Abendmahlsgottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag, 25. 12. 2010 
 
in der Jakobuskirche Kuchen 
 
 
Chor: „Stimmet Hosianna an“
 
Begrüßung:
 
Lied: 33, 1 – 3 Brich an du schönes Morgenlicht...
 
 
Psalm 98 (Nr. 739)
 
 
            Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
 
 
Gebet / Stilles Gebet
 
Glaubensbekenntnis
 
Schriftlesung: Matthäus 2, 1 – 12
 
 
Lied: 37, 1 + 6 + 8 + 9 Ich steh an deiner Krippen hier
 
 
Predigt: Micha 5, 1 – 4
 
 
            Chor: O Bethlehem, du kleine Stadt...
 
 
Hinführung zum Abendmahl
 
Beichtgebet
 
Vergebungszusage
 
 
            Chor: Ehre sei Gott in der Höhe
 
Einsetzungsworte
 
Abendmahlsausteilung
 
 
Dank- und Fürbittegebet (eingeführt mit Psalm 103)
 
Vaterunser
 
 
Lied: 36, 1 – 3 + 6 Fröhlich soll mein Herze springen...
 
Abkündigungen
 
Segen
 
Orgelnachspiel
 
 
 
Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag, 25. 12. 2010  in der Jakobuskirche Kuchen                                                   III. Reihe Micha 5, 1 – 4a
 
 
< Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen seines Wohlgefallens>  
 
 
 
Liebe Gemeinde,
 
jetzt ist wirklich Weihnachten. Der Heilige Abend gestern hat das Fest eröffnet. Der Gottesdienst in der Nacht hat noch einmal seine Bedeutung vertieft. Jetzt sind wir angekommen bei den beiden glanzvollen Feiertagen. Alles, was an Musik, an Lichtern, an Schmuck, an Geist dieses Fest bereichern soll, ist da. Es darf aus dem Vollen geschöpft werden.
 
Und es soll nicht von einem großen „Aber...“ die Rede sein, mit dem die Dinge ein wenig oder grundsätzlich zu recht gerückt werden. Kritische Anmerkungen, mit denen wir auf Ungereimtheiten gestoßen werden. Nein, heute soll Freude herrschen. Heute soll sich der Klang ausbreiten dürfen, dass uns der Heiland geboren ist und wir nichts mehr zu befürchten haben. Mit dem Tag heute wollen wir uns wieder an die Stelle begeben, wo alles begann. Und nichts soll uns entgehen, was hier seinen Lauf nimmt.
 
Wo fängt alles an? Im Stall natürlich. Oder ist es schon in Nazareth, wo der Engel Maria begegnet? Oder ist es gar noch früher, im Morgenland, wo lange vor Weihnachten Weise die Sterne beobachten und sich nach einer Entdeckung auf den Weg nach Israel machen. Gewiss, es hängst alles miteinander zusammen. Und doch reicht unser beschauliches Fest weiter zurück als bis zum ursprünglichen Weihnachtsgeschehen. Was für uns der Anfang der Geschichte ist, ist unter einem anderen Blickwinkel betrachtet das Ende einer Geschichte. Und der, den wir ganz selbstverständlich für unseren Retter halten, der da auf einmal in die Welt kam, der wurde zu jener Zeit von anderen schon auf das sehnlichste erwartet. Und zugleich war es für niemanden in Sicht, dass dieses Geschehen gerade Wirklichkeit wird.
 
Mit andern Worten: Unserem ureigenen Fest liegt eine uralte Verheißung zu Grunde. So wenig wie die Menschen damals die Erfüllung sahen, so wenig, kann es sein, erinnern wir uns heute dieser Vorgeschichte. Etwas ist auseinander gefallen: die Weihnachtstradition und die Messiaserwartung. Das Jesuskind und der neue Herr für das Gottesvolk. Aber wir können Gottes Handeln nur verstehen, wenn wir auf die ganze Geschichte blicken.
 
So fangen wir vor dem Anfang an, fangen an beim Propheten Micha, der Großes verheißt im 5. Kapitel des nach ihm benannten Buches:
 
                                   Text: Micha 5, 1 – 4a
 
Liebe Gemeinde,
 
Gottfried Herder sprach von dem großen Graben, der uns und die biblische Wirklichkeit trennt. Lange, allzu lange ist schon alles her, als dass wir noch verstehen und nachfühlen können, was genau die Menschen damals gesucht und vielleicht gefunden haben. So lange, dass wir nicht wissen, ob wir so weit entfernt Lebende noch dasselbe suchen oder ihren Fund für uns mit annehmen können.
 
Ein Kind wurde geboren. Es ist 2000 Jahre her. Ein Prophet sieht das Kommen eines Menschen voraus, der aus der Not befreit und das Zertrennte vereint. Er formuliert seine Schau noch einmal 500 Jahre vor der Geburt Jesu. Und alles soll darauf hinauslaufen, dass der eine, von der Voraussage über das Wahrwerden bis zur Feier heute eine unverrückbare Gültigkeit hat. Es ist unglaublich und es ist einmalig in der Geschichte und es kann gar nicht so bruchlos aufgehen, wie immer es auch zusammen gesehen wird.
 
Ein Herr wird kommen, ein Herrscher. In Bethlehem wird er geboren. Ein winziger Ort, der auf keiner größeren Landkarte mehr Erwähnung fände, so unbedeutend er von seiner Größe her ist. Aber jedes Kind kennt den Namen des Ortes. Obwohl bei weitem die wenigsten schon einmal dort gewesen sind. Und wer dort war, der würde es vielleicht bestätigen, wenn gesagt wird: dieser Ort ist an sich nichts Besonderes.
 
Rom war etwas Besonderes und ist es bis heute. Byzanz hatte seine Zeit. Alexandria und natürlich Jerusalem, die ewige Stadt. Aber was ist Bethlehem? Der Ort unserer Krippenspiele. Der Ort, der eigentlich nur aus einer unwirtlichen Herberge und einem Stall – Gott sei Dank – bestand. Wohnten für uns denn dort je noch mehr Leute? Bethlehem ist eine Kulisse, ist ein Hintergrund, ist ein Zufallsdorf.
 
Aber für Micha war Bethlehem ein heimlicher Mittelpunkt. Ein Geheimtipp. Warum eigentlich? Weshalb musste es dieses kleine Dorf sein?
 
Da spielt Symbolisches mit. In Bethlehem wurde David geboren. In Bethlehem wurde er von Samuel zum König gekrönt. Wie lange war das her, von Micha aus gesehen. Und wie lange erst von uns aus. David, immer wieder David. Er war der König, unter dem Israel die größte Ausdehnung, die größte Fläche hatte. Er war der Garant für Sicherheit und Wohlstand. Unter David begriff sich Israel erstmals als ein ganzes Volk und nicht nur als eine Stämmeansammlung. In Davids Zeit begann man die Geschichte und die Gesetze aufzuschreiben. In Davids Zeit bekam Israel seine bleibende Hauptstadt.
 
Darum muss der Davidssohn aus Bethlehem kommen. Und er muss all das wiederbringen, was verloren war. Verloren war zur Zeit des Micha an die Perser im Osten, die Israel überrannt und ihren König gedemütigt hatten. Verloren war auch zu der Zeit als Jesus geboren wurde, weil die Römer alles unter ihrer Herrschaft hatten.
 
Der, der da kommen soll, war der erwartete Befreier, war der Starke, war der Sicherheitsgarant, war der Sieger gegen die Mächte, die ihr Spiel trieben mit den armen, aber hoffenden Menschen.
 
„Du Bethlehem, Ephrata, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei.“
 
Und gehen wir noch einmal ein Stückchen zurück: Zwei Frauen sind unterwegs, sie kommen aus Moab, einem Nachbarland Israels. Es sind Ruth und Noomi. Eine Ausländerin und eine alte Frau, die alles verloren hat. Und sie wollen nach Bethlehem, da wo Noomi herkam. Das Dorf, das sie verließ, weil es nur noch Missernten gab. Das Dorf, das ihre einzige Hoffnung ist für ihr Leben, ihr Überleben. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Und wo du bleibst, da bleibe auch ich, sollte Ruth zu ihrer Schwiegermutter sprechen. Bleiben in Bethlehem. Ein neues Leben beginnen.
 
Das war der Traum der Verschleppten zu Michas Zeit und danach. Die da in Babylon an den Wassern saßen und weinten. In ihre Heimat wollten sie. Nach Bethlehem oder wo sie sonst zu Hause waren. Und ihr Befreier, ihr Erlöser, der das bewirken konnte, musste aus Bethlehem kommen. Denn Noomi und Ruth fanden dort ihr spätes Glück. Und Ruth war die Urgroßmutter des späteren Königs David.
 
Große Erinnerungen hingen an Bethlehem und große Erwartungen. Erneuerung, Stärkung, ins Recht gesetzt werden, Leben, Erfüllung. Das verhieß Bethlehem.
 
Aber Jesus, der dann dort geboren wurde, war kein David mehr in diesem Sinne.   Er war kein Volkstribun, kein Massenbeweger. Er war kein Rädelsführer, der Mächtigen die Stirn bot, kein Organisator für Aufstände und Umstürze. Kein König unter flatternden Standarten.
 
Er war letztlich der, der die Dornenkrone trug. Er war letztlich der, der zu Kreuze kroch, der Tod und Unteergang erlitt. Wie das ganze Volk schon immer. In ihm wetterten und spieen sie auf ihr eigenes Schicksal. Ihr Schicksal, das sich mit Bethlehem nicht geändert hatte. Bethlehem hatte ihnen nichts geschenkt.
 
Und doch soll sich diese Geschichte mit unserer verschränken? Das Volk, die Menschen von damals mit ihrer Enttäuschung, ja der Mensch Jesus selbst, sind untergegangen. Aber der Geist lebt fort. Der Glaube, dass einer die Wende bringt. Das Festhalten an einen, der Leben ermöglicht. Und Bethlehem steht dafür. Und Jesus ersteht neu aus den untergegangenen Hoffnungen. Ersteht daraus als Gottes Sohn, der etwas anderes bringt als Größe, Macht, Prosperität, der anderes bringt als staatliches Selbstbewusstsein. Der mehr gibt, als individuelles Glück. Gottes Sohn, der nicht gekommen ist um eine schöne Geschichte zu ihrem guten Ende zu führen, sondern der kam, um Gottes Willen über diesen Punkt hinaus zu führen. Und der auch kam, wenn man so will, um über Bethlehem hinaus zu gelangen. Jedenfalls das Bethlehem, das nur vordergründig einen Helden, eine Lichtgestalt, einen Übermenschen aus sich entstehen lassen soll.
 
Micha verheißt ja doch auch schon mehr. Aber das Volk, mit sich selbst beschäftigt, sah es nicht.
 
Nicht einen Hauptmann, einen Befehlshaber sieht Micha in dem Herrscher Israels. Das wollte andere in ihm sehen. Der Prophet Micha aber spricht von einem Hirten. Einer, der die Herde beisammen hält. Einer, der behütet und bewahrt. Einer, der sammelt und eint.
 
Und da spricht Jesus von sich als dem guten Hirten. Er geht dem Verlorenen nach. Er kennt die, die zu ihm gehören und sie kennen seine Stimme. Er setzt sein Leben ein für die ihm Anvertrauten. Er will sein Volk einen unter Gott.
 
So schreibt es Micha: „Er aber wird auftreten und weiden in der Macht des Herrn“. So ist es in Jesus erfüllt.
 
Liebe Gemeinde, auch unter uns gibt es immer wieder und auch immer noch solche Bethlehem-Träume. Der Wunsch nach persönlichem Wohlergehen. Das Glück seines Lebens zu finden oder zu machen. Das Wo – hin – gehören. Das Zuhause sein. Sein Eigentum zu haben. Stolz zu sein auf sich, auf sein Land. Sich stark fühlen und geeint. Dann mag das Leben vollgültig da sein.
 
Es ist keine Frage: wer Not erlebt hat und Verfolgung, wer Kriege erlebt hat und seine Heimat verlor, wer weiß, was ungesichertes Leben heißt, für den ist dieser Bethlehemtraum nicht unsinnig.
 
Aber die, die wir heute sicher sind, in staatlichen stabilen Verhältnissen und in dem Ort leben, der uns vertraut ist, die sagen sich wieder: alles das ersetzt doch eines nicht: die Antwort auf die Frage, was mein unruhiges Herz doch sucht.
 
Micha rührt Tieferes an mit seiner Vorstellung des Kommenden. Der in Bethlehem geboren wird, der soll zum Leben führen. Leben, das nicht nur wacht und schläft, isst und trinkt, feiert und ruht, schafft  und wirkt. Leben das letztlich aufgehoben ist. Leben, das gesammelt und geeint ist. Diese Hoffnung spricht Micha aus und verbindet sie mit dem wohl bedeutendsten aller Wort: Und er wird der Friede sein.
 
Friede, Schalom, Wohlsein, Glück, Verheißung. Das kommt aus Bethlehem. Das kommt uns heute von dort entgegen. Für uns ist es dort geboren worden.
 
Bethlehem, ein so kleiner, so unscheinbarer, so unansehnlicher Ort. Bethlehem, das überfrachtet wurde mit Wünschen. Bethlehem letztendlich als der Geburtsort des Gotteskindes. Das alles in der Welt ändert. Jesus, der Lebenshirte und Weltfriede ist. Christus, der uns mit Gott versöhnt. Ihn haben wir heute gewonnen.
 
Wir sind angekommen in der Mitte von Weihnachten, am Beginn einer neuen Geschichte, die das Prophezeite erfüllt. Christi Geburt, die Gottes Willen über alles Gewesene hinausführt. Jesu, der zu uns kommt.
 
                                                                       Amen
 
 
 

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