Predigtgottesdienst am  Sonntag Sexagesimae, 27. Febr. 2011 
 
in der Jakobuskirche Kuchen                                               9.30 Uhr
 
 
 
Orgelvorspiel
 
 
Begrüßung
 
 
Lied: 665, 1 – 4 Gelobt sei deine Treu...
 
 
Psalm 67 (Nr. 730)
 
 
            Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
 
 
Gebet / Stilles Gebet
 
 
Schriftlesung: Lukas 8, 4-8
 
 
Lied: 196, 1 – 4 Herr für dein Wort sei hoch gepreist
 
 
Predigt Mk 4, 26 - 29
 
 
            Orgelmeditation
 
 
Lied 658, 1 – 4 Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn 
 
 
Dank- und Fürbittegebet
 
 
Vaterunser
 
 
Lied: 347, 1 - 3 + 5 + 6 Ach bleib mit deiner Gnade...
 
 
Abkündigungen
 
 
Segensstrophe 347, 4 Ach bleib mit deinem Segen...
 
Segen
 
 
Orgelnachspiel
 
 
Predigt am Sonntag Septuagesimae, 20. Febr. 2011  in der Johanneskirche Gingen (Gemeindehaus) Reihe III Mk 4, 26 - 29
 
 
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.  Amen<
 
 
Liebe Gemeinde,
 
„Siehe ich will ein  Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ Vor vier Jahren war dieses Wort aus dem Propheten Jesaja die Jahreslosung. Ermutigung spricht aus den Worten. Neubeginn und Aktivität wurde damit verbunden. In den Andachten und Ansprachen wurden hoffnungsvolle Anfänge ausgemacht, zu denen nur noch das Sich - entwickeln kommen muss. Vielleicht wurde in jenem Jahr das eine oder andere Projekt gestartet. Verbunden natürlich mit den Worten: Siehe, ein Neues will ich schaffen. Wir in Kuchen haben in dem Jahr 2007 unsere Kirche renoviert. Die Frucht kann sich sicher sehen lassen. In Gingen war der Kirchturm ganz in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt. Siehe, es wächst empor. Leider aber die Kosten ebenso.
 
Und doch fragt sich der eine oder der andere, was wohl aus dem Wachstum in anderen Bereichen geworden ist und erlebt so seine Ernüchterung. Wachstum? Fehlanzeige. Eher Rückgang. Die Gemeindegliederzahl, die Angebotsvielfalt, die Qualität der Veranstaltungen. Wir in Kuchen haben unlängst bei der Haushalts-bausteinplanung zur Jugendarbeit festgestellt, dass alles stehen geblieben ist.
 
Nun, das Jahr mit der ermutigenden Jahreslosung ist vergangen. So sind wir also einen Anlass los über Neues intensiv weiterdenken zu müssen. Nur das Wachsen, das verfolgt uns. Oder besser gesagt: es holt uns immer wieder ein. Denn zu wachsen scheint etwas immer. Das erzählt uns auch Jesus in einem Gleichnis. Ich lese aus dem Markusevangelium, Kapitel 4 die Verse 26 bis 29.
 
                                   Text: Mk 4, 26 – 29
 
Liebe Gemeinde,
 
Sie kennen vielleicht die Geschichte jenes törichten Mannes, dem das Wachsen viel zu langsam ging. Er hatte Samen ausgestreut, doch waren bis jetzt nur winzige Hälmchen zu sehen. Dabei hatten die Körner doch wahrlich lange Zeit gehabt. Warum nur sollte das mit dem Wachsen so lange dauern. Darum ging der Mann her und sagte sich: Ich will den Pflänzchen ein wenig auf die Sprünge helfen und er zog an jedem Hälmchen ein bisschen, dass es besser in die Höhe wächst. Wenn ich das morgen wieder mache und übermorgen auch und alle Tage, so werde ich sehen, in kurzer Zeit steht da ein stattliches Feld mit Getreide. Doch als er am nächsten Tag wieder kam, da lagen alle seine Halme vertrocknet auf dem Boden. Er hatte bei seinem Versuch, ihnen beim Wachsen zu helfen, ihre Wurzeln abgerissen. So kann es einem gehen, wenn er keine Geduld hat.
 
Jesus beschreibt keinen solchen törichten Sämann. Er bringt die Saat
 
aus und läst sie wachsen. Er weiß, wann es Zeit ist zu keimen. Er weiß auch, wann es Zeit ist zu ernten. Er muss nicht nachhelfen, weil es keinen Wert hat.
 
Ist das die erste Lehre, die wir aus dem Gleichnis ziehen können? Lass die Saat in Ruhe. Beschränke dich auf das Ausstreuen. Für das Wachsenlassen bist du nicht zuständig. Das macht die Saat selbst. Das machen der Regen und der Boden. Das machen der Sonnen-schein und die Luft. Das macht eine geheimnisvolle Kraft, die Leben heißt.
 
Und dann geht alles von allein.
 
Ich staune und bin fasziniert von so viel Eigeninitiative. Das ausgestreute Korn will wachsen. Es will es unter allen Umständen. Selbst unter die Dornen gestreut oder auf felsigem Grund: die Saat geht erst einmal auf. Nichts hindert sie. Lass die Saat in Ruhe und sie findet ihren Weg.
 
Wenn ich es übertrage in unsere kirchliche Wirklichkeit, so könnte es doch heißen, dass wir der Eigeninitiative einiges zutrauen können. Eine Gruppe von Konfirmierten bei uns wollte sich weiter treffen. Unser Jugendreferent sagte: ich komme dazu. Aber weiter brauchten sie nichts als eine offene Tür. Sie brauchen keine Einladung, dass sie das nächste Mal wieder kommen. Sie brauchen keine hauptamtliche Bestätigung, wie toll es ist, dass sie jedes Mal dabei sind. Sie brauchen kein peppiges Programm, das man ihnen vorsetzt, damit das Gebotene attraktiv genug ist. Sie brauchen niemanden, der sie zieht. Alles was notwendig ist, dass sie zusammenkommen, tragen sie in sich selbst. Und sie finden es einfach toll, zu erfahren, dass sie etwas selbst können. Dass man sie machen lässt. Einfach so.
 
Wie oft ist man anderswo schon gescheitert, wenn man etwas von außen zu erschaffen sucht. Vorträge, besondere Gottesdienste, ansprechende Themen, einen tollen Referenten. Der gute Wille wird gesehen. Aber es wächst nichts aus gutem Willen. Es wächst etwas aus innerer Kraft. Es wächst etwas aus unbedingtem Interesse, darum, weil es mich unmittelbar angeht. Zum Hausgebet im Advent treffen sich in unserer Gemeinde mehrere Gruppen. Nicht einmal den Termin müsste ich unbedingt ich zu veröffentlichen. Die daran teilnehmen wollen, wissen es ohnehin. Allenfalls das gedruckte Ablaufprogramm brauche ich zur Verfügung zu stellen. Alles andere geschieht von allein. So wie die Saat von allein wächst. Traut dem, was wachen will, etwas zu. Es kann das. Es braucht nicht viel. Es entwickelt, wenn es das Richtige ist, alles aus sich selbst heraus. Lasst die Saat in Ruhe wachsen. Gebt ihr nur den Raum. Alles Wachsende aber ist stark in sich. Das ist de erste Lehre.
 
Die zweite Lehre ist die: lass dir selber Ruhe. Denken Sie nur, der Mann, der seinen Pflänzchen beim Wachsen helfen wollte, was der sich angestrengt hat. Wie der sich ins Zeug gelegt hat! Der hat wahrlich etwas unternommen. Ja, er war richtig und ehrlich fleißig. Und doch: kein Pflänzchen hat sein Tun überlebt.
 
Jesus sagt von seinem Sämann, er geht und schläft und steht auf, Nacht und Tag. Ist das nicht ein bisschen wenig? Hat Jesus da nicht etwas ausgelassen? Wässern oder düngen oder von Unkraut befreien oder Schädlinge bekämpfen – so eine Saat will gehegt und gepflegt sein.
 
Und doch stelle ich mir für einen Moment vor: das alles will sie nicht. Welch ein Gefühl der Entlastung breitet sich aus. Ich habe etwas getan, gesät. Zerstöre es nicht durch ein Mehr. Lass es an dem genug sein.
 
Spätestens an der Stelle meldet sich eine aufgeregte, unzufriedene Stimme. Sei nicht so naiv, das zu glauben. Von nichts kommt nichts. Sich regen bringt Segen. Vom Hände – in – den – Schoß - legen, wird auch nichts besser. Es fällt schwer zu glauben: tue nichts und alles wird gut. Das wird es nicht, sagen wir, sagen es aus Erfahrung, sagen es aus manchem bitteren Leid heraus. Wie viel haben wir versäumt – in unserem Leben. An unseren Kindern. Für uns selbst. Zu spät reagiert. Nicht genügende Zeit gehabt. Mit anderen Problemen beschäftigt gewesen. Das eigene Unglück wichtiger genommen als das Glück der anderen, für das man hätte sorgen können. Der Sämann ruht aus. Wir aber sind ruhelos. Der Sämann von Jesus schläft, wir aber haben Alpträume. Der Sämann Jesu wacht auf. Wir aber entsteigen dem Bett zerschlagen. Und wieder kommt ein Tag, an dem ich die Früchte meiner Arbeit verdienen muss. An denen ich vorweisen muss, was ich erreicht habe, auch wenn ich weiß, noch nichts ist reif davon, aber man will es sehen.
 
Liebe Gemeinde, vielleicht ist das doch der Moment um hin zu stehen und zu sagen: Gott hat es anders gemeint. Er will keine Gemeinde von Machern, sondern will eine Gemeinde von Vertrauenden. Er will keine Gemeinde derer, die sich selbst rühmen, sondern die Gott rühmen, was er ihnen schenkt. Er will keine Gemeinde der Selbstherrlichen, sondern der Demütigen. Er will keine Gemeinde der Fehlerlosen, sondern derer, die sich in ihrem Scheitern von ihm aufbauen lassen. Die Nacht und Tag erlebt, ohne dass etwas Besonderes geschieht – und doch geschieht, dass dazwischen etwas wächst und man weiß nicht wie und muss es auch nicht wissen, weil es ja Gott weiß und das genügt.
 
Gönne dir Ruhe, die zweite Lehre neben dem, der Saat ihre Zeit und ihre Initiative zu lassen.
 
Und doch, selbst wer so verfährt, wird es erleben müssen, dass eine Gruppe sich wieder auflöst. Dass hoffnungsfrohe Anfänge sich im Sand verlaufen. Dass die Saat unseres kirchlichen Handelns nicht aufgeht. Dass wir abgeben müssen, was uns lieb geworden ist. Dass der Glaube nicht auszureichen scheint, gleich gar nicht der Glaube, Gott wird erhalten was da ist, was etwas wert ist, was doch so dringend notwendig ist, wenn wir so Gemeinde bleiben wollen.
 
Lesen wir das Gleichnis noch einmal von vorne: Mit dem Reich Gottes ist es so wie mit einem Menschen, der über’s Land ging... Mit dem Reich Gottes ist es so. Es kommt mit seiner Kraft und sprießt und lässt sein Wachsen nicht aufhalten. Das Reich Gottes ist klein wie ein Senfkorn und wird doch zu einem großen Baum in dem Vögel nisten. Das ist eben noch einmal etwas anderes, als wenn dort stünde: Die Kirche wird wachsen, oder: Die Gemeinden werden sprießen. Das Reich Gottes ist noch einmal etwas anderes, weil man nicht sagen kann: hier ist es, oder da ist es. Es ist unsichtbar; es ist nahe herbeigekommen; es ist sogar mitten unter uns. Aber es muss nicht im kirchlichen Veranstaltungskalender ersichtlich sein. Es steckt auch nicht in der Statistik, wann und wie oft sich welche Gruppe trifft. Es ist nicht abzulesen in der Zahl der Gottesdienstbesucher. Und so stark und kräftig wie das Reich Gottes ist, es will keine Erfolgsstory sein. Die aber wollen wir Menschen so gerne, auch Gemeindeglieder, auch Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenleitungen, Synoden. Etwas muss vorweisbar sein, dass ich meine Berechtigung erhalte.
 
Das Reich Gottes wächst anders von allein. Es wächst zum Beispiel da, wo ich mich frage: Was bleibt von den Worten im Religionsunterricht, im Konfirmandenunterricht? Was bleibt von einer jeden Predigt? Geht jemand wirklich getröstet? Hat einen oder eine das gesagte aufgebaut? Ist ein Schritt gegangen worden zu einem Verhältnis mit Gott? Geht die gute Botschaft weiter – oder verflüchtigt sie sich?
 
Hier ermutigt mich das Bild des Sämanns, das Jesus uns zeigt, noch mehr: Lass diese Saat ruhen und aufgehen zu seiner Zeit. Lass dich ja nicht verführen, an den Hälmchen zu ziehen. Und das tun wir, wenn wir nachfragen und nachbohren, was wissen denn eigentlich Jugendliche heute über ihren Glauben? Das Reich Gottes kann man nicht wissen. ´Tief hineingefallen ist der Same. Es wird vielleicht noch eine Weile oder lange dauern, bis er im Herzen angekommen ist, denn da beginnt das Reich Gottes. Und manchmal muss nachgesät werden. Und auch das ist nicht schlimm. Genau dazu sind wir als Christen, als gemeinden da: um zu säen – und zuzusehen, was Gott macht.
 
Es fällt immer wieder schwer, das so anzunehmen, auch eine Tatenlosigkeit für uns anzunehmen. Für uns Macher, wo wir doch Dienende sein sollen, muss ich vielleicht sagen.
 
An einer der schönsten und ermutigendsten Stellen in den Invokavit-predigten beschreibt es Martin Luther so: „ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp Melanchthon und mit Amsdorf getrunken habe, so viel getan... Ich habe nichts gemacht, ich habe das Wort handeln lassen.“
 
So kann auch ich gelassen sein und denken: es wächst etwas auf und weiß nicht wie. Und das tut es auch und trotzdem in den Kirchen. Erkennt ihr’s denn nicht? Gott schafft ein Neues.
 
Jetzt wird es Frühjahr, es kommt die Zeit zum Säen. Darum sollen wir heute nicht nach Ertrag, nach Sichel und Ernte fragen. Wir wollen es mit dem Samen genug sein lassen und uns freuen auf das, was aus ihm wächst. Es wird Gutes sein, und Gott wird es geben.
 
                                                                                              Amen   
 

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