Abendmahlsgottesdienst am Karfreitag, 10. April 2009 um 10.00 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen
Vorspiel Posaunenchor
Begrüßung
Lied: 75, 1 – 3 Ehre sei dir Christe, der du littest Not...
Psalm: 22 I ( Nr. 709)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Glaubensbekenntnis
Zwischenspiel Posaunen
Schriftlesung: Johannes 12, 23 - 28
Lied: 85, 1 – 4 O Haupt voll Blut und Wunden
Predigt:
Lied: 93, 1 – 4 Nun gehören unsre Herzen ganz
Überleitung z. Abendmahl
Sündenbekenntnis
Vergebungszusage
Zwischenspiel Posaunen
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
Lied 190.2 Christe du Lamm Gottes...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 97, 1 – 3 + 6 Holz auf Jesu Schulter...
Abkündigungen
Segen / Posaunennachspiel
Predigt am Karfreitag, 10. April 2009 um 10.00 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen Reihe I Joh. 19, 16 - 30
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
es ist der höchste Feiertag im Kirchenjahr, den wir heute begehen: Karfreitag. Alles, was über das Christsein zu sagen ist, läuft auf diesen Tag zu und strahlt von diesem Tag aus. Und doch ist es kein schöner Feiertag. Denn was ist zu feiern an diesem schwarzen Tag an dem Gerechtigkeit und Menschlichkeit mit einem unschuldig Dahingemordeten starben. Was gilt es einen Tod zu feiern, wo täglich gestorben wird, genauso sinnlos. Nicht einmal heldenhaft war dieser Mensch am Kreuz, der wie ein Verbrecher starb. Kann man es erklären? Kann man es nicht schlicht nur erzählen: so und so war es. Und dann schweigen. Und rauern. Bis es vorbei ist. Bis die Erlösung kommt.
Aber dann wäre die Kreuzigung nur ein Zwischengang. Ein Vorspiel zu dem Eigentlichen. Ein Unfall, der ja zum Glück drei Tage später wieder
gut gemacht wurde. Sonst könnte man es ja auch nicht aushalten. Sonst hätte der Tag keinen Sinn.
Es gilt aber auch diesen Karfreitag auszuhalten - und zwar so, als ob es nichts weiter mehr gäbe, als ihn. Der Sinn des Christseins will schon ganz im Karfreitag entdeckt werden.
Doch dazu ist es wichtig, die richtigen Gedanken zu fassen. Worte zu finden, die diesen Sinn auszudrücken vermögen, Verkündigung und Erfahrung in Einklang zu bringen. Es kann nur mehr oder minder immer wieder gelingen. Dennoch ist es zu versuchen. Niemand verurteilt uns, wo wir den vollen Sinn von Karfreitag nicht im Ganzen erfassen. Und niemand kann sagen, ob die Bruchteile, die sich uns bieten nicht doch ausreichen, dass uns Gottes Weg klarer wird mit der Zeit. Aus lauter Furcht das Begreifen auszuschlagen, kann nicht gemeint sein. Aus Respekt, nicht darüber nachzudenken, bringt uns nicht weiter. Die Evangelien erzählen das Geschehen vom Kreuz recht genau. Auch die letzten Lebensstunden Jesu können und sollen uns etwas sagen. Auf besondere Weise berichtet das Johannesevangelium davon. Ich lese aus Johannes 19 die Verse 16 bis 30:
Text: Johannes 19, 16 – 30
Liebe Gemeinde,
an zwei Stellen in dem Bericht bin ich hängen geblieben. Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war. Das ist das eine. Und Jesus antwortete, damit die Schrift erfüllt würde. Das ist das andere. Welchen Eindruck erwecken diese Worte? Auf jeden Fall, dass hier nichts aus Zufall geschieht. Bis in die kleinste Regung scheint alles festgelegt, beinahe geplant zu sein. Die Kleiderverteilung musste so kommen. Sie war vorab bezeugt, vorausgesagt. Wie Marionetten müssen die Soldaten so handeln. Die Geschichte wird von einer anderen Stelle her gelenkt. Alle, die auftreten, sind nichts weiter als angeleitete Figuren, die diesem Spielplan gehorchen.
Die kleine Rede, die Jesus an seine Mutter, an seinen Jünger richtet, sie ist so vorgesehen, sogar an dieser Stelle. Wie auf ein Stichwort erfolgt sie.
Und dann der Ruf: Mich dürstet. In der Passionsandacht war angeklungen, dass hier noch einmal der Mensch mit dem, was er zum Leben braucht, zu Wort kommt. In diesem Zusammenhang jetzt aber gehört, scheint es so, als spreche Jesus aus, was schon lange für diese Situation vorgesehen war. Als folge er einem geheimen Plan. Als müsste er sogar noch die kleinste Geste beachten, die Worte bedachtsam gesetzt und nicht eines zu viel.
Was steht dahinter, wenn auch unbedingt das letzte Detail noch eingehalten wird? Wenn nichts dem Zufall überlassen wird?
Es ist der unbedingte Wille des Evangeliums nach Johannes, herauszustreichen, dass alles seinen Sinn hat. Ein Sinn, den selbst das Sterben nicht ändert, sondern vielmehr zum Abschluss, zur Erfüllung bringt. Die Kreuzigung nimmt ihren Gang. Nicht so oder so, sondern genau so. Was hier geschieht ist sicher. Das Sterben am Ende ist richtig. Es ist vollendetes Lebenswerk. Es ist das Ziel von Anfang an gewesen.
Johannes will mit seinem Evangelium, dass seine Hörer nicht mehr mit diesem Tod fertig werden müssen. Sie sollen nicht fragen müssen, warum. Sie sollen getröstet sein, weil alles kam, wie es kommen musste. Sie können aus der Gewissheit allem anderen Verheißenen auch vertrauen. Gott hat etwas vor, gerade mit dieser Kreuzigung. Gott hat etwas vor, auch mit uns, die wir davon hören.
Liebe Gemeinde, kann es wahr sein? Als ob nicht doch hier ein Mensch seinen Tod stirbt, am Ende seiner Möglichkeiten ist. Als ob nicht etwas Einzigartiges hier ausgelöscht wird. Als ob nicht einer hier geopfert wird und Opfer nie gut sind. Jedes davon ist zu viel. Und Jesu Opfer war es auch. So kann man sich die Geschichte nicht mir nichts dir nichts zurechtdrehen. Es kommt, weil es so kommen musste. Und schnell sind ein paar Vorhersagen bei der Hand, die gerade passen. Als ob man nicht bei anderen Kreuzigungen – es gab ja mehrere zu der Zeit – auch Kleider verteilt hätte. Als ob die trockene Kehle nicht das nahe Liegendste ist bei solcher Tortour. Das alles ist längst kein Beweis.
So schnell will ich mich mit der Erklärung des Johannes nicht abfinden. Überhaupt will ich mich nicht abspeisen lassen mit dieser Auffassung: Es ist alles erklärbar. Es hat alles seinen Grund. Und auch nicht mit diesem: Es muss so sein. Das haben doch nun all zu oft auch die gesagt, die es so haben wollten. Da wird doch die Religion wieder zum Opium, zum Mittel des Stillehaltens, wenn die erlittene Gewalt nachträglich wieder als notwendige Gewalt gerechtfertigt wird. Anders ist eben die Seligkeit nicht zu haben. Es ist doch allzu sehr die Tätersprache. Und nicht die Opfersprache.
Spricht Johannes so? Habe ich nicht eine andere Furcht? Die des Reinfalls? Die einer falschen Vergötterung? Letzten Endes, dass dieser Tod so nichts Sagend, so sinnlos bleibt?
Johannes bietet nicht nur eine Erklärung. Er bietet auch an ein: Vertraue. Seine Lückenlosigkeit soll gerade die Zweifel zerstreuen. Er versucht dem Geschehen eine Fassung zu verleihen, das anders nicht zu fassen wäre.
Es steht außer Frage, dass Jesus wirklich gelitten hat. Unsere Lieder singen davon. Die Kreuzesdarstellungen erzählen es ebenso. Hier ist sicher nicht einer hingegangen und hat gesagt: nun sterbe ich für alle. Und dann vollzog es sich einfach so. Der Zweifel, die Angst, der innere Kampf, sie sind auch beschrieben, an anderer Stelle, für andere Zeiten. Dass Christsein Leiden bedeutet, brauchte der letzte der Evangelienschreiber nicht betonen. Das wussten seine Hörerinnen und Hörer. Er musst ihnen nicht vor Augen malen, was sie jeden Tag sahen. Demütigungen und Verfolgung, Schläge und vielleicht auch den Tod. Seine Gemeinde hätte es nicht aufgebaut, auch noch Jesu Peinigungen ausgeschmückt zu bekommen. Vielleicht hatten die Hörer seiner Zeit tatsächlich das Bedürfnis von einem Jesus zu erfahren, der über allem Leid steht, der mit stoisch unbewegter Gemütsverfassung alles erträgt.
Aber so will es Johannes auch nicht erzählen. Es ist eine Gradwanderung, sich weder zu überschwänglicher Ausmalung noch zum nüchternen Tatsachenbericht zu wenden.
Verzweifelt nicht!, sagt das Johannesevangelium. Denn zum Verzweifeln ist die Situation allemal. Ein Mensch stirbt. Das Gute, das er getan hat, wird vergessen. Die Worte von Gott, dem Vater, die er gesprochen hat, verfliegen. Die Hoffnung, die die Jünger und alle, die Jesus zuhörten, hatten, zerstiebt.
Dagegen ruft Johannes sein „Verzweifelt nicht“. Es kommt alles anders. Es ist auch schon bei der Kreuzigung anders als es den Anschein macht. Jesus ist nicht von Gott verlassen. Die bekannten Worte aus dem Psalm fehlen hier. Und so seid auch ihr nicht verlassen. Alles läuft zu auf dieses letzte Wort: Es ist vollbracht.
Was hat es damit auf sich? Nur bei Johannes ist es zu finden. Und für ihn ist es der wichtigste Ausdruck seiner Glaubenssicht.
Vollbracht, das meint etwas anderes als: jetzt ist es zu Ende. Das Schmerzen und Leiden ist vorbei. Vollbracht, das sagt auch etwas anderes als: Jesus hat aufgegeben, lässt sich nun fallen, löst sich von diesem Leben.
Das Wort spricht vom Erreichen, vom Ziel, letztlich vom Ganzwerden. Alles, was noch unfertig war, ist jetzt fertig. Das, was alle Lebenszeit unsichtbar und nicht zu fassen war, wird in diesem letzten Lebensaugenblick offenbar: Hier stirbt mehr als nur ein Mensch. Hier stirbt der, der Gott auf Erden verkörpert hat. Mit diesem Vollbringen wird klar, so weit geht Gott in seiner Liebe zu uns Menschen. Bis dahin – und darüber hinaus. Bis in den Tod.
Wie kann man da nicht verzweifeln? Wie will da das Evangelium noch trösten? Diese Liebe ist doch gerade getötet worden. Nein, sagt Johannes. Die Liebe Gottes bleibt. Gestorben, von Menschen umgebracht worden, ist ihr Überbringer. Vollbracht aber ist, dass es jetzt klar ist. Seine Liebe lässt sich nicht beirren. Jetzt erst ist es endlich in der Welt. Jetzt erst kann Gottes Liebe geglaubt werden. Sie lässt sich vom Tod nicht abschrecken. Sie vergeht nicht im Sterben. Sie erfüllt sich in dieser übergroßen Tat des Sterbens für sie.
Weit weg sind wir gekommen von dem sinnlosen Opfer. Weit weg von der Rechtfertigung der Gewalt. Weit weg sind wir auch gekommen von der Verklärung des Sterbens. Und keine stocknüchterne Angelegenheit ist es auf der andren Seite. Vollbracht ist auch dies, dass die Kreuzigung über allem menschlichen Missbrauch selbst dieses Momentes noch erhaben ist. Das Kreuz will nicht miterlitten sein, dass ich nur mein eigenes Leid damit verbinde und mir tröstend sage: Jesus hat ja auch gelitten. Wo es so wäre, fehlte das Überwinden.
Das Kreuz will auch nicht rechtfertigen, dass es Leid nun einmal geben muss, so dass man sich nun einmal darunter zu beugen hat. Für ein „Es ist nun einmal so“, hätte Jesus umsonst gelitten. Kein fremd zugefügtes Leid ist gut zu heißen. Dass Jesus dieses Leid verwandelt hat, dass er ausgedrückt hat, Gott ist in allergrößter Nähe, wo er ferne erscheint, das macht dieses Kreuz wert.
Es ist immer noch nicht zu begreifen, liebe Gemeinde. Es ist weiterhin nur zu umreißen, nur zu umschreiben. Zweifel bleiben: Ist jetzt denn das Richtige beschrieben? Warum erzählt man es dann nicht nur nach diesem Evangelium? Kann ich so überhaupt glauben – dass Liebe durch den Tod bewiesen wird?
Wir sind nicht am Ende mit unseren Gedanken, unserem Empfinden, unserem Fragen. Vielleicht aber können wir heute mitnehmen, dass Jesus hier sein Leben um uns Gott nahe sein zu lassen, auf die Spitze getrieben hat. Und können wir uns Gott nun nahe sein lassen? Können wir nun annehmen, dass Gottes Tat Liebe ist. Können wir nun beruhigt den Sohn dort am Kreuz belassen. Nicht als Gescheiterten, sondern als den, der es durch gebracht hat, durch ihn Gott zu sehen. Der uns anders verschlossen blieb.
„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Ist es nicht jener Satz aus dem Anfangsteil des Evangeliums nach Johannes, der hier klar hervorscheint?
Aus Gottes Liebe können wir leben. Sie hört auch im Tod nicht auf. Sie überwindet das Schlimmste auf Erden. Sie versöhnt und macht zuletzt allem Leid ein Ende. Gottes Liebe gilt, mir und dir. Auch über dieses Kreuz noch hinaus. Das ist das Evangelium des Karfreitags. Das ist sein Trost und seine Größe. Sein vollbringen ist unsere Befreiung.
Amen
Vorspiel Posaunenchor
Begrüßung
Lied: 75, 1 – 3 Ehre sei dir Christe, der du littest Not...
Psalm: 22 I ( Nr. 709)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
Glaubensbekenntnis
Zwischenspiel Posaunen
Schriftlesung: Johannes 12, 23 - 28
Lied: 85, 1 – 4 O Haupt voll Blut und Wunden
Predigt:
Lied: 93, 1 – 4 Nun gehören unsre Herzen ganz
Überleitung z. Abendmahl
Sündenbekenntnis
Vergebungszusage
Zwischenspiel Posaunen
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
Lied 190.2 Christe du Lamm Gottes...
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 97, 1 – 3 + 6 Holz auf Jesu Schulter...
Abkündigungen
Segen / Posaunennachspiel
Predigt am Karfreitag, 10. April 2009 um 10.00 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen Reihe I Joh. 19, 16 - 30
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
es ist der höchste Feiertag im Kirchenjahr, den wir heute begehen: Karfreitag. Alles, was über das Christsein zu sagen ist, läuft auf diesen Tag zu und strahlt von diesem Tag aus. Und doch ist es kein schöner Feiertag. Denn was ist zu feiern an diesem schwarzen Tag an dem Gerechtigkeit und Menschlichkeit mit einem unschuldig Dahingemordeten starben. Was gilt es einen Tod zu feiern, wo täglich gestorben wird, genauso sinnlos. Nicht einmal heldenhaft war dieser Mensch am Kreuz, der wie ein Verbrecher starb. Kann man es erklären? Kann man es nicht schlicht nur erzählen: so und so war es. Und dann schweigen. Und rauern. Bis es vorbei ist. Bis die Erlösung kommt.
Aber dann wäre die Kreuzigung nur ein Zwischengang. Ein Vorspiel zu dem Eigentlichen. Ein Unfall, der ja zum Glück drei Tage später wieder
gut gemacht wurde. Sonst könnte man es ja auch nicht aushalten. Sonst hätte der Tag keinen Sinn.
Es gilt aber auch diesen Karfreitag auszuhalten - und zwar so, als ob es nichts weiter mehr gäbe, als ihn. Der Sinn des Christseins will schon ganz im Karfreitag entdeckt werden.
Doch dazu ist es wichtig, die richtigen Gedanken zu fassen. Worte zu finden, die diesen Sinn auszudrücken vermögen, Verkündigung und Erfahrung in Einklang zu bringen. Es kann nur mehr oder minder immer wieder gelingen. Dennoch ist es zu versuchen. Niemand verurteilt uns, wo wir den vollen Sinn von Karfreitag nicht im Ganzen erfassen. Und niemand kann sagen, ob die Bruchteile, die sich uns bieten nicht doch ausreichen, dass uns Gottes Weg klarer wird mit der Zeit. Aus lauter Furcht das Begreifen auszuschlagen, kann nicht gemeint sein. Aus Respekt, nicht darüber nachzudenken, bringt uns nicht weiter. Die Evangelien erzählen das Geschehen vom Kreuz recht genau. Auch die letzten Lebensstunden Jesu können und sollen uns etwas sagen. Auf besondere Weise berichtet das Johannesevangelium davon. Ich lese aus Johannes 19 die Verse 16 bis 30:
Text: Johannes 19, 16 – 30
Liebe Gemeinde,
an zwei Stellen in dem Bericht bin ich hängen geblieben. Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war. Das ist das eine. Und Jesus antwortete, damit die Schrift erfüllt würde. Das ist das andere. Welchen Eindruck erwecken diese Worte? Auf jeden Fall, dass hier nichts aus Zufall geschieht. Bis in die kleinste Regung scheint alles festgelegt, beinahe geplant zu sein. Die Kleiderverteilung musste so kommen. Sie war vorab bezeugt, vorausgesagt. Wie Marionetten müssen die Soldaten so handeln. Die Geschichte wird von einer anderen Stelle her gelenkt. Alle, die auftreten, sind nichts weiter als angeleitete Figuren, die diesem Spielplan gehorchen.
Die kleine Rede, die Jesus an seine Mutter, an seinen Jünger richtet, sie ist so vorgesehen, sogar an dieser Stelle. Wie auf ein Stichwort erfolgt sie.
Und dann der Ruf: Mich dürstet. In der Passionsandacht war angeklungen, dass hier noch einmal der Mensch mit dem, was er zum Leben braucht, zu Wort kommt. In diesem Zusammenhang jetzt aber gehört, scheint es so, als spreche Jesus aus, was schon lange für diese Situation vorgesehen war. Als folge er einem geheimen Plan. Als müsste er sogar noch die kleinste Geste beachten, die Worte bedachtsam gesetzt und nicht eines zu viel.
Was steht dahinter, wenn auch unbedingt das letzte Detail noch eingehalten wird? Wenn nichts dem Zufall überlassen wird?
Es ist der unbedingte Wille des Evangeliums nach Johannes, herauszustreichen, dass alles seinen Sinn hat. Ein Sinn, den selbst das Sterben nicht ändert, sondern vielmehr zum Abschluss, zur Erfüllung bringt. Die Kreuzigung nimmt ihren Gang. Nicht so oder so, sondern genau so. Was hier geschieht ist sicher. Das Sterben am Ende ist richtig. Es ist vollendetes Lebenswerk. Es ist das Ziel von Anfang an gewesen.
Johannes will mit seinem Evangelium, dass seine Hörer nicht mehr mit diesem Tod fertig werden müssen. Sie sollen nicht fragen müssen, warum. Sie sollen getröstet sein, weil alles kam, wie es kommen musste. Sie können aus der Gewissheit allem anderen Verheißenen auch vertrauen. Gott hat etwas vor, gerade mit dieser Kreuzigung. Gott hat etwas vor, auch mit uns, die wir davon hören.
Liebe Gemeinde, kann es wahr sein? Als ob nicht doch hier ein Mensch seinen Tod stirbt, am Ende seiner Möglichkeiten ist. Als ob nicht etwas Einzigartiges hier ausgelöscht wird. Als ob nicht einer hier geopfert wird und Opfer nie gut sind. Jedes davon ist zu viel. Und Jesu Opfer war es auch. So kann man sich die Geschichte nicht mir nichts dir nichts zurechtdrehen. Es kommt, weil es so kommen musste. Und schnell sind ein paar Vorhersagen bei der Hand, die gerade passen. Als ob man nicht bei anderen Kreuzigungen – es gab ja mehrere zu der Zeit – auch Kleider verteilt hätte. Als ob die trockene Kehle nicht das nahe Liegendste ist bei solcher Tortour. Das alles ist längst kein Beweis.
So schnell will ich mich mit der Erklärung des Johannes nicht abfinden. Überhaupt will ich mich nicht abspeisen lassen mit dieser Auffassung: Es ist alles erklärbar. Es hat alles seinen Grund. Und auch nicht mit diesem: Es muss so sein. Das haben doch nun all zu oft auch die gesagt, die es so haben wollten. Da wird doch die Religion wieder zum Opium, zum Mittel des Stillehaltens, wenn die erlittene Gewalt nachträglich wieder als notwendige Gewalt gerechtfertigt wird. Anders ist eben die Seligkeit nicht zu haben. Es ist doch allzu sehr die Tätersprache. Und nicht die Opfersprache.
Spricht Johannes so? Habe ich nicht eine andere Furcht? Die des Reinfalls? Die einer falschen Vergötterung? Letzten Endes, dass dieser Tod so nichts Sagend, so sinnlos bleibt?
Johannes bietet nicht nur eine Erklärung. Er bietet auch an ein: Vertraue. Seine Lückenlosigkeit soll gerade die Zweifel zerstreuen. Er versucht dem Geschehen eine Fassung zu verleihen, das anders nicht zu fassen wäre.
Es steht außer Frage, dass Jesus wirklich gelitten hat. Unsere Lieder singen davon. Die Kreuzesdarstellungen erzählen es ebenso. Hier ist sicher nicht einer hingegangen und hat gesagt: nun sterbe ich für alle. Und dann vollzog es sich einfach so. Der Zweifel, die Angst, der innere Kampf, sie sind auch beschrieben, an anderer Stelle, für andere Zeiten. Dass Christsein Leiden bedeutet, brauchte der letzte der Evangelienschreiber nicht betonen. Das wussten seine Hörerinnen und Hörer. Er musst ihnen nicht vor Augen malen, was sie jeden Tag sahen. Demütigungen und Verfolgung, Schläge und vielleicht auch den Tod. Seine Gemeinde hätte es nicht aufgebaut, auch noch Jesu Peinigungen ausgeschmückt zu bekommen. Vielleicht hatten die Hörer seiner Zeit tatsächlich das Bedürfnis von einem Jesus zu erfahren, der über allem Leid steht, der mit stoisch unbewegter Gemütsverfassung alles erträgt.
Aber so will es Johannes auch nicht erzählen. Es ist eine Gradwanderung, sich weder zu überschwänglicher Ausmalung noch zum nüchternen Tatsachenbericht zu wenden.
Verzweifelt nicht!, sagt das Johannesevangelium. Denn zum Verzweifeln ist die Situation allemal. Ein Mensch stirbt. Das Gute, das er getan hat, wird vergessen. Die Worte von Gott, dem Vater, die er gesprochen hat, verfliegen. Die Hoffnung, die die Jünger und alle, die Jesus zuhörten, hatten, zerstiebt.
Dagegen ruft Johannes sein „Verzweifelt nicht“. Es kommt alles anders. Es ist auch schon bei der Kreuzigung anders als es den Anschein macht. Jesus ist nicht von Gott verlassen. Die bekannten Worte aus dem Psalm fehlen hier. Und so seid auch ihr nicht verlassen. Alles läuft zu auf dieses letzte Wort: Es ist vollbracht.
Was hat es damit auf sich? Nur bei Johannes ist es zu finden. Und für ihn ist es der wichtigste Ausdruck seiner Glaubenssicht.
Vollbracht, das meint etwas anderes als: jetzt ist es zu Ende. Das Schmerzen und Leiden ist vorbei. Vollbracht, das sagt auch etwas anderes als: Jesus hat aufgegeben, lässt sich nun fallen, löst sich von diesem Leben.
Das Wort spricht vom Erreichen, vom Ziel, letztlich vom Ganzwerden. Alles, was noch unfertig war, ist jetzt fertig. Das, was alle Lebenszeit unsichtbar und nicht zu fassen war, wird in diesem letzten Lebensaugenblick offenbar: Hier stirbt mehr als nur ein Mensch. Hier stirbt der, der Gott auf Erden verkörpert hat. Mit diesem Vollbringen wird klar, so weit geht Gott in seiner Liebe zu uns Menschen. Bis dahin – und darüber hinaus. Bis in den Tod.
Wie kann man da nicht verzweifeln? Wie will da das Evangelium noch trösten? Diese Liebe ist doch gerade getötet worden. Nein, sagt Johannes. Die Liebe Gottes bleibt. Gestorben, von Menschen umgebracht worden, ist ihr Überbringer. Vollbracht aber ist, dass es jetzt klar ist. Seine Liebe lässt sich nicht beirren. Jetzt erst ist es endlich in der Welt. Jetzt erst kann Gottes Liebe geglaubt werden. Sie lässt sich vom Tod nicht abschrecken. Sie vergeht nicht im Sterben. Sie erfüllt sich in dieser übergroßen Tat des Sterbens für sie.
Weit weg sind wir gekommen von dem sinnlosen Opfer. Weit weg von der Rechtfertigung der Gewalt. Weit weg sind wir auch gekommen von der Verklärung des Sterbens. Und keine stocknüchterne Angelegenheit ist es auf der andren Seite. Vollbracht ist auch dies, dass die Kreuzigung über allem menschlichen Missbrauch selbst dieses Momentes noch erhaben ist. Das Kreuz will nicht miterlitten sein, dass ich nur mein eigenes Leid damit verbinde und mir tröstend sage: Jesus hat ja auch gelitten. Wo es so wäre, fehlte das Überwinden.
Das Kreuz will auch nicht rechtfertigen, dass es Leid nun einmal geben muss, so dass man sich nun einmal darunter zu beugen hat. Für ein „Es ist nun einmal so“, hätte Jesus umsonst gelitten. Kein fremd zugefügtes Leid ist gut zu heißen. Dass Jesus dieses Leid verwandelt hat, dass er ausgedrückt hat, Gott ist in allergrößter Nähe, wo er ferne erscheint, das macht dieses Kreuz wert.
Es ist immer noch nicht zu begreifen, liebe Gemeinde. Es ist weiterhin nur zu umreißen, nur zu umschreiben. Zweifel bleiben: Ist jetzt denn das Richtige beschrieben? Warum erzählt man es dann nicht nur nach diesem Evangelium? Kann ich so überhaupt glauben – dass Liebe durch den Tod bewiesen wird?
Wir sind nicht am Ende mit unseren Gedanken, unserem Empfinden, unserem Fragen. Vielleicht aber können wir heute mitnehmen, dass Jesus hier sein Leben um uns Gott nahe sein zu lassen, auf die Spitze getrieben hat. Und können wir uns Gott nun nahe sein lassen? Können wir nun annehmen, dass Gottes Tat Liebe ist. Können wir nun beruhigt den Sohn dort am Kreuz belassen. Nicht als Gescheiterten, sondern als den, der es durch gebracht hat, durch ihn Gott zu sehen. Der uns anders verschlossen blieb.
„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Ist es nicht jener Satz aus dem Anfangsteil des Evangeliums nach Johannes, der hier klar hervorscheint?
Aus Gottes Liebe können wir leben. Sie hört auch im Tod nicht auf. Sie überwindet das Schlimmste auf Erden. Sie versöhnt und macht zuletzt allem Leid ein Ende. Gottes Liebe gilt, mir und dir. Auch über dieses Kreuz noch hinaus. Das ist das Evangelium des Karfreitags. Das ist sein Trost und seine Größe. Sein vollbringen ist unsere Befreiung.
Amen


