Abendmahlsgottesdienst am Silvester / Altjahrsabend 31. 12. 2010 um 17.00 Uhr, Jakobuskirche Kuchen
 
 
 
Orgel-/Posaunenvorspiel
 
Begrüßung
 
 
Lied:  369, 1 – 4 Wer nur den lieben Gott lässt walten
 
Psalm: 121 ( Nr. 749) 
 
 
            Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
 
 
Gebet / Stilles Gebet
 
Glaubensbekenntnis
 
            Zwischenspiel Posaunenchor
 
Schriftlesung: Matthäus 28, 16 - 20
 
 
Lied: 625, 1 – 4 Herr, weil mich festhält deine starke Hand...
 
 
Predigt:
 
 
Lied: NL 23, 1 – 5 + 8 Du bist der Atem der Ewigkeit...      
 
 
Überleitung z. Abendmahl
 
Sündenbekenntnis
 
Vergebungszusage
 
 
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
 
 
Lied 190.2 Christe du Lamm Gottes... 
 
 
Dank- und Fürbittegebet
 
Vaterunser
 
 
Lied: 541, 1 – 3 Von guten Mächten wunderbar geborgen...
 
 
Abkündigungen
 
Segen /Orgel-/Posaunennachspiel
 
 
Predigt an Silvester, 31. 12. 2010 in der Jakobuskirche Kuchen.  
 
Reihe III Jesaja 30, (8 – 14) 15 - 17
 
 
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.  Amen<
 
 
Liebe Gemeinde,
 
am letzten Abend des Jahres, nach großen Feiertagen, die hinter uns liegen, da ist am ehesten Besinnung und innere Einkehr gefragt. Was war nicht alles in diesem Jahr. An Schönem. An Erschütterndem. An Dingen, die gleich bleiben durften wie sie waren. Nur dass sie sich vielleicht vertieft haben?
 
In die Ferne gesehen litten wir mit den Menschen in Haiti mit nach dem Erdbeben dort. In unserer Region fanden wir uns wieder auf der Pro- oder der Contraseite bei Stuttgart 21. Die Zeitungen erfanden den Wutbürger. Indessen lief im Golf von Mexiko Öl ins Meer und konnte nicht gestoppt werden.
 
Und andererseits im Kleinen, in ganz persönlichen Bereichen: bei wie vielen hohen Geburtstagen und großen Ehejubiläen war ich zu Gast hier in der Gemeinde. Und was ist Gutes gelungen zum Beispiel mit dem neuen Projekt „Immergrün“. Und meine Gedanken reichen hin bis zum Schulwechsel unserer Tochter und zu schönen Begegnungen mit Freunden, bei denen ihrerseits schon runde Geburtstage nun anstanden.
 
Jeder und jede hat einen anderen Blick auf dieses Jahr. Sei es einen liebevollen oder schmerzlichen. Und manchmal, oder meistens, ist beides miteinander verwoben.
 
Und doch soll innere Einkehr nicht zu Melancholie werden. Und doch soll Besinnung nicht heißen: wie doch die Jahre so vergehen.
 
Etwas anderes ist gefragt an diesem Abend und das meint eher seine Verankerung finden. Sonst reißt einen das Vielerlei und das Verfliegen der Zeiten und das Gefühl, dass nichts zu halten ist, einfach so mit. Verankerung, Befestigung, Vergewisserung – das ist ebenso ein Bedürfnis wie Erinnerung.
 
Eines ist dabei vielleicht tröstlich: zu allen Zeiten war dieses Sich-festmachen wichtig. Und auch schon zu anderen Zeiten als unseren heutigen so schnelllebigen, haben Menschen drüber weggesehen, drüber weggelebt Denn sich zu verankern kostet Mühe und bedeutet auch Festlegung. Und nicht erst uns Menschen heute fällt dies so schwer.
 
Aus dem Propheten Jesaja lese ich  aus Kapitel 30 die Verse 8 bis 17
 
                                   Text: Jesaja 30, 8 – 17
 
Liebe Gemeinde,
 
das Jahr 2010 war das Jahr der Stille. Hätten Sie es noch gewusst? Vikar Steinbach hat ganz am Anfang des Jahres dieses Thema hier im Gottesdienst eingeführt und eine Broschüre zum Jahr der Stille ausgelegt. Ich muss sagen: an mir ist dieses Jahr der Stille irgendwie vorbei gegangen. Ruhiges und Unruhiges war wie immer. Ganz so, wie in den einleitenden Worten beschrieben, was über das Jahr so geschehen war. Und nun kommt der Anspruch noch einmal auf uns zu: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen: durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“
 
Stille sein. Wahrscheinlich würde es mir und vielen anderen genauso gehen wie jener Frau, Informatikerin, die in diesem Heft zum Jahr der Stille schrieb:
 
„>Was hast du denn zu Weihnachten bekommen?< > Drei Tage Zeit und Ruhe, das habe ich mir gewünscht. Aber bekommen habe ich ein Schweigewochenende<. Zuerst war ich sauer über dieses Geschenk. Wollte ich doch einfach in Ruhe, ungestört, ohne Hektik meinen Schreibtisch aufräumen, die Steuererklärung machen, den liegen gebliebenen Schreibkram erledigen. Und dann das: drei Tage außer Haus. Schweigen. In einer Gruppe. Ich begann mich darauf zu freuen – aber skeptisch blieb ich immer noch.“
 
Und dann erzählt sie von der befreienden Erfahrung beim Mittagessen nicht alles und jedes kommentieren zu müssen. Sie erzählt von der wohltuenden Struktur aus Zeit haben, auf Lesungen und Gesänge zu hören und sich auf einen anderen Tagesablauf einzulassen. Das ruhig aufgenommene Wort wurde so viel sagend. Alles was sie entdeckte, beobachtete, erlebte, erhielt eine neue Spannung. Es war geradezu aufregend, Stille zu entdecken. Und zum Schluss schreibt sie: „Als ich so richtig Gefallen an dieser Stille fand, war das Wochenende vorbei. Mir hätte ein weiterer Tag gut getan. Ich bin nach Hause gefahren ohne tolle Erlebnisse, ohne die Lösung in der Tasche zu haben, aber glücklich und erfüllt wie lange nicht mehr. Im Alltag zu Hause habe ich dann bemerkt, dass ich für verschiedene Dinge doch unbewusst eine Lösung mitgebracht habe – dank meiner neu gewonnenen Gelassenheit, Aufmerksamkeit. Behutsamkeit.“
 
Stille kann schon etwas ausmachen. Und Stille kann etwas verändern in einem. Vielleicht würde es allen gut tun, einmal ein Schweige-wochenende mitzuerleben, als tatsächliche Ent-Spannung. Als wirkliche Möglichkeit, Ruhe zu finden.
 
Aber Jesaja geht es ja nicht darum, privat abzutauchen und neu wieder zurück zu kehren. Stille heißt mehr als Runderneuerung an Seele und Geist, die uns Überbeschäftigten so gut täte.
 
Jesaja ermahnt sein Volk bei aller Großspurigkeit und Großmäuligkeit endlich einmal den Mund zu, statt den Mund auf zu machen. Denn Israel war drauf und dran, sich in eine kämpferische Auseinader-setzung zu begeben. Wenn wir mit Ägyten gemeinsame Sache machten, dann bekommen wir Streitwagen und können alle in die Flucht jagen. Dann werden wir stark sein und der Welt das Fürchten lehren. Dann werden wir siegreich sein und in den Bund der Großmächte aufgenommen sein. So tönte es landauf, landab im Staate Israel. Und der Prophet Jesaja ruft dazwischen: Genug mit Eurem „Wir können alles außer bescheiden sein“. Übernehmt euch gefälligst nicht. Wir sind ein anderes Volk als die Assyrer oder die Ägypter. Besinnt euch auf eure Wurzeln. Streitwagen war nicht die Kultur, die uns einzigartig machte und heraushob vor anderen. Also schweigt
 
davon.
 
Man könnte meinen, hier rät einer kleinlich: Schuster bleib bei deinen Leisten und versteig dich nicht. Du kleines Land, spiel dich nicht auf.
 
Wäre das denn so? Muss nicht eine sich bietende Gelegenheit beim Schopf gegriffen werden. Soll das schwache Land nicht einen Ausfall wagen? Soll es ängstlich hocken bleiben? Hat Jesaja Angst?
 
Nein; er war Realist. Er konnte die Sache einschätzen. Und er hatte Recht damit. Denn Einfluss hat Israel nicht gewonnen. Dafür aber seine Freiheit eingebüßt auf lange Zeit. Hättest du dich doch still verhalten. Die Weltpolitik wäre an dir vorbei gegangen und hätte dich verschont. Manchmal ist weniger doch mehr.
 
Und doch frage ich mich, ob dies ein Aufruf an uns heute sein kann. Ob uns diese Mahnung heute treffen kann. Sind wir nicht recht vorsichtig zunächst einmal aus einer großen Wirtschaftskrise hervorgegangen – wo es anderen noch schlechter ging und niemand hemdsärmelig leichthin sagt: das machen wir mit links. Sind wir nicht gerade alle stiller geworden und behutsamer? Haben wir unsere Lektionen nicht gelernt?
 
Ja, das könnte sein. Wenn ich mir auch nicht ganz sicher bin.
 
Es geht ja um die Überheblichkeit. Es geht ja um die eigene Wichtigkeit, die betont wird. Es geht ja darum, etwas zu sagen zu haben und das ständig unter Beweis stellen zu müssen.
 
Wie war das gleich bei der Informatikerin beim Schweigewochenende: Wie befreiend ist es,  beim Essen einmal keinen Kommentar abgeben zu müssen. Weder über guten oder schlechten Geschmack noch über das Aussehen der Mitspeisenden drei Plätze weiter. Einfach sich dem, worüber alle reden, ja reden müssen, einmal verweigern.
 
Schweigen sollen im IT-Zeitalter. Das ist ein ähnlich schwieriges Unterfangen wie das des Jesaja gegen eine Volksstimmung anzusprechen. Denn wie viele Mails, SMS’s, Blogs gehen jede Stunde, jede Minute hin und her. Jeden Tag neue Foren, neue Gruppen, wo man sich eintragen lassen kann. In facebook, in twitter ständig präsent sein. Ständig plappernd verkünden, was man gerade sieht, was man gerade denkt, wo man gerade ist und wer da noch alles ist. Dauernd von sich Laut geben, das zum hundertausendfachen Gebell auf allen Kanäle wird.
 
Ist das eine Stelle, wo wir stiller werden können, besonnener? Wieso – es ist doch nur ein großer Spaß. Unterhaltung pur und im wahresten Sinne: einfach ein großes globales Im – Gespräch – sein.
 
Schön – aber gibt es denn nicht auch da Trends, Tendenzen, Strömungen, wo alle meinen, mitgehen zu müssen. So wie es bei Jesaja hieß: wir müssen auf Rennern reiten – und doch wird man überrannt. Wir müssen auf Kommunikation setzen – und darüber vergessen wir, dass wir uns gar nichts mehr Echtes oder Tiefes oder gar Liebes zu sagen haben. Wir müssen uns alle Freiheiten offen halten – und darüber merken wir nicht, dass wikileaks oder google unsere Welt werden will und wir keine eigene mehr haben sollen.
 
Wenn wir doch auch abschalten könnten, schweigen könnten, einander ansehen, als das mindeste. Wenn wir uns doch auch wieder einmal betreffen lassen könnten – anstatt eine Meinungssalve nach der anderen abzuschießen. Wenn wir uns doch auch einmal wieder zutrauten, sprachlos zu sein, weil das eben auch zum Menschen gehört. Soll dahinter die Antwort Jesajas stehen:
 
Aber ihr wollt nicht!
 
Und doch, es muss gesagt sein in diesem Jesaja-Zusammenhang: Schweigen ist auch nicht nur Gold. Und Ruhe ist nicht die erste Bürgerpflicht. Die mündiger Gewordenen wollen sich nicht mehr alles vorschreiben oder vorrechnen lassen. Der Aufmüpfigere ist der Wachere. Wer stört, der stört nicht mehr den Frieden im Land sondern den Unfrieden. So beweisen das Demonstrationen für und gegen Stuttgart 21. So aber auch das Engagement für den Erhalt der Geburtsabteilung in der Helfensteinklinik in Geislingen. Alles ist hierbei wichtig nur eines doch wohl nicht: Stillesein. Hoffen. Beinahe zur Karrikatur kann hier Jesja werden. Beinahe zum Regierungsprogramm: Beruhigt euch. Vertraut uns.
 
Wo zu lange Stille herrschte, ist es gut, sie zu unterbrechen. Diese wohltuende Abwechslung von Rückzug und Teilhabe, Schweigen und mitsingen, Worte hören und eigene Gedanken haben, diese Struktur, sagte die Teilnehmerin des Schweigewochenendes, war das was gut tat, was den Ausgleich schuf.
 
Stille sein um jeden Preis. Still sein, weil ich mich nichts sagen traue, weil ich Angst habe, mir den Mund zu verbrennen, weil ich nichts Falsches sagen will – eine solche Stille ist auch nicht heilsam.
 
Stille, die etwas zulässt, was falsch läuft, Schweigen, das Zustimmung mimt, obwohl es keine Zustimmung ist, wird gefährlich.
 
Und doch: es kommt nicht nur auf das Innehalten an an diesem Abend. Es kommt nicht nur darauf an, einen Schritt zurück zu treten und noch einmal einen veränderten Blick auf alles zu werfen. Es kommt nicht darauf an, dass wir die Ambivalenz, die Wechselhaftigkeit spüren.
 
Um Verankerung ging es letztlich. Um Vergewisserung um Halt. Um das, was gilt, heute 2010. Und morgen 2011.
 
Das, was mir wichtig ist, kann keine Mehrheitsmeinung sein. Es ist nur meine Entscheidung. Muss ich bei allem mitreden oder kann ich mich ausklinken. Kann ich es aushalten, anders zu sein als der Rest. Kann ich mit meinem Anderssein trotzdem anerkannt sein – und wo erfahre ich das? Im Pulk der Demonstranten vielleicht nicht. Aber wo ich am Rand stehen bleibe auch nicht. Ich muss das Wagnis auf mich nehmen, ich zu sein – als mal Schweigender. Und als auch Redender.
 
Und ich muss es in einem Raum tun dürfen, wo dies zugelassen ist.
 
Wo alle Welt schreit oder simst, ist es gut in der Kirche einen Ort der Stille zu finden. Mehr und mehr Gotteshäuser verstehen sich als solche Rückzugsräume.
 
Unsere letzte und tiefste Verankerung aber finden wir in Gott. Das ist es, was Jesaja seinem Volk als wichtigstes ans Herz legt. Es soll ruhig sein in ihm. Es soll sich bergen in ihm. es soll sich auf ihn verlassen – denn genau dann ist es nicht verlassen.
 
Wir feiern heute Silvester, Übergang von einem Jahr zum anderen. Wir wechseln das Jahr, nicht den Glauben, nicht unseren Gott. Das ist das Gute. Aus ihm können wir reden. Aus ihm können wir aber auch schweigen und brauchen uns vor der Stille nicht zu fürchten. Und wir, wir müssen nur sagen: ja, das wollen wir. Darauf bauen wir auch morgen. Und in Ewigkeit.
 
                                                                                  Amen
 
 
(Lied: du bist der Atem der Ewigkeit...)
 
 
 
 
 

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