffnen. Sie sollen ein dreifacher Hinweis sein, wie frei ich sein darf, weil die drei Finger Gottes Zuspruch an mich sind. Sie verurteilen mich nicht mit, sondern sie helfen mir und unterstützen mich – wie das ja immer so bei Gott ist, der ganz anders ist, als wir denken.
Drei gegen eins – so beginnt es im 7. Vers des Anfangskapitels des 2. Timotheusbriefes:
2. Tim. 1, 7 - 10
Liebe Gemeinde,
in dem Film „Wie im Himmel“ gibt es unter den vielen anrührenden Einzelgeschichten auch die jener Ehefrau und Mutter, die unter der Gewalttätigkeit ihres Mannes leidet. Sie singt mit in einem Kirchenchor, in dem alle so ihre Problemchen haben. Ihres ist aber riesengroß. Und niemand kann ihr helfen. Die Umstehenden müssen schweigen. Die Betroffene muss es erdulden oder abfangen oder ausbaden, wie immer man es nennen will. Die Verhältnisse können sich nicht ändern. Der Grund dafür ist die Furcht. Die Angst hat alle im Griff. Auf sie zeigt der Zeigefinger. An der Furcht lässt sich nichts ändern. Sie lähmt. Sie lässt Trauer zurück. Sie ist allgegenwärtig und mächtig.
Und die Furcht hat durchaus ihre eigene Logik. „Wehre dich nicht“, heißt sie, „denn wenn man sich wehrt, macht man alles nur schlimmer.“ Die Furcht zwingt zu Opfern: Soll es mich treffen, wenn er nur die Kinder verschont, bezeichnet eines der schnell gefassten Rituale.
Die Furcht geht um auch anderswo: auf dunklen Plätzen, in zugigen U- Bahnschächten, in wenig besetzten Bussen. Furcht vor unberechen-baren Gestalten. Der Fall Brunner, der für seine Zivilcourage gestorben ist, verunsichert viele, wie kompliziert die Sachlage auch sonst ist. Denn noch einmal darf die Furcht einen Triumpf feiern: Hätte Brunner auf sie gehört, sich nicht eingemischt, wäre er davon gelaufen, er wäre noch am Leben. So einfach ist das. Der Finger zeigt auf die Furcht – und hat Recht. Wir können nichts machen.
Und immer noch gibt es Menschen, die dann sagen, in anderen Zeiten unter andern politischen Verhältnissen habe es so etwas nicht gegeben. Aber sie vergessen, dass die Furcht damals vom Staat ausging, mit Spitzeln und von höchster Stelle befehligte Schlägertrupps. Und diese Furcht war noch grausamer als die durch ein paar Verirrte.
Es gibt einen Geist der Furcht, ein Handeln unter dem Diktat der Furcht, ein Sich – unterordnen unter ihr Gesetz. Und diesen Geist der Furcht bekamen schon immer auch Christen zu spüren. Die, die im römischen Reich verfolgt wurden wie die, die in der ehemaligen DDR vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wurden. Die wie Paulus damals ins Gefängnis geworfen wurden. Und die heute entweder übergangen werden oder eher den Wert des Gehorsams als den Wert der Freiheit zementieren helfen sollen. Die Furcht der Bedeutungs-losigkeit von Christen lässt uns auch nur noch Zeigefinger auf verschiedene Schuldige richten: Ungläubige, Moralvergessene, übersättigte und gleichgültig gewordene Menschen. Wenn die alle etwas täten... so beginnt das Credo der ängstlich übrig Gebliebenen. Dann wären wir eine große Kirche. Dann wären wir nicht nur ein kleines Häuflein. Die Furcht, das wird sich so fortsetzen, das wird sich nie mehr ändern, zieht auf und verdüstert alles.
Und dann sind da aber drei Finger die zurück zeigen. Drei Finger, die nicht bedeuten: bist du denn besser? Du kannst ganz still sein. Dieser Schlagabtausch, der immer dann in Gang kommt, wenn die Furcht sich rächen will.
Nein: drei Finger Gottes zeigen auf dich, wo du der Furcht die Schuld an aller Misere geben willst. Drei Finger Gottes, die er dir an die Hand gegeben hat, damit es anders läuft als es gewöhnlich der Fall ist. Denn nicht die Furcht soll siegen.
Der erste Finger ist die Kraft. Oder mit anderen Worten: das was möglich ist oder möglich gemacht werden kann, die Dynamis – Dynamik. Die kennt jeder. Dynamik gibt es zurzeit jede Menge rund um den Hauptbahnhof. Und diese Dynamik zeigt zumindest, dass sie nicht zu verachten ist.
Gott hat dir den Geist der Kraft gegeben. Den Geist, der es zu allererst mit der Furcht auf sich nehmen soll. Nichts machen zu können, das ist das Kraftfeld, das die Furcht verbreiten will. Es ist zwecklos. Versuch es doch gar nicht erst. Du wirst den Kürzeren ziehen. Das ist der Trick der Furcht, sich riesengroß zu machen. Bis sie auf die Kraft stößt.
Nun ist es zwar schön, diesen Fingerzeig Gottes zu benennen: bewegende Kraft. Aber woher soll sie kommen? Soll ich sie mir täglich zusprechen: Ich bin stark, ich bin mutig, ich bewältige meine Angst. Fingerzeige sind aber nie direkt, sondern haben ihr Geheimnis.
Die Frau dieses Gewalttäters in dem Film, sie redet sich nicht ein, sie muss sich jetzt einmal wehren. Sie geht auch nicht in einen Selbstverteidigungskurs. Sie bemerkt nur ganz unscheinbar und nebenbei, dass sie eine sehr gute Stimme hat. Eine Stimme, die sie im Chor erhebt und als Solistin heraushebt. So ist sie nicht mehr irgendein kleines Etwas, das man ruhig zusammenputzen kann. Sie ist immerhin eine Frau, die etwas anstimmt. Ein anderes Lied, als die übliche Klageleier. Ein anschwellender warmer Ton und nicht ein Geschrei. Ein Klang, der eine Aussage hat und den keiner sonst hervorbringt.
Es wäre natürlich Unsinn, zu meinen, diese Stimme und das Einsehen in ihren Wert bändige die Gewalt. Aber es bändigt die Furcht. Es beginnt Bereiche zu geben, wo sie nicht mehr ihr Kraftfeld verbreitet. Der Geist der Kraft behauptet seinen Raum.
Der zweite auf mich weisende Finger ist die Liebe. „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach sein darfst, ohne Stärke hervorzurufen“. Auf einer Grußkarte in einem Kartenständer las ich diesen Spruch. Er ist von dem Philosophen Adorno. Der Satz hat es durchaus in sich und mit diesem Timotheusvers zu tun. Denn die Furcht nutzt jede Schwäche aus und versucht keine Schwäche zu zeigen. Die Liebe aber lässt Schwäche zu. Sie muss sich demgegenüber nicht aufspielen. Sie lässt den anderen keine Macht spüren. Sie drängt in keine Opferrolle. So wird sie zur Gegenspielerin der Furcht. Wo wir mit Widerwillen, mit abscheu oder Verbitterung auf das schauen, was Furcht bewirkt und uns so von ihr einfangen lassen, kann die Liebe lächelnd sagen: sie meint es nicht so. Was aus solcher Liebe geschieht wirkt manchmal naiv. Das, was uns Angst macht, ist nicht ungefährlich. Und trotzdem hat die Liebe dann etwas Entwaffnendes. Wer vor der Furcht zittert, kann mit der Liebe sagen: ich selber brauche dir nichts tun: nichts zuleide, nichts zu deinem Schaden, nichts was die Würde
nimmt.
Und der dritte Finger ist die Besonnenheit. Das hat mit überlegen, sich besinnen, etwas richtig einschätzen zu tun. Den Zeigefinger auf die Furcht gerichtet, verfallen wir schnell in Panik. Hektisch muss reagiert werden, schnell etwas abgewendet.
Die Besonnenheit verlangsamt. Wer hat gesagt, ich muss das Kaninchen sein und das mir gegenüber die Schlange? Wird nicht schnell das Fürchterliche ziemlich groß gemacht – und ist es gar nicht. Christen verlieren an Einfluss an Bedeutung. Ein Pauschalurteil. Erfahre ich das so? Höre ich nicht auch viel Anerkennung? Geht’s vielleicht gar nicht den Bach runter sondern den Bach gerade nur weiter? Ist nicht manche Aufregung einfach zu viel? Die Besonnenheit sucht wieder das rechte Maß zu finden. Sie lässt Zeit, das Richtige zu überlegen. Sie befreit aus der Bannkraft der Angst. Die Besonnenheit ist der Realo unter den Gefühlen. Ein Fingerzeig Gottes, uns
gegeben.
Aber hält das Ganze denn auch der Praxis stand? Mit Glauben kann man doch nicht gegen einen Amoklauf angehen. Das stimmt. Nicht wenn man es sich so platt einfach macht: Glauben verhindert solch ein Unglück. Oder: In Gottes Welt gibt es so etwas nicht.
Aber wir sind weder hilflos. Wir können Dinge – mit Besonnenheit – differenzieren. Wir können sogar – mit Liebe – Verständnis zeigen und damit die Verhältnisse, die Einstellungen ändern, die Bedingungen, die die Furcht stellt, und die sich der Glaube nicht unterwirft. In sofern lässt sich aus dem Glauben viel für’s Leben gewinnen.
Es war die Kraft eines Lehrers in Erfurt, die den Täter fragen ließ: „Wozu das alles?“ „Sie haben recht“, war die Antwort und er erschoss sich selbst. Ein tragisches Ende. Ein Ende aber auch der Furcht.
Im Film „Wie im Himmel“ sitzt der gewalttätige Ehemann am Ende in Untersuchungshaft. Seine Frau, die ihn angezeigt hat, spricht mit ihm. Er bereut. Sie sagt zu ihm: „Nimm es als Chance. Vielleicht kannst du zu unseren Kindern ein neues Verhältnis aufbauen. Für uns beide wird es nicht mehr gehen.“ Es ist Liebe, die auch um ihre Grenzen weiß und trotzdem sich nahe an das, was zu fürchten war, heran traut.
Mit dem Zeigefinger, der auf die Furcht weist, wo alles Schlechte, alles Lebensmindernde herkommt, haben wir begonnen. Drei Finger – die Kraft, die Liebe, die Besonnenheit – haben wir, die von Gott aus auf uns weisen und uns befreien. Es bleibt nur noch ein Letztes, nämlich dass wir den Zeigefinger krümmen und zu unserer Hand zurückführen. Diesen erschrockenen Hinweis auf die Furcht, den braucht es nicht mehr.
Die drei Finger Gottes, ergeben mit dem zurückgenommene Zeige-finger eine Faust. Das kann zweierlei bedeuten: Zum einen, ich halte fest was ich damit habe: meinen Glauben, meine Zuversicht, letztlich mein Wissen, Gott kann alle Dinge zu ihrem Besten kehren. Lasse ich mir das nicht entwischen, weil ich wieder auf das andere zeige. Behalte ich dieses Pfand in meiner Faust.
Das andere hat mit dem letzten Vers des gelesenen Abschnitts zu tun: Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.
So dürfen wir, ohne Hass und ohne Gewalt, auch die Faust ballen – gegen die Furcht und gegen das, was den Lebensmut raubt. Gegen den Tod letztendlich.
Christen fürchten schon auch etwas. Aber sie ziehen die anderen Kräfte, die Gott verleiht, zur Hilfe. Für Christen gibt es auch den Tod. Aber für sie gibt es nicht die Macht des Todes. Das gerade bekennen wir auch mit der Taufe. Denn Kraft und Liebe und Besonnenheit werden unter diesem Zeichen geschenkt. Bewahren wir sie in unserer Faust – ganz fest. Und schütteln wir sie ruhig gegen alles Bedrohliche. Denn wir sollen wissen, dass wir nach Gottes Willen in das Leben eingehen. Leben, das er uns ewig gibt.
Amen
Predigtgottesdienst mit Taufe am 16. So n. Tr. , 19. 09. 2010
in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 281, 1 – 3 Erhebet er sich unser Gott...
Psalm Nr. 761 Lobgesang der Maria (Lk 1,46 – 55)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Ansprache zur Taufe
Tauflied 206, 1 + 3 + 5 Liebster Jesu wir sind hier...
Schriftlesung zur Taufe
Glaubensbekenntnis
Tauffragen
Taufhandlung
Taufgebet
Lied: 635, 1 – 4 Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut...
Predigt
Orgelmeditation
Lied: 133, 1 + 5 – 7 Zieh ein zu deinen Toren...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 394, 1 – 5 Nun aufwärts froh den Blick gewandt
Abkündigungen
Segensstrophe 421 Verleih uns Frieden gnädiglich...
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am am 16. So n. Tr. , 19. 09. 2010 in der Jakobuskirche Kuchen Reihe II 2. Tim. 1, 7 - 10
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
wer auf andere mit dem Finger zeigt, auf den weisen drei Finger zurück. Sie kennen vermutlich diesen äußerst treffenden Vergleich, der verdeutlichen soll, dass nicht nur alles auf den anderen geschoben werden kann. Jeder und jede, die von sich weg weist, bekommt auf diese Weise gezeigt, dass er oder sie auch ganz schön mit drin hängt. Manchmal, ja sogar oft, ist es besser, erst einmal bei sich selbst anzu- fangen. Drei Finger, die auf einen selbst weisen, sind einfach Argumente genug dafür. Natürlich, es ist nicht zu leugnen, ist dies auch ein gewaltiger Wink mit dem Zaunpfahl, eine moralische Keule sozusagen. So gesehen, kann man es sich ganz sparen, auf jemand anderen zu zeigen, denn die drei Finger zurück sind ja immer da. Und ganz so stimmt das ja nicht, im manchen Fällen. Der Zeigefinger, mit dem man auf das andere weist, hat auch sein Recht. Das ist unbestreitbar.
Aber in dem Bibelabschnitt aus dem 2. Timotheusbrief geht es nicht um Moral. Es geht auch nicht um Zurechtweisung und Schuldanrechung. Ganz im Gegenteil: Die drei Finger, die zurückweisen, sollen mir eine andere Perspektive eröffnen. Sie sollen ein dreifacher Hinweis sein, wie frei ich sein darf, weil die drei Finger Gottes Zuspruch an mich sind. Sie verurteilen mich nicht mit, sondern sie helfen mir und unterstützen mich – wie das ja immer so bei Gott ist, der ganz anders ist, als wir denken.
Drei gegen eins – so beginnt es im 7. Vers des Anfangskapitels des 2. Timotheusbriefes:
2. Tim. 1, 7 - 10
Liebe Gemeinde,
in dem Film „Wie im Himmel“ gibt es unter den vielen anrührenden Einzelgeschichten auch die jener Ehefrau und Mutter, die unter der Gewalttätigkeit ihres Mannes leidet. Sie singt mit in einem Kirchenchor, in dem alle so ihre Problemchen haben. Ihres ist aber riesengroß. Und niemand kann ihr helfen. Die Umstehenden müssen schweigen. Die Betroffene muss es erdulden oder abfangen oder ausbaden, wie immer man es nennen will. Die Verhältnisse können sich nicht ändern. Der Grund dafür ist die Furcht. Die Angst hat alle im Griff. Auf sie zeigt der Zeigefinger. An der Furcht lässt sich nichts ändern. Sie lähmt. Sie lässt Trauer zurück. Sie ist allgegenwärtig und mächtig.
Und die Furcht hat durchaus ihre eigene Logik. „Wehre dich nicht“, heißt sie, „denn wenn man sich wehrt, macht man alles nur schlimmer.“ Die Furcht zwingt zu Opfern: Soll es mich treffen, wenn er nur die Kinder verschont, bezeichnet eines der schnell gefassten Rituale.
Die Furcht geht um auch anderswo: auf dunklen Plätzen, in zugigen U- Bahnschächten, in wenig besetzten Bussen. Furcht vor unberechen-baren Gestalten. Der Fall Brunner, der für seine Zivilcourage gestorben ist, verunsichert viele, wie kompliziert die Sachlage auch sonst ist. Denn noch einmal darf die Furcht einen Triumpf feiern: Hätte Brunner auf sie gehört, sich nicht eingemischt, wäre er davon gelaufen, er wäre noch am Leben. So einfach ist das. Der Finger zeigt auf die Furcht – und hat Recht. Wir können nichts machen.
Und immer noch gibt es Menschen, die dann sagen, in anderen Zeiten unter andern politischen Verhältnissen habe es so etwas nicht gegeben. Aber sie vergessen, dass die Furcht damals vom Staat ausging, mit Spitzeln und von höchster Stelle befehligte Schlägertrupps. Und diese Furcht war noch grausamer als die durch ein paar Verirrte.
Es gibt einen Geist der Furcht, ein Handeln unter dem Diktat der Furcht, ein Sich – unterordnen unter ihr Gesetz. Und diesen Geist der Furcht bekamen schon immer auch Christen zu spüren. Die, die im römischen Reich verfolgt wurden wie die, die in der ehemaligen DDR vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wurden. Die wie Paulus damals ins Gefängnis geworfen wurden. Und die heute entweder übergangen werden oder eher den Wert des Gehorsams als den Wert der Freiheit zementieren helfen sollen. Die Furcht der Bedeutungs-losigkeit von Christen lässt uns auch nur noch Zeigefinger auf verschiedene Schuldige richten: Ungläubige, Moralvergessene, übersättigte und gleichgültig gewordene Menschen. Wenn die alle etwas täten... so beginnt das Credo der ängstlich übrig Gebliebenen. Dann wären wir eine große Kirche. Dann wären wir nicht nur ein kleines Häuflein. Die Furcht, das wird sich so fortsetzen, das wird sich nie mehr ändern, zieht auf und verdüstert alles.
Und dann sind da aber drei Finger die zurück zeigen. Drei Finger, die nicht bedeuten: bist du denn besser? Du kannst ganz still sein. Dieser Schlagabtausch, der immer dann in Gang kommt, wenn die Furcht sich rächen will.
Nein: drei Finger Gottes zeigen auf dich, wo du der Furcht die Schuld an aller Misere geben willst. Drei Finger Gottes, die er dir an die Hand gegeben hat, damit es anders läuft als es gewöhnlich der Fall ist. Denn nicht die Furcht soll siegen.
Der erste Finger ist die Kraft. Oder mit anderen Worten: das was möglich ist oder möglich gemacht werden kann, die Dynamis – Dynamik. Die kennt jeder. Dynamik gibt es zurzeit jede Menge rund um den Hauptbahnhof. Und diese Dynamik zeigt zumindest, dass sie nicht zu verachten ist.
Gott hat dir den Geist der Kraft gegeben. Den Geist, der es zu allererst mit der Furcht auf sich nehmen soll. Nichts machen zu können, das ist das Kraftfeld, das die Furcht verbreiten will. Es ist zwecklos. Versuch es doch gar nicht erst. Du wirst den Kürzeren ziehen. Das ist der Trick der Furcht, sich riesengroß zu machen. Bis sie auf die Kraft stößt.
Nun ist es zwar schön, diesen Fingerzeig Gottes zu benennen: bewegende Kraft. Aber woher soll sie kommen? Soll ich sie mir täglich zusprechen: Ich bin stark, ich bin mutig, ich bewältige meine Angst. Fingerzeige sind aber nie direkt, sondern haben ihr Geheimnis.
Die Frau dieses Gewalttäters in dem Film, sie redet sich nicht ein, sie muss sich jetzt einmal wehren. Sie geht auch nicht in einen Selbstverteidigungskurs. Sie bemerkt nur ganz unscheinbar und nebenbei, dass sie eine sehr gute Stimme hat. Eine Stimme, die sie im Chor erhebt und als Solistin heraushebt. So ist sie nicht mehr irgendein kleines Etwas, das man ruhig zusammenputzen kann. Sie ist immerhin eine Frau, die etwas anstimmt. Ein anderes Lied, als die übliche Klageleier. Ein anschwellender warmer Ton und nicht ein Geschrei. Ein Klang, der eine Aussage hat und den keiner sonst hervorbringt.
Es wäre natürlich Unsinn, zu meinen, diese Stimme und das Einsehen in ihren Wert bändige die Gewalt. Aber es bändigt die Furcht. Es beginnt Bereiche zu geben, wo sie nicht mehr ihr Kraftfeld verbreitet. Der Geist der Kraft behauptet seinen Raum.
Der zweite auf mich weisende Finger ist die Liebe. „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach sein darfst, ohne Stärke hervorzurufen“. Auf einer Grußkarte in einem Kartenständer las ich diesen Spruch. Er ist von dem Philosophen Adorno. Der Satz hat es durchaus in sich und mit diesem Timotheusvers zu tun. Denn die Furcht nutzt jede Schwäche aus und versucht keine Schwäche zu zeigen. Die Liebe aber lässt Schwäche zu. Sie muss sich demgegenüber nicht aufspielen. Sie lässt den anderen keine Macht spüren. Sie drängt in keine Opferrolle. So wird sie zur Gegenspielerin der Furcht. Wo wir mit Widerwillen, mit abscheu oder Verbitterung auf das schauen, was Furcht bewirkt und uns so von ihr einfangen lassen, kann die Liebe lächelnd sagen: sie meint es nicht so. Was aus solcher Liebe geschieht wirkt manchmal naiv. Das, was uns Angst macht, ist nicht ungefährlich. Und trotzdem hat die Liebe dann etwas Entwaffnendes. Wer vor der Furcht zittert, kann mit der Liebe sagen: ich selber brauche dir nichts tun: nichts zuleide, nichts zu deinem Schaden, nichts was die Würde
nimmt.
Und der dritte Finger ist die Besonnenheit. Das hat mit überlegen, sich besinnen, etwas richtig einschätzen zu tun. Den Zeigefinger auf die Furcht gerichtet, verfallen wir schnell in Panik. Hektisch muss reagiert werden, schnell etwas abgewendet.
Die Besonnenheit verlangsamt. Wer hat gesagt, ich muss das Kaninchen sein und das mir gegenüber die Schlange? Wird nicht schnell das Fürchterliche ziemlich groß gemacht – und ist es gar nicht. Christen verlieren an Einfluss an Bedeutung. Ein Pauschalurteil. Erfahre ich das so? Höre ich nicht auch viel Anerkennung? Geht’s vielleicht gar nicht den Bach runter sondern den Bach gerade nur weiter? Ist nicht manche Aufregung einfach zu viel? Die Besonnenheit sucht wieder das rechte Maß zu finden. Sie lässt Zeit, das Richtige zu überlegen. Sie befreit aus der Bannkraft der Angst. Die Besonnenheit ist der Realo unter den Gefühlen. Ein Fingerzeig Gottes, uns
gegeben.
Aber hält das Ganze denn auch der Praxis stand? Mit Glauben kann man doch nicht gegen einen Amoklauf angehen. Das stimmt. Nicht wenn man es sich so platt einfach macht: Glauben verhindert solch ein Unglück. Oder: In Gottes Welt gibt es so etwas nicht.
Aber wir sind weder hilflos. Wir können Dinge – mit Besonnenheit – differenzieren. Wir können sogar – mit Liebe – Verständnis zeigen und damit die Verhältnisse, die Einstellungen ändern, die Bedingungen, die die Furcht stellt, und die sich der Glaube nicht unterwirft. In sofern lässt sich aus dem Glauben viel für’s Leben gewinnen.
Es war die Kraft eines Lehrers in Erfurt, die den Täter fragen ließ: „Wozu das alles?“ „Sie haben recht“, war die Antwort und er erschoss sich selbst. Ein tragisches Ende. Ein Ende aber auch der Furcht.
Im Film „Wie im Himmel“ sitzt der gewalttätige Ehemann am Ende in Untersuchungshaft. Seine Frau, die ihn angezeigt hat, spricht mit ihm. Er bereut. Sie sagt zu ihm: „Nimm es als Chance. Vielleicht kannst du zu unseren Kindern ein neues Verhältnis aufbauen. Für uns beide wird es nicht mehr gehen.“ Es ist Liebe, die auch um ihre Grenzen weiß und trotzdem sich nahe an das, was zu fürchten war, heran traut.
Mit dem Zeigefinger, der auf die Furcht weist, wo alles Schlechte, alles Lebensmindernde herkommt, haben wir begonnen. Drei Finger – die Kraft, die Liebe, die Besonnenheit – haben wir, die von Gott aus auf uns weisen und uns befreien. Es bleibt nur noch ein Letztes, nämlich dass wir den Zeigefinger krümmen und zu unserer Hand zurückführen. Diesen erschrockenen Hinweis auf die Furcht, den braucht es nicht mehr.
Die drei Finger Gottes, ergeben mit dem zurückgenommene Zeige-finger eine Faust. Das kann zweierlei bedeuten: Zum einen, ich halte fest was ich damit habe: meinen Glauben, meine Zuversicht, letztlich mein Wissen, Gott kann alle Dinge zu ihrem Besten kehren. Lasse ich mir das nicht entwischen, weil ich wieder auf das andere zeige. Behalte ich dieses Pfand in meiner Faust.
Das andere hat mit dem letzten Vers des gelesenen Abschnitts zu tun: Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.
So dürfen wir, ohne Hass und ohne Gewalt, auch die Faust ballen – gegen die Furcht und gegen das, was den Lebensmut raubt. Gegen den Tod letztendlich.
Christen fürchten schon auch etwas. Aber sie ziehen die anderen Kräfte, die Gott verleiht, zur Hilfe. Für Christen gibt es auch den Tod. Aber für sie gibt es nicht die Macht des Todes. Das gerade bekennen wir auch mit der Taufe. Denn Kraft und Liebe und Besonnenheit werden unter diesem Zeichen geschenkt. Bewahren wir sie in unserer Faust – ganz fest. Und schütteln wir sie ruhig gegen alles Bedrohliche. Denn wir sollen wissen, dass wir nach Gottes Willen in das Leben eingehen. Leben, das er uns ewig gibt.
Amen


