Abendmahlsgottesdienst am Totensonntag, 25. 11. 2007 in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 450, 1 – 5 Morgenglanz der Ewigkeit...
Psalm: 126 (Nr. 749)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Glaubensbekenntnis
Chor: Herr, weil mich festhält deine Hand...
Schriftlesung: Offenbarung 21, 1 – 7
Lied: 147, 1 – 3 Wachet auf, ruft uns die Stimme
Predigt: Mk 13, 31 - 37
Chor: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr...
Überleitung z. Abendmahl
Sündenbekenntnis
Vergebungszusage
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
Lied: 190.2 Christe du Lamm Gottes
Austeilung des Abendmahls
Dank- und Fürbittgebet
Vaterunser
Lied: 558, 1 – 3 Des Menschensohn wird kommen...
Abkündigungen
Chor: Wirf deine Anliegen auf den Herren
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am Totensonntag, 25. 11. 2007 in der Jakobuskirche
Kuchen Reihe V Mk. 13, 31 - 37
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde
nicht wenige sind am heutigen letzten Sonntag im Kirchenjahr hierher gekommen, weil sie in diesem Jahr den Tod eines nahen Menschen betrauern müssen. Und auch diejenigen, die keinen solchen Verlust in den vergangenen Monaten erleiden mussten, denken dabei an die, die von ihnen gegangen sind, vor mehr oder minder langer Zeit. Nachdenklich stimmen uns diese Tage im November. Haltlos wie die Blätter, die von den Bäumen fallen, scheint bei näherem Betrachten so manches im Leben. Was bleibt? Was kann bestehen? Was wird überwintern in den kahlen, nüchternen Zeiten? Diese Fragen treiben uns jetzt eher um als in den anderen Monaten. Alles will zur Ruhe kommen - und kann es doch nicht bei diesen Unruhe-machenden Gedanken. Was wird kommen? Was wird aus dem Leben- diesem und dem bei Gott, von dem wir so wenig wissen. Was können wir auch tun, angesichts so vieler Ungewissheiten? Jesus gibt eine Antwort auf diese Fragen der allerletzten Dinge. Wir lesen seine Worte bei Markus im 13. Kapitel:
Text Mk 13, 31 - 37
Liebe Gemeinde,
auf Besänftigung und Trost hoffte ich bei Jesus zu treffen. Auf milde Weisung und gütigen Zuspruch, der die Wogen meines aufgewühlten Lebens würde glätten können. Aber statt dessen steht da eine Aufforderung: Wachet! Fast schon wie ein Befehl, fast schon wie eine Drohung kommen da die Worte: "Seht euch vor" und .."damit er euch nicht schlafend finde." Er, der Herr nämlich. Denn niemand kann sagen, wann er kommen wird. Bereitschaft ist also geboten. Erhöhte Aufmerksamkeit.
Wie soll das nur helfen? ,frage ich mich. Welcher Sinn liegt in dem Gebotenen? "Wachet. Seid wachsam." Ich gebe zu, ein Wiegenlied, das mich geborgen fühlen lässt, wäre mir doch lieber gewesen. Ein Schlaflied und kein Weckruf. Eines, in dem gesungen wird: "Alles wird gut. Kümmere dich um nichts. Um alles ist gesorgt. Nichts kann dir passieren." Aber solche Lieder sind wohl umsonst. Immer wird wieder etwas passieren. Unerwartet und plötzlich. Wie eben der Herr zu ungewisser Stunde kommt. Wie eben bei der einen oder dem anderen der Tod urplötzlich vor der Tür, mitten im Raum schon dann stand. Da ist kein Platz zum Sicherfühlen. Weshalb sich etwas vormachen. Wachet also - dass nicht eine Unachtsamkeit dich zu Fall bringt. Die Welt ist gefährlich. Das Leben ist verletzlich - und so schnell zu Ende. Wie in einem Traum geht man nicht durchs Dasein. Da ist vieles abgerungen. Und wie vieles ist nicht auch Verzicht, Entbehrung, Fertigwerden mit Verlusten, Abstriche machen bei den eigenen Wünschen. Wer da nicht Acht gibt, der geht unter. Wem die Realität entgleitet, der wird in die Irre gehen.
Doch dieses Lied ist mir und sicher auch Ihnen sattsam bekannt.
Dieses Lied, auf das der Refrain immer lautet: Das Leben ist kein Kinderspiel. Und wenn es das ganz bestimmt auch nicht ist - muss es denn einem immer erst einmal verleidet werden? Muss die eigene Existenz angesichts von Ende, Vergänglichkeit und Tod ernst und mit betretener Miene angesehen werden ? Wer mit dieser Auffassung lebt, dein nächster Schritt könnte ein falschen Schritt oder dein letzter sein, der lebt überhaupt nicht erst, sondern stirbt immer schon nur. Und wer meint, durch vermehrte Wachsamkeit etwas verhindern zu können, der irrt sehr wahrscheinlich. Es verführt zu einem Gefühl falscher Sicherheit, wenn wir meinen, alles überwachen zu können.
Weshalb sollen wir also dann wachen, wenn es uns nichts n¸tzen will, uns keine Katastrophe vorhergesagt wird, Tag und Stunde dessen was uns persönlich trifft doch niemand genau sagen kann - und wenn wir noch so scharf danach ausspähen. Sollten wir denn wirklich Wache schieben vor unserem Leben, daß niemand es antaste und anrühre?
Nein - es ist etwas anderes in diesem "Wachet!" das Jesus spricht. Er sagt es uns nicht so, als ob wir unverbesserliche, ewige Schläfer wären. Es soll uns nicht anklagen als solche, die unvorbereitet in den Tag hineinleben. Jesus weiß selbst, dass wir das meistenteils nicht sind. Es soll für uns selber weniger Mahnung und Aufforderung als vielmehr eine Bitte sein. Nicht dass wir etwas versäumt hätten, soll darin mitschwingen, was wir jetzt in Ordnung zu bringen hätten. Sondern dass wir unseren Gang fortsetzen wie bisher, allenfalls noch etwas mehr gestärkt als bisher. Das andere, das Erfreuliche in Jesu Bitte, das liesse sich anstatt mit dem forschen "wachet" eher mit dem sanften "bleibet wach" übersetzen.
Das was gemeint sein könnte, möchte ich vergleichen mit einem Weg in eisiger Kälte. Wer auf einem solchen Weg ist, steht irgendwann in der Gefahr innezuhalten, sich zu setzten , sich auszuruhen. Erschöpfung und Müdigkeit haben einen ergriffen. Trotz der Minusgrade ist einem warm und wohlig. Zu allem rings um einen her besteht eine einen gleichgültig machende Distanz. Alles ist so leicht und einfach. Doch gerade hier lauert die Gefahr. Bleibe wach! Geh wieder voran, bleib in Bewegung - sonst droht die Erfrierung. Wer jetzt dem Schlaf, der wohligen Ruhe nachgibt, dem kühlt ganz unbemerkt sein Körper aus und er wird nie mehr erwachen. Um deines Lebens willen - wache! Es ist die dringende Bitte, nicht dem zu erliegen, was schleichend neben und um uns ist: die Auszehrung, die Auskühlung, das Aufgeben. Der einzige Schutz vor der tötenden Kälte - ist wach sein. Das lässt sich durchaus übertragen sehen: Auch Zeiten menschlicher Kälte, Abschnitte der Vereinsamung, gerade nach dem Tod eines nahe stehenden Menschen, machen einen unbeweglich. Man möchte still stehen. Man möchte die Augen schließen und alles um sich her vergessen. Auch einstige Bekannte nicht mehr sehen. Auch in Gruppen, in die man früher gegangen ist, nicht mehr gehen. Einfach nur Ruhe finden. Und doch: bleibt wach. Geht, wenn auch nicht viele Schritte, so den ein oder anderen Schritt. Sonst erfriert ihr. Sonst sterbt ihr.
Wachet - ruft uns Jesus, der uns am Leben halten will. Der nicht zulassen will, daß jemand sich beiseite stellt und neben der Lebensbahn einfriert und vergessen wird. Wer im Winter des Lebens unterwegs ist, der nehme sich an den Händen, dass eines den anderen ziehe, wo ihm die Augen zufallen wollen.
Auch in manch anderer Hinsicht hat wach sein eine mehr aufmun-ternde als allein strenge Bedeutung. Nur offene Augen zu haben ist noch einmal etwas anderes, als eben hellwache Augen zu haben. Da mag unser Wachsein so viel bedeutend, wie lebensfroh oder sogar lebenshungrig zu sein. Wache Augen sehen und beobachten, nehmen wahr und stellen fest. Sie entdecken Leben - und sie werden kritisch, wenn sie dieses Leben bedroht sehen. "Sehet zu und wachet". Da sind blitzende Augen gefragt, die in allem die noch mannigfaltigen Möglichkeiten sehen. Können wir denn aber solche Augen in diesen nebelverhangenen Wochen wie diesen haben? Können unsere Augen denn einen gewissen Glanz aufbringen, wo es denn offenkundig nichts zu erblicken gibt? In den Versen vor unserem Abschnitt erzählt Jesus vom Grünen eines Feigenbaumes, woran der nahende Sommer abzulesen ist. Aber in dieser Zeit sind wir jetzt gerade nicht. Da keimt nichts. Da sprosst nichts. Da ist kein neuer Anfang sichtbar. Auch sonst in unserer Welt nicht. Wo immer wir Nachrichten und Berichte hören oder lesen, stets ist von Pattsituationen die Rede. Wie wird es mit unserer Kirche weitergehen, fragen wir uns nach den Kirchenwahlen. Wie können da tragfähige Entscheidungen gefunden werden? Werden die großen Fragen, wie vernehmbar, wie sicher, wie eindeutig die Kirche in Zukunft das formuliert, was Gottes Willen entspricht, an den gegenseitigen Abgrenzungen untereinander scheitern? Wird man den Weg beschreiten, sich als Christen am Anfang eines neuen Jahrtau-sends in seinem Einfluss bescheidener zu zeigen. Werden sich die Gemeindeglieder mehr und mehr hinter ihre ihnen verbliebenen Mauern zurückziehen und nicht mehr hineinwirken in die Gesellschaft in der sie doch stehen? Hier wünschte ich mir den dringenden Ruf: Bleibet wach. Und Menschen mit blitzenden Augen, die mit Liebe zur Sache und ruhig auch ein bisschen Streitlust darangehen. Gerade dann, wenn sich noch nichts abzeichnet. Gerade dann wenn noch nicht das Grün des Frühjahrs zu sehen ist. Im März ist es leicht, Hoffnung zu schöpfen. Aber Jesus will, dass wir es auch schon im November tun. Denn in seinem Gleichnis spricht er genau von der dunklen Zeit. Am Tag ist es leicht zu wachen. Aber in der Nacht, da wird es schwer. Und schließlich ist das Wachen am Abend, um Mitternacht, um den Hahnenschrei, ein Wachen in Dunkelheit. Doch gerade da will uns Jesus hellwach haben. Es ist also keine Ungewöhnlichkeit in tristen Zeiten wie diesen, in der depressiven Lage, in der vielleicht die eine oder der andere sich fühlt jetzt, doch von der Freude zu Wachen zu sprechen. Denn Jesus spricht es uns zu, daß es seinen Sinn hat, jetzt wach zu bleiben und bei Kräften. Jetzt verstärkt auf alles hinzusehen, wo Verdunklung uns so manches verschleiern will. Jetzt den Glauben nicht sinken zu lassen, wo viele diesem Glauben den Rücken kehren, weil er ihnen zu schwach erscheint oder zu trostlos oder zu beschränkt. Bleiben wir von diesem Glauben bewegt - und helfen wir denen, die da am Rande sich festzufahren drohen.
Aber wie bleiben wir in der fortschreitenden Bewegung? Wie schützen wir uns vor dem Stillstand? Welches Licht soll unsere Augen erhellen? Was gibt uns ein festes Herz, obwohl wir noch trauern müssen?
Es liegt in den Worten: "Himmel und Erde werden vergehen. Aber meine Worte werden nicht vergehen." Ich weiß, für manche ist es für dieses Jahr über Himmel und Erde sehr dunkel geworden mit dem Tod, mit der Vergänglichkeit, die sich so unverhüllt gezeigt hat. Aber dagegen stellt sich doch ein anderes, egal was geschehen ist und noch geschehn mag: Eines wird auf jeden Fall niemals vergehen: Die Worte, die uns von Jesus gesagt sind.
Kann das allein trösten? Kann einem das helle Augen machen? Ich habe ein wenig vor- und zurückgeblättert in meiner Bibel vor mir. Unvergängliche Worte Jesu, die uns helfen die Zeit zu bestehen und die Zeiten zu überdauern - welche sind dies wohl? Und ich fand diese Worte Jesu: "Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt." Oder: "Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten." Oder: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften . Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."
Und wenn auch nur eines dieser Worte Jesu uns heute anspricht. Es kann genügen, daß es uns beschäftigt, nicht los läßt, uns wach hält und unsere Augen und Herzen erleuchtet. Worte, die fast zwei-tausend Jahre jetzt nicht vergangen sind. Und das ist erst ein Hauch von diesem immer, allezeit und ewig, die sie bestehen sollen.
Dieses eine Jahr, das wir heute beschließen, hat uns dies und das gebracht. Jeder und jede weiß es für sich. Aber es hat uns auch jenes gebracht: Daß wir ein weiteres Jahr unter dem Worte Gottes gehofft, gelebt und geglaubt haben - und es auch weiter tun dürfen.
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 450, 1 – 5 Morgenglanz der Ewigkeit...
Psalm: 126 (Nr. 749)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Glaubensbekenntnis
Chor: Herr, weil mich festhält deine Hand...
Schriftlesung: Offenbarung 21, 1 – 7
Lied: 147, 1 – 3 Wachet auf, ruft uns die Stimme
Predigt: Mk 13, 31 - 37
Chor: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr...
Überleitung z. Abendmahl
Sündenbekenntnis
Vergebungszusage
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
Lied: 190.2 Christe du Lamm Gottes
Austeilung des Abendmahls
Dank- und Fürbittgebet
Vaterunser
Lied: 558, 1 – 3 Des Menschensohn wird kommen...
Abkündigungen
Chor: Wirf deine Anliegen auf den Herren
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am Totensonntag, 25. 11. 2007 in der Jakobuskirche
Kuchen Reihe V Mk. 13, 31 - 37
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde
nicht wenige sind am heutigen letzten Sonntag im Kirchenjahr hierher gekommen, weil sie in diesem Jahr den Tod eines nahen Menschen betrauern müssen. Und auch diejenigen, die keinen solchen Verlust in den vergangenen Monaten erleiden mussten, denken dabei an die, die von ihnen gegangen sind, vor mehr oder minder langer Zeit. Nachdenklich stimmen uns diese Tage im November. Haltlos wie die Blätter, die von den Bäumen fallen, scheint bei näherem Betrachten so manches im Leben. Was bleibt? Was kann bestehen? Was wird überwintern in den kahlen, nüchternen Zeiten? Diese Fragen treiben uns jetzt eher um als in den anderen Monaten. Alles will zur Ruhe kommen - und kann es doch nicht bei diesen Unruhe-machenden Gedanken. Was wird kommen? Was wird aus dem Leben- diesem und dem bei Gott, von dem wir so wenig wissen. Was können wir auch tun, angesichts so vieler Ungewissheiten? Jesus gibt eine Antwort auf diese Fragen der allerletzten Dinge. Wir lesen seine Worte bei Markus im 13. Kapitel:
Text Mk 13, 31 - 37
Liebe Gemeinde,
auf Besänftigung und Trost hoffte ich bei Jesus zu treffen. Auf milde Weisung und gütigen Zuspruch, der die Wogen meines aufgewühlten Lebens würde glätten können. Aber statt dessen steht da eine Aufforderung: Wachet! Fast schon wie ein Befehl, fast schon wie eine Drohung kommen da die Worte: "Seht euch vor" und .."damit er euch nicht schlafend finde." Er, der Herr nämlich. Denn niemand kann sagen, wann er kommen wird. Bereitschaft ist also geboten. Erhöhte Aufmerksamkeit.
Wie soll das nur helfen? ,frage ich mich. Welcher Sinn liegt in dem Gebotenen? "Wachet. Seid wachsam." Ich gebe zu, ein Wiegenlied, das mich geborgen fühlen lässt, wäre mir doch lieber gewesen. Ein Schlaflied und kein Weckruf. Eines, in dem gesungen wird: "Alles wird gut. Kümmere dich um nichts. Um alles ist gesorgt. Nichts kann dir passieren." Aber solche Lieder sind wohl umsonst. Immer wird wieder etwas passieren. Unerwartet und plötzlich. Wie eben der Herr zu ungewisser Stunde kommt. Wie eben bei der einen oder dem anderen der Tod urplötzlich vor der Tür, mitten im Raum schon dann stand. Da ist kein Platz zum Sicherfühlen. Weshalb sich etwas vormachen. Wachet also - dass nicht eine Unachtsamkeit dich zu Fall bringt. Die Welt ist gefährlich. Das Leben ist verletzlich - und so schnell zu Ende. Wie in einem Traum geht man nicht durchs Dasein. Da ist vieles abgerungen. Und wie vieles ist nicht auch Verzicht, Entbehrung, Fertigwerden mit Verlusten, Abstriche machen bei den eigenen Wünschen. Wer da nicht Acht gibt, der geht unter. Wem die Realität entgleitet, der wird in die Irre gehen.
Doch dieses Lied ist mir und sicher auch Ihnen sattsam bekannt.
Dieses Lied, auf das der Refrain immer lautet: Das Leben ist kein Kinderspiel. Und wenn es das ganz bestimmt auch nicht ist - muss es denn einem immer erst einmal verleidet werden? Muss die eigene Existenz angesichts von Ende, Vergänglichkeit und Tod ernst und mit betretener Miene angesehen werden ? Wer mit dieser Auffassung lebt, dein nächster Schritt könnte ein falschen Schritt oder dein letzter sein, der lebt überhaupt nicht erst, sondern stirbt immer schon nur. Und wer meint, durch vermehrte Wachsamkeit etwas verhindern zu können, der irrt sehr wahrscheinlich. Es verführt zu einem Gefühl falscher Sicherheit, wenn wir meinen, alles überwachen zu können.
Weshalb sollen wir also dann wachen, wenn es uns nichts n¸tzen will, uns keine Katastrophe vorhergesagt wird, Tag und Stunde dessen was uns persönlich trifft doch niemand genau sagen kann - und wenn wir noch so scharf danach ausspähen. Sollten wir denn wirklich Wache schieben vor unserem Leben, daß niemand es antaste und anrühre?
Nein - es ist etwas anderes in diesem "Wachet!" das Jesus spricht. Er sagt es uns nicht so, als ob wir unverbesserliche, ewige Schläfer wären. Es soll uns nicht anklagen als solche, die unvorbereitet in den Tag hineinleben. Jesus weiß selbst, dass wir das meistenteils nicht sind. Es soll für uns selber weniger Mahnung und Aufforderung als vielmehr eine Bitte sein. Nicht dass wir etwas versäumt hätten, soll darin mitschwingen, was wir jetzt in Ordnung zu bringen hätten. Sondern dass wir unseren Gang fortsetzen wie bisher, allenfalls noch etwas mehr gestärkt als bisher. Das andere, das Erfreuliche in Jesu Bitte, das liesse sich anstatt mit dem forschen "wachet" eher mit dem sanften "bleibet wach" übersetzen.
Das was gemeint sein könnte, möchte ich vergleichen mit einem Weg in eisiger Kälte. Wer auf einem solchen Weg ist, steht irgendwann in der Gefahr innezuhalten, sich zu setzten , sich auszuruhen. Erschöpfung und Müdigkeit haben einen ergriffen. Trotz der Minusgrade ist einem warm und wohlig. Zu allem rings um einen her besteht eine einen gleichgültig machende Distanz. Alles ist so leicht und einfach. Doch gerade hier lauert die Gefahr. Bleibe wach! Geh wieder voran, bleib in Bewegung - sonst droht die Erfrierung. Wer jetzt dem Schlaf, der wohligen Ruhe nachgibt, dem kühlt ganz unbemerkt sein Körper aus und er wird nie mehr erwachen. Um deines Lebens willen - wache! Es ist die dringende Bitte, nicht dem zu erliegen, was schleichend neben und um uns ist: die Auszehrung, die Auskühlung, das Aufgeben. Der einzige Schutz vor der tötenden Kälte - ist wach sein. Das lässt sich durchaus übertragen sehen: Auch Zeiten menschlicher Kälte, Abschnitte der Vereinsamung, gerade nach dem Tod eines nahe stehenden Menschen, machen einen unbeweglich. Man möchte still stehen. Man möchte die Augen schließen und alles um sich her vergessen. Auch einstige Bekannte nicht mehr sehen. Auch in Gruppen, in die man früher gegangen ist, nicht mehr gehen. Einfach nur Ruhe finden. Und doch: bleibt wach. Geht, wenn auch nicht viele Schritte, so den ein oder anderen Schritt. Sonst erfriert ihr. Sonst sterbt ihr.
Wachet - ruft uns Jesus, der uns am Leben halten will. Der nicht zulassen will, daß jemand sich beiseite stellt und neben der Lebensbahn einfriert und vergessen wird. Wer im Winter des Lebens unterwegs ist, der nehme sich an den Händen, dass eines den anderen ziehe, wo ihm die Augen zufallen wollen.
Auch in manch anderer Hinsicht hat wach sein eine mehr aufmun-ternde als allein strenge Bedeutung. Nur offene Augen zu haben ist noch einmal etwas anderes, als eben hellwache Augen zu haben. Da mag unser Wachsein so viel bedeutend, wie lebensfroh oder sogar lebenshungrig zu sein. Wache Augen sehen und beobachten, nehmen wahr und stellen fest. Sie entdecken Leben - und sie werden kritisch, wenn sie dieses Leben bedroht sehen. "Sehet zu und wachet". Da sind blitzende Augen gefragt, die in allem die noch mannigfaltigen Möglichkeiten sehen. Können wir denn aber solche Augen in diesen nebelverhangenen Wochen wie diesen haben? Können unsere Augen denn einen gewissen Glanz aufbringen, wo es denn offenkundig nichts zu erblicken gibt? In den Versen vor unserem Abschnitt erzählt Jesus vom Grünen eines Feigenbaumes, woran der nahende Sommer abzulesen ist. Aber in dieser Zeit sind wir jetzt gerade nicht. Da keimt nichts. Da sprosst nichts. Da ist kein neuer Anfang sichtbar. Auch sonst in unserer Welt nicht. Wo immer wir Nachrichten und Berichte hören oder lesen, stets ist von Pattsituationen die Rede. Wie wird es mit unserer Kirche weitergehen, fragen wir uns nach den Kirchenwahlen. Wie können da tragfähige Entscheidungen gefunden werden? Werden die großen Fragen, wie vernehmbar, wie sicher, wie eindeutig die Kirche in Zukunft das formuliert, was Gottes Willen entspricht, an den gegenseitigen Abgrenzungen untereinander scheitern? Wird man den Weg beschreiten, sich als Christen am Anfang eines neuen Jahrtau-sends in seinem Einfluss bescheidener zu zeigen. Werden sich die Gemeindeglieder mehr und mehr hinter ihre ihnen verbliebenen Mauern zurückziehen und nicht mehr hineinwirken in die Gesellschaft in der sie doch stehen? Hier wünschte ich mir den dringenden Ruf: Bleibet wach. Und Menschen mit blitzenden Augen, die mit Liebe zur Sache und ruhig auch ein bisschen Streitlust darangehen. Gerade dann, wenn sich noch nichts abzeichnet. Gerade dann wenn noch nicht das Grün des Frühjahrs zu sehen ist. Im März ist es leicht, Hoffnung zu schöpfen. Aber Jesus will, dass wir es auch schon im November tun. Denn in seinem Gleichnis spricht er genau von der dunklen Zeit. Am Tag ist es leicht zu wachen. Aber in der Nacht, da wird es schwer. Und schließlich ist das Wachen am Abend, um Mitternacht, um den Hahnenschrei, ein Wachen in Dunkelheit. Doch gerade da will uns Jesus hellwach haben. Es ist also keine Ungewöhnlichkeit in tristen Zeiten wie diesen, in der depressiven Lage, in der vielleicht die eine oder der andere sich fühlt jetzt, doch von der Freude zu Wachen zu sprechen. Denn Jesus spricht es uns zu, daß es seinen Sinn hat, jetzt wach zu bleiben und bei Kräften. Jetzt verstärkt auf alles hinzusehen, wo Verdunklung uns so manches verschleiern will. Jetzt den Glauben nicht sinken zu lassen, wo viele diesem Glauben den Rücken kehren, weil er ihnen zu schwach erscheint oder zu trostlos oder zu beschränkt. Bleiben wir von diesem Glauben bewegt - und helfen wir denen, die da am Rande sich festzufahren drohen.
Aber wie bleiben wir in der fortschreitenden Bewegung? Wie schützen wir uns vor dem Stillstand? Welches Licht soll unsere Augen erhellen? Was gibt uns ein festes Herz, obwohl wir noch trauern müssen?
Es liegt in den Worten: "Himmel und Erde werden vergehen. Aber meine Worte werden nicht vergehen." Ich weiß, für manche ist es für dieses Jahr über Himmel und Erde sehr dunkel geworden mit dem Tod, mit der Vergänglichkeit, die sich so unverhüllt gezeigt hat. Aber dagegen stellt sich doch ein anderes, egal was geschehen ist und noch geschehn mag: Eines wird auf jeden Fall niemals vergehen: Die Worte, die uns von Jesus gesagt sind.
Kann das allein trösten? Kann einem das helle Augen machen? Ich habe ein wenig vor- und zurückgeblättert in meiner Bibel vor mir. Unvergängliche Worte Jesu, die uns helfen die Zeit zu bestehen und die Zeiten zu überdauern - welche sind dies wohl? Und ich fand diese Worte Jesu: "Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt." Oder: "Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten." Oder: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften . Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."
Und wenn auch nur eines dieser Worte Jesu uns heute anspricht. Es kann genügen, daß es uns beschäftigt, nicht los läßt, uns wach hält und unsere Augen und Herzen erleuchtet. Worte, die fast zwei-tausend Jahre jetzt nicht vergangen sind. Und das ist erst ein Hauch von diesem immer, allezeit und ewig, die sie bestehen sollen.
Dieses eine Jahr, das wir heute beschließen, hat uns dies und das gebracht. Jeder und jede weiß es für sich. Aber es hat uns auch jenes gebracht: Daß wir ein weiteres Jahr unter dem Worte Gottes gehofft, gelebt und geglaubt haben - und es auch weiter tun dürfen.


