Abendmahlsgottesdienst am Ewigkeitssonntag, 22.11.2009 in der Jakobuskirche Kuchen
Vorspiel
Begrüßung
Lied: 450, 1 – 5 Morgenglanz der Ewigkeit
Psalm: Nr. 765 Hymnus aus dem Kolosserbrief
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Glaubensbekenntnis
Schriftlesung: Markus 13, 31 – 37 (Wachet)
Lied: 147, 1 – 3 Wachet auf ruft uns die Stimme
Predigt: Mt, 25, 1 - 13
Lied: 558, 1 – 4 Des Menschen Sohn wird kommen
Gedenken der Verstorbenen (mit Anzünden der Kerzen)
Überleitung z. Abendmahl
Sündenbekenntnis
Vergebungszusage
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
Lied 190.2 _Christe du Lamm Gottes
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 532, 1 – 3 Nun sich das Herz von allem löste...
Abkündigungen
Segensstrophe 535 Gloria sei dir gesungen
Segen /Orgelnachspiel
Predigt am Ewigkeitssonntag, 22. 11. 2009 in der Jakobuskirche Kuchen. Reihe I Mt 25, 1 – 13
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
Träume muss man wach halten! Kennen Sie das bei sich auch? Ein lang gehegter Wunsch, der sich bisher noch nicht erfüllt hat, soll nicht vergehen. Eine Möglichkeit, ein Hintertürchen soll es immer noch geben. Ein Spalt breit soll offen bleiben – auf dass das Tor noch einmal ganz aufgehe. Denn wenn alles zu wäre, abgeschlossen für alle Zeiten, das wäre unerträglich.
Ich halte mir Träume wach, in denen ich mit Menschen, die aus meinem Leben gefallen sind, noch einmal in Kontakt komme. Dass ich sagen kann, wie es mit mir weiter gegangen ist – und ich erfahre, wie es bei ihnen war. Ich halte den Traum wach, dass ich jetzt verstehe, was ich damals nicht verstand, und dass auch ich verstanden würde, bei einem solchen Treffen. Ich halte in mir den Traum wach, dass nicht immer etwas Neues begonnen werden muss, sondern etwas Altes zu einem Ende geführt wird, das es für mich und vielleicht für den anderen noch nicht erreicht hat.
Und ich halte den Traum wach durch das Lesen alter Briefe und Tagebuchaufschriebe. Ich hebe Gegenstände dieser Menschen auf, Erinnerungen, achte weniger auf Fotografien, denen sie längst nicht mehr gleichen. Ich pflege liebevoll dieses „Vielleicht“, an das ich manchmal glaube, wenn mich meine Vernunft nicht überredet.
Mehr Menschen als ich annehme, geht es so, fühle ich instinktiv. Auch heute und hier. Ihnen sind Vertraute viel deutlicher als mir aus Ihrem Leben gefallen. Sie sind gestorben. Ein Kontakt ist nicht mehr möglich. Wach gehalten werden kann nur die Erinnerung. Gewartet werden kann nur darauf, dass der Schmerz mehr und mehr nachlässt. Jeder Gedanke an ein „Vielleicht“ oder ein „Danach“ ist ein Grund zum Verzagen. Es ist schwer, sich dem zu stellen, heute zu stellen, und wieder zu gehen, womöglich mit nichts in den Händen.
Und das alles bei einer biblischen Geschichte, einem Gleichnis, das spaltet, das Widerspruch auslöst, das einem reinen, aber bitteren Wein einschenkt: das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen, wie es im Mathäusevangelium aufgeschrieben ist im 25. Kapitel:
Text. Matthäus 25, 1 – 13
Liebe Gemeinde,
„Ich werde nicht zu den klugen Jungfrauen gehören, sondern zu den törichten“, sagte mir meine Bekannte. „ Ich habe keine Veranlagung dafür, zu erkennen, worauf es ankommt. Andere wissen schneller, woher der Wind weht. Ich kann mich anstrengen wie ich will. Ich bin irgendwie falsch gewickelt. Zu wenig clever, um als Siegerin hervor zu gehen.“
Mir tut sie irgendwo leid, meine Bekannte und doch begreife ich auch ihren Schmerz, der sich aus ihrem Erleben, aus ihrer Erfahrung nährt. Ich weiß auch, dass Frauen dieses Gleichnis noch einmal anders hören müssen als Männer. Am Bräutigam wird ja nicht gerüttelt. Er scheint immer der richtige zu sein. Bei den Jungfrauen teilt es sich eben auf. Ein schiefes Bild. Ein unerträglicher Zustand. Wer sich bis jetzt in seiner Lebensgeschichte nicht durch außerordentliches Glück ausweisen kann, der wird es auch später nicht haben. Wer hier nicht seine Möglichkeiten optimal genutzt hat, der wird dort nicht für klug gehalten werden.
Doch kann man so einfach dieses Leben jetzt bis in alle Zukunft so fortsetzen, so einlinig, so unumkehrbar?
Räumen wir erst einmal auf mit dem Vorurteil, dass ein Geschlecht besonders gemeint sei. Am Ende der Bergpredigt, ebenfalls im Matthäusevangelium spricht Jesus von dem klugen Mann, der sein Haus auf Felsen baut und dem törichten, der auf Sand gebaut hat, auf dass sein Haus fortgeschwemmt wird. Männer können genauso zweigeteilt sein, gut oder schlecht organisiert, vorausschauend oder tölpelhaft. Bei den Bauherren wie bei den Jungfrauen zeigt es sich an den Folgen.
„Du weist nicht, worauf es ankommt“, sage ich zu meiner Bekannten. „Worauf kommt es dir denn an“, frage ich sie.
„Mir kommt es darauf an, dass die Liebe nicht umsonst ist. Dass das, was ich anderen gegeben habe, nicht vergessen wird. Wenn ich auch nicht immer alles richtig gemacht habe. Ich will in diese Welt ein wenig Licht gebracht haben.“
Ich frage mich, ob denn meine Bekannte da wirklich als töricht gelten muss. Töricht, unverständig im Sinne des Gleichnisses. Lassen wir einmal weg, was alles an der Geschichte fragwürdig erscheint: Warum dem Bräutigam heimgeleuchtet werden muss. Warum dazu zehn Jungfrauen nötig sind und eine jede eine Lampe haben muss. Weshalb die, die später kommen, nicht mehr herein dürfen zum Fest. Es ist einmal so festgelegt um nicht zu sagen, so konstruiert. Wahr ist, dass zehn ausziehen mit Freunde, zehn, die zu dieser Zeit alle gleich sind. Zehn, die gleich ausgestattet sind, mit brennenden Lampen. Alle starten mit gleichen Erwartungen. Von keiner ist von vornherein zu sagen, ob sie auf der einen oder auf der anderen Seite zu stehen kommt.
Wie ist das vergleichsweise: Der Eifer ist bei allen am Anfang da. Die Chancen aber längst nicht. Am Beginn eines Schuljahres denkt jeder und jede er wird am Ende versetzt. Und doch sind einzelne mit Mängeln belastet, dass es nicht geht.
Beim Startschuss hat jeder das Ziel vor Augen. Aber nicht jeder und jede schätzt die Strecke recht ein. Es zeigt sich unterwegs, wer kein Marathonläufer ist und doch war es auch schon von vornherein klar.
Und gibt es im Glauben etwas Ähnliches? Hier kann es doch keinerlei bessere und schlechtere Fertigkeiten geben. Mehr glauben, tiefer glauben, wahrer glauben – wer will das schon ermessen? Und doch mag da am Anfang die schöne Stunde in der Mädchengruppe gestanden haben. Der mutige Aufbruch mit dem friedensbewegten Pfarrer. Die geschwisterliche Eintracht mit den Freunden, die sich alle untereinander gut vertrugen. Der gut besuchte neue Gottesdienst, der Nahe und Ferne ansprach. Und niemand konnte sagen oder wollte es so hören, wie es weiter gehen soll. Weiter, ohne, dass das Erwartete eintraf. Weiter, ohne dass der Bräutigam in Sicht wäre.
Wie soll es weiter gehen nach der ersten „Fünf“ in einer wichtigen Klassenarbeit. Wie weiter bei Kilometer 22 und Seitenstechen? Und weiter, wo schon wieder ein kirchlicheer Mitarbeiter abspringt. Wo sich das Programm nur wiederholt. Augen zu und durch? Augen zu. Ja. Die Jungfrauen mit ihren Lampen schliefen.
„Licht willst du in die Welt bringen“, wiederholte ich das, was meine Bekannte gesagt hat. „Damit willst du doch dasselbe tun, wie die Jungfrauen mit ihren Lampen auch. Das ist doch nicht töricht.“
„Ich will es nur. Ich schaffe es aber nicht. Andere gehen forsch drauf zu. Die haben halt Ressourcen, die sie flott machen können“.
Ja, denke ich, wie eigentümlich es ist, dass in den Momenten der Krise jeder auf sich allein gestellt ist. Nichts geben wir euch ab, sagen die Mädchen, die als klug gelten. Sind sie nicht vollkommen egoistisch? Hat meine Bekannte nicht recht: die weichherzig sind, verlieren das Spiel. Die ihre Liebe einsetzen und nicht ihre Interessen vertreten, stehen im Dunkeln mit denen, denen sie helfen wollten. Und die anderen, die Berechnenden, haben sie nicht letztlich den Vorteil? Realistisch stellen sie fest: es reicht, wo es nicht zerfließt an diese und an jene. Besser, es kommt die Hälfte am Festsaal des Bräutigams an, im Himmelreich an, als am Ende gar niemand.
Eine fatale Lehre könnte daraus gezogen werden: Nein, ich kann dir nicht bei den Hausaufgaben helfen. Ich muss selbst zusehen, dass ich durch’s Schuljahr komme. Nein, ich kann keine fünf Minuten mit dir stehen bleiben, dass wir uns erholen, weil ich sonst selbst nicht mehr mit einem Zieleinlauf rechnen kann. Nein, wir brauchen keine Vernetzung von Gruppen. Jede muss selbst sehen, wo sie Menschen anspricht. Einzeln können wir sammeln. Sonst verteilt sich alles nur in die verschiednen Angebote und niemand hat genug.
„Haben nur die anderen Resourcen?“ frage ich meine Bekannte, weil sie davon gesprochen hatte. „ Was schlummert in dir? Was lässt dich weitermachen. Was hält dein Licht am Leuchten?“
Erstaunt sieht mich meine Bekannte an: „Was mein Licht am leuchten hält? Mein Öl sozusagen? Wo ich mich nicht ausgebrannt fühle? Ich habe meinen Optimismus. Ich bin nicht verbissen. Ich bin so mutig, noch zu träumen.“
Die schlafenden Jungfrauen, die träumten wohl schön. So wie das im Schlaf und ohne Anstrengung von ganz alleine geht. Seinen Traum wach halten, das müssen wir am Tage. Dann, wenn das Helle Schatten wirft und nicht die melancholische Nacht alles verwischt. Seinen Traum wach halten, das muss gegen die harte Wirklichkeit geschehen, und nicht in der Wohligkeit der Gruppe. Seinen Traum wach halten, das erfordert ein Tun, eine liebevolle Pflege, einen aktiven Glauben und nicht die Erwartung, dass da etwas von selbst weiter brennt. Dass sich etwas fortsetzt, weil man es so lässt.
Das befremdliche Verhalten der Klugen, dieses unsolidarische, abweisende Gebaren, klärt sich an dieser Stelle für mich. Sie wissen, was sie am Brennen erhält. Sie wissen um ihren Vorrat. Aber jeder braucht seines. Ich kann nicht den Glauben eines anderen leben. Ich muss meinen leben. Ich muss Gott auf meine Weise begegnen und kann nicht übernehmen, wie andere ihm begegnet sind und es als meine Erfahrung ansehen.
Im Sport kann ich ja auch nicht sagen: Gib mir von deiner Kraft ab, dass ich die vorgeschriebenen Figuren an den Ringen machen kann. Ich muss es selbst probieren. Ich muss meine Muskeln trainieren. Ich muss die eigene Körperspannung halten.
In der Schule kann ich nicht sagen: lass mich deine Schularbeiten abschreiben. Ich muss meine machen, um am Ende zu bestehen.
Es ist also keine Bosheit, was die klugen Jungfrauen tun.
„Du bist so mutig, noch zu träumen“, gebe ich meiner Bekannten zurück. „Meinst du wirklich, damit gehörst du zu den törichten Jungfrauen. Kommt es nicht darauf an?“
Ich brauche die Antwort nicht wieder zu geben. Sie können sie sich selber geben. Vielleicht, so würde ich den benachteiligten Jungfrauen empfehlen, schaut ihr noch einmal genau nach, ob ihr denn wirklich nichts habt, durch das eure Lampe weiter brennt. Jeder und jede hat einen Vorrat. Die klugen wissen es nur. Und die törichten wären es weit weniger, wenn sie es sich nicht sich selber einredeten.
Noch Träume zu haben, muss nicht der einzige Vorrat sein. So wie schlechte Erfahrungen nicht zum Hindernis werden darf. Welche guten Geschichten haben Sie noch im Kopf, die helfen könnten, die Öl für Ihre Lampe sind? Von der Frau am Brunnen, der Jesus Wasser vom ewigen Leben geben will, auf dass sie nicht mehr dürstet? Von Maria Magdalena, die so sehr am Kreuz geweint hatte und dann als erste den Auferstandenen sah? Oder gar von der mutigen Richterin Debora, die unerschrocken ihrem Volk zum Sieg half. Bewusst habe ich Frauengeschichten der Bibel gegen diese zehn Jungfrauen gestellt.
Es ist genug an Vorrat da. Darum will ich dieses „Wachet“, das am Schluss steht. umwandeln in ein „Suchet“. Sucht den Herrn wo eer zu finden ist. Sucht den Keim des Glaubens, der in euch gesetzt wurde. Sucht den verlorenen Traum. Dann wird keine töricht sein und den anderen nachstehen. Dann wird die Lampe brennen, wenn es an der Zeit ist und wir können losgehen. Dann wird die Tür offen stehen.
Amen
Gedenken an die Toten
Wir haben in diesem Jahr Abschied nehmen müssen von 28 Gemeindegliedern. Sie ganz persönlich trauern um den Menschen, der Ihnen nahe stand. Sie sind heute nicht allein.
Aber auch die Verstorbenen sollen nicht draußen bleiben, auf dem Friedhof. Sie sollen hier genannt werden und damit in unsere Mitte kommen. Dazu zünden wir zu jedem Namen eine Kerze an. Seine und ihre Lampe soll brennen.
Wir erinnern uns an das Wort des Propheten Jesaja:
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.“
Wir mussten Abschied nehmen von:
(verlesen der Namen)
Sie alle stehen mit uns vor Gott, auf dass sich das Wort aus dem Thessalonicherbrief erfülle:
„Wir wollen euch, liebe Brüder und Schwestern nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben.
Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind.“
Amen
Vorspiel
Begrüßung
Lied: 450, 1 – 5 Morgenglanz der Ewigkeit
Psalm: Nr. 765 Hymnus aus dem Kolosserbrief
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Glaubensbekenntnis
Schriftlesung: Markus 13, 31 – 37 (Wachet)
Lied: 147, 1 – 3 Wachet auf ruft uns die Stimme
Predigt: Mt, 25, 1 - 13
Lied: 558, 1 – 4 Des Menschen Sohn wird kommen
Gedenken der Verstorbenen (mit Anzünden der Kerzen)
Überleitung z. Abendmahl
Sündenbekenntnis
Vergebungszusage
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
Lied 190.2 _Christe du Lamm Gottes
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 532, 1 – 3 Nun sich das Herz von allem löste...
Abkündigungen
Segensstrophe 535 Gloria sei dir gesungen
Segen /Orgelnachspiel
Predigt am Ewigkeitssonntag, 22. 11. 2009 in der Jakobuskirche Kuchen. Reihe I Mt 25, 1 – 13
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
Träume muss man wach halten! Kennen Sie das bei sich auch? Ein lang gehegter Wunsch, der sich bisher noch nicht erfüllt hat, soll nicht vergehen. Eine Möglichkeit, ein Hintertürchen soll es immer noch geben. Ein Spalt breit soll offen bleiben – auf dass das Tor noch einmal ganz aufgehe. Denn wenn alles zu wäre, abgeschlossen für alle Zeiten, das wäre unerträglich.
Ich halte mir Träume wach, in denen ich mit Menschen, die aus meinem Leben gefallen sind, noch einmal in Kontakt komme. Dass ich sagen kann, wie es mit mir weiter gegangen ist – und ich erfahre, wie es bei ihnen war. Ich halte den Traum wach, dass ich jetzt verstehe, was ich damals nicht verstand, und dass auch ich verstanden würde, bei einem solchen Treffen. Ich halte in mir den Traum wach, dass nicht immer etwas Neues begonnen werden muss, sondern etwas Altes zu einem Ende geführt wird, das es für mich und vielleicht für den anderen noch nicht erreicht hat.
Und ich halte den Traum wach durch das Lesen alter Briefe und Tagebuchaufschriebe. Ich hebe Gegenstände dieser Menschen auf, Erinnerungen, achte weniger auf Fotografien, denen sie längst nicht mehr gleichen. Ich pflege liebevoll dieses „Vielleicht“, an das ich manchmal glaube, wenn mich meine Vernunft nicht überredet.
Mehr Menschen als ich annehme, geht es so, fühle ich instinktiv. Auch heute und hier. Ihnen sind Vertraute viel deutlicher als mir aus Ihrem Leben gefallen. Sie sind gestorben. Ein Kontakt ist nicht mehr möglich. Wach gehalten werden kann nur die Erinnerung. Gewartet werden kann nur darauf, dass der Schmerz mehr und mehr nachlässt. Jeder Gedanke an ein „Vielleicht“ oder ein „Danach“ ist ein Grund zum Verzagen. Es ist schwer, sich dem zu stellen, heute zu stellen, und wieder zu gehen, womöglich mit nichts in den Händen.
Und das alles bei einer biblischen Geschichte, einem Gleichnis, das spaltet, das Widerspruch auslöst, das einem reinen, aber bitteren Wein einschenkt: das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen, wie es im Mathäusevangelium aufgeschrieben ist im 25. Kapitel:
Text. Matthäus 25, 1 – 13
Liebe Gemeinde,
„Ich werde nicht zu den klugen Jungfrauen gehören, sondern zu den törichten“, sagte mir meine Bekannte. „ Ich habe keine Veranlagung dafür, zu erkennen, worauf es ankommt. Andere wissen schneller, woher der Wind weht. Ich kann mich anstrengen wie ich will. Ich bin irgendwie falsch gewickelt. Zu wenig clever, um als Siegerin hervor zu gehen.“
Mir tut sie irgendwo leid, meine Bekannte und doch begreife ich auch ihren Schmerz, der sich aus ihrem Erleben, aus ihrer Erfahrung nährt. Ich weiß auch, dass Frauen dieses Gleichnis noch einmal anders hören müssen als Männer. Am Bräutigam wird ja nicht gerüttelt. Er scheint immer der richtige zu sein. Bei den Jungfrauen teilt es sich eben auf. Ein schiefes Bild. Ein unerträglicher Zustand. Wer sich bis jetzt in seiner Lebensgeschichte nicht durch außerordentliches Glück ausweisen kann, der wird es auch später nicht haben. Wer hier nicht seine Möglichkeiten optimal genutzt hat, der wird dort nicht für klug gehalten werden.
Doch kann man so einfach dieses Leben jetzt bis in alle Zukunft so fortsetzen, so einlinig, so unumkehrbar?
Räumen wir erst einmal auf mit dem Vorurteil, dass ein Geschlecht besonders gemeint sei. Am Ende der Bergpredigt, ebenfalls im Matthäusevangelium spricht Jesus von dem klugen Mann, der sein Haus auf Felsen baut und dem törichten, der auf Sand gebaut hat, auf dass sein Haus fortgeschwemmt wird. Männer können genauso zweigeteilt sein, gut oder schlecht organisiert, vorausschauend oder tölpelhaft. Bei den Bauherren wie bei den Jungfrauen zeigt es sich an den Folgen.
„Du weist nicht, worauf es ankommt“, sage ich zu meiner Bekannten. „Worauf kommt es dir denn an“, frage ich sie.
„Mir kommt es darauf an, dass die Liebe nicht umsonst ist. Dass das, was ich anderen gegeben habe, nicht vergessen wird. Wenn ich auch nicht immer alles richtig gemacht habe. Ich will in diese Welt ein wenig Licht gebracht haben.“
Ich frage mich, ob denn meine Bekannte da wirklich als töricht gelten muss. Töricht, unverständig im Sinne des Gleichnisses. Lassen wir einmal weg, was alles an der Geschichte fragwürdig erscheint: Warum dem Bräutigam heimgeleuchtet werden muss. Warum dazu zehn Jungfrauen nötig sind und eine jede eine Lampe haben muss. Weshalb die, die später kommen, nicht mehr herein dürfen zum Fest. Es ist einmal so festgelegt um nicht zu sagen, so konstruiert. Wahr ist, dass zehn ausziehen mit Freunde, zehn, die zu dieser Zeit alle gleich sind. Zehn, die gleich ausgestattet sind, mit brennenden Lampen. Alle starten mit gleichen Erwartungen. Von keiner ist von vornherein zu sagen, ob sie auf der einen oder auf der anderen Seite zu stehen kommt.
Wie ist das vergleichsweise: Der Eifer ist bei allen am Anfang da. Die Chancen aber längst nicht. Am Beginn eines Schuljahres denkt jeder und jede er wird am Ende versetzt. Und doch sind einzelne mit Mängeln belastet, dass es nicht geht.
Beim Startschuss hat jeder das Ziel vor Augen. Aber nicht jeder und jede schätzt die Strecke recht ein. Es zeigt sich unterwegs, wer kein Marathonläufer ist und doch war es auch schon von vornherein klar.
Und gibt es im Glauben etwas Ähnliches? Hier kann es doch keinerlei bessere und schlechtere Fertigkeiten geben. Mehr glauben, tiefer glauben, wahrer glauben – wer will das schon ermessen? Und doch mag da am Anfang die schöne Stunde in der Mädchengruppe gestanden haben. Der mutige Aufbruch mit dem friedensbewegten Pfarrer. Die geschwisterliche Eintracht mit den Freunden, die sich alle untereinander gut vertrugen. Der gut besuchte neue Gottesdienst, der Nahe und Ferne ansprach. Und niemand konnte sagen oder wollte es so hören, wie es weiter gehen soll. Weiter, ohne, dass das Erwartete eintraf. Weiter, ohne dass der Bräutigam in Sicht wäre.
Wie soll es weiter gehen nach der ersten „Fünf“ in einer wichtigen Klassenarbeit. Wie weiter bei Kilometer 22 und Seitenstechen? Und weiter, wo schon wieder ein kirchlicheer Mitarbeiter abspringt. Wo sich das Programm nur wiederholt. Augen zu und durch? Augen zu. Ja. Die Jungfrauen mit ihren Lampen schliefen.
„Licht willst du in die Welt bringen“, wiederholte ich das, was meine Bekannte gesagt hat. „Damit willst du doch dasselbe tun, wie die Jungfrauen mit ihren Lampen auch. Das ist doch nicht töricht.“
„Ich will es nur. Ich schaffe es aber nicht. Andere gehen forsch drauf zu. Die haben halt Ressourcen, die sie flott machen können“.
Ja, denke ich, wie eigentümlich es ist, dass in den Momenten der Krise jeder auf sich allein gestellt ist. Nichts geben wir euch ab, sagen die Mädchen, die als klug gelten. Sind sie nicht vollkommen egoistisch? Hat meine Bekannte nicht recht: die weichherzig sind, verlieren das Spiel. Die ihre Liebe einsetzen und nicht ihre Interessen vertreten, stehen im Dunkeln mit denen, denen sie helfen wollten. Und die anderen, die Berechnenden, haben sie nicht letztlich den Vorteil? Realistisch stellen sie fest: es reicht, wo es nicht zerfließt an diese und an jene. Besser, es kommt die Hälfte am Festsaal des Bräutigams an, im Himmelreich an, als am Ende gar niemand.
Eine fatale Lehre könnte daraus gezogen werden: Nein, ich kann dir nicht bei den Hausaufgaben helfen. Ich muss selbst zusehen, dass ich durch’s Schuljahr komme. Nein, ich kann keine fünf Minuten mit dir stehen bleiben, dass wir uns erholen, weil ich sonst selbst nicht mehr mit einem Zieleinlauf rechnen kann. Nein, wir brauchen keine Vernetzung von Gruppen. Jede muss selbst sehen, wo sie Menschen anspricht. Einzeln können wir sammeln. Sonst verteilt sich alles nur in die verschiednen Angebote und niemand hat genug.
„Haben nur die anderen Resourcen?“ frage ich meine Bekannte, weil sie davon gesprochen hatte. „ Was schlummert in dir? Was lässt dich weitermachen. Was hält dein Licht am Leuchten?“
Erstaunt sieht mich meine Bekannte an: „Was mein Licht am leuchten hält? Mein Öl sozusagen? Wo ich mich nicht ausgebrannt fühle? Ich habe meinen Optimismus. Ich bin nicht verbissen. Ich bin so mutig, noch zu träumen.“
Die schlafenden Jungfrauen, die träumten wohl schön. So wie das im Schlaf und ohne Anstrengung von ganz alleine geht. Seinen Traum wach halten, das müssen wir am Tage. Dann, wenn das Helle Schatten wirft und nicht die melancholische Nacht alles verwischt. Seinen Traum wach halten, das muss gegen die harte Wirklichkeit geschehen, und nicht in der Wohligkeit der Gruppe. Seinen Traum wach halten, das erfordert ein Tun, eine liebevolle Pflege, einen aktiven Glauben und nicht die Erwartung, dass da etwas von selbst weiter brennt. Dass sich etwas fortsetzt, weil man es so lässt.
Das befremdliche Verhalten der Klugen, dieses unsolidarische, abweisende Gebaren, klärt sich an dieser Stelle für mich. Sie wissen, was sie am Brennen erhält. Sie wissen um ihren Vorrat. Aber jeder braucht seines. Ich kann nicht den Glauben eines anderen leben. Ich muss meinen leben. Ich muss Gott auf meine Weise begegnen und kann nicht übernehmen, wie andere ihm begegnet sind und es als meine Erfahrung ansehen.
Im Sport kann ich ja auch nicht sagen: Gib mir von deiner Kraft ab, dass ich die vorgeschriebenen Figuren an den Ringen machen kann. Ich muss es selbst probieren. Ich muss meine Muskeln trainieren. Ich muss die eigene Körperspannung halten.
In der Schule kann ich nicht sagen: lass mich deine Schularbeiten abschreiben. Ich muss meine machen, um am Ende zu bestehen.
Es ist also keine Bosheit, was die klugen Jungfrauen tun.
„Du bist so mutig, noch zu träumen“, gebe ich meiner Bekannten zurück. „Meinst du wirklich, damit gehörst du zu den törichten Jungfrauen. Kommt es nicht darauf an?“
Ich brauche die Antwort nicht wieder zu geben. Sie können sie sich selber geben. Vielleicht, so würde ich den benachteiligten Jungfrauen empfehlen, schaut ihr noch einmal genau nach, ob ihr denn wirklich nichts habt, durch das eure Lampe weiter brennt. Jeder und jede hat einen Vorrat. Die klugen wissen es nur. Und die törichten wären es weit weniger, wenn sie es sich nicht sich selber einredeten.
Noch Träume zu haben, muss nicht der einzige Vorrat sein. So wie schlechte Erfahrungen nicht zum Hindernis werden darf. Welche guten Geschichten haben Sie noch im Kopf, die helfen könnten, die Öl für Ihre Lampe sind? Von der Frau am Brunnen, der Jesus Wasser vom ewigen Leben geben will, auf dass sie nicht mehr dürstet? Von Maria Magdalena, die so sehr am Kreuz geweint hatte und dann als erste den Auferstandenen sah? Oder gar von der mutigen Richterin Debora, die unerschrocken ihrem Volk zum Sieg half. Bewusst habe ich Frauengeschichten der Bibel gegen diese zehn Jungfrauen gestellt.
Es ist genug an Vorrat da. Darum will ich dieses „Wachet“, das am Schluss steht. umwandeln in ein „Suchet“. Sucht den Herrn wo eer zu finden ist. Sucht den Keim des Glaubens, der in euch gesetzt wurde. Sucht den verlorenen Traum. Dann wird keine töricht sein und den anderen nachstehen. Dann wird die Lampe brennen, wenn es an der Zeit ist und wir können losgehen. Dann wird die Tür offen stehen.
Amen
Gedenken an die Toten
Wir haben in diesem Jahr Abschied nehmen müssen von 28 Gemeindegliedern. Sie ganz persönlich trauern um den Menschen, der Ihnen nahe stand. Sie sind heute nicht allein.
Aber auch die Verstorbenen sollen nicht draußen bleiben, auf dem Friedhof. Sie sollen hier genannt werden und damit in unsere Mitte kommen. Dazu zünden wir zu jedem Namen eine Kerze an. Seine und ihre Lampe soll brennen.
Wir erinnern uns an das Wort des Propheten Jesaja:
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.“
Wir mussten Abschied nehmen von:
(verlesen der Namen)
Sie alle stehen mit uns vor Gott, auf dass sich das Wort aus dem Thessalonicherbrief erfülle:
„Wir wollen euch, liebe Brüder und Schwestern nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben.
Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind.“
Amen


