Predigtgottesdienst an Neujahr 01.01. 2010 in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 395, 1 – 3 Vertraut den neuen Wegen...
Psalm 8 (Nr. 705)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: Johannes 14, 1 – 6
Lied: 56, 1 – 6 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
Predigt zu Jakobus 4, 13 – 17
Lied 352, 1 – 3 Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 482, 1 – 3 + 5 + 7 Der Mond ist aufgegangen
Abkündigungen
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am Neujahrstag, 01.01.2010 in der Jakobuskirche Kuchen
Reihe II , Jakobus 4, 13-17
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
der erste Tag des neuen Jahres ist vergangen. Auch das schon wieder. Nun bleiben nur noch 364 Tage für dieses Jahr. Aber eigentlich wollen wir das gar nicht hören. Eigentlich wollen wir dieses Jahr zumindest für die nächsten paar Tage noch ganz frisch, ganz neu sein lassen. Auch am Samstag oder am Sonntag wünschen wir dem, dem wir es noch nicht gesagt haben, ein gutes neues Jahr. Es steht doch noch so viel aus. Selbst wenn dieser erste Monat vergangen sein wird, bleiben noch elf weitere.
Es ist schön, finde ich, etwas vor sich zu haben. Es ist auch schön, etwas vor zu haben, Pläne zu machen, sich in manche Vorstellungen hinein zu verlieben. Einige Termine für das Jahr stehen schon fest. Vor dem inneren Auge entsteht eine kleine Route durch das Jahr, die von Punkt zu Punkt geht. Da weiß man nicht von vornherein, ob es wünschenswert ist, dass die Zeit möglichst schnell vergeht und das Ereignis wahr wird – ich denke da an die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die den März herbeisehnen, oder den einen oder anderen Schüler, der im Sommer die Schule beenden wird.
Oder soll man die Zeit genießen bis dahin? Für den Sommer sind im Pfarramtskalender schon zwei Trauungen vorgemerkt – ob nicht die Paare für dieses erste halbe Jahr in einer schönen Vorfreude leben? Und danach erst – wie wird das Leben da anders sein? Was wird von diesem Ereignis nachwirken?
Jeder und jede hat sein besonderes Jahr vor sich. Auch Unangenehmes, das man am liebsten schon hinter sich hätte, kann sich dort am Horizont zeigen.
Aber die Zeit fließt nicht so einfach dahin. Das Jahr wird nicht nach einem bereits festgelegten Muster abgespult. Und die Tage kommen auch nicht wie gerufen. Da bleibt immer noch Raum, viel Raum für Unwägbares, für Überraschendes, für die eine oder andere Wendung, die nicht absehbar war.
Es ist allemal leichter an das zu denken, was schon fest steht und nicht an das, was nicht fest steht. Doch nicht nur der Gang der Dinge hat ein Recht an diesem Jahr. Auch die reine Möglichkeit, das unbekannte Andere hat seinen Platz. Und vielleicht ist es sogar ein großer Platz: Alles das, von dem wir nicht wissen, dass es sein wird; dass es in diesem Jahr passieren kann.
Der Schreiber des Jakobusbriefes jedenfalls sieht es so und gibt uns seine Wort mit auf den Weg:
Jakobus 4, 13 – 15
Liebe Gemeinde,
Warnung vor Selbstsicherheit ist dieses Kapitel im Jakobusbrief überschrieben. Aber ich glaube nach Selbstüberhebung, Selbstüberschätzung steht nicht vielen der Sinn in diesen Zeiten. Jeder und jede ahnt schon, dass es auch anders kommen kann, als man meint. Es gibt Dinge, die malt man sich besser nicht aus. Es braucht ja auch nichts heraufbeschworen zu werden. Warum soll ich mir den Kopf darüber zerbrechen, was ich nicht weiß? Warum soll ich mir Gedanken machen über etwas, was dann doch nicht so kommt? Vielleicht um für alle Fälle gewappnet zu sein? Wer schon einmal verschiedenes durchprobiert in seiner Vorstellung, den trifft es dann nicht so hart, weil er oder sie sich schon mit einer solchen Tatsache vertraut gemacht hat.
Am Ende zeigt sich dann doch die Wahrheit dieses Ulkwortes: Erstes kommt es anders und zweitens als man denkt.
Es ist ja wirklich so: Wie der Fall der Fälle sein wird, das wissen und das spüren wir nicht voraus. Es trifft uns dann, das ist wahr. Wir werden es erleben. Wenn es so weit ist.
Selbstsicher sollen wir also nicht ins neue Jahr einziehen. Aber wie dann? Etwa kleinmütig? Oder doch besser ganz ahnungslos? Oder sollen wir, die wir nichts wissen können, eher gelassen sein?
An und für sich kann es da keine Empfehlung geben. Keine, die nicht irgendwie eine Lebensweisheit darstellt oder einen Trost oder sonst eine Regel, von der man sich Halt verspricht. Es mag nützen oder es mag nicht nützen.
Welche Haltung will ich denn für das neue Jahr einnehmen? Was soll mich leiten?
Da ist erst einmal das Wort Achtsamkeit. Ich bin diesem Wort im Laufe der letzten Monate mehrmals begegnet. Besonders viel und besonders häufig bei meiner Seelsorgeausbildung. Und das Wort tauchte wieder auf bei der Ansprache des Bundespräsidenten Köhler zu Weihnachten. Fast schon wird es wieder so etwas wie ein Modewort. Es soll daher nicht zerredet werden.
Achtsamkeit, das ist das Gegenwort zur Unachtsamkeit, Unbedacht-heit. Was kann das sein? Ich stelle mir vor, es gleicht einem Hineinstolpern in etwas, das mit etwas Vorausschau hätte vermieden werden können. Oder auch nur, indem der inneren Stimme Gehör und Glauben geschenkt worden wäre. Gerade das gilt besonders: auf sein Gefühl zu hören, sich bewusst zu machen: wie geht es mir dabei? Fühle ich mich wohl, bei dem, was ich im Begriff bin zu tun? Viele Dinge geschehen, weil sie sein müssen. Wenn mein Haus einen neuen Außenputz braucht, dann denke ich nicht viel darüber nach, wie es mir damit geht. Aber schon die Frage, ob ich den Sohn oder die Tochter im Ausland, wo sie, wo er wohnt, besuchen soll, lohnt es sich im Sinne der Achtsamkeit abzuklopfen: Mache ich es, weil es einmal wieder Not täte. Überanstrengt es mich vielleicht. Oder freue ich mich umgekehrt schon darauf und lasse ich die Freude die zu Besuchenden spüren? Habe ich aber Angst, dass ich auf die Nerven falle? Soll ich das nicht einmal offen fragen? So achtet man sich und die anderen und setzt nicht alles als Gegeben voraus, weil man es so macht, oder weil es nun mal so abgesprochen ist.
Oder der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach längerer Pause. Eigentlich war es schon für dieses Jahr geplant. Jetzt muss es sein? Was treibt mich? Die Angst, den Anschluss zu verpassen? Das Gefühl zu Hause nur sinnlos die Zeit zu verbringen? Oder ist es der Wille, für die Familie zu ihrem Fortkommen etwas beizutragen, der mir gut tut? Warum nicht das mit einem selbstverständlichen Stolz sagen: Ich fühle mich wohl als Mitverdiener. Die Klarheit der Beweggründe hilft viel für das Verhältnis untereinander.
Achtsam umgehen mit seinen Ressourcen, mit seinen Kräften, aber auch mit seinen Wünschen, seinem Wohlbefinden, ist eine wichtige Haltung für alles, was in diesem Jahr auch Unbekanntes kommen mag. Ich kann es nicht voraussehen. Aber ich kann mich dazu verhalten, kann fragen, was mich wirklich bewegt und kann so freier handeln. Und wichtiger noch: ich kann es anderen mitteilen, werde klarer und ich denke auch mehr geschätzt dadurch.
Ist dies aber nicht auch eine Lesart für den Jakobusbrief: Wir sollen nicht so einfach hineinstolpern in das, was kommt. Wir sollen nicht so planvoll bestimmen: jetzt reise ich für ein Jahr in die und die Stadt. Ohne zu fragen, warum? Oder ist es überhaupt nötig? Oder wäre nicht etwas anderes besser? Seht nicht nur auf das Vordergründige, seht nicht nur das Oberflächliche, scheint mir der Jakobusbrief an der Stelle zu sagen. Spürt in die Tiefe hinein. Was will bei dir leben – und kann es noch nicht, hat noch keine Chance oder Möglichkeit bekommen.
Achtsamkeit – das ist die eine Haltung, die ich mir merken will für alle Dinge, die das kommende Jahr prägen.
Die andere Haltung kommt dem Jakobusbrief noch näher: Ich will nicht verlieren danach zu fragen, was Gott mit mir vorhat.
Mit der Achtsamkeit frage ich nach mir selbst, richte den Blick nach innen. Mit der Frage nach Gott sehe ich nicht von mir ab, sondern ich wechsle die Perspektive. Nicht mehr: ich frage nach mir, befrage mich selbst. Sondern: Gott fragt nach mir, ruft mich, beauftragt mich, gibt mir einen neuen Anstoß.
Es kann gut sein, dass ich mich bei meiner Selbstbefragung irgendwann im Kreis drehe oder in einem Strudel gefangen bin. Was will ich, wie geht es mir damit, regt etwas meine positiven oder negativen Gefühle an? Wo bin ich bei dem ganzen? Irgendwo kommt der Punkt, wo ich allein daraus auch keine befriedigenden Antworten mehr bekomme.
Da hilft ein Perspektivenwechsel: Wie sieht Gott mich? Wo verheißt er mir Neues und hilft mir anders zu werden? Wo stützt er mich oder wo holt er mich aus einer Umklammerung heraus?
Lange und oft habe ich mich gefragt, ob Gott nicht immer etwas anderes mit mir vorhat, als ich es mit mir vorhabe. Denn was Gott will ist doch wohl klar: Er will, dass ich meinen Nächsten liebe, dass ich Gutes tue. Er verlangt Selbstlosigkeit von mir, Selbstverleugnung gar. Er will mich zu Anstrengungen motivieren und verbietet mir, träge zu sein. Ich soll Vernünftiges tun und meine Zeit sinnvoll nutzen und nicht vergeuden. So gesehen könnte man an diesem Jahresanfang auch den Finger heben und mahnen: bedenket es ja! Diese zeit ist euch gegeben zu handeln!
Wen höre ich da – statt einem Helfenden und Befreienden eher einen Erziehenden, einen Pädagogen? Statt einen Liebenden einen Knechtenden? Und welches ist der richtige Gott, kann ich ihn mir aussuchen?
Liebe Gemeinde, es kann einmal notwendig sein, dass es einen Gott braucht, der einen aus der Lethargie aus aller Zähigkeit des Lebens mit einem kräftigen Anspruch herausreißen will. Aber wo ich zu meinem Gott vielleicht in aller Last und Müdigkeit komme, da kann nicht er es sein, der mir den Spiegel vorhält, in dem ich erkennen soll: du hast erstens dies noch nicht und zweitens das noch nicht und drittens jenes noch nicht nach meinem Willen getan. Vielleicht sagt er mir: Du hast getan, was du konntest. Und mehr zu können, dazu habe ich dich nicht geschaffen. Lass es genügen. Ich schaue nicht nach deinem Können. Ich schaue nach dem, wer du bist. Und ich schaue mit Liebe auf alles, was du getan hast und was du tust.
Deshalb ist ein solcher Perspektivenwechsel so gut. Hier werden andere Seiten sichtbar. Eben der Blick von Gott auf mich. Denn wo ich in mir selber ängstlich bin oder am zweifeln, da macht er mir Mut. Denn in mir ist eben nicht nur Angst und zweifle, sondern ebenso auch dieser Mut. Ich sehe ihn nicht. Gott aber sieht ihn und berührt ihn.
Wo ich überheblich werde und denke, ich kann alles und kann es auch alleine und lasse mir von keinem etwas hereinreden – was mich schon verhärtet – da zeigt mir Gott Grenzen. Zu meinem Besten, damit ich nicht rastlos und unstet werde und mich in immer mehr Aktionen verliere.
Wo ich zufrieden bin und so auf mich, meine Familie, mein Leben sehe, da freut sich Gott mit mir und sagt mir: bewahre es. Es soll dir zu einem Grund werden, auf den du immer wieder kommen kannst.
Zwei Pole sind es, zu denen ich mich immer wieder hin und her bewege in diesem Jahr: Zu mir selbst in der Achtsamkeit. Und zu Gott und der Frage nach seinem Blick auf mein Leben. Dieses seltsame Zick-Zack, das aber wiederum auch schön ist und dynamisch, gibt mir einen anderen Weg vor, als der von Termin zu Ereignis und Zielen über das Jahr verstreut. Denn mit dieser Bewegung kann ich jeden Tag leben und auch Neues erleben. Ich brauche die Zukunft nicht voraus zu sehen und das Unbekannte nicht zu fürchten. Mit diesen beiden Haltungen kann sich das erfüllen, was der Jakobusbrief vorgibt: Dass alles geschehen mag „so Gott will und wir leben“. Nichts muss gegen Gott in mir arbeiten. Und Gott wird nichts anderes für mich bereithalten, als das, was mir nützt.
So stehen immer noch 364 Tage vor uns. Wie gut! Und so Gott will auch: wie schön! Und darauf möchte ich gerne sprechen mein
Amen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 395, 1 – 3 Vertraut den neuen Wegen...
Psalm 8 (Nr. 705)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: Johannes 14, 1 – 6
Lied: 56, 1 – 6 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
Predigt zu Jakobus 4, 13 – 17
Lied 352, 1 – 3 Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 482, 1 – 3 + 5 + 7 Der Mond ist aufgegangen
Abkündigungen
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am Neujahrstag, 01.01.2010 in der Jakobuskirche Kuchen
Reihe II , Jakobus 4, 13-17
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
der erste Tag des neuen Jahres ist vergangen. Auch das schon wieder. Nun bleiben nur noch 364 Tage für dieses Jahr. Aber eigentlich wollen wir das gar nicht hören. Eigentlich wollen wir dieses Jahr zumindest für die nächsten paar Tage noch ganz frisch, ganz neu sein lassen. Auch am Samstag oder am Sonntag wünschen wir dem, dem wir es noch nicht gesagt haben, ein gutes neues Jahr. Es steht doch noch so viel aus. Selbst wenn dieser erste Monat vergangen sein wird, bleiben noch elf weitere.
Es ist schön, finde ich, etwas vor sich zu haben. Es ist auch schön, etwas vor zu haben, Pläne zu machen, sich in manche Vorstellungen hinein zu verlieben. Einige Termine für das Jahr stehen schon fest. Vor dem inneren Auge entsteht eine kleine Route durch das Jahr, die von Punkt zu Punkt geht. Da weiß man nicht von vornherein, ob es wünschenswert ist, dass die Zeit möglichst schnell vergeht und das Ereignis wahr wird – ich denke da an die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die den März herbeisehnen, oder den einen oder anderen Schüler, der im Sommer die Schule beenden wird.
Oder soll man die Zeit genießen bis dahin? Für den Sommer sind im Pfarramtskalender schon zwei Trauungen vorgemerkt – ob nicht die Paare für dieses erste halbe Jahr in einer schönen Vorfreude leben? Und danach erst – wie wird das Leben da anders sein? Was wird von diesem Ereignis nachwirken?
Jeder und jede hat sein besonderes Jahr vor sich. Auch Unangenehmes, das man am liebsten schon hinter sich hätte, kann sich dort am Horizont zeigen.
Aber die Zeit fließt nicht so einfach dahin. Das Jahr wird nicht nach einem bereits festgelegten Muster abgespult. Und die Tage kommen auch nicht wie gerufen. Da bleibt immer noch Raum, viel Raum für Unwägbares, für Überraschendes, für die eine oder andere Wendung, die nicht absehbar war.
Es ist allemal leichter an das zu denken, was schon fest steht und nicht an das, was nicht fest steht. Doch nicht nur der Gang der Dinge hat ein Recht an diesem Jahr. Auch die reine Möglichkeit, das unbekannte Andere hat seinen Platz. Und vielleicht ist es sogar ein großer Platz: Alles das, von dem wir nicht wissen, dass es sein wird; dass es in diesem Jahr passieren kann.
Der Schreiber des Jakobusbriefes jedenfalls sieht es so und gibt uns seine Wort mit auf den Weg:
Jakobus 4, 13 – 15
Liebe Gemeinde,
Warnung vor Selbstsicherheit ist dieses Kapitel im Jakobusbrief überschrieben. Aber ich glaube nach Selbstüberhebung, Selbstüberschätzung steht nicht vielen der Sinn in diesen Zeiten. Jeder und jede ahnt schon, dass es auch anders kommen kann, als man meint. Es gibt Dinge, die malt man sich besser nicht aus. Es braucht ja auch nichts heraufbeschworen zu werden. Warum soll ich mir den Kopf darüber zerbrechen, was ich nicht weiß? Warum soll ich mir Gedanken machen über etwas, was dann doch nicht so kommt? Vielleicht um für alle Fälle gewappnet zu sein? Wer schon einmal verschiedenes durchprobiert in seiner Vorstellung, den trifft es dann nicht so hart, weil er oder sie sich schon mit einer solchen Tatsache vertraut gemacht hat.
Am Ende zeigt sich dann doch die Wahrheit dieses Ulkwortes: Erstes kommt es anders und zweitens als man denkt.
Es ist ja wirklich so: Wie der Fall der Fälle sein wird, das wissen und das spüren wir nicht voraus. Es trifft uns dann, das ist wahr. Wir werden es erleben. Wenn es so weit ist.
Selbstsicher sollen wir also nicht ins neue Jahr einziehen. Aber wie dann? Etwa kleinmütig? Oder doch besser ganz ahnungslos? Oder sollen wir, die wir nichts wissen können, eher gelassen sein?
An und für sich kann es da keine Empfehlung geben. Keine, die nicht irgendwie eine Lebensweisheit darstellt oder einen Trost oder sonst eine Regel, von der man sich Halt verspricht. Es mag nützen oder es mag nicht nützen.
Welche Haltung will ich denn für das neue Jahr einnehmen? Was soll mich leiten?
Da ist erst einmal das Wort Achtsamkeit. Ich bin diesem Wort im Laufe der letzten Monate mehrmals begegnet. Besonders viel und besonders häufig bei meiner Seelsorgeausbildung. Und das Wort tauchte wieder auf bei der Ansprache des Bundespräsidenten Köhler zu Weihnachten. Fast schon wird es wieder so etwas wie ein Modewort. Es soll daher nicht zerredet werden.
Achtsamkeit, das ist das Gegenwort zur Unachtsamkeit, Unbedacht-heit. Was kann das sein? Ich stelle mir vor, es gleicht einem Hineinstolpern in etwas, das mit etwas Vorausschau hätte vermieden werden können. Oder auch nur, indem der inneren Stimme Gehör und Glauben geschenkt worden wäre. Gerade das gilt besonders: auf sein Gefühl zu hören, sich bewusst zu machen: wie geht es mir dabei? Fühle ich mich wohl, bei dem, was ich im Begriff bin zu tun? Viele Dinge geschehen, weil sie sein müssen. Wenn mein Haus einen neuen Außenputz braucht, dann denke ich nicht viel darüber nach, wie es mir damit geht. Aber schon die Frage, ob ich den Sohn oder die Tochter im Ausland, wo sie, wo er wohnt, besuchen soll, lohnt es sich im Sinne der Achtsamkeit abzuklopfen: Mache ich es, weil es einmal wieder Not täte. Überanstrengt es mich vielleicht. Oder freue ich mich umgekehrt schon darauf und lasse ich die Freude die zu Besuchenden spüren? Habe ich aber Angst, dass ich auf die Nerven falle? Soll ich das nicht einmal offen fragen? So achtet man sich und die anderen und setzt nicht alles als Gegeben voraus, weil man es so macht, oder weil es nun mal so abgesprochen ist.
Oder der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach längerer Pause. Eigentlich war es schon für dieses Jahr geplant. Jetzt muss es sein? Was treibt mich? Die Angst, den Anschluss zu verpassen? Das Gefühl zu Hause nur sinnlos die Zeit zu verbringen? Oder ist es der Wille, für die Familie zu ihrem Fortkommen etwas beizutragen, der mir gut tut? Warum nicht das mit einem selbstverständlichen Stolz sagen: Ich fühle mich wohl als Mitverdiener. Die Klarheit der Beweggründe hilft viel für das Verhältnis untereinander.
Achtsam umgehen mit seinen Ressourcen, mit seinen Kräften, aber auch mit seinen Wünschen, seinem Wohlbefinden, ist eine wichtige Haltung für alles, was in diesem Jahr auch Unbekanntes kommen mag. Ich kann es nicht voraussehen. Aber ich kann mich dazu verhalten, kann fragen, was mich wirklich bewegt und kann so freier handeln. Und wichtiger noch: ich kann es anderen mitteilen, werde klarer und ich denke auch mehr geschätzt dadurch.
Ist dies aber nicht auch eine Lesart für den Jakobusbrief: Wir sollen nicht so einfach hineinstolpern in das, was kommt. Wir sollen nicht so planvoll bestimmen: jetzt reise ich für ein Jahr in die und die Stadt. Ohne zu fragen, warum? Oder ist es überhaupt nötig? Oder wäre nicht etwas anderes besser? Seht nicht nur auf das Vordergründige, seht nicht nur das Oberflächliche, scheint mir der Jakobusbrief an der Stelle zu sagen. Spürt in die Tiefe hinein. Was will bei dir leben – und kann es noch nicht, hat noch keine Chance oder Möglichkeit bekommen.
Achtsamkeit – das ist die eine Haltung, die ich mir merken will für alle Dinge, die das kommende Jahr prägen.
Die andere Haltung kommt dem Jakobusbrief noch näher: Ich will nicht verlieren danach zu fragen, was Gott mit mir vorhat.
Mit der Achtsamkeit frage ich nach mir selbst, richte den Blick nach innen. Mit der Frage nach Gott sehe ich nicht von mir ab, sondern ich wechsle die Perspektive. Nicht mehr: ich frage nach mir, befrage mich selbst. Sondern: Gott fragt nach mir, ruft mich, beauftragt mich, gibt mir einen neuen Anstoß.
Es kann gut sein, dass ich mich bei meiner Selbstbefragung irgendwann im Kreis drehe oder in einem Strudel gefangen bin. Was will ich, wie geht es mir damit, regt etwas meine positiven oder negativen Gefühle an? Wo bin ich bei dem ganzen? Irgendwo kommt der Punkt, wo ich allein daraus auch keine befriedigenden Antworten mehr bekomme.
Da hilft ein Perspektivenwechsel: Wie sieht Gott mich? Wo verheißt er mir Neues und hilft mir anders zu werden? Wo stützt er mich oder wo holt er mich aus einer Umklammerung heraus?
Lange und oft habe ich mich gefragt, ob Gott nicht immer etwas anderes mit mir vorhat, als ich es mit mir vorhabe. Denn was Gott will ist doch wohl klar: Er will, dass ich meinen Nächsten liebe, dass ich Gutes tue. Er verlangt Selbstlosigkeit von mir, Selbstverleugnung gar. Er will mich zu Anstrengungen motivieren und verbietet mir, träge zu sein. Ich soll Vernünftiges tun und meine Zeit sinnvoll nutzen und nicht vergeuden. So gesehen könnte man an diesem Jahresanfang auch den Finger heben und mahnen: bedenket es ja! Diese zeit ist euch gegeben zu handeln!
Wen höre ich da – statt einem Helfenden und Befreienden eher einen Erziehenden, einen Pädagogen? Statt einen Liebenden einen Knechtenden? Und welches ist der richtige Gott, kann ich ihn mir aussuchen?
Liebe Gemeinde, es kann einmal notwendig sein, dass es einen Gott braucht, der einen aus der Lethargie aus aller Zähigkeit des Lebens mit einem kräftigen Anspruch herausreißen will. Aber wo ich zu meinem Gott vielleicht in aller Last und Müdigkeit komme, da kann nicht er es sein, der mir den Spiegel vorhält, in dem ich erkennen soll: du hast erstens dies noch nicht und zweitens das noch nicht und drittens jenes noch nicht nach meinem Willen getan. Vielleicht sagt er mir: Du hast getan, was du konntest. Und mehr zu können, dazu habe ich dich nicht geschaffen. Lass es genügen. Ich schaue nicht nach deinem Können. Ich schaue nach dem, wer du bist. Und ich schaue mit Liebe auf alles, was du getan hast und was du tust.
Deshalb ist ein solcher Perspektivenwechsel so gut. Hier werden andere Seiten sichtbar. Eben der Blick von Gott auf mich. Denn wo ich in mir selber ängstlich bin oder am zweifeln, da macht er mir Mut. Denn in mir ist eben nicht nur Angst und zweifle, sondern ebenso auch dieser Mut. Ich sehe ihn nicht. Gott aber sieht ihn und berührt ihn.
Wo ich überheblich werde und denke, ich kann alles und kann es auch alleine und lasse mir von keinem etwas hereinreden – was mich schon verhärtet – da zeigt mir Gott Grenzen. Zu meinem Besten, damit ich nicht rastlos und unstet werde und mich in immer mehr Aktionen verliere.
Wo ich zufrieden bin und so auf mich, meine Familie, mein Leben sehe, da freut sich Gott mit mir und sagt mir: bewahre es. Es soll dir zu einem Grund werden, auf den du immer wieder kommen kannst.
Zwei Pole sind es, zu denen ich mich immer wieder hin und her bewege in diesem Jahr: Zu mir selbst in der Achtsamkeit. Und zu Gott und der Frage nach seinem Blick auf mein Leben. Dieses seltsame Zick-Zack, das aber wiederum auch schön ist und dynamisch, gibt mir einen anderen Weg vor, als der von Termin zu Ereignis und Zielen über das Jahr verstreut. Denn mit dieser Bewegung kann ich jeden Tag leben und auch Neues erleben. Ich brauche die Zukunft nicht voraus zu sehen und das Unbekannte nicht zu fürchten. Mit diesen beiden Haltungen kann sich das erfüllen, was der Jakobusbrief vorgibt: Dass alles geschehen mag „so Gott will und wir leben“. Nichts muss gegen Gott in mir arbeiten. Und Gott wird nichts anderes für mich bereithalten, als das, was mir nützt.
So stehen immer noch 364 Tage vor uns. Wie gut! Und so Gott will auch: wie schön! Und darauf möchte ich gerne sprechen mein
Amen


