Predigtgottesdienst am Sonntag Estomihi, 22. 02. 2009
in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 452, 1 - 3 + 5 Er weckt mich alle Morgen...
Psalm 31 (Nr. 716)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: 1. Korinther 13, 1 – 7
Lied: 384, 1 – 4 Lasset uns mit Jesus ziehen...
Predigt zu Mk 8, 31 – 38 (9,1)
Orgelmeditation
Lied 414, 1 – 4 Lass mich o Herr in allen Dingen auf deinen Willen sehn und dir mich weihn...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 658, 1 – 4 Lasst uns den Weg der Gerechtigkeit ziehn
Abkündigungen
Segensstrophe 157 Lass mich dein sein und bleiben...
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am Sonntag Estomihi, 22. 02. 2009 in der Jakobuskirche Kuchen am Sonttag Invocavit 01.03.09 in Süßen und Donzdorf
>Die Gnade unseres Herrn, Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
wer auf einem Weg ist, kommt irgendwann einmal an Stellen, an denen er sich entscheidet, wohin es nun gehen soll. Weiter auf dem eigeschlagenen Weg? Oder seitab? Oder stehe ich an einem Wende-punkt, an dem sich etwas ändert; auf einer Bergkuppe, wo es von nun an bergab geht, oder in einer Talsole, von wo aus der Weg nach oben führt. Manchmal ergibt sich die Entscheidung so auf dem Weg, ohne größere Überlegungen. Meistens aber kostet es einige Gedan-ken, in denen ich mir klar werde: Dies war dein Weg - und nur so kann die Fortsetzung aussehen. Der Entschluss kann nur folge-richtig sein, wenn er konsequent das Gewesene mit einschliesst und das Angefangene zu Ende bringt.
Jesus ist auf seiner Wanderung durch Galiläa an solch einem Wende-punkt angelangt. Wohin er sich jetzt begeben wird, das wird Folgen haben. Jesus wußte das. Aber noch war es nicht allen Jüngern klar. An ihnen lag es nun, die Wende mit zu vollziehen. Bis jetzt waren sie einem Prediger gefolgt, der über Land gezogen war, dabei die grossen Städte sogar gemieden hatte. Jetzt aber wandte sich Jesus der Stadt Jerusalem zu. Geistiger Mittelpunkt und Ort aller Verheissungen für die Frommen. Und zugleich der Ort, der mit dem Wirken Jesu schicksalhaft verbunden ist. Die Jünger wussten noch nicht, auf welchen Weg sie sich von nun ab begeben - und dass ihr Leben und ihr Dasein geprägt werden davon - wie jedes Leben, das sich auf Jesus einlässt. Das Markusevangelium erzählt im 8. Kapitel von der Standortbestimmung, dem menschlichen Vorschlag von Irrwegen und den Bedingungen, ohne die es nicht weitergeht in der Nachfolge Jesu.
Ich lese die Verse 31 bis 38 und den 1. Vers von Kapitel 9:
text: Mk 8, 31 - 9,1
Liebe Gemeinde,
auch wenn Jesus in Cäsarea -Philippi, wo er diese Wort spricht, auf gradem Wege, auf einer ebenen Fläche gestanden haben sollte, so stelle ich mir doch vor, dass er vor seinem geistigen Auge einen Weg über einem Abgrund sieht - und ihn hier ebenso seine Jünger sehen lässt. Eine Wendemarke auf der Wanderschaft Jesu ist es. Von hier ab wird es steinig. Und nicht nur das. Am Wegesrand lauert die Schlucht, in die man abzustürzen droht. Und am Wegesende, so sagt es Jesus, da wartet sogar der Tod - zumindest für ihn. Wer je auf einer Wanderschaft in den Bergen an so einen abschüssigen Weg geraten ist, der kennt dieses unheimliche und ängstigende Gefühl: Wenn du hier nur einen falschen Schritt machst, dann kann das schrecklich für dich enden. Und man überlegt sich lieber zweimal, ob man diesen Weg gehen muss, oder ob es nicht doch einen anderen Weg gibt - oder sogar, wenn nichts hilft, der Weg zurück das Beste wäre.
Jesus ist mit seinen Jüngern geographisch am nördlichsten Punkt seiner Reise angelangt. Jerusalem liegt in ihrem Rücken, hunderte von Kilometern, Tagereisen weit entfernt. Doch muss man denn nach Jerusalem? Kann die Schar denn nicht dahin zurückkehren, wo sie lange war, wo die meisten von ihnen auch zu Hause sind - an den See Genezareth, nach Kapernaum wieder einmal zum Beispiel oder auch in eine andere Stadt am See. Und Jesus wird predigen. Und das Volk wird ihn hören und ihn lieben. Und Jesus wird Kranke und Gesunde segnen und ihnen weiter vom Reich Gottes erzählen, das nahe her-beigekommen ist, und dass sie nun hoffen können, dass bald alles anders sein wird. Und es wird die Menschen froh machen, dass sie dadurch ihr Schicksal leichter tragen. Und auch die Jünger werden weiter von ihrem Meister lernen, werden Gottes Güte in den Gleich-nissen entdecken und Anleitung haben für ihr eigenes Verhalten, so dass sie selbst nach Menschlichkeit und Barmherzigkeit streben. Wenn sich davon dann alle anstecken lassen, das ist doch schon etwas.
Es liegt doch noch so vieles vor Jesus und seinen Jüngern. Es gibt doch noch zahlreiche andere Städte zu besuchen. Muß es denn gerade Jerusalem sein, wo nichts Gutes zu erwarten ist, wie Jesus selbst weiss. Wo der Abgrund, wo das Verderben lauert. Zwar wäre es schon toll, in dieser Hochburg der Theologie, auf dem Zion, der Gottesstadt zu lehren. Aber vielleicht ist das auch zu hoch gegriffen? Es waren doch nicht die hohen Herren, die Jesus verehrten. Das wusste er doch. Warum wollte er also nicht bei den kleinen Leuten bleiben? Oder war Jesus jetzt sogar versessen auf Macht und Einfluss, dass ihm Bethsaida, oder Tiberias oder Magdala am See Genezareth zu wenig geworden wären? Dort war es schön. Dort war es ruhig. Und vor allem: Dort war es nicht gefährlich!
Es ist ein Gedankenspiel - so wie man sich ja alle Möglichkeiten nun einmal durchspielt, wenn Entscheidungen gefragt sind auf einer Wegstrecke. Was spricht schon für Jerusalem an dieser Wende-marke? Was soll man sich auf einen Weg ins Leiden machen, wo es anderswo Menschen gibt, die ihn lieber feiern wollen als ihm nach dem Leben zu trachten. Besser doch ein kleiner Lehrer in der Provinz sein, als ein toter Meister in der Haupstadt , als der er dann nun wahrlich nicht mehr helfen und wirken kann.
Ausgeführt sind dies die Gedanken des Petrus. Auf die Leidensankün-digung Jesus legt er sie vor ihn: Was bringt's? Bedenke die Möglich-keiten. Ergreife das Naheliegende, nicht das Ferne. Lass doch verloren sein, was verloren sein will, Jerusalem mit all seinen Schriftgelehrten, Hohepriestern, Stadthaltern, Richtern, hohen Beamten, Militärchefs, Ordnungshütern, mit auch den bornierten Leuten, die es dort gibt. Verschwende nicht deine Kraft dort, Jesus: Hast du nicht selbst gesagt in der Bergpredigt, man solle doch auch keine Perlen vor Säue werfen. Was anderes aber ist das: In Jerusa-lem predigen?
"Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihn zu wehren." Das ist die Situation. Und sie ist sicher nicht nur das Verwerflichste, son-dern zuerst sogar die menschliche, wenn auch kurzsichtige Reaktion, oder schlicht der klare Menschenverstand. Und wir, die wir mit Jesus auf dem Weg sind, müssen uns zuweilen fragen, ob wir nicht mit den ebenso besten Absichten auf der gleichen Linie des Petrus liegen. Auch bei uns gibt es eine Vorstellung von einer ganz sinnvollen Christlichkeit, die doch vornehme Aufgaben hat. Helfen, wo die Not herrscht. Aufbauend predigen. Denen, die unter die Räder der Welt geraten sind beistehen. Als Christ einem Obdachlosen im Winter ein Quartier geben. Abgewiesen Asylbewerber seelsorgerlich betreuen. Kindern in der Gemeinde eine Heimat geben. Bei einem Kranken ein Gebet sprechen und ihm so neues Gottvertrauen schenken. Frieden stiften zwischen den Zerstrittenen. Aufbauseminare anbieten für Menschen in einer Lebenskrise. Vergebung und Ver-zeihung lehren als Bestandteile christlichen Handelns. Gutes tun und miteinander teilen.
Wer würde hier widersprechen? Und doch bedeutet ein solches Christsein ein immerwährendes Leben wie in einem der Dörfer am See Genezareth und es könnte leicht schief gehen, wenn man sich nur noch gefallen wollte in diesem Wohlwollen, so ehrlich es auch gemeint ist. Denn auch Petrus ist ehrlich zu Jesus und epfiehlt den einfacheren Weg, den Weg der Behutsamkeit, mitunter aber auch den Weg, der in den heimischen Reihen geschützt bleibt. Geh doch zu denen, die dich verstehen, Jesus, und nicht zu denen, die dich er-morden wollen. Und so lassen doch wir auch unsere Kirche im Dorf und tragen unsere Anliegen nicht dorthin, wo wir mit ihnen anecken. Lassen wir unsere christlichen Regeln und Werte für uns gültig sein und fordern nicht andere auf, indem wir zum Kampf gegen Unge-rechtigkeit aufrufen. Indem wir benennen, wo Unmenschlichkeit geschieht. Indem wir Busse mehr als eine Übung hinter Kirchen-mauern sein lassen, zu der alle in der Gesellschaft angehalten sind- ganz besonders die, die es nicht hören wollen.
Geh nicht nach Jerusalem, Jesus, wo dein Predigen keinen Zweck hat. Und gehen wir tunlichst nicht zu unserer eigenen Kreuzigung, wo wir mit unseren Vorstellungen nur als unqualifiziert oder welt-fremd scheitern können. Wo wir uns Zorn oder Unverständnis holen könnten, wenn Christen einmal mehr als nur Schadensbegrenzung und Verhütung des Schlimmsten anmahnen. Kümmern wir uns in der Kirche um die Opfer, nicht aber um Täter.
War das aber der Weg, den Jesus gehen konnte? Von der kommenden welt reden, oder nur von ihr träumen, nicht aber für sie ganz und gar auch einstehen? Die Antwort Jesu gegenüber Petrus fällt ungeheuer hart aus: "Geh weg von mir, Satan!" Denn die Versuchung ist gross, auch für Jesus, bei dem Bekannten zu bleiben und sich zu beschränken. Die Verlockung, Anstoss zu vermeiden und Leid aus dem Weg zu gehen, ist ganz real vorhanden. Doch dann wäre auch die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit dahin, dass das Reich Gottes auch gegen Widerstände und gegen Schwierigkeiten kommen muß. Blieben die Jünger wo sie sind, weigerte sich Petrus den Weg mitzugehen, der auch Leiden bedeutet, so wären sie wahrlich nur Schönwetter-jünger. So wie es auch nur Schönwetterchristen gibt. Die da sind, solange alles ohne Probleme läuft. Die Wohlfahrtsaufgaben wahrnehmen, solange sie dafür gelobt und hoch angesehen werden. Die gerne in der Gemeinde sind, soweit sie damit ihr Naturell aus-leben können, sei es als Helfer, als Macher, oder als hörender Jünger oder Jüngerin, ganz wie es ihnen entspricht und wo sie noch immer sagen können: Das und das kommt mir entgegen, deckt sich mit meinen Interessen. Aber nach Jerusalem gehen und dort womöglich alle miteinander gefangen gesetzt zu werden, das entsprach den Ambitionen des Petrus nicht und auch sicher nicht denen der anderen.
Menschen halten sich gerne an jesus, solange sie sagen können: Du bist der größte! Das hatte ganz unmittelbar vor unserem Abschnitt auch Petrus gesagt, als er Jesus auf die Frage, wer er sei, antworte-te: Du bist der Christus, der Gesalbte, der von Gott Erwählte. Und Jesus fragt nach: "Auch wenn ich dort am Kreuz hängen werde?" Wann bin ich für Euch der grösste? Wann bin ich für euch der Messias: Dann, wenn mir die Menschen scharenweise nachlaufen? Dann, wenn ich mich um die Randsiedler meines Volkes kümmere. Und dann, wenn ich den Grossspurigen ihre Kleinlichkeit nachweise. Oder auch dann noch, wenn ich mich nicht wehre. Wenn ich verach-tet werde und auch euch, die ihr bei mir sein wolltet, mit hinein-ziehe? Auch dann noch, wenn ich sterbe und ihr es gleich mir müsstet?
Es ist die Frage, wer die Wendeschleife vom Lehrenden zu Leidenden mit nachvollzieht, wer daraus Ernst macht, aus dem Lied: Lasset uns mit Jesus ziehen, auch die Tat werden zu lassen. Der nehme sein Kreuz auf sich.
Das kann eine Gruppe von Menschen sein, die für ihr christliches Engagement Zeit opfert und und anderen, vielleicht sogar vergnüg-licheren oder entspannenderen Möglichkeiten entsagt. Die nicht danach fragen, was gerade im Trend ist oder wo ich die meisten meiner Nachbarn treffe, oder wo es ehrenvoller oder verdienst-voller ist, dabei zu sein. Menschen, die nicht allein nach ihren Interessen gehen, sondern nach dem Interesse Gottes an ihrem Leben und ihren Fertigkeiten fragen. Menschen, die sich um dieses Jesus Christus willen auf einen einsamen Posten stellen, wo sie zusehen müssen, daß alles und alle sie verlassen und sie so nur immer noch schwererhaben, Verkündigung des Evangeliums aufrecht zu erhalten. Menschen, die auch einmal nicht zu jeder Zeit das Gefühl haben, es sei alles gut,was sie machen oder auch nur annähernd richtig, und die nur auf Gottes Hilfe vertrauen und seine Vergebung, wo es dann doch scheitern sollte. Aber die sind es, die dann doch das Kreuz auf sich nehmen und es im ersten Augenblick gar nicht glauben. Die sind es, die längst schon über den Wendepunkt mit Jeus herum sind und sich immer noch und immer wieder fragen: Werde ich das jemals schaffen. Und die sich beruhigen lassen: Mit Gott , da schaffe ich es. Denn sie sind es, die eine ganze Menge Einsatz ihres Lebens leisten und scheinbar immer nur verlieren. Und die sind es aber auch, die stets von neuem die Erfahrung machen: In dir, Herr, habe ich mein Leben erst gewonnen. Der Einsatz lohnt. Lasset uns mit Jesus ziehen. Das heißt: einen Weg gehen, der uns etwas abverlangt. Einen Weg, der mehr fordert als er verspricht. Wir können es, weil ihn Jesus vorausgegangen ist. Er macht uns frei, das vertraute hinter uns zu lassen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Dort aber ist das Ziel.
Amen
in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 452, 1 - 3 + 5 Er weckt mich alle Morgen...
Psalm 31 (Nr. 716)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: 1. Korinther 13, 1 – 7
Lied: 384, 1 – 4 Lasset uns mit Jesus ziehen...
Predigt zu Mk 8, 31 – 38 (9,1)
Orgelmeditation
Lied 414, 1 – 4 Lass mich o Herr in allen Dingen auf deinen Willen sehn und dir mich weihn...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 658, 1 – 4 Lasst uns den Weg der Gerechtigkeit ziehn
Abkündigungen
Segensstrophe 157 Lass mich dein sein und bleiben...
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am Sonntag Estomihi, 22. 02. 2009 in der Jakobuskirche Kuchen am Sonttag Invocavit 01.03.09 in Süßen und Donzdorf
>Die Gnade unseres Herrn, Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
wer auf einem Weg ist, kommt irgendwann einmal an Stellen, an denen er sich entscheidet, wohin es nun gehen soll. Weiter auf dem eigeschlagenen Weg? Oder seitab? Oder stehe ich an einem Wende-punkt, an dem sich etwas ändert; auf einer Bergkuppe, wo es von nun an bergab geht, oder in einer Talsole, von wo aus der Weg nach oben führt. Manchmal ergibt sich die Entscheidung so auf dem Weg, ohne größere Überlegungen. Meistens aber kostet es einige Gedan-ken, in denen ich mir klar werde: Dies war dein Weg - und nur so kann die Fortsetzung aussehen. Der Entschluss kann nur folge-richtig sein, wenn er konsequent das Gewesene mit einschliesst und das Angefangene zu Ende bringt.
Jesus ist auf seiner Wanderung durch Galiläa an solch einem Wende-punkt angelangt. Wohin er sich jetzt begeben wird, das wird Folgen haben. Jesus wußte das. Aber noch war es nicht allen Jüngern klar. An ihnen lag es nun, die Wende mit zu vollziehen. Bis jetzt waren sie einem Prediger gefolgt, der über Land gezogen war, dabei die grossen Städte sogar gemieden hatte. Jetzt aber wandte sich Jesus der Stadt Jerusalem zu. Geistiger Mittelpunkt und Ort aller Verheissungen für die Frommen. Und zugleich der Ort, der mit dem Wirken Jesu schicksalhaft verbunden ist. Die Jünger wussten noch nicht, auf welchen Weg sie sich von nun ab begeben - und dass ihr Leben und ihr Dasein geprägt werden davon - wie jedes Leben, das sich auf Jesus einlässt. Das Markusevangelium erzählt im 8. Kapitel von der Standortbestimmung, dem menschlichen Vorschlag von Irrwegen und den Bedingungen, ohne die es nicht weitergeht in der Nachfolge Jesu.
Ich lese die Verse 31 bis 38 und den 1. Vers von Kapitel 9:
text: Mk 8, 31 - 9,1
Liebe Gemeinde,
auch wenn Jesus in Cäsarea -Philippi, wo er diese Wort spricht, auf gradem Wege, auf einer ebenen Fläche gestanden haben sollte, so stelle ich mir doch vor, dass er vor seinem geistigen Auge einen Weg über einem Abgrund sieht - und ihn hier ebenso seine Jünger sehen lässt. Eine Wendemarke auf der Wanderschaft Jesu ist es. Von hier ab wird es steinig. Und nicht nur das. Am Wegesrand lauert die Schlucht, in die man abzustürzen droht. Und am Wegesende, so sagt es Jesus, da wartet sogar der Tod - zumindest für ihn. Wer je auf einer Wanderschaft in den Bergen an so einen abschüssigen Weg geraten ist, der kennt dieses unheimliche und ängstigende Gefühl: Wenn du hier nur einen falschen Schritt machst, dann kann das schrecklich für dich enden. Und man überlegt sich lieber zweimal, ob man diesen Weg gehen muss, oder ob es nicht doch einen anderen Weg gibt - oder sogar, wenn nichts hilft, der Weg zurück das Beste wäre.
Jesus ist mit seinen Jüngern geographisch am nördlichsten Punkt seiner Reise angelangt. Jerusalem liegt in ihrem Rücken, hunderte von Kilometern, Tagereisen weit entfernt. Doch muss man denn nach Jerusalem? Kann die Schar denn nicht dahin zurückkehren, wo sie lange war, wo die meisten von ihnen auch zu Hause sind - an den See Genezareth, nach Kapernaum wieder einmal zum Beispiel oder auch in eine andere Stadt am See. Und Jesus wird predigen. Und das Volk wird ihn hören und ihn lieben. Und Jesus wird Kranke und Gesunde segnen und ihnen weiter vom Reich Gottes erzählen, das nahe her-beigekommen ist, und dass sie nun hoffen können, dass bald alles anders sein wird. Und es wird die Menschen froh machen, dass sie dadurch ihr Schicksal leichter tragen. Und auch die Jünger werden weiter von ihrem Meister lernen, werden Gottes Güte in den Gleich-nissen entdecken und Anleitung haben für ihr eigenes Verhalten, so dass sie selbst nach Menschlichkeit und Barmherzigkeit streben. Wenn sich davon dann alle anstecken lassen, das ist doch schon etwas.
Es liegt doch noch so vieles vor Jesus und seinen Jüngern. Es gibt doch noch zahlreiche andere Städte zu besuchen. Muß es denn gerade Jerusalem sein, wo nichts Gutes zu erwarten ist, wie Jesus selbst weiss. Wo der Abgrund, wo das Verderben lauert. Zwar wäre es schon toll, in dieser Hochburg der Theologie, auf dem Zion, der Gottesstadt zu lehren. Aber vielleicht ist das auch zu hoch gegriffen? Es waren doch nicht die hohen Herren, die Jesus verehrten. Das wusste er doch. Warum wollte er also nicht bei den kleinen Leuten bleiben? Oder war Jesus jetzt sogar versessen auf Macht und Einfluss, dass ihm Bethsaida, oder Tiberias oder Magdala am See Genezareth zu wenig geworden wären? Dort war es schön. Dort war es ruhig. Und vor allem: Dort war es nicht gefährlich!
Es ist ein Gedankenspiel - so wie man sich ja alle Möglichkeiten nun einmal durchspielt, wenn Entscheidungen gefragt sind auf einer Wegstrecke. Was spricht schon für Jerusalem an dieser Wende-marke? Was soll man sich auf einen Weg ins Leiden machen, wo es anderswo Menschen gibt, die ihn lieber feiern wollen als ihm nach dem Leben zu trachten. Besser doch ein kleiner Lehrer in der Provinz sein, als ein toter Meister in der Haupstadt , als der er dann nun wahrlich nicht mehr helfen und wirken kann.
Ausgeführt sind dies die Gedanken des Petrus. Auf die Leidensankün-digung Jesus legt er sie vor ihn: Was bringt's? Bedenke die Möglich-keiten. Ergreife das Naheliegende, nicht das Ferne. Lass doch verloren sein, was verloren sein will, Jerusalem mit all seinen Schriftgelehrten, Hohepriestern, Stadthaltern, Richtern, hohen Beamten, Militärchefs, Ordnungshütern, mit auch den bornierten Leuten, die es dort gibt. Verschwende nicht deine Kraft dort, Jesus: Hast du nicht selbst gesagt in der Bergpredigt, man solle doch auch keine Perlen vor Säue werfen. Was anderes aber ist das: In Jerusa-lem predigen?
"Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihn zu wehren." Das ist die Situation. Und sie ist sicher nicht nur das Verwerflichste, son-dern zuerst sogar die menschliche, wenn auch kurzsichtige Reaktion, oder schlicht der klare Menschenverstand. Und wir, die wir mit Jesus auf dem Weg sind, müssen uns zuweilen fragen, ob wir nicht mit den ebenso besten Absichten auf der gleichen Linie des Petrus liegen. Auch bei uns gibt es eine Vorstellung von einer ganz sinnvollen Christlichkeit, die doch vornehme Aufgaben hat. Helfen, wo die Not herrscht. Aufbauend predigen. Denen, die unter die Räder der Welt geraten sind beistehen. Als Christ einem Obdachlosen im Winter ein Quartier geben. Abgewiesen Asylbewerber seelsorgerlich betreuen. Kindern in der Gemeinde eine Heimat geben. Bei einem Kranken ein Gebet sprechen und ihm so neues Gottvertrauen schenken. Frieden stiften zwischen den Zerstrittenen. Aufbauseminare anbieten für Menschen in einer Lebenskrise. Vergebung und Ver-zeihung lehren als Bestandteile christlichen Handelns. Gutes tun und miteinander teilen.
Wer würde hier widersprechen? Und doch bedeutet ein solches Christsein ein immerwährendes Leben wie in einem der Dörfer am See Genezareth und es könnte leicht schief gehen, wenn man sich nur noch gefallen wollte in diesem Wohlwollen, so ehrlich es auch gemeint ist. Denn auch Petrus ist ehrlich zu Jesus und epfiehlt den einfacheren Weg, den Weg der Behutsamkeit, mitunter aber auch den Weg, der in den heimischen Reihen geschützt bleibt. Geh doch zu denen, die dich verstehen, Jesus, und nicht zu denen, die dich er-morden wollen. Und so lassen doch wir auch unsere Kirche im Dorf und tragen unsere Anliegen nicht dorthin, wo wir mit ihnen anecken. Lassen wir unsere christlichen Regeln und Werte für uns gültig sein und fordern nicht andere auf, indem wir zum Kampf gegen Unge-rechtigkeit aufrufen. Indem wir benennen, wo Unmenschlichkeit geschieht. Indem wir Busse mehr als eine Übung hinter Kirchen-mauern sein lassen, zu der alle in der Gesellschaft angehalten sind- ganz besonders die, die es nicht hören wollen.
Geh nicht nach Jerusalem, Jesus, wo dein Predigen keinen Zweck hat. Und gehen wir tunlichst nicht zu unserer eigenen Kreuzigung, wo wir mit unseren Vorstellungen nur als unqualifiziert oder welt-fremd scheitern können. Wo wir uns Zorn oder Unverständnis holen könnten, wenn Christen einmal mehr als nur Schadensbegrenzung und Verhütung des Schlimmsten anmahnen. Kümmern wir uns in der Kirche um die Opfer, nicht aber um Täter.
War das aber der Weg, den Jesus gehen konnte? Von der kommenden welt reden, oder nur von ihr träumen, nicht aber für sie ganz und gar auch einstehen? Die Antwort Jesu gegenüber Petrus fällt ungeheuer hart aus: "Geh weg von mir, Satan!" Denn die Versuchung ist gross, auch für Jesus, bei dem Bekannten zu bleiben und sich zu beschränken. Die Verlockung, Anstoss zu vermeiden und Leid aus dem Weg zu gehen, ist ganz real vorhanden. Doch dann wäre auch die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit dahin, dass das Reich Gottes auch gegen Widerstände und gegen Schwierigkeiten kommen muß. Blieben die Jünger wo sie sind, weigerte sich Petrus den Weg mitzugehen, der auch Leiden bedeutet, so wären sie wahrlich nur Schönwetter-jünger. So wie es auch nur Schönwetterchristen gibt. Die da sind, solange alles ohne Probleme läuft. Die Wohlfahrtsaufgaben wahrnehmen, solange sie dafür gelobt und hoch angesehen werden. Die gerne in der Gemeinde sind, soweit sie damit ihr Naturell aus-leben können, sei es als Helfer, als Macher, oder als hörender Jünger oder Jüngerin, ganz wie es ihnen entspricht und wo sie noch immer sagen können: Das und das kommt mir entgegen, deckt sich mit meinen Interessen. Aber nach Jerusalem gehen und dort womöglich alle miteinander gefangen gesetzt zu werden, das entsprach den Ambitionen des Petrus nicht und auch sicher nicht denen der anderen.
Menschen halten sich gerne an jesus, solange sie sagen können: Du bist der größte! Das hatte ganz unmittelbar vor unserem Abschnitt auch Petrus gesagt, als er Jesus auf die Frage, wer er sei, antworte-te: Du bist der Christus, der Gesalbte, der von Gott Erwählte. Und Jesus fragt nach: "Auch wenn ich dort am Kreuz hängen werde?" Wann bin ich für Euch der grösste? Wann bin ich für euch der Messias: Dann, wenn mir die Menschen scharenweise nachlaufen? Dann, wenn ich mich um die Randsiedler meines Volkes kümmere. Und dann, wenn ich den Grossspurigen ihre Kleinlichkeit nachweise. Oder auch dann noch, wenn ich mich nicht wehre. Wenn ich verach-tet werde und auch euch, die ihr bei mir sein wolltet, mit hinein-ziehe? Auch dann noch, wenn ich sterbe und ihr es gleich mir müsstet?
Es ist die Frage, wer die Wendeschleife vom Lehrenden zu Leidenden mit nachvollzieht, wer daraus Ernst macht, aus dem Lied: Lasset uns mit Jesus ziehen, auch die Tat werden zu lassen. Der nehme sein Kreuz auf sich.
Das kann eine Gruppe von Menschen sein, die für ihr christliches Engagement Zeit opfert und und anderen, vielleicht sogar vergnüg-licheren oder entspannenderen Möglichkeiten entsagt. Die nicht danach fragen, was gerade im Trend ist oder wo ich die meisten meiner Nachbarn treffe, oder wo es ehrenvoller oder verdienst-voller ist, dabei zu sein. Menschen, die nicht allein nach ihren Interessen gehen, sondern nach dem Interesse Gottes an ihrem Leben und ihren Fertigkeiten fragen. Menschen, die sich um dieses Jesus Christus willen auf einen einsamen Posten stellen, wo sie zusehen müssen, daß alles und alle sie verlassen und sie so nur immer noch schwererhaben, Verkündigung des Evangeliums aufrecht zu erhalten. Menschen, die auch einmal nicht zu jeder Zeit das Gefühl haben, es sei alles gut,was sie machen oder auch nur annähernd richtig, und die nur auf Gottes Hilfe vertrauen und seine Vergebung, wo es dann doch scheitern sollte. Aber die sind es, die dann doch das Kreuz auf sich nehmen und es im ersten Augenblick gar nicht glauben. Die sind es, die längst schon über den Wendepunkt mit Jeus herum sind und sich immer noch und immer wieder fragen: Werde ich das jemals schaffen. Und die sich beruhigen lassen: Mit Gott , da schaffe ich es. Denn sie sind es, die eine ganze Menge Einsatz ihres Lebens leisten und scheinbar immer nur verlieren. Und die sind es aber auch, die stets von neuem die Erfahrung machen: In dir, Herr, habe ich mein Leben erst gewonnen. Der Einsatz lohnt. Lasset uns mit Jesus ziehen. Das heißt: einen Weg gehen, der uns etwas abverlangt. Einen Weg, der mehr fordert als er verspricht. Wir können es, weil ihn Jesus vorausgegangen ist. Er macht uns frei, das vertraute hinter uns zu lassen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Dort aber ist das Ziel.
Amen


