Predigtgottesdienst mit Taufen am 2. Advent, 5. 12. 2010 um 9.30 Uhr
in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 7, 1 – 4 O Heiland reiß die Himmel auf
Psalm Nr. 760 (Seligpreisungen)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Ansprache zur Taufe
Tauflied 209, 1 – 4 Ich möchte dass einer mit mir geht...
Schriftlesung zur Taufe
Glaubensbekenntnis
Tauffragen
Taufhandlung
Taufgebet
Lied: 11, 1 – 3 Wie soll ich dich empfangen
Predigt
Lied: 10, 1 – 4 Mit Ernst o Menschenkinder
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 537, 1 - 3 + 5 Sieh dein König kommt zu dir
Abkündigungen
Segensstrophe
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am 2. Advent, 5. 12. 2010 um 9.30 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen Reihe III Matth. 24, 1 - 14
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
zwei Kerzen der Hoffnung brennen am Adventskranz. Ein junger Mensch hat sich soeben taufen lassen und tritt so in unsere Gemeinschaft ein und will am Glaubensleben teilhaben. Die schönen Adventslieder erklingen wieder in unserer Kirche. Ja, der Advent hat Aussichten. Er legt eine Lichtspur, der wir von Tag zu Tag folgen können. Er hat seinen Klang, den ihm niemand nehmen kann. Hier kommt er her, aus den Kirchen allerorten.
Und doch, meine ich, gibt es jedes Jahr dieselben Fragen. Was hat mehr Gewicht: die vollen Weihnachtsmärkte oder die vergleichsweise leeren Kirchen? Wie können sie einen Anspruch erheben? Was kommt mehr an: das Wort, die Botschaft – oder die Leckerei aus dem Adventskalender? In welches Zeit leben wir wirklich: in der Zeit der Ankunftserwartung oder doch mehr in der Vorweihnachtszeit. Und stellen wir uns den fernen, den wahren Advent nicht so vor, dass es die Minuten oder Stunden der Erholung sein müssten, in denen wir ausruhen von aller Eile und Geschäftigkeit. Wo dies gelänge, da wäre Besinnung und Muße und endlich das, was im Advent sein soll. Aber es erscheint wie ein fernes Ideal, ein Zustand den man doch nicht erreicht. Außer vielleicht noch in der Kirche. Hier ist vielleicht die letzte Möglichkeit um zur Ruhe zu kommen.
Ja, nutzen wir diese Chance als Kirche. Sehen wir doch die Bedürfnisse. Geben wir den Menschen ihren Advent zurück. Hier sind wir gefragt. Hier kann die Kirche etwas tun, kann sie ihre Bedeutung untermauern. Hier könnte Kirche sogar wieder wachsen.
Aber dann macht sie es wieder verkehrt. Nicht Frohbotschaft, sondern Drohbotschaft klingt in ihren Mauern. Nicht Bestätigung bringt sie, sondern Unruhe, Verärgerung, Irritation. Kaum anderes können die Worte aus Matthäus 24 aufgenommen werden, vom Ende des Tempels und vom Anfang der Wehen. Wir hören sie uns an, die gänzlich unadventlichen Worte.
Matthäus 24, 1 – 14
Liebe Gemeinde,
ein wahres Szenarium wird hier beschrieben, das man sich beileibe nicht in aller Gemütsruhe anhören kann. Schreckliche Szenen spielen sich ab, aber es soll immer noch nur der Anfang sein. Von Satz zu Satz sind Steigerungen zu sehen, von Naturkatastrophen zu Verrat. Von sozialer Kälte bis zu erbärmlichen Mangel am Notwendigsten. Krankheit, Schuld, Haß, Mord stehen im Vordergrund.
Wahrlich, auf dem Weihnachtsmarkt mit putzigen roten Wichtel-männchen und Duft nach Bratäpfeln würde es mir besser ergehen. Und wenn es nicht Freude wäre, so wäre es Ablenkung von dem, was ich ohnehin jeden Tag hören oder sehen muss. Denn von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Mord und Totschlag hören wir genug. Jetzt hat es auch, oder einmal wieder, die Kanzel erreicht. Weltende zur Adventszeit. Ein toller Reißer. Schon jetzt ahnt man, es kann sich nicht gelohnt haben am Ende dies hören zu müssen. Kirchen sollten sich darauf zurückziehen, dass in ihnen Weihnachtsmusiken aufgeführt wird. Da hätten sie ihren Pflichtanteil ganz unverfänglich eingelöst. Horrorszenarien kann das Kino besser verbreiten und die Welt sowieso, die sie jeden Tag wahr macht.
Liebe Gemeinde, auch ich empfinde so. Auch ich spüre Empörung über einen solchen Text, ein solches Thema zu dieser Zeit. Und doch finde ich mitten in diesen Beschreibungen plötzlich in Vers 6 die Worte: seht zu und erschreckt nicht. Erschreckt nicht, denn das muss alles geschehen. Wie sagt denn das Jesus? Sagt er es in aller Seelenruhe, zwischen seine Aufzählungen von Lüge und Betrug hinein gestreut. So wie er auch nach einer Reihe von Ungeheuerlichkeiten sagt: das ist alles noch gar nichts? Das muss euch nicht erschrecken, denn das ist ja noch kaum des Fürchtens wert, bei allem was noch kommt. Klänge das nicht reichlich zynisch.
Oder will er beschwichtigen: nicht zu eurem Erschrecken erzähle ich euch das. Nicht weil ich euch Angst machen will führe ich es aus. Also nehmt es erst einmal so nüchtern wie möglich auf. Wäre Jesus da nicht sehr verharmlosend.
Natürlich haben wir – gelinde gesagt – ein unangenehmes Gefühl. Noch natürlicher wäre es, ein entsetzen zu empfinden. Da brauchen wir kein Abwiegeln mit der Empfehlung nicht zu erschrecken. Immer und das ganze Jahr hören wir bedenkliche und bestürzende Meldungen. Und stets ist da der Gedanke: wo soll’s noch hinführen. Staatsbankrotte in Griechenland oder Irland, Bürgerkriege am Ende. Und dann hören wir quasi als Bestätigung: kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Einer wird sich gegen den anderen erheben.
Erschreckt nicht! Das ist die unveränderbare Realität. Das wird so bleiben. Immer bricht irgendwo ein Krieg aus. Immer bringen anderswo oder sogar hier Menschen andere Menschen in ihre Gewalt. Glaubt nicht, das könne man abschaffen. Und erschreckt vor allem nicht, dass auch ihr es in den letzten 2000 Jahren seit dem die Worte gesprochen wurden nicht geschafft habt, die Welt im Ganzen zu befrieden. Trotz Humanismus. Trotz Bekämpfung von Hunger oder Gewalt. Trotz aller wichtigen und hervorragenden Errungenschaft. Der Himmel auf Erden ist nicht zu schaffen.
Ja, nun, aber irgendetwas müssen wir doch tun. Und wenn es nur Teilverbesserungen sind. Wenn wir doch ein wenig daran glauben könnten, es nützt etwas. Wer kann schon vorhaben, alle Probleme zu lösen.
Erschreckt nicht vor so viel Machtlosigkeit, die ihr umso mehr seht, je mehr ihr euch bemüht. Zieht nicht aus, um die Verhältnisse zu verändern.
Meint das Jesus wirklich so? Versucht nicht, gegen all das anzukämpfen. Macht euch keine Illusionen. Bei noch jedem Tropfen der Verbesserung auf dem heißen Stein habt ihr Hurra geschrieen, bis er wieder weg war. Müht euch nicht ab mit der Welt.
Das wäre ja furchtbar, muss ich denken. Dann könnten wir alle ja nur unserem eigenen Untergang zusehen.
Und trotzdem ist da dieses „Erschreckt nicht“. Jesus scheint das nichts auszumachen. Er kümmert sich nicht darum, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Er sieht die Gefahr und bleibt doch unberührt von ihr.
Das war schon einmal so im Verlauf seiner Geschichte. Dort, wo er mit seinen Jüngern auf dem See Genezareth in einen Sturm geraten war. Und Jesus lag auf dem Hinterdeck und schlief. Schlief, während die Wellen hereinbrachen. Schlief, wo die Wucht das Ruder zerschmetterte, bis die Jünger ihn weckten und ihn fragten: Kümmert es dich nicht dass wir vergehen. Dass wir mit der Welt um uns herum untergehen?
Und Jesus schallt sie kleingläubig. Und er beschwichtigte Wind und Wellen. Und der Weltuntergang war nicht mehr.
Kann diese Geschichte ein voraus weisendes Gleichnis sein? Kann sie eine Antwort sein wie wir das Szenarium verstehen sollen?
Ja, wirklich, mit aller Ruderkraft hätten weder die Jünger noch andere den Sturm bezwungen. Mit allem menschlichen Einsatz hätten sie die Wellen nicht bändigen können. Mit allem Lebenskampf hätten sie ihr Leben verloren.
Erschreckt nicht – denn es ist noch ein anderes in der Welt, das sie erhalten kann, das sie retten kann. Und Jesus, der das sagt, steht für das andere.
Es soll nämlich mitnichten zum zweiten Advent der Weltuntergang gepredigt werden. Es soll nicht, wie das so lange geschehen ist, angeprangert werden, wie es in der Welt aussieht und dass sich Menschen aufrütteln lassen sollen, dagegen etwas zu unternehmen. Es soll eben kein Appell in die Gemeinde gerufen werden: Ran an die Riemen und rudert was das Zeug hält. Alles kann besser werden. Wir schaffen uns den Himmel auf Erden.
So nicht. Es ist anders: Weil der Himmel sich erbarmt hat, hat die Erde Aussicht auf ihr Heil. Weil Gott in seinem Sohn Mensch wird, ist ein anderes in diese Welt gekommen. Das, was zu sehen ist, ist doch nicht das Ganze. Das, was am kämpfen ist und unterzugehen droht, ist nicht alles, was es gibt und was ihr habt. Eine andere Welt ist nahe. Eine Welt, die nicht aus der vorhandenen kommt. Ein Reich, das eben nicht von dieser Welt ist. Und es ist einer, der gekommen ist und immer noch kommt, uns dieses Reich zu bringen, nämlich Jesus Christus.
Da nun kommt der Wochenspruch, der Ruf der Zuversicht zum Tragen: Sehr auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Vor Weltuntergangsszenarien kann man nur den Kopf einziehen. Man kann auch den kopf wegdrehen um es nicht mehr mit ansehen zu müssen. Oder manche stecken den Kopf in den Sand.
In den christlichen Kirchen aber heißt es: erhebt das Haupt. Nicht: Kopf hoch, es wird schon nicht so schlimm. Nicht Kopf voraus und mutigen Schritts voran weil wir Christen jetzt die Welt verbessern. Erhebt das Haupt und seht. Seht auf den, der die Welt erlöst von dem, wovon sie sich nicht selbst erlösen kann. Erschreckt nicht, dass ihr frei werdet für die andere Welt, die vor der Tür steht. Das ist die wahre Botschaft. Das ist die wirkliche Hoffnung, die aus mehr besteht als aus zwei wackeren flammenden Kerzen am Adventskranz. Es ist mehr schon die Hoffnung der taufe, dass hier Neues in die Welt kommt. Dass ein Glaube sich Raum schafft. Dass dem Christus die Bahn gemacht
wird.
Wie verhält es sich nun? Die Welt ist reichlich am Ende und sie ist zugleich nicht am Ende. Was geschehen muss, muss geschehen und wo wir etwas tun, gleicht es nur einem verzweifelten Sichwehren. Unsere einzige Tätigkeit ist es, aufzuschauen und auf das Wunder der nahen neuen Welt, das Anbrechen des Reiches Gottes zu warten?
Was ist mit Nächstenliebe? Was ist mit tätiger Barmherzigkeit? Was ist mit Friedenshandeln? Was ist mit Linderung von Angst, Not, Unfreiheit und Gewalt? Soll das vergebliche Mühe sein, das, was wir gleich bleiben lassen können, weil es in der Welt nichts ausrichtet?
Doch! Das alles bleibt wichtig. Ohne dass jetzt doch noch der Appell von der Kanzel erschallt, was es alles nötig wäre zu tun und dass sich doch Menschen gerade zur Weihnachtszeit erweichen lassen sollen. Erstens haben wir immer noch Adventszeit und reden vom Kommenden. Zweitens aber gilt es, den Grund eben mit dieser Erkenntnis neu zu sehen:
Nicht, weil ich diese Welt verbessern will, helfe ich einem Menschen, sondern weil ich von der anderen Welt, vom Reich Gottes angesteckt bin, die in Christus Jesus kommt, erbarme ich mich eines Menschen. Denn wie Christus sich der Menschen liebend angenommen hat, will ich es auch tun. Nicht weil die Welt es braucht. Nicht damit in ihr ein bisschen Glanz kommt. Nicht, damit sie dann doch nicht so trost- und hoffnungslos aussieht wie das Untergangsszenarium sie beschreibt. Soll sie schlimmstenfalls so sein, die Welt. Das Reich Gottes hält dagegen. Der Herr gibt mir auch Kraft, Dinge zu tun, die keiner sieht oder beachtet oder für wert hält.
Darum zuletzt muss auch die Kirche keine Bedürfnisse bedienen. Seien es die nach Ruhe oder Ansprache, nach Sinnstiftung und was sonst die Gesellschaft, die allgemeine Weihnachtsgemeinschaft oder wer auch sonst für nötig hält von den Kirchen zu verlangen.
Die Kirche braucht nur dem Wort zu folgen, auch da wo es schwierig ist. Und wir Christen brauchen nur unser Haupt zu erheben, um zu wissen, was in dieser Zeit richtig ist.
Es ist der Kommende anzusagen. Es ist die Welt Gottes anzusagen, die gegen eine unmenschliche und auch ungöttliche Welt ansteht. Und es sind die Werke der Liebe zu tun, um Jesu willen und um ihm zu folgen. Aus keinem anderen Grunde sonst. Dann mag das Ende kommen. Aber dann kann es auch nur ein gutes Ende sein.
Amen
in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 7, 1 – 4 O Heiland reiß die Himmel auf
Psalm Nr. 760 (Seligpreisungen)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Ansprache zur Taufe
Tauflied 209, 1 – 4 Ich möchte dass einer mit mir geht...
Schriftlesung zur Taufe
Glaubensbekenntnis
Tauffragen
Taufhandlung
Taufgebet
Lied: 11, 1 – 3 Wie soll ich dich empfangen
Predigt
Lied: 10, 1 – 4 Mit Ernst o Menschenkinder
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 537, 1 - 3 + 5 Sieh dein König kommt zu dir
Abkündigungen
Segensstrophe
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am 2. Advent, 5. 12. 2010 um 9.30 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen Reihe III Matth. 24, 1 - 14
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
zwei Kerzen der Hoffnung brennen am Adventskranz. Ein junger Mensch hat sich soeben taufen lassen und tritt so in unsere Gemeinschaft ein und will am Glaubensleben teilhaben. Die schönen Adventslieder erklingen wieder in unserer Kirche. Ja, der Advent hat Aussichten. Er legt eine Lichtspur, der wir von Tag zu Tag folgen können. Er hat seinen Klang, den ihm niemand nehmen kann. Hier kommt er her, aus den Kirchen allerorten.
Und doch, meine ich, gibt es jedes Jahr dieselben Fragen. Was hat mehr Gewicht: die vollen Weihnachtsmärkte oder die vergleichsweise leeren Kirchen? Wie können sie einen Anspruch erheben? Was kommt mehr an: das Wort, die Botschaft – oder die Leckerei aus dem Adventskalender? In welches Zeit leben wir wirklich: in der Zeit der Ankunftserwartung oder doch mehr in der Vorweihnachtszeit. Und stellen wir uns den fernen, den wahren Advent nicht so vor, dass es die Minuten oder Stunden der Erholung sein müssten, in denen wir ausruhen von aller Eile und Geschäftigkeit. Wo dies gelänge, da wäre Besinnung und Muße und endlich das, was im Advent sein soll. Aber es erscheint wie ein fernes Ideal, ein Zustand den man doch nicht erreicht. Außer vielleicht noch in der Kirche. Hier ist vielleicht die letzte Möglichkeit um zur Ruhe zu kommen.
Ja, nutzen wir diese Chance als Kirche. Sehen wir doch die Bedürfnisse. Geben wir den Menschen ihren Advent zurück. Hier sind wir gefragt. Hier kann die Kirche etwas tun, kann sie ihre Bedeutung untermauern. Hier könnte Kirche sogar wieder wachsen.
Aber dann macht sie es wieder verkehrt. Nicht Frohbotschaft, sondern Drohbotschaft klingt in ihren Mauern. Nicht Bestätigung bringt sie, sondern Unruhe, Verärgerung, Irritation. Kaum anderes können die Worte aus Matthäus 24 aufgenommen werden, vom Ende des Tempels und vom Anfang der Wehen. Wir hören sie uns an, die gänzlich unadventlichen Worte.
Matthäus 24, 1 – 14
Liebe Gemeinde,
ein wahres Szenarium wird hier beschrieben, das man sich beileibe nicht in aller Gemütsruhe anhören kann. Schreckliche Szenen spielen sich ab, aber es soll immer noch nur der Anfang sein. Von Satz zu Satz sind Steigerungen zu sehen, von Naturkatastrophen zu Verrat. Von sozialer Kälte bis zu erbärmlichen Mangel am Notwendigsten. Krankheit, Schuld, Haß, Mord stehen im Vordergrund.
Wahrlich, auf dem Weihnachtsmarkt mit putzigen roten Wichtel-männchen und Duft nach Bratäpfeln würde es mir besser ergehen. Und wenn es nicht Freude wäre, so wäre es Ablenkung von dem, was ich ohnehin jeden Tag hören oder sehen muss. Denn von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Mord und Totschlag hören wir genug. Jetzt hat es auch, oder einmal wieder, die Kanzel erreicht. Weltende zur Adventszeit. Ein toller Reißer. Schon jetzt ahnt man, es kann sich nicht gelohnt haben am Ende dies hören zu müssen. Kirchen sollten sich darauf zurückziehen, dass in ihnen Weihnachtsmusiken aufgeführt wird. Da hätten sie ihren Pflichtanteil ganz unverfänglich eingelöst. Horrorszenarien kann das Kino besser verbreiten und die Welt sowieso, die sie jeden Tag wahr macht.
Liebe Gemeinde, auch ich empfinde so. Auch ich spüre Empörung über einen solchen Text, ein solches Thema zu dieser Zeit. Und doch finde ich mitten in diesen Beschreibungen plötzlich in Vers 6 die Worte: seht zu und erschreckt nicht. Erschreckt nicht, denn das muss alles geschehen. Wie sagt denn das Jesus? Sagt er es in aller Seelenruhe, zwischen seine Aufzählungen von Lüge und Betrug hinein gestreut. So wie er auch nach einer Reihe von Ungeheuerlichkeiten sagt: das ist alles noch gar nichts? Das muss euch nicht erschrecken, denn das ist ja noch kaum des Fürchtens wert, bei allem was noch kommt. Klänge das nicht reichlich zynisch.
Oder will er beschwichtigen: nicht zu eurem Erschrecken erzähle ich euch das. Nicht weil ich euch Angst machen will führe ich es aus. Also nehmt es erst einmal so nüchtern wie möglich auf. Wäre Jesus da nicht sehr verharmlosend.
Natürlich haben wir – gelinde gesagt – ein unangenehmes Gefühl. Noch natürlicher wäre es, ein entsetzen zu empfinden. Da brauchen wir kein Abwiegeln mit der Empfehlung nicht zu erschrecken. Immer und das ganze Jahr hören wir bedenkliche und bestürzende Meldungen. Und stets ist da der Gedanke: wo soll’s noch hinführen. Staatsbankrotte in Griechenland oder Irland, Bürgerkriege am Ende. Und dann hören wir quasi als Bestätigung: kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Einer wird sich gegen den anderen erheben.
Erschreckt nicht! Das ist die unveränderbare Realität. Das wird so bleiben. Immer bricht irgendwo ein Krieg aus. Immer bringen anderswo oder sogar hier Menschen andere Menschen in ihre Gewalt. Glaubt nicht, das könne man abschaffen. Und erschreckt vor allem nicht, dass auch ihr es in den letzten 2000 Jahren seit dem die Worte gesprochen wurden nicht geschafft habt, die Welt im Ganzen zu befrieden. Trotz Humanismus. Trotz Bekämpfung von Hunger oder Gewalt. Trotz aller wichtigen und hervorragenden Errungenschaft. Der Himmel auf Erden ist nicht zu schaffen.
Ja, nun, aber irgendetwas müssen wir doch tun. Und wenn es nur Teilverbesserungen sind. Wenn wir doch ein wenig daran glauben könnten, es nützt etwas. Wer kann schon vorhaben, alle Probleme zu lösen.
Erschreckt nicht vor so viel Machtlosigkeit, die ihr umso mehr seht, je mehr ihr euch bemüht. Zieht nicht aus, um die Verhältnisse zu verändern.
Meint das Jesus wirklich so? Versucht nicht, gegen all das anzukämpfen. Macht euch keine Illusionen. Bei noch jedem Tropfen der Verbesserung auf dem heißen Stein habt ihr Hurra geschrieen, bis er wieder weg war. Müht euch nicht ab mit der Welt.
Das wäre ja furchtbar, muss ich denken. Dann könnten wir alle ja nur unserem eigenen Untergang zusehen.
Und trotzdem ist da dieses „Erschreckt nicht“. Jesus scheint das nichts auszumachen. Er kümmert sich nicht darum, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Er sieht die Gefahr und bleibt doch unberührt von ihr.
Das war schon einmal so im Verlauf seiner Geschichte. Dort, wo er mit seinen Jüngern auf dem See Genezareth in einen Sturm geraten war. Und Jesus lag auf dem Hinterdeck und schlief. Schlief, während die Wellen hereinbrachen. Schlief, wo die Wucht das Ruder zerschmetterte, bis die Jünger ihn weckten und ihn fragten: Kümmert es dich nicht dass wir vergehen. Dass wir mit der Welt um uns herum untergehen?
Und Jesus schallt sie kleingläubig. Und er beschwichtigte Wind und Wellen. Und der Weltuntergang war nicht mehr.
Kann diese Geschichte ein voraus weisendes Gleichnis sein? Kann sie eine Antwort sein wie wir das Szenarium verstehen sollen?
Ja, wirklich, mit aller Ruderkraft hätten weder die Jünger noch andere den Sturm bezwungen. Mit allem menschlichen Einsatz hätten sie die Wellen nicht bändigen können. Mit allem Lebenskampf hätten sie ihr Leben verloren.
Erschreckt nicht – denn es ist noch ein anderes in der Welt, das sie erhalten kann, das sie retten kann. Und Jesus, der das sagt, steht für das andere.
Es soll nämlich mitnichten zum zweiten Advent der Weltuntergang gepredigt werden. Es soll nicht, wie das so lange geschehen ist, angeprangert werden, wie es in der Welt aussieht und dass sich Menschen aufrütteln lassen sollen, dagegen etwas zu unternehmen. Es soll eben kein Appell in die Gemeinde gerufen werden: Ran an die Riemen und rudert was das Zeug hält. Alles kann besser werden. Wir schaffen uns den Himmel auf Erden.
So nicht. Es ist anders: Weil der Himmel sich erbarmt hat, hat die Erde Aussicht auf ihr Heil. Weil Gott in seinem Sohn Mensch wird, ist ein anderes in diese Welt gekommen. Das, was zu sehen ist, ist doch nicht das Ganze. Das, was am kämpfen ist und unterzugehen droht, ist nicht alles, was es gibt und was ihr habt. Eine andere Welt ist nahe. Eine Welt, die nicht aus der vorhandenen kommt. Ein Reich, das eben nicht von dieser Welt ist. Und es ist einer, der gekommen ist und immer noch kommt, uns dieses Reich zu bringen, nämlich Jesus Christus.
Da nun kommt der Wochenspruch, der Ruf der Zuversicht zum Tragen: Sehr auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Vor Weltuntergangsszenarien kann man nur den Kopf einziehen. Man kann auch den kopf wegdrehen um es nicht mehr mit ansehen zu müssen. Oder manche stecken den Kopf in den Sand.
In den christlichen Kirchen aber heißt es: erhebt das Haupt. Nicht: Kopf hoch, es wird schon nicht so schlimm. Nicht Kopf voraus und mutigen Schritts voran weil wir Christen jetzt die Welt verbessern. Erhebt das Haupt und seht. Seht auf den, der die Welt erlöst von dem, wovon sie sich nicht selbst erlösen kann. Erschreckt nicht, dass ihr frei werdet für die andere Welt, die vor der Tür steht. Das ist die wahre Botschaft. Das ist die wirkliche Hoffnung, die aus mehr besteht als aus zwei wackeren flammenden Kerzen am Adventskranz. Es ist mehr schon die Hoffnung der taufe, dass hier Neues in die Welt kommt. Dass ein Glaube sich Raum schafft. Dass dem Christus die Bahn gemacht
wird.
Wie verhält es sich nun? Die Welt ist reichlich am Ende und sie ist zugleich nicht am Ende. Was geschehen muss, muss geschehen und wo wir etwas tun, gleicht es nur einem verzweifelten Sichwehren. Unsere einzige Tätigkeit ist es, aufzuschauen und auf das Wunder der nahen neuen Welt, das Anbrechen des Reiches Gottes zu warten?
Was ist mit Nächstenliebe? Was ist mit tätiger Barmherzigkeit? Was ist mit Friedenshandeln? Was ist mit Linderung von Angst, Not, Unfreiheit und Gewalt? Soll das vergebliche Mühe sein, das, was wir gleich bleiben lassen können, weil es in der Welt nichts ausrichtet?
Doch! Das alles bleibt wichtig. Ohne dass jetzt doch noch der Appell von der Kanzel erschallt, was es alles nötig wäre zu tun und dass sich doch Menschen gerade zur Weihnachtszeit erweichen lassen sollen. Erstens haben wir immer noch Adventszeit und reden vom Kommenden. Zweitens aber gilt es, den Grund eben mit dieser Erkenntnis neu zu sehen:
Nicht, weil ich diese Welt verbessern will, helfe ich einem Menschen, sondern weil ich von der anderen Welt, vom Reich Gottes angesteckt bin, die in Christus Jesus kommt, erbarme ich mich eines Menschen. Denn wie Christus sich der Menschen liebend angenommen hat, will ich es auch tun. Nicht weil die Welt es braucht. Nicht damit in ihr ein bisschen Glanz kommt. Nicht, damit sie dann doch nicht so trost- und hoffnungslos aussieht wie das Untergangsszenarium sie beschreibt. Soll sie schlimmstenfalls so sein, die Welt. Das Reich Gottes hält dagegen. Der Herr gibt mir auch Kraft, Dinge zu tun, die keiner sieht oder beachtet oder für wert hält.
Darum zuletzt muss auch die Kirche keine Bedürfnisse bedienen. Seien es die nach Ruhe oder Ansprache, nach Sinnstiftung und was sonst die Gesellschaft, die allgemeine Weihnachtsgemeinschaft oder wer auch sonst für nötig hält von den Kirchen zu verlangen.
Die Kirche braucht nur dem Wort zu folgen, auch da wo es schwierig ist. Und wir Christen brauchen nur unser Haupt zu erheben, um zu wissen, was in dieser Zeit richtig ist.
Es ist der Kommende anzusagen. Es ist die Welt Gottes anzusagen, die gegen eine unmenschliche und auch ungöttliche Welt ansteht. Und es sind die Werke der Liebe zu tun, um Jesu willen und um ihm zu folgen. Aus keinem anderen Grunde sonst. Dann mag das Ende kommen. Aber dann kann es auch nur ein gutes Ende sein.
Amen


