Gottesdienst am Heilig Abend 24. 12. 2008
(Christvesper) mit dem Posaunenchor in der Jakobuskirche Kuchen 17.00 Uhr
Vorspiel Orgel / Posaunen
Begrüßung
Lied: 13, 1 – 3 Tochter Zion
Psalm: 96 (Nr. 738)
Gebet
Schriftlesung Lk 2, 1 – 14
Zwischenspiel Posaunenchor
Schriftlesung Lk 2, 15 - 21
Lied: 24, 1 – 6 Vom Himmel hoch, da komm ich her...
Predigt
Lied 27, 1 – 3 + 5 Lobt Gott Ihr Christen alle gleich...
Dank – und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied 43, 1 – 4 Ihr Kinderlein kommet...
Abkündigungen
Segen
Lied: 44, 1 – 3 O du fröhliche
(Nachspiel)
Predigt an Heilig Abend, 24. 12. 2006, Christvesper – 17.00 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen
Liebe Gemeinde, liebe Erwachsene,
liebe Kinder, liebe Gäste aus Nah und Fern,
wir sind wieder angekommen an Heiligabend. Ganz still ist es geworden bei der Weihnachtsgeschichte. Und das obwohl doch zweihundert oder etwas mehr an Menschen hier in der Kirche sind. Und ganz still ist es auch jetzt. Schließlich will ein jeder und eine jede begreifen, es nur an einer Stelle erfassen, was dieser Abend bedeutet. „Warum bin ich hier?“ „Was kann mir die wohlbekannte, alt vertraute Geschichte sagen?“ Oder auch: „Wie bin ich hierher gekommen? Und wie gehe ich wieder weg? Genau so fröhlich? Genauso bedrückt?“
Das Schwierige ist, dass das im Einzelnen gar nicht genau zu sagen ist. Und gleich gar nicht im Voraus. Man muss es erleben, sich hineinbegeben in die Situation, in die Lage und schauen, wie sie einen berührt, wie sie verändert. Ob das gelingt? Vielleicht ist das ja der Grund für das Stillesein, dass wir den Moment nicht verpassen, der für uns wichtig ist. Die eine Stelle, die zu meiner Stelle wird.
Auch Maria und Josef wussten nicht, wie das ausgehen wird, wie sie sich fühlen werden, wenn sie sich von Bethlehem wieder auf den Rückweg machen. Sie waren nicht darauf aus, etwas zu erleben. Sie fragten sich nicht, ob die Reise sie bereichern würde. Ja, sie wollten nicht einmal, dass ihr Leben sich verändert. Es stand genug Veränderung an.
„Da machte sich auch auf Joseph aus Nazareth mit Maria, seinem vertrauten Weibe. Die war schwanger.“
Die erste Stelle, die zu meiner Stelle werden könnte, hat die Über-schrift: Eine üble Geschichte kann eine gute Geschichte enthalten.
Ein Befehl war ergangen. Jeder soll erfasst werden. Alle hatten sich dem zu stellen. Es gab keine Ausnahme. Da machten sich auch auf Josef und Maria. Im Mahlstrom der politischen Geschichte werden zwei mitgerissen. Kaiser Augustus will zählen lassen. Zum Rapport anzutreten hat jeder Untertan. Krank oder nicht. Betagt oder nicht. Schwanger oder nicht. Erlasse machen keine Unterschiede. Zu beugen haben sie sich. Die Stimme der Weltmacht spricht.
Wir alle können uns vorstellen, dass das junge Paar liebend gern in Nazareth geblieben wäre. Hier stand die Wiege – längst fertig. Hier war ein Ofen. Hier war Mehl und Öl in der Vorratskammer. Mit einem Wort: Hier war für alles gesorgt, würde es besser sein als je irgendwo dort in der Fremde.
Muss das gerade jetzt sein? Kann Gott denn nicht anders als es zulassen, dass Volkszählung und Schwangerschaft auf einen Termin fallen? Könnte es denn nicht überhaupt ein paar bessere Bedingungen geben, dafür dass etwas für alle Zeiten Wichtiges geschieht?
In einer hässlichen Geschichte verbirgt sich eine gute Geschichte. Die hässliche Geschichte ist, dass alles Zeitgeschehen gnadenlos weitergeht. Die hässliche Geschichte ist, dass auf zwei verlorene Menschen in der Weltgeschichte niemand Rücksicht nimmt. Die hässliche Geschichte ist, dass die Not alles gefährdet. Ein Kind kommt zur Welt. In der Kälte. In einem schmutzigen Stall. Ohne Hilfe.
Die gute Geschichte ist, dass Gott sich nicht abhalten lässt. Dass er unterwegs geboren werden kann, gerade so sehr wie in der guten Stube. Die gute Geschichte ist, dass Gott sich unter das gleiche Schicksal stellt, wie die anderen, die gehorchen müssen und reisen müssen. Gott gehorcht und reist mit. Die gute Geschichte ist, dass nicht alles, was dagegen steht, auch wirklich zum Zuge kommt.
Hat das sein müssen, gerade zu dieser Zeit? So fragt sich der, der dieser Tage erfährt, dass es in seinem Betrieb, seinem Geschäft, seinem Unternehmen nicht zum Besten steht und der auf seine Kündigung wartet. Gerade auf Weihnachten. Gerade, wo man Pläne gemacht hat für das neue Jahr. Ein Problem ist es. Gerade jetzt.
Und musste das sein mit dem Unfall. Und Ärger und Kosten. Und Sorgen. Als hätte man nicht in diesen Wochen anderes zu tun? Alltagsgeschichte ist es, denn die Welt hält niemals still. Sie geht über uns genau so hinweg. Manchmal so hart, dass wir meinen, es könne darin kein Weihnachten sein. Es passt nicht. Es geht nicht.
Gott passte es. Gerade weil er auf die bessere Zeit nicht wartet, sondern zu jeder Zeit kommen kann, ist er der Herr. Gerade weil er sich nicht den Herren unterwirft, bis sie ausgezählt haben, sondern unbekümmert ihrer Gesetze und Maßnahmen kommt, ist er der Mächtigere.
Hilft das dem Arbeitslosen und dem Unfallfahrer? Hilft es ihnen heute Abend hier, dass Gott sich nicht abhalten lässt zu kommen. Vielleicht, wenn die gute Geschichte auch dort sichtbar wird. Eine Hilfe, mit der man nicht gerechnet hat. Ein neuer Zusammenhalt in der Familie. Eine Ermutigung von einem Menschen, der sich sonst so reserviert verhielt. Eine Freude oder auch ein Humor so aus dem nichts. Das Gefühl, das manches dann doch nur zweitrangig ist, eben diese Weltläufe. Und dass das Eigentliche ganz genau daneben, nur auf einer anderen Spur verläuft.
Gutes ist da, bei Maria, bei Josef, bei dem einen oder der anderen hier, auch in der Nacht, auch und gerade zur Unzeit. Das kann die eine Stelle sein, die zu meiner Stelle wird.
„Da waren in derselben Gegend Hirten bei den Hürden auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Schafe.“
Sie hatte niemand auf der Liste. Wahrscheinlich nicht einmal Augustus, der römische Kaiser. Was sollte er auch von ihnen erwarten. Billige Arbeitskräfte gab es in seinem eigenen Land genug. An den Hirten, da geht die große Weltgeschichte vorbei. Wahrscheinlich kennen sie nicht einmal den Namen des Kaisers. Was ging sie an, was in der Welt los war.
Die andere Stelle, die zu meiner Stelle werden kann, hat die Überschrift: Auch wen es nichts angeht, dem geht es etwas an.
Bethlehem war voller Menschen. Auch nachts wird es nicht ruhig gewesen sein. Irgendeine Gruppe zog immer noch durch die Straßen. Waren nicht ganze Sippschaften zusammen gekommen, Menschen der gleichen Stammbaumlinie? Gab es da nicht ein großes Hallo und ein Wiedersehen? Gehörte nicht Josef irgendwie mit dazu. Abkömmling des Stammes David. Und doch: niemand, niemand in der kleinen Stadt Bethlehem kannte dieses Paar. Niemandem war die schwangere Frau aufgefallen. Niemanden ging das Schicksal dieser beiden an. Nicht Hartherzigkeit, nicht Boshaftigkeit schloss die beiden aus. Nur Gleichgültigkeit. Zu unbedeutend war das Paar. So unbedeutend wie die Hirten. Sie hüteten nur die Schafe. Sie haben das alle Zeit davor und auch wieder danach getan. Mag dort in der Stadt geschehen was will.
Wie ist das heute? Weihnachten kann sich doch niemand entziehen. Irgendwo ist jeder und jede von dem Geschehen, das erzählt wird, berührt. In Umfragen mögen Leute vielleicht nicht wissen, was Ostern, oder was Pfingsten bedeutet. Bei Weihnachten gibt es keinen Zweifel. Das Jesuskind. Die Krippe. Ein Erretter, ein Erlöser oder jedenfalls ein Mensch von Gott kommt. Nach einer alten Geschichte.
Weihnachten schlägt alle in einen Bann. Aber angehen braucht es einen nicht.
Da sitzt die Jugendliche zu später Stunde allein auf ihrem Zimmer. Ja, die Geschenke waren toll. Aber all das aufgeregte Getue drum herum.
Eigentlich geht es doch nur um ein Maxifamilienfest. Das ganze Jahr sieht man sich kaum. Und dann will jeder wissen, wie es mir geht. Und will es doch nicht wirklich wissen. Der ganze Rummel geht mich nichts an. So wenig wie die Hirten der Rummel in Bethlehem weil ein Kaiser sein Volk aufmischt. Die Nacht ist nicht voller Zauber. Die Nacht ist voller Einsamkeit. Nichts geht einen an. Weihnachten soll draußen bleiben.
Ein anderer sagt sich vielleicht: das Weihnachtsgeschäft ist gemacht. Die Kassen haben geklingelt. Jetzt ist die Ladentür abgeschlossen. Jetzt sind die Weihnachtsbuden abgebaut. Jetzt sind alle Bestellungen abgeholt worden. Jetzt ist Schluss. Weihnachten kann kommen – die große Ruhe. Ausschlafen. Kein Stress mehr. Gemütlichkeit. Die anderen sollen sich mit dem bei mir Gekauften freuen. Ich freue mich, dass es vorbei ist.
Bei so viel vorweg genommener Weihnachtsfreude bleibt nichts mehr übrig für das Fest. Das Eigentliche? Was ist das Eigentliche? Wie soll ich das noch wissen in meinem Weihnachtsausgelaugtsein? Lassen wir’s vorbei gehen. Wie bei denen auf dem Feld, an denen es auch beinahe vorbei ging, wie alles so genannte Weltbewegende auch.
Vielleicht wird diese Stelle zu meiner Stelle. Die, die es nichts angeht, werden als erste informiert. Die, die den Trend verpassen, sind als erste zur Stelle, wo die Welt Neues erfährt. Denen alles weit weg und abgehoben erscheint, die sind plötzlich nahe dran.
Dabei, ein neugeborenes Kind anzuschauen, das zudem noch in einem Stall lag, das war wirklich kein Wunder. Die Leute sind mindestens so arm dran wie wir, könnten sich die Hirten gedacht haben. Das verbindet und tröstet ein wenig. Aber das sind die Gedanken von vor der Nacht. Der Engel hat sie tiefer blicken lassen. Um was geht es? Um Leben geht es. Um Neuwerdung. Darum, dass alles sich wandelt. Die Hirten merken es. Es brauchte aber den Anstoß von außen, von oben. Dass Gott in der Welt ist, das musste ihnen gesagt werden. Erst wenn man es weiß, sieht man ihn. Das Kind ist ein einfaches Kind. Und doch ist es mehr. Träger der Hoffnung ist es. Glaube an das Unmögliche ist es. Vertrauen in den Wandel ist es.
Auch wen es nichts angeht, den geht es etwas an. Einen Fingerzeig braucht es. Einen Spalt, in den das Licht einfällt, der gute Gedanke.
Vielleicht greift die Jugendliche in ihrem einsamen Zimmer gesucht zufällig nach ihrer alten Kinderbibel dort im Regal. Die mit den vielen Bildern. Wie die Hirten voller Erstaunen vor dem Engel gemalt sind. Erschreckt und fasziniert. So möchte sie sein. Wieder sein. Aufgeregt zu den Eltern rennen und rufen: Guckt mal. So wie sie es getan hat als sie klein war. Wo Lachen und Trauer ganz natürlich waren. Und heute – versteckt sie es. Darum kennt sie niemand. Bei den Engeln wird es offenkundig. Schrecken, Freude, ganz elementar. Eben nicht mehr erstarrt ist Weihnachten, sondern voller innerer Bewegung. Weihnachten geht an. Es muss nur ein Engel einem das Richtige in die Hände fallen lassen.
Da sitz der Kaufmann in seiner Ruhe und doch leer. Vorbei ist alles und nichts übrig geblieben. Gefreut hat er sich auf diesen Moment. Und sieht, dass Stille eben auch nicht das reine Evangelium ist. Natürlich – ein bisschen Festtagsprogramm macht man schon mit. Aber was ist das auch. Es geht ja alles immer weiter. Am Samstag macht der Laden wieder auf. Dann verlangen die Käufer und Käuferinnen erneut. Davon lebt man ja schließlich. Weihnachten ist nicht alles. Weihnachten ist eigentlich nichts.
Da schreit ein Säugling los, irgendwo im Haus nebenan. Brüllt richtig. Zerreißt die stille Nacht. Schreit immer noch mehr. Der Geschäftsmann schaut aus dem Fenster, ob er etwas sieht. Aber zu sehen ist nichts. Ein letztes herzzerreißendes Schluchzen. Das hat gefehlt. Das hat aufgeweckt. Das war der Engel. Die Ruhe, lähmend und lastend , ist wohltuend unterbrochen worden. Auch wenn das Kind jetzt still ist. In dem Geschäftsmann ist es nicht mehr still. Dem Säugling kann man mit Kaufen nichts vormachen. Das Kleinkind hat nichts von Festtagsbraten und Nobeluhr. Dem Nervenbündel hilft nur Liebe. Zuwendung. Für es da sein. Nähe verspüren lassen. Nichts anderes zählt. Und es ist ja wirklich nichts anderes – auch und gerade in dieser Weihnacht – auf das es ankommt. Aus dem Geschrei der unmündigern Kinder müssen wir es erkennen: darum ist Gott selbst so ein Kind geworden. Weil er ungeschützt und Respekt gebietend so in die Welt hinein rufen kann: Hier bin ich. Gott. So wie der kleine Schreihals nebenan. Jetzt ist hinter einem Fenster Licht angegangen. Hinter dem anderen, wo der Kaufmann sitzt auch, aber anders.
Auch wenn es mich nicht angeht, geht es mich etwas an. Vielleicht ist das die Stelle, die zu meiner, die zu ihrer Stelle für dieses Weihnachtsfest geworden ist. Denn es gehört zu den Geheimnissen dieser Nacht, dass diejenigen, die sich keine Vorstellung machen etwas begreifen können.
Und auch das erste bleibt an Weihnachten wahr: In einer schlechten Geschichte ist zu Weihnachten und überhaupt im Leben eine gute Geschichte verborgen. Zur falschen Zeit am falschen Ort wird das richtige Kind geboren. Daran dürfen sich alle die erinnern lassen, die meinen heute falsch an der Stelle zu sein, die meinen, heute sei nicht ihr Weihnachtsfest. Es ist es gerade. Weil Gott es so will. Und da kann nichts und niemand etwas dran ändern.
Das Kind ist da. Die Engel haben es verkündet. Gott liebt die Welt. Froh wird, wer es begreift.
Amen
(Christvesper) mit dem Posaunenchor in der Jakobuskirche Kuchen 17.00 Uhr
Vorspiel Orgel / Posaunen
Begrüßung
Lied: 13, 1 – 3 Tochter Zion
Psalm: 96 (Nr. 738)
Gebet
Schriftlesung Lk 2, 1 – 14
Zwischenspiel Posaunenchor
Schriftlesung Lk 2, 15 - 21
Lied: 24, 1 – 6 Vom Himmel hoch, da komm ich her...
Predigt
Lied 27, 1 – 3 + 5 Lobt Gott Ihr Christen alle gleich...
Dank – und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied 43, 1 – 4 Ihr Kinderlein kommet...
Abkündigungen
Segen
Lied: 44, 1 – 3 O du fröhliche
(Nachspiel)
Predigt an Heilig Abend, 24. 12. 2006, Christvesper – 17.00 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen
Liebe Gemeinde, liebe Erwachsene,
liebe Kinder, liebe Gäste aus Nah und Fern,
wir sind wieder angekommen an Heiligabend. Ganz still ist es geworden bei der Weihnachtsgeschichte. Und das obwohl doch zweihundert oder etwas mehr an Menschen hier in der Kirche sind. Und ganz still ist es auch jetzt. Schließlich will ein jeder und eine jede begreifen, es nur an einer Stelle erfassen, was dieser Abend bedeutet. „Warum bin ich hier?“ „Was kann mir die wohlbekannte, alt vertraute Geschichte sagen?“ Oder auch: „Wie bin ich hierher gekommen? Und wie gehe ich wieder weg? Genau so fröhlich? Genauso bedrückt?“
Das Schwierige ist, dass das im Einzelnen gar nicht genau zu sagen ist. Und gleich gar nicht im Voraus. Man muss es erleben, sich hineinbegeben in die Situation, in die Lage und schauen, wie sie einen berührt, wie sie verändert. Ob das gelingt? Vielleicht ist das ja der Grund für das Stillesein, dass wir den Moment nicht verpassen, der für uns wichtig ist. Die eine Stelle, die zu meiner Stelle wird.
Auch Maria und Josef wussten nicht, wie das ausgehen wird, wie sie sich fühlen werden, wenn sie sich von Bethlehem wieder auf den Rückweg machen. Sie waren nicht darauf aus, etwas zu erleben. Sie fragten sich nicht, ob die Reise sie bereichern würde. Ja, sie wollten nicht einmal, dass ihr Leben sich verändert. Es stand genug Veränderung an.
„Da machte sich auch auf Joseph aus Nazareth mit Maria, seinem vertrauten Weibe. Die war schwanger.“
Die erste Stelle, die zu meiner Stelle werden könnte, hat die Über-schrift: Eine üble Geschichte kann eine gute Geschichte enthalten.
Ein Befehl war ergangen. Jeder soll erfasst werden. Alle hatten sich dem zu stellen. Es gab keine Ausnahme. Da machten sich auch auf Josef und Maria. Im Mahlstrom der politischen Geschichte werden zwei mitgerissen. Kaiser Augustus will zählen lassen. Zum Rapport anzutreten hat jeder Untertan. Krank oder nicht. Betagt oder nicht. Schwanger oder nicht. Erlasse machen keine Unterschiede. Zu beugen haben sie sich. Die Stimme der Weltmacht spricht.
Wir alle können uns vorstellen, dass das junge Paar liebend gern in Nazareth geblieben wäre. Hier stand die Wiege – längst fertig. Hier war ein Ofen. Hier war Mehl und Öl in der Vorratskammer. Mit einem Wort: Hier war für alles gesorgt, würde es besser sein als je irgendwo dort in der Fremde.
Muss das gerade jetzt sein? Kann Gott denn nicht anders als es zulassen, dass Volkszählung und Schwangerschaft auf einen Termin fallen? Könnte es denn nicht überhaupt ein paar bessere Bedingungen geben, dafür dass etwas für alle Zeiten Wichtiges geschieht?
In einer hässlichen Geschichte verbirgt sich eine gute Geschichte. Die hässliche Geschichte ist, dass alles Zeitgeschehen gnadenlos weitergeht. Die hässliche Geschichte ist, dass auf zwei verlorene Menschen in der Weltgeschichte niemand Rücksicht nimmt. Die hässliche Geschichte ist, dass die Not alles gefährdet. Ein Kind kommt zur Welt. In der Kälte. In einem schmutzigen Stall. Ohne Hilfe.
Die gute Geschichte ist, dass Gott sich nicht abhalten lässt. Dass er unterwegs geboren werden kann, gerade so sehr wie in der guten Stube. Die gute Geschichte ist, dass Gott sich unter das gleiche Schicksal stellt, wie die anderen, die gehorchen müssen und reisen müssen. Gott gehorcht und reist mit. Die gute Geschichte ist, dass nicht alles, was dagegen steht, auch wirklich zum Zuge kommt.
Hat das sein müssen, gerade zu dieser Zeit? So fragt sich der, der dieser Tage erfährt, dass es in seinem Betrieb, seinem Geschäft, seinem Unternehmen nicht zum Besten steht und der auf seine Kündigung wartet. Gerade auf Weihnachten. Gerade, wo man Pläne gemacht hat für das neue Jahr. Ein Problem ist es. Gerade jetzt.
Und musste das sein mit dem Unfall. Und Ärger und Kosten. Und Sorgen. Als hätte man nicht in diesen Wochen anderes zu tun? Alltagsgeschichte ist es, denn die Welt hält niemals still. Sie geht über uns genau so hinweg. Manchmal so hart, dass wir meinen, es könne darin kein Weihnachten sein. Es passt nicht. Es geht nicht.
Gott passte es. Gerade weil er auf die bessere Zeit nicht wartet, sondern zu jeder Zeit kommen kann, ist er der Herr. Gerade weil er sich nicht den Herren unterwirft, bis sie ausgezählt haben, sondern unbekümmert ihrer Gesetze und Maßnahmen kommt, ist er der Mächtigere.
Hilft das dem Arbeitslosen und dem Unfallfahrer? Hilft es ihnen heute Abend hier, dass Gott sich nicht abhalten lässt zu kommen. Vielleicht, wenn die gute Geschichte auch dort sichtbar wird. Eine Hilfe, mit der man nicht gerechnet hat. Ein neuer Zusammenhalt in der Familie. Eine Ermutigung von einem Menschen, der sich sonst so reserviert verhielt. Eine Freude oder auch ein Humor so aus dem nichts. Das Gefühl, das manches dann doch nur zweitrangig ist, eben diese Weltläufe. Und dass das Eigentliche ganz genau daneben, nur auf einer anderen Spur verläuft.
Gutes ist da, bei Maria, bei Josef, bei dem einen oder der anderen hier, auch in der Nacht, auch und gerade zur Unzeit. Das kann die eine Stelle sein, die zu meiner Stelle wird.
„Da waren in derselben Gegend Hirten bei den Hürden auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Schafe.“
Sie hatte niemand auf der Liste. Wahrscheinlich nicht einmal Augustus, der römische Kaiser. Was sollte er auch von ihnen erwarten. Billige Arbeitskräfte gab es in seinem eigenen Land genug. An den Hirten, da geht die große Weltgeschichte vorbei. Wahrscheinlich kennen sie nicht einmal den Namen des Kaisers. Was ging sie an, was in der Welt los war.
Die andere Stelle, die zu meiner Stelle werden kann, hat die Überschrift: Auch wen es nichts angeht, dem geht es etwas an.
Bethlehem war voller Menschen. Auch nachts wird es nicht ruhig gewesen sein. Irgendeine Gruppe zog immer noch durch die Straßen. Waren nicht ganze Sippschaften zusammen gekommen, Menschen der gleichen Stammbaumlinie? Gab es da nicht ein großes Hallo und ein Wiedersehen? Gehörte nicht Josef irgendwie mit dazu. Abkömmling des Stammes David. Und doch: niemand, niemand in der kleinen Stadt Bethlehem kannte dieses Paar. Niemandem war die schwangere Frau aufgefallen. Niemanden ging das Schicksal dieser beiden an. Nicht Hartherzigkeit, nicht Boshaftigkeit schloss die beiden aus. Nur Gleichgültigkeit. Zu unbedeutend war das Paar. So unbedeutend wie die Hirten. Sie hüteten nur die Schafe. Sie haben das alle Zeit davor und auch wieder danach getan. Mag dort in der Stadt geschehen was will.
Wie ist das heute? Weihnachten kann sich doch niemand entziehen. Irgendwo ist jeder und jede von dem Geschehen, das erzählt wird, berührt. In Umfragen mögen Leute vielleicht nicht wissen, was Ostern, oder was Pfingsten bedeutet. Bei Weihnachten gibt es keinen Zweifel. Das Jesuskind. Die Krippe. Ein Erretter, ein Erlöser oder jedenfalls ein Mensch von Gott kommt. Nach einer alten Geschichte.
Weihnachten schlägt alle in einen Bann. Aber angehen braucht es einen nicht.
Da sitzt die Jugendliche zu später Stunde allein auf ihrem Zimmer. Ja, die Geschenke waren toll. Aber all das aufgeregte Getue drum herum.
Eigentlich geht es doch nur um ein Maxifamilienfest. Das ganze Jahr sieht man sich kaum. Und dann will jeder wissen, wie es mir geht. Und will es doch nicht wirklich wissen. Der ganze Rummel geht mich nichts an. So wenig wie die Hirten der Rummel in Bethlehem weil ein Kaiser sein Volk aufmischt. Die Nacht ist nicht voller Zauber. Die Nacht ist voller Einsamkeit. Nichts geht einen an. Weihnachten soll draußen bleiben.
Ein anderer sagt sich vielleicht: das Weihnachtsgeschäft ist gemacht. Die Kassen haben geklingelt. Jetzt ist die Ladentür abgeschlossen. Jetzt sind die Weihnachtsbuden abgebaut. Jetzt sind alle Bestellungen abgeholt worden. Jetzt ist Schluss. Weihnachten kann kommen – die große Ruhe. Ausschlafen. Kein Stress mehr. Gemütlichkeit. Die anderen sollen sich mit dem bei mir Gekauften freuen. Ich freue mich, dass es vorbei ist.
Bei so viel vorweg genommener Weihnachtsfreude bleibt nichts mehr übrig für das Fest. Das Eigentliche? Was ist das Eigentliche? Wie soll ich das noch wissen in meinem Weihnachtsausgelaugtsein? Lassen wir’s vorbei gehen. Wie bei denen auf dem Feld, an denen es auch beinahe vorbei ging, wie alles so genannte Weltbewegende auch.
Vielleicht wird diese Stelle zu meiner Stelle. Die, die es nichts angeht, werden als erste informiert. Die, die den Trend verpassen, sind als erste zur Stelle, wo die Welt Neues erfährt. Denen alles weit weg und abgehoben erscheint, die sind plötzlich nahe dran.
Dabei, ein neugeborenes Kind anzuschauen, das zudem noch in einem Stall lag, das war wirklich kein Wunder. Die Leute sind mindestens so arm dran wie wir, könnten sich die Hirten gedacht haben. Das verbindet und tröstet ein wenig. Aber das sind die Gedanken von vor der Nacht. Der Engel hat sie tiefer blicken lassen. Um was geht es? Um Leben geht es. Um Neuwerdung. Darum, dass alles sich wandelt. Die Hirten merken es. Es brauchte aber den Anstoß von außen, von oben. Dass Gott in der Welt ist, das musste ihnen gesagt werden. Erst wenn man es weiß, sieht man ihn. Das Kind ist ein einfaches Kind. Und doch ist es mehr. Träger der Hoffnung ist es. Glaube an das Unmögliche ist es. Vertrauen in den Wandel ist es.
Auch wen es nichts angeht, den geht es etwas an. Einen Fingerzeig braucht es. Einen Spalt, in den das Licht einfällt, der gute Gedanke.
Vielleicht greift die Jugendliche in ihrem einsamen Zimmer gesucht zufällig nach ihrer alten Kinderbibel dort im Regal. Die mit den vielen Bildern. Wie die Hirten voller Erstaunen vor dem Engel gemalt sind. Erschreckt und fasziniert. So möchte sie sein. Wieder sein. Aufgeregt zu den Eltern rennen und rufen: Guckt mal. So wie sie es getan hat als sie klein war. Wo Lachen und Trauer ganz natürlich waren. Und heute – versteckt sie es. Darum kennt sie niemand. Bei den Engeln wird es offenkundig. Schrecken, Freude, ganz elementar. Eben nicht mehr erstarrt ist Weihnachten, sondern voller innerer Bewegung. Weihnachten geht an. Es muss nur ein Engel einem das Richtige in die Hände fallen lassen.
Da sitz der Kaufmann in seiner Ruhe und doch leer. Vorbei ist alles und nichts übrig geblieben. Gefreut hat er sich auf diesen Moment. Und sieht, dass Stille eben auch nicht das reine Evangelium ist. Natürlich – ein bisschen Festtagsprogramm macht man schon mit. Aber was ist das auch. Es geht ja alles immer weiter. Am Samstag macht der Laden wieder auf. Dann verlangen die Käufer und Käuferinnen erneut. Davon lebt man ja schließlich. Weihnachten ist nicht alles. Weihnachten ist eigentlich nichts.
Da schreit ein Säugling los, irgendwo im Haus nebenan. Brüllt richtig. Zerreißt die stille Nacht. Schreit immer noch mehr. Der Geschäftsmann schaut aus dem Fenster, ob er etwas sieht. Aber zu sehen ist nichts. Ein letztes herzzerreißendes Schluchzen. Das hat gefehlt. Das hat aufgeweckt. Das war der Engel. Die Ruhe, lähmend und lastend , ist wohltuend unterbrochen worden. Auch wenn das Kind jetzt still ist. In dem Geschäftsmann ist es nicht mehr still. Dem Säugling kann man mit Kaufen nichts vormachen. Das Kleinkind hat nichts von Festtagsbraten und Nobeluhr. Dem Nervenbündel hilft nur Liebe. Zuwendung. Für es da sein. Nähe verspüren lassen. Nichts anderes zählt. Und es ist ja wirklich nichts anderes – auch und gerade in dieser Weihnacht – auf das es ankommt. Aus dem Geschrei der unmündigern Kinder müssen wir es erkennen: darum ist Gott selbst so ein Kind geworden. Weil er ungeschützt und Respekt gebietend so in die Welt hinein rufen kann: Hier bin ich. Gott. So wie der kleine Schreihals nebenan. Jetzt ist hinter einem Fenster Licht angegangen. Hinter dem anderen, wo der Kaufmann sitzt auch, aber anders.
Auch wenn es mich nicht angeht, geht es mich etwas an. Vielleicht ist das die Stelle, die zu meiner, die zu ihrer Stelle für dieses Weihnachtsfest geworden ist. Denn es gehört zu den Geheimnissen dieser Nacht, dass diejenigen, die sich keine Vorstellung machen etwas begreifen können.
Und auch das erste bleibt an Weihnachten wahr: In einer schlechten Geschichte ist zu Weihnachten und überhaupt im Leben eine gute Geschichte verborgen. Zur falschen Zeit am falschen Ort wird das richtige Kind geboren. Daran dürfen sich alle die erinnern lassen, die meinen heute falsch an der Stelle zu sein, die meinen, heute sei nicht ihr Weihnachtsfest. Es ist es gerade. Weil Gott es so will. Und da kann nichts und niemand etwas dran ändern.
Das Kind ist da. Die Engel haben es verkündet. Gott liebt die Welt. Froh wird, wer es begreift.
Amen


