Predigtgottesdienst am 1. Sonntag nach Epiphanias am 11. 01. 2009 in der Johanneskirche Gingen und der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 74, 1 – 4 Du Morgenstern, du Licht vom Licht
Psalm 116 ( Nr. 746)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: Jesaja 42, 1 – 9
Lied: 292, 1 – 5 Das ist mir lieb, dass du mich hörst...
Predigt: Matthäus 3, 13 – 17
Orgelmeditation
Lied 342, 1+5+8+9 Es ist das Heil uns kommen her...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 252, 1 – 3 Jesu, der du bist alleine Haupt und König der Gemeine
Abkündigungen
Segensstrophe 66,1 Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias am 11. 01. 2009 in der Johanneskirche Gingen und der Jakobuskirche Kuchen
Reihe I Matthäus 3, 13 - 17
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
nach der Geburt, da kommt die Taufe. So mag das für unsere Volkskirche gelten. Hat das Kindchen schon etwas an Kraft gewonnen, dass man ihm ein Fest in der Familie zumuten kann, bei dem es im Mittelpunkt steht, so wird es zur Taufe angemeldet. Ein halbes Jahr mag dann der neue Erdenbürger zählen. Ein Ereignis wird es
werden.
Aber es ist wie gesagt nur in unserer heutigen kirchlichen Situation so der Fall, dass Geburt und Taufe nahe beieinander liegen. Dass nach Jesu Geburt die Taufe Jesu in den Blick kommt, hat ganz andere Gründe. Viele Jahrzehnte liegen dazwischen. Als Erwachsener kommt Jesus an den Jordan. Die Taufe war eine außergewöhnliche Praxis eines Mannes, der vielen wie ein Exot vorkam. An ihm schieden sich die Geister. Aber Jesus suchte ihn extra auf. Das Matthäusevangelium berichtet auf seine Weise davon.
Text: Matthäus 3, 13 – 17
Liebe Gemeinde,
selten löst ein biblischer Bericht so viele Fragen aus wie dieser. Woher wusste Johannes, wer da auf ihn zukam? Wie erkannte er ihn? Warum hat nicht Jesus den Johannes getauft wie er verlangt hat? Wer sah den offenen Himmel und wer hörte die Stimme? Kam hier in Jesus nicht die Ablösung von Johannes?
So ganz richtig passt die Taufe Jesu nicht in unseren Kopf. Für nichts muss Jesus zwingend am Jordan gewesen sein. Er findet dort nicht seine ersten Jünger. Er braucht die Taufe nicht als Legitimation, dass er jetzt beginnen kann. Es spielt für das Verkündigen, für das Wirken Jesu keine Rolle, dass er getauft ist. Ja, selbst dass Jesus erst da wirklich den Geist Gottes erhalten haben soll, ist ganz unwahr-scheinlich. Jesus ist Gottes Sohn von Anfang an und hat so auch seinen Geist von allem Anfang an. Die Taufe bringt nichts Zusätzliches.
Ihm nicht, Jesus nicht.
Uns natürlich schon. Uns ist die Taufe viel wert. Und eben nicht nur als Familienfest. Hier treten wir ein in das Leben mit Gott. Für uns Normalsterblichen ist die Taufe das Tor zum Himmel. Seit einigen Jahren heißt es in der Beerdigungsagenda: In der Taufe hat uns Gott zum ewigen Leben berufen. Wir brauchen also die Taufe. Wir sind angewiesen auf sie.
Matthäus und die anderen Evangelisten hätten den Bericht von Jesu Taufe weglassen können. Er hätte trotzdem als Gottes Sohn geredet und geheilt, er hätte Wunder gewirkt und den Tod überwunden. Und so hätte Jesus auch die eigene Taufe ausschlagen, ablehnen können. Jesus kommt von woanders her. Er kommt durch das Tor vom Himmel her. Während wir durch das Tor von der Erde her wollen.
Und doch lässt sich Jesus taufen. Er stellt sich damit auf unsere Seite. Er, der es nicht nötig hat, stellt sich in eine Reihe mit uns, die wir es nötig haben. Ihn, den der Himmel gehört, finden wir neben uns, die wir den Himmel eigentlich nicht erreichen können. Weder ein hochmütiges „Ich gehe euch voran“, noch ein nachsichtiges „Bitte nach euch“ erkenne ich dabei. Nur einen unauffällig bleibenden Gott zwischen uns. „Mach kein Aufhebens“, sagt er zu Johannes. Lass es ganz regulär aussehen. So als sei es das normalste, dass sich Gott unter den Menschen aufhalte. Ohne Vorzug, ohne Besonderheit.
Liebe Gemeinde, vielleicht zeigt diese Geste noch viel mehr als die Weihnachtsgeschichte, wie nahe Gott den Menschen sein will. Er wird ihresgleichen, ein Kind, ein Säugling. Er wird noch mehr, nämlich von ihresgleichen einer der Ärmsten, in einer Krippe, ausgestoßen und verfolgt. Und überall ist er zugleich Gott.
Und er bleibt als ihresgleichen in der Welt und zieht das Büßergewand an um an den Jordan zu treten wo ein Richter steht.
Nach der Geburt folgt die Taufe. Nein – wie in der Geburt so auch in der Taufe zeigt Jesus, dass Gott nicht überhöht erscheint, sondern reichlich fleischlich, ziemlich normal, bisweilen einigermaßen als Durchschnitt und kaum zu fein um sich der Schuld zu stellen. Und bei allem verliert er nicht dadurch sein Gottsein. Und das ist seine wirkliche Größe.
Als etwas Besseres kommen sich immer die Menschen vor. Und immer die Menschen ohne Gott. Sie geißelt der Richter am Jordan, Johannes. Weshalb sie gekommen seien? Um ein schwankendes Schilfrohr zu sehen? Die Vornehmen und Hochgestellten Jerusalems. Zu schauen, was sich so tut. Zu sehen, ob die dort baden wirklich ihre Sünden los- werden. Zu schmunzeln, zu lachen, wo es doch nicht danach aussieht.
Erniedrigung als Gaudi. Und Gott steht mittendrin unter den Erniedrigten, unerkannt und real.
Mein Gott, muss ich denken und weiß nicht, wo ich wirklich stehe. Nicht unter den Spöttern will ich meinen. Und finde mich dort doch. Mancher religiöse Eifer sieht befremdlich aus und auch dass sie in ihrem Christsein stets die Schuld als erstes betonen. Bist du, Christus, Gott dort mitten unter ihnen, von mir verachtet?
Oder bist du mir ganz umgekehrt nahe, weil ich so zerrissen bin und lieber gar nichts als etwas Falsches sage und so schweige. Unglückseligerweise. Und du verstehst es, was ich nicht verstehe? Oder geht es mir viel zu gut und ich darf gar nicht klagen , während bei den Erniedrigten sich eine Mutter an die Brust schlägt, weil sie so wenig für ihre Kinder da sein kann, sie in der Schule abfallen, sie bald das Los, das sie hat, haben müssen. Und du, Christus, Gott, willst nicht allein neben ihr stehen, sondern mich dabei haben. Aus welcher Kraft, Herr, wo ich sie doch brauche um mich auf meiner Höhe zu halten.
Geburt oder Taufe, das ist alles nicht die Frage, sondern einzig das ist sie, wo Christus unter die Welt gemengt ist und wo ich ihn dabei begegnen kann.
Und doch tröstet mich eines: weil er gewiss in dieser Welt ist, kann ich das. Weil er nicht am anderen Ende des Himmels ist, sondern hier ist, kann es die Berührung mit Gott geben in seinem Sohn. Weil nicht Fragen, nicht Zweifel, nicht Vorbehalte, nicht Spott, nicht Ungenügen, nicht Unfähigkeit ihn aufhalten kann, Gott in Christus, ist es möglich, auf ihn zu treffen. Selbst Gleichgültigkeit kehrt er zu Betroffenheit, selbst Herzenshärte zur Barmherzigkeit. Schwer ist es, wo das Starke brechen muss.
Jesus steht in der Taufreihe bei uns. Er steht da, dass er die Erniedrigte erhebt. Und er steht da, dass er den Verzweifelnden stärkt. Und er steht da, dass er den Starken befreit.
„Das kann ich nicht“, sagt Johannes. Dich zu Taufen ist nicht mein Amt. Dir das Wasser zu reichen, ist außerhalb meiner Befugnis. Die ganze zeit wusste es Johannes. Darum war er ja an den Jordanlauf gezogen. Weil er den Kommenden ankündigen wollte. Weil er die Menschen bereit und würdig machen wollte, dass sie ihn auch empfangen können. In der Taufe sollten sie rein werden, dass sie dem einzig Reinen gleich sein durften. Vorbereiten war das Amt des Johannes. So lange, bis der Ersehnte kommt.
Aber jetzt war Jesus da. Ich taufe mit Wasser, sprach Johannes. Er aber wird mit Feuer und Geist taufen.
Wusste Johannes wirklich, wen er da ankündigte? Wusste er, wie der sein wird, was er machen wird? Hat er Jesus recht voraus gesagt? In dem Moment scheint die Vorstellungswelt des Johannes in sich zusammen zu sinken. Denn dazu gehörte, dass er sich dem Größeren unterstellen würde. Dazu gehörte, dass er seinen Auftrag damit zu beenden habe. Der Bote tritt zurück, wenn der angekündigte Herr kommt. Johannes aber hat ihn so angekündigt, dass er die Tenne fegen wird. Dass er aufräumen wird mit allem. Dass er zur Rechen-schaft zieht alle, die da unschlüssig oder verachtend herumstehen. Dass er mit Macht die Reihen durchschreitet und gebietet.
Und jetzt kommt Jesus, sanft und nicht herrisch. Er kommt, sich taufen zu lassen. Er kommt, der Glänzende und sagt zu Johannes: Mache mich rein.
Das geht doch nicht, sagt Johannes, aus seiner Vorstellung heraus, die bis jetzt gegolten hat. Das geht doch nicht, fühlt er aus seinem Glauben heraus. Das darf ich nicht, sagt ihm sein Gewissen, das um den Höchsten weiß und erkennt, dass er vor ihm steht.
Was sagt denn nun Jesus? Was gibt er zu verstehen? Vergiss, was du weißt? Scher dich nicht um dein Gefühl? Nein, nur: Lass es geschehen. Darin ist für mich enthalten, dass Jesus dem Johannes durchaus Recht gibt. Es ist nicht deine Aufgabe mich zu taufen. Es ist zu hoch für dich, was du hier tun sollst. Es ist unangemessen für das, was du bist und für das, was ich bin.
Es ist ein großer Moment. Für jetzt sollst du über mir sein, obwohl ich dein Herr bin. Für jetzt sollst du etwas können, was dir ansonsten entzogen ist. Für jetzt sollst du meine Macht haben – und ich nehme deine Rolle ein.
Ob es Johannes verstanden hat? Ich glaube schon. Er wird ihm nicht die Taufe kopfschüttelnd gewährt haben mit dem Seufzer: Wenn er’s so will. Na schön. Johannes hat das Gebotene angenommen. Und er hat uns heutige damit etwas mit möglich gemacht. Dass wir begreifen, aus Jesus heraus etwas zu dürfen, was wir aus uns heraus nicht dürfen. Von Jesu Macht zu nehmen, wozu wir aus uns keine Macht haben. Befähigt zu sein, wozu wir keine eigene Fähigkeit haben.
Der Gott unerkannt steht nicht nur als zu Taufender bei uns als unseresgleichen. Der Gott unerkannt lässt uns auch sein Wirken sein. Denn Hand auf’s Herz: kann meine Verkündigung nicht auch von Vorstellungen geprägt sein, die dem Herrn nicht entsprechen? Muss ich nicht ihm gegenüber einmal bekennen: so habe ich dich nie gesehen, so nie von dir gesprochen. Ich habe mir ein falsches Bild gemacht. Eines, was mir nur menschenmöglich aber nicht gottesmöglich erschien. Du, Herr, bist mehr, als ich gesagt habe. Ich bin nicht würdig von dir zu reden.
Mag es da nicht auch heißen von ihm: Lass es geschehen. Mache dir über das Fehlende keine Sorgen. Weil du außerhalb deinen Fähigkeiten Richtiges sagst, durch mich. Darum: Rede in meinem Namen. Das macht man nicht achselzuckend. Das mache ich nicht so nebenher. Das geht nur vertrauend, dass mir gewährt wird, was ich kann.
Wir alle müssen, wo wir von Gott künden, wo wir Jesus als seinen Sohn bezeugen, über unser Vermögen hinausgehen. Lassen wir es geschehen. Es dient der Gerechtigkeit. So wie bei Johannes.
Jesu Taufe – ein wichtiges Kapitel wurde von Matthäus und den anderen Evangelisten aufgeschrieben. Nicht wichtig um Jesus Ruhm zu geben, den er längst hat. Sondern wichtig, uns ins Verhältnis zu ihm zu setzen. Jesus stellt sich in eine Reihe mit uns. Er ist unter uns Unfertigen. Er ist unter uns Sündern. Er läst es sich einfallen nicht mehr sondern weniger als wir zu sein – und ist darin unser Gott.
Und Jesus befähigt und bevollmächtigt uns. Er lässt uns handeln, wie nur er handeln könnte. Er überträgt auf uns, was ihm gehört und gebührt. Er macht uns groß – und ist darin unser Gott.
Geburt und Taufe – es sind nicht die einzigen Stationen des Lebens mit Gott. Es sind nur die Anfänge. Anfänge, auf die man zurückkehren kann um neu von ihnen auszugehen. Beistand und Vollmacht in Jesus zu haben ist das Gute, das ich mitnehme, durch dieses Jahr, durch dieses Leben, durch alle Zeit.
Amen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 74, 1 – 4 Du Morgenstern, du Licht vom Licht
Psalm 116 ( Nr. 746)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: Jesaja 42, 1 – 9
Lied: 292, 1 – 5 Das ist mir lieb, dass du mich hörst...
Predigt: Matthäus 3, 13 – 17
Orgelmeditation
Lied 342, 1+5+8+9 Es ist das Heil uns kommen her...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 252, 1 – 3 Jesu, der du bist alleine Haupt und König der Gemeine
Abkündigungen
Segensstrophe 66,1 Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias am 11. 01. 2009 in der Johanneskirche Gingen und der Jakobuskirche Kuchen
Reihe I Matthäus 3, 13 - 17
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
nach der Geburt, da kommt die Taufe. So mag das für unsere Volkskirche gelten. Hat das Kindchen schon etwas an Kraft gewonnen, dass man ihm ein Fest in der Familie zumuten kann, bei dem es im Mittelpunkt steht, so wird es zur Taufe angemeldet. Ein halbes Jahr mag dann der neue Erdenbürger zählen. Ein Ereignis wird es
werden.
Aber es ist wie gesagt nur in unserer heutigen kirchlichen Situation so der Fall, dass Geburt und Taufe nahe beieinander liegen. Dass nach Jesu Geburt die Taufe Jesu in den Blick kommt, hat ganz andere Gründe. Viele Jahrzehnte liegen dazwischen. Als Erwachsener kommt Jesus an den Jordan. Die Taufe war eine außergewöhnliche Praxis eines Mannes, der vielen wie ein Exot vorkam. An ihm schieden sich die Geister. Aber Jesus suchte ihn extra auf. Das Matthäusevangelium berichtet auf seine Weise davon.
Text: Matthäus 3, 13 – 17
Liebe Gemeinde,
selten löst ein biblischer Bericht so viele Fragen aus wie dieser. Woher wusste Johannes, wer da auf ihn zukam? Wie erkannte er ihn? Warum hat nicht Jesus den Johannes getauft wie er verlangt hat? Wer sah den offenen Himmel und wer hörte die Stimme? Kam hier in Jesus nicht die Ablösung von Johannes?
So ganz richtig passt die Taufe Jesu nicht in unseren Kopf. Für nichts muss Jesus zwingend am Jordan gewesen sein. Er findet dort nicht seine ersten Jünger. Er braucht die Taufe nicht als Legitimation, dass er jetzt beginnen kann. Es spielt für das Verkündigen, für das Wirken Jesu keine Rolle, dass er getauft ist. Ja, selbst dass Jesus erst da wirklich den Geist Gottes erhalten haben soll, ist ganz unwahr-scheinlich. Jesus ist Gottes Sohn von Anfang an und hat so auch seinen Geist von allem Anfang an. Die Taufe bringt nichts Zusätzliches.
Ihm nicht, Jesus nicht.
Uns natürlich schon. Uns ist die Taufe viel wert. Und eben nicht nur als Familienfest. Hier treten wir ein in das Leben mit Gott. Für uns Normalsterblichen ist die Taufe das Tor zum Himmel. Seit einigen Jahren heißt es in der Beerdigungsagenda: In der Taufe hat uns Gott zum ewigen Leben berufen. Wir brauchen also die Taufe. Wir sind angewiesen auf sie.
Matthäus und die anderen Evangelisten hätten den Bericht von Jesu Taufe weglassen können. Er hätte trotzdem als Gottes Sohn geredet und geheilt, er hätte Wunder gewirkt und den Tod überwunden. Und so hätte Jesus auch die eigene Taufe ausschlagen, ablehnen können. Jesus kommt von woanders her. Er kommt durch das Tor vom Himmel her. Während wir durch das Tor von der Erde her wollen.
Und doch lässt sich Jesus taufen. Er stellt sich damit auf unsere Seite. Er, der es nicht nötig hat, stellt sich in eine Reihe mit uns, die wir es nötig haben. Ihn, den der Himmel gehört, finden wir neben uns, die wir den Himmel eigentlich nicht erreichen können. Weder ein hochmütiges „Ich gehe euch voran“, noch ein nachsichtiges „Bitte nach euch“ erkenne ich dabei. Nur einen unauffällig bleibenden Gott zwischen uns. „Mach kein Aufhebens“, sagt er zu Johannes. Lass es ganz regulär aussehen. So als sei es das normalste, dass sich Gott unter den Menschen aufhalte. Ohne Vorzug, ohne Besonderheit.
Liebe Gemeinde, vielleicht zeigt diese Geste noch viel mehr als die Weihnachtsgeschichte, wie nahe Gott den Menschen sein will. Er wird ihresgleichen, ein Kind, ein Säugling. Er wird noch mehr, nämlich von ihresgleichen einer der Ärmsten, in einer Krippe, ausgestoßen und verfolgt. Und überall ist er zugleich Gott.
Und er bleibt als ihresgleichen in der Welt und zieht das Büßergewand an um an den Jordan zu treten wo ein Richter steht.
Nach der Geburt folgt die Taufe. Nein – wie in der Geburt so auch in der Taufe zeigt Jesus, dass Gott nicht überhöht erscheint, sondern reichlich fleischlich, ziemlich normal, bisweilen einigermaßen als Durchschnitt und kaum zu fein um sich der Schuld zu stellen. Und bei allem verliert er nicht dadurch sein Gottsein. Und das ist seine wirkliche Größe.
Als etwas Besseres kommen sich immer die Menschen vor. Und immer die Menschen ohne Gott. Sie geißelt der Richter am Jordan, Johannes. Weshalb sie gekommen seien? Um ein schwankendes Schilfrohr zu sehen? Die Vornehmen und Hochgestellten Jerusalems. Zu schauen, was sich so tut. Zu sehen, ob die dort baden wirklich ihre Sünden los- werden. Zu schmunzeln, zu lachen, wo es doch nicht danach aussieht.
Erniedrigung als Gaudi. Und Gott steht mittendrin unter den Erniedrigten, unerkannt und real.
Mein Gott, muss ich denken und weiß nicht, wo ich wirklich stehe. Nicht unter den Spöttern will ich meinen. Und finde mich dort doch. Mancher religiöse Eifer sieht befremdlich aus und auch dass sie in ihrem Christsein stets die Schuld als erstes betonen. Bist du, Christus, Gott dort mitten unter ihnen, von mir verachtet?
Oder bist du mir ganz umgekehrt nahe, weil ich so zerrissen bin und lieber gar nichts als etwas Falsches sage und so schweige. Unglückseligerweise. Und du verstehst es, was ich nicht verstehe? Oder geht es mir viel zu gut und ich darf gar nicht klagen , während bei den Erniedrigten sich eine Mutter an die Brust schlägt, weil sie so wenig für ihre Kinder da sein kann, sie in der Schule abfallen, sie bald das Los, das sie hat, haben müssen. Und du, Christus, Gott, willst nicht allein neben ihr stehen, sondern mich dabei haben. Aus welcher Kraft, Herr, wo ich sie doch brauche um mich auf meiner Höhe zu halten.
Geburt oder Taufe, das ist alles nicht die Frage, sondern einzig das ist sie, wo Christus unter die Welt gemengt ist und wo ich ihn dabei begegnen kann.
Und doch tröstet mich eines: weil er gewiss in dieser Welt ist, kann ich das. Weil er nicht am anderen Ende des Himmels ist, sondern hier ist, kann es die Berührung mit Gott geben in seinem Sohn. Weil nicht Fragen, nicht Zweifel, nicht Vorbehalte, nicht Spott, nicht Ungenügen, nicht Unfähigkeit ihn aufhalten kann, Gott in Christus, ist es möglich, auf ihn zu treffen. Selbst Gleichgültigkeit kehrt er zu Betroffenheit, selbst Herzenshärte zur Barmherzigkeit. Schwer ist es, wo das Starke brechen muss.
Jesus steht in der Taufreihe bei uns. Er steht da, dass er die Erniedrigte erhebt. Und er steht da, dass er den Verzweifelnden stärkt. Und er steht da, dass er den Starken befreit.
„Das kann ich nicht“, sagt Johannes. Dich zu Taufen ist nicht mein Amt. Dir das Wasser zu reichen, ist außerhalb meiner Befugnis. Die ganze zeit wusste es Johannes. Darum war er ja an den Jordanlauf gezogen. Weil er den Kommenden ankündigen wollte. Weil er die Menschen bereit und würdig machen wollte, dass sie ihn auch empfangen können. In der Taufe sollten sie rein werden, dass sie dem einzig Reinen gleich sein durften. Vorbereiten war das Amt des Johannes. So lange, bis der Ersehnte kommt.
Aber jetzt war Jesus da. Ich taufe mit Wasser, sprach Johannes. Er aber wird mit Feuer und Geist taufen.
Wusste Johannes wirklich, wen er da ankündigte? Wusste er, wie der sein wird, was er machen wird? Hat er Jesus recht voraus gesagt? In dem Moment scheint die Vorstellungswelt des Johannes in sich zusammen zu sinken. Denn dazu gehörte, dass er sich dem Größeren unterstellen würde. Dazu gehörte, dass er seinen Auftrag damit zu beenden habe. Der Bote tritt zurück, wenn der angekündigte Herr kommt. Johannes aber hat ihn so angekündigt, dass er die Tenne fegen wird. Dass er aufräumen wird mit allem. Dass er zur Rechen-schaft zieht alle, die da unschlüssig oder verachtend herumstehen. Dass er mit Macht die Reihen durchschreitet und gebietet.
Und jetzt kommt Jesus, sanft und nicht herrisch. Er kommt, sich taufen zu lassen. Er kommt, der Glänzende und sagt zu Johannes: Mache mich rein.
Das geht doch nicht, sagt Johannes, aus seiner Vorstellung heraus, die bis jetzt gegolten hat. Das geht doch nicht, fühlt er aus seinem Glauben heraus. Das darf ich nicht, sagt ihm sein Gewissen, das um den Höchsten weiß und erkennt, dass er vor ihm steht.
Was sagt denn nun Jesus? Was gibt er zu verstehen? Vergiss, was du weißt? Scher dich nicht um dein Gefühl? Nein, nur: Lass es geschehen. Darin ist für mich enthalten, dass Jesus dem Johannes durchaus Recht gibt. Es ist nicht deine Aufgabe mich zu taufen. Es ist zu hoch für dich, was du hier tun sollst. Es ist unangemessen für das, was du bist und für das, was ich bin.
Es ist ein großer Moment. Für jetzt sollst du über mir sein, obwohl ich dein Herr bin. Für jetzt sollst du etwas können, was dir ansonsten entzogen ist. Für jetzt sollst du meine Macht haben – und ich nehme deine Rolle ein.
Ob es Johannes verstanden hat? Ich glaube schon. Er wird ihm nicht die Taufe kopfschüttelnd gewährt haben mit dem Seufzer: Wenn er’s so will. Na schön. Johannes hat das Gebotene angenommen. Und er hat uns heutige damit etwas mit möglich gemacht. Dass wir begreifen, aus Jesus heraus etwas zu dürfen, was wir aus uns heraus nicht dürfen. Von Jesu Macht zu nehmen, wozu wir aus uns keine Macht haben. Befähigt zu sein, wozu wir keine eigene Fähigkeit haben.
Der Gott unerkannt steht nicht nur als zu Taufender bei uns als unseresgleichen. Der Gott unerkannt lässt uns auch sein Wirken sein. Denn Hand auf’s Herz: kann meine Verkündigung nicht auch von Vorstellungen geprägt sein, die dem Herrn nicht entsprechen? Muss ich nicht ihm gegenüber einmal bekennen: so habe ich dich nie gesehen, so nie von dir gesprochen. Ich habe mir ein falsches Bild gemacht. Eines, was mir nur menschenmöglich aber nicht gottesmöglich erschien. Du, Herr, bist mehr, als ich gesagt habe. Ich bin nicht würdig von dir zu reden.
Mag es da nicht auch heißen von ihm: Lass es geschehen. Mache dir über das Fehlende keine Sorgen. Weil du außerhalb deinen Fähigkeiten Richtiges sagst, durch mich. Darum: Rede in meinem Namen. Das macht man nicht achselzuckend. Das mache ich nicht so nebenher. Das geht nur vertrauend, dass mir gewährt wird, was ich kann.
Wir alle müssen, wo wir von Gott künden, wo wir Jesus als seinen Sohn bezeugen, über unser Vermögen hinausgehen. Lassen wir es geschehen. Es dient der Gerechtigkeit. So wie bei Johannes.
Jesu Taufe – ein wichtiges Kapitel wurde von Matthäus und den anderen Evangelisten aufgeschrieben. Nicht wichtig um Jesus Ruhm zu geben, den er längst hat. Sondern wichtig, uns ins Verhältnis zu ihm zu setzen. Jesus stellt sich in eine Reihe mit uns. Er ist unter uns Unfertigen. Er ist unter uns Sündern. Er läst es sich einfallen nicht mehr sondern weniger als wir zu sein – und ist darin unser Gott.
Und Jesus befähigt und bevollmächtigt uns. Er lässt uns handeln, wie nur er handeln könnte. Er überträgt auf uns, was ihm gehört und gebührt. Er macht uns groß – und ist darin unser Gott.
Geburt und Taufe – es sind nicht die einzigen Stationen des Lebens mit Gott. Es sind nur die Anfänge. Anfänge, auf die man zurückkehren kann um neu von ihnen auszugehen. Beistand und Vollmacht in Jesus zu haben ist das Gute, das ich mitnehme, durch dieses Jahr, durch dieses Leben, durch alle Zeit.
Amen


