Predigtgottesdienst am 1. Advent , 29. 11. 2009 in der Jakobuskirche Kuchen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 1, 1 – 4 Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...
Wochenspruch: Sacharja 9,9
Lied- Lied 2
blatt Lobgesang der Maria I , Lied 2, Lobgesang der Maria II
Lied 2 (ggf. als Kanon)
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: Matthäus 21, 1 - 9
Lied: 4, 1 – 5 Nun komm der Heiden Heiland
Predigt
Lied 16, 1 + 2 + 5 Die Nacht ist vorgedrungen
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 537, 1 + 4 + 5 Sieh dein König kommt zu dir...
Abkündigungen
Segensstrophe 1,5 Komm o mein Heiland jesu Christ
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am
Predigt am 1. Advent, 29. 11. 2009 in der Jakobuskirche Kuchen Reihe II Römer 13, 8 - 14
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
werden Sie gerne geweckt? Stehen Sie gerne am Morgen auf? Eine etwas zweifelhafte Frage mit einer vielleicht ebenso zweifelhaften Antwort. Sie jedenfalls sind heute Morgen aufgestanden um hierher zu kommen. Unter der Woche aber kann einem das schon ganz schön schwer fallen. Und Sie kennen wohl auch die scherzhafte Frage dann: Aufgewacht? Oder Abgebrochen - den Zustand des Schlafens nämlich, in dem man so gerne noch verharrt hätte, weil es doch so warm und gemütlich war und so erholsam und so fern von aller Last des Tages.
Sanfter ist das Aufwachen von alleine.
Zuweilen aber steht man ganz gerne auf. Man ist ausgeschlafen. Man hat etwas vor. Man ist voller Erwartung. Die Kinder zählen es einem vor: Dreimal werden wir noch wach..
Jetzt bin ich da, ganz bei Bewusstsein, ansprechbar, handlungsfähig. Der Schlaf ist doch nur eine notwendige Pause, kein Lebensinhalt und kein Ziel.
Aufgeweckt zu sein, hat etwas Gutes. Der Schlaf ist abgeschüttelt. Der Tag kann kommen.
Der Tag wird kommen! So schreibt es Paulus an die Gemeinde in Rom. Darum sollen sich die Menschen bereit machen. Und folglich heißt es im Römer 13, Verse 8 bis 14 weiter:
Text: Römerbrief 13, 8 – 14
Liebe Gemeinde,
da steht er wieder vor der Tür, d. h. er ist schon herein getreten: Der Advent, die Ankunft des Sohnes Gottes. Es ist die Zeit, in der man sich bereit machen soll. Und wie ein viermaliger Ruf "Wacht auf", stehen die vier Sonntage bis zur Weihnacht vor uns. Jener Nacht, nach der es dann unwiderruflich Tag wird. Es bleibt also noch eine kleine Weile Zeit. "Nur noch ein Viertelstündchen", wie man es sich beim Aufwachen manchmal wünscht. Und wenn man dieses "Viertelstündchen“ noch liegen bleiben darf, so geht es mir jedenfalls, dann kommen schon eine Menge Gedanken in den Sinn. Was ist heute als erstes zu tun? Worauf musst du achten? Worauf freust du dich heute?
So kommt mir der Weckruf des Römerbriefes entgegen, als ein Wachwerden, das mir noch ein Viertelstündchen Zeit lässt bis zum wirklichen Aufstehen. Wo ich nachdenken kann, was notwendig sein wird, an diesem Tag Jesu Christi, was zu tun sein wird, wenn jetzt das Heil anbrechen soll. Aber auch, worauf ich mich freue an diesem Tag, da Christus ankommt in diese Welt. Ein Viertelstündchen, das ist auch die verbleibende Zeit dieser Predigt.
Worauf kommt es also an? Es kommt darauf an, eindeutig zu sein. Denn da muss ein Unterschied sein zwischen der Zeit ohne den Herrn und der Zeit mit ihm, ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Und ich zögere mit dem Aufstehen. Aufstehen mit einem „muss“, aufstehen mit dem Druck, mit der Auflage, heute muss etwas gelingen? Es muss ein Unterschied sein. Etwas soll offenbar werden. Kann das anspornen? Wird das nicht von vornherein zur unerträglichen Last? Heute ist der Tag aller Tage – da fürchte ich mich nur, ja nichts falsch zu machen. Ist das der Tag des Herrn, da man nichts falsch machen darf? Lebe ich auf den Tag zu, da alles in Ordnung sein soll? Bis dahin habe ich noch Zeit, alles zu richten. Vorbereitungszeit, das soll der Advent ja doch wohl sein. Zeit, in der ich das Üble und Schlechte und Missratene aus meinem Leben schaffe. Auf, ran an das schwere Werk. Mit einem Ächzen stünde ich auf.
Doch ich bleibe liegen. Es ist gut, sich weiter Gedanken zu machen.
Denn „müssen“, „nichts dürfen“, „sollen“, das sind alles Ausdrücke des Gesetzes. Das zählt Paulus auch auf: Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht töten. Und die restlichen der zehn Gebote zählen genau so. Am Tag aller Tage, dann, wenn Christus in die Welt gekommen sein wird, da darf es keine Übertretung mehr geben.
Das ist eine Illusion, regt sich Widerstand in mir. Das hat nichts mit Aufwachen und Aufstehen zu tun, sondern das ist und bleibt ein Traum. Es ist ein schöner Traum, zugegeben, und andere haben ihn schon vor mir geträumt. Im jüdischen Glauben gibt es die Auffassung: An dem Tag, an dem alle die Gesetze vollständig einhalten, an dem Tag kommt der Messias. Darum ist es an jedem einzelnen, jeden Tag nach diesem Gesetz zu leben und zu streben, dass es an mir nicht scheitert, dass er kommt. Das kann ein prägendes Lebensgefühl sein: Auf mich kommt es mit an, wenn der Heilstag Gottes anbrechen soll. Aber genau so ist auch zu fragen: Sollte etwa dieser große Tag durch einen Nichtsnutz oder gar durch eine Unachtsamkeit von mir verhindert werden können? Ist zu leben um alles richtig zu machen das Ziel? Paulus selbst urteilt im Römerbrief: Es ist nicht einer, der das im entferntesten schaffen kann. Lebe nur diesen einen Tag ohne eine Lüge, ohne Neid auf einen anderen, ohne den Anspruch Gottes zu verletzen, dass dieser Feiertag heilig sei. Lebe nur den einen Tag unabgelenkt von all dem, was zu Gebote steht. Wie weit wirst du kommen?
So denke ich in meinem Aufwachen. Ich habe ja noch zehn Minuten.
So kann es diesen Tag also nicht weiter gehen. So wie bisher alle Tage. Tage des unendlichen Bemühens.
Ein Wort bei Paulus ragt allerdings heraus. Es ist das Wort „Liebe“. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Kann es damit losgehen? Die Liebe macht nichts falsch. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Wie soll ich den Herrn empfangen? Mit Liebe! Was ist das Ende aller Bemühungen? Die Liebe.
Das klingt schön und wahr. Schließlich gehen wir auf das Fest der Liebe zu. Und trotzdem setze ich jetzt nicht sofort meinen Fuß aus dem Bett. Was ist die Liebe eigentlich? Ist es der freundliche Blick zu meinem Nachbarn allein? Ist es das aufmunternde Wort gegenüber meinem Nächsten? Ist es das unbegrenzte Zutrauen zu einem Menschen? Ist es der verstehende und anerkennende Blick hinter die Fassade? Ist es, dass ich diesem Menschen, ja allen Menschen irgendwie Glück wünsche? Oder mit einem anderen biblischen Satz gesagt: Ist Lieben nicht ein Trachten nach dem, was dem anderen dient und nicht was mir selbst dient? Alles ist zu bejahen. Allem ist zuzustimmen.
Und trotzdem stört, dass Paulus immer noch wie ein Gesetz vorgibt: Bleibt niemandem etwas schuldig. Was recht sein soll, setzt in Kraft. Die Liebe übt ständig. Das klingt nicht anders als sonst. Das klingt nicht nach neuem Tag.
Manchmal, da baut sich vor mir beim Aufwachen der ganze Tag wie ein riesiger Berg auf. Dies ist zu machen und das ist zu schaffen. Je länger ich liegen bleibe und je mehr ich nachdenke, desto mehr wird es. Ist das eigentlich notwendig, den Tag schon fertig zu haben vor dem Aufstehen? Muss ich von A bis Z wissen, was ich tun werde?
Und wie ist das mit dem Tag des Herrn? Muss ich am Ende des Advent wissen, wie ich dann vor ihm dastehen werde? Muss alles komplett sein?
Nein. Kein Plan von einem Tag garantiert, dass es so kommt. Kein Advent macht mich perfekt. Kein Gedanke im voraus rettet mich.
Worauf kommt es also an, habe ich gefragt und keine rechte Lösung gefunden. Die Werke reichen in der Menge nicht aus und werden wie Berge. Die Liebe glänzt nur in allem und weist keinen Schritt, den ich genau tun kann.
Aber die Lösung ist nahe und sie ist einfach. Was ist zu tun? Nichts anderes als aufzustehen. Nichts anderes als den Tag kommen zu lassen und bereit zu sein. Nichts anderes, als die Nacht vorbei sein zu lassen und mich senden zu lassen. Hier bin ich. Für das da, was es geben soll. An deinem großen Tag. Und wäre er heute, ich müsste nichts Großartiges für ihn gemacht haben. Nur aufgestanden müsste ich sein.
Ich denke noch einmal einen kleinen Moment nach. Ist das nicht nur ein Trick? Ist das nicht nur ein eleganter Ausweg, der mich vorbei führt am eigentlichen? Steh einfach nur einmal auf und schau, was der Tag bringen mag.
Der Tag der Ankunft Christi bringt nicht einfach so mal etwas. Und ich sehe zu, wie ich da herein finde. Was ich davon begreife und mitnehme. Wo ich mich einklinke und mitwirke. Das ist jeden Tag so. Dieser Tag, der kommt, den brauche ich nicht mehr zu füllen, denn er ist erfüllt. An diesem Tag brauche ich nicht mehr meine Aufgabe zu suchen, was denn heute etwa dran ist. Ich kann mich nur senden lassen. Diesen Tag brauche ich nicht bis zum Abend zu einem guten Ende geführt haben. Denn das Gute ist da von Anfang an, weil es der Herr ist, der von Anfang an da ist.
Solche Tage gibt es ja durchaus, an denen ich freudig aufwache und ohne Zweifel bin, dass aus ihm etwas wird. Dass ich meine Kraft spüre und keine Angst vor dem Kommenden habe. Tage, an denen ich Gutes erwarte, unbestimmt woher die Erwartung kommt.
Zu einem solchen Tag möchte ich aufstehen als dem Christtag. Weil ich weiß, daher kommt die gute Erwartung und sie täuscht mich nicht. Weil ich aus ihm Lust bekomme zu leben.
Auch an was ich mich freuen will an einem solchen Tag, wollte ich denken beim Aufwachen. Wo sind die hohen Berge der Aufgaben. Sie sind wie weg. Wo ist das drückende Muss? Es ist untergegangen in dem Gefühl, imstande zu sein und alles zu vermögen durch den, der da kommt. Und wo soll ich Liebe wirken und auf welche Weise? Sie ist von Anfang an in allem Tun dabei.
Nein, es ist keine schöne Überredungskunst um mich endlich aufzumuntern, dann doch aufzustehen. Der Tag holt mich.
Und dann kann doch alles das kommen, wovon Paulus so gesetzeshaft spricht: Dass ich dem anderen wahr und ehrlich begegne und nicht mit Vorbehalten und Ausflüchten. Denn das macht der gekommene Christtag gar nicht mehr nötig. Ich muss mich nicht mehr verstecken in meiner Lüge.
Ich kann auf meinen Reichtum sehen, meine guten Seiten. Wie elend wären wir Christen, wo wir das zu sehr als Selbstlob abtun. Zu wissen, was ich habe, schützt mich davor, anderen etwas zu neiden. Die Kraft, danach trachten zu müssen, kann ich anders einsetzen. Zum Beispiel zu helfen, denen es nicht so gut geht wie mir. Aus freien Stücken, nicht als ein Muss.
Ich brauche mich auch nicht über den anderen zu erheben. Ihn gering schätzen, ihm seinen Lebensrecht absprechen. Nicht weil ich damit ein gutes Werk gebe, wo ich es unterlasse. Sondern weil von diesem kommenden Christus her zu sein, mich selbst lebendig hält. Von diesem Leben möchte ich abgeben und merke die Freude, dass ich das kann.
Alles das kann aber nur kommen, wenn ich die Nacht hinter mir lasse, wenn ich aufstehe. Christus kommt nicht zu mir, wenn ich liegen bleibe. Christus kommt auch nicht, wenn ich mir nur Gedanken mache.
Aber wenn ich aufstehe, anfange, so ist er da. Und meine Schritte sind nicht vergebens. Ich muss nicht von vornherein wissen, welchen Schritt ich tue. Das hindert mich nur.
Ich soll nicht mehr träumen. Ich brauche nicht von gestern zu sein. Ich darf vertrauen. Und gehen. Und was nicht geht, wird vergeben sein.
Die Nacht ist vorgerückt. Der Tag ist nicht mehr fern. Das Viertelstündchen ist vergangen. Advent ist, wenn ich dazu aufstehe, mich diesem Herrn zu überlassen.
Amen
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied: 1, 1 – 4 Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...
Wochenspruch: Sacharja 9,9
Lied- Lied 2
blatt Lobgesang der Maria I , Lied 2, Lobgesang der Maria II
Lied 2 (ggf. als Kanon)
Gebet / Stilles Gebet
Schriftlesung: Matthäus 21, 1 - 9
Lied: 4, 1 – 5 Nun komm der Heiden Heiland
Predigt
Lied 16, 1 + 2 + 5 Die Nacht ist vorgedrungen
Dank- und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied: 537, 1 + 4 + 5 Sieh dein König kommt zu dir...
Abkündigungen
Segensstrophe 1,5 Komm o mein Heiland jesu Christ
Segen
Orgelnachspiel
Predigt am
Predigt am 1. Advent, 29. 11. 2009 in der Jakobuskirche Kuchen Reihe II Römer 13, 8 - 14
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
werden Sie gerne geweckt? Stehen Sie gerne am Morgen auf? Eine etwas zweifelhafte Frage mit einer vielleicht ebenso zweifelhaften Antwort. Sie jedenfalls sind heute Morgen aufgestanden um hierher zu kommen. Unter der Woche aber kann einem das schon ganz schön schwer fallen. Und Sie kennen wohl auch die scherzhafte Frage dann: Aufgewacht? Oder Abgebrochen - den Zustand des Schlafens nämlich, in dem man so gerne noch verharrt hätte, weil es doch so warm und gemütlich war und so erholsam und so fern von aller Last des Tages.
Sanfter ist das Aufwachen von alleine.
Zuweilen aber steht man ganz gerne auf. Man ist ausgeschlafen. Man hat etwas vor. Man ist voller Erwartung. Die Kinder zählen es einem vor: Dreimal werden wir noch wach..
Jetzt bin ich da, ganz bei Bewusstsein, ansprechbar, handlungsfähig. Der Schlaf ist doch nur eine notwendige Pause, kein Lebensinhalt und kein Ziel.
Aufgeweckt zu sein, hat etwas Gutes. Der Schlaf ist abgeschüttelt. Der Tag kann kommen.
Der Tag wird kommen! So schreibt es Paulus an die Gemeinde in Rom. Darum sollen sich die Menschen bereit machen. Und folglich heißt es im Römer 13, Verse 8 bis 14 weiter:
Text: Römerbrief 13, 8 – 14
Liebe Gemeinde,
da steht er wieder vor der Tür, d. h. er ist schon herein getreten: Der Advent, die Ankunft des Sohnes Gottes. Es ist die Zeit, in der man sich bereit machen soll. Und wie ein viermaliger Ruf "Wacht auf", stehen die vier Sonntage bis zur Weihnacht vor uns. Jener Nacht, nach der es dann unwiderruflich Tag wird. Es bleibt also noch eine kleine Weile Zeit. "Nur noch ein Viertelstündchen", wie man es sich beim Aufwachen manchmal wünscht. Und wenn man dieses "Viertelstündchen“ noch liegen bleiben darf, so geht es mir jedenfalls, dann kommen schon eine Menge Gedanken in den Sinn. Was ist heute als erstes zu tun? Worauf musst du achten? Worauf freust du dich heute?
So kommt mir der Weckruf des Römerbriefes entgegen, als ein Wachwerden, das mir noch ein Viertelstündchen Zeit lässt bis zum wirklichen Aufstehen. Wo ich nachdenken kann, was notwendig sein wird, an diesem Tag Jesu Christi, was zu tun sein wird, wenn jetzt das Heil anbrechen soll. Aber auch, worauf ich mich freue an diesem Tag, da Christus ankommt in diese Welt. Ein Viertelstündchen, das ist auch die verbleibende Zeit dieser Predigt.
Worauf kommt es also an? Es kommt darauf an, eindeutig zu sein. Denn da muss ein Unterschied sein zwischen der Zeit ohne den Herrn und der Zeit mit ihm, ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Und ich zögere mit dem Aufstehen. Aufstehen mit einem „muss“, aufstehen mit dem Druck, mit der Auflage, heute muss etwas gelingen? Es muss ein Unterschied sein. Etwas soll offenbar werden. Kann das anspornen? Wird das nicht von vornherein zur unerträglichen Last? Heute ist der Tag aller Tage – da fürchte ich mich nur, ja nichts falsch zu machen. Ist das der Tag des Herrn, da man nichts falsch machen darf? Lebe ich auf den Tag zu, da alles in Ordnung sein soll? Bis dahin habe ich noch Zeit, alles zu richten. Vorbereitungszeit, das soll der Advent ja doch wohl sein. Zeit, in der ich das Üble und Schlechte und Missratene aus meinem Leben schaffe. Auf, ran an das schwere Werk. Mit einem Ächzen stünde ich auf.
Doch ich bleibe liegen. Es ist gut, sich weiter Gedanken zu machen.
Denn „müssen“, „nichts dürfen“, „sollen“, das sind alles Ausdrücke des Gesetzes. Das zählt Paulus auch auf: Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht töten. Und die restlichen der zehn Gebote zählen genau so. Am Tag aller Tage, dann, wenn Christus in die Welt gekommen sein wird, da darf es keine Übertretung mehr geben.
Das ist eine Illusion, regt sich Widerstand in mir. Das hat nichts mit Aufwachen und Aufstehen zu tun, sondern das ist und bleibt ein Traum. Es ist ein schöner Traum, zugegeben, und andere haben ihn schon vor mir geträumt. Im jüdischen Glauben gibt es die Auffassung: An dem Tag, an dem alle die Gesetze vollständig einhalten, an dem Tag kommt der Messias. Darum ist es an jedem einzelnen, jeden Tag nach diesem Gesetz zu leben und zu streben, dass es an mir nicht scheitert, dass er kommt. Das kann ein prägendes Lebensgefühl sein: Auf mich kommt es mit an, wenn der Heilstag Gottes anbrechen soll. Aber genau so ist auch zu fragen: Sollte etwa dieser große Tag durch einen Nichtsnutz oder gar durch eine Unachtsamkeit von mir verhindert werden können? Ist zu leben um alles richtig zu machen das Ziel? Paulus selbst urteilt im Römerbrief: Es ist nicht einer, der das im entferntesten schaffen kann. Lebe nur diesen einen Tag ohne eine Lüge, ohne Neid auf einen anderen, ohne den Anspruch Gottes zu verletzen, dass dieser Feiertag heilig sei. Lebe nur den einen Tag unabgelenkt von all dem, was zu Gebote steht. Wie weit wirst du kommen?
So denke ich in meinem Aufwachen. Ich habe ja noch zehn Minuten.
So kann es diesen Tag also nicht weiter gehen. So wie bisher alle Tage. Tage des unendlichen Bemühens.
Ein Wort bei Paulus ragt allerdings heraus. Es ist das Wort „Liebe“. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Kann es damit losgehen? Die Liebe macht nichts falsch. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Wie soll ich den Herrn empfangen? Mit Liebe! Was ist das Ende aller Bemühungen? Die Liebe.
Das klingt schön und wahr. Schließlich gehen wir auf das Fest der Liebe zu. Und trotzdem setze ich jetzt nicht sofort meinen Fuß aus dem Bett. Was ist die Liebe eigentlich? Ist es der freundliche Blick zu meinem Nachbarn allein? Ist es das aufmunternde Wort gegenüber meinem Nächsten? Ist es das unbegrenzte Zutrauen zu einem Menschen? Ist es der verstehende und anerkennende Blick hinter die Fassade? Ist es, dass ich diesem Menschen, ja allen Menschen irgendwie Glück wünsche? Oder mit einem anderen biblischen Satz gesagt: Ist Lieben nicht ein Trachten nach dem, was dem anderen dient und nicht was mir selbst dient? Alles ist zu bejahen. Allem ist zuzustimmen.
Und trotzdem stört, dass Paulus immer noch wie ein Gesetz vorgibt: Bleibt niemandem etwas schuldig. Was recht sein soll, setzt in Kraft. Die Liebe übt ständig. Das klingt nicht anders als sonst. Das klingt nicht nach neuem Tag.
Manchmal, da baut sich vor mir beim Aufwachen der ganze Tag wie ein riesiger Berg auf. Dies ist zu machen und das ist zu schaffen. Je länger ich liegen bleibe und je mehr ich nachdenke, desto mehr wird es. Ist das eigentlich notwendig, den Tag schon fertig zu haben vor dem Aufstehen? Muss ich von A bis Z wissen, was ich tun werde?
Und wie ist das mit dem Tag des Herrn? Muss ich am Ende des Advent wissen, wie ich dann vor ihm dastehen werde? Muss alles komplett sein?
Nein. Kein Plan von einem Tag garantiert, dass es so kommt. Kein Advent macht mich perfekt. Kein Gedanke im voraus rettet mich.
Worauf kommt es also an, habe ich gefragt und keine rechte Lösung gefunden. Die Werke reichen in der Menge nicht aus und werden wie Berge. Die Liebe glänzt nur in allem und weist keinen Schritt, den ich genau tun kann.
Aber die Lösung ist nahe und sie ist einfach. Was ist zu tun? Nichts anderes als aufzustehen. Nichts anderes als den Tag kommen zu lassen und bereit zu sein. Nichts anderes, als die Nacht vorbei sein zu lassen und mich senden zu lassen. Hier bin ich. Für das da, was es geben soll. An deinem großen Tag. Und wäre er heute, ich müsste nichts Großartiges für ihn gemacht haben. Nur aufgestanden müsste ich sein.
Ich denke noch einmal einen kleinen Moment nach. Ist das nicht nur ein Trick? Ist das nicht nur ein eleganter Ausweg, der mich vorbei führt am eigentlichen? Steh einfach nur einmal auf und schau, was der Tag bringen mag.
Der Tag der Ankunft Christi bringt nicht einfach so mal etwas. Und ich sehe zu, wie ich da herein finde. Was ich davon begreife und mitnehme. Wo ich mich einklinke und mitwirke. Das ist jeden Tag so. Dieser Tag, der kommt, den brauche ich nicht mehr zu füllen, denn er ist erfüllt. An diesem Tag brauche ich nicht mehr meine Aufgabe zu suchen, was denn heute etwa dran ist. Ich kann mich nur senden lassen. Diesen Tag brauche ich nicht bis zum Abend zu einem guten Ende geführt haben. Denn das Gute ist da von Anfang an, weil es der Herr ist, der von Anfang an da ist.
Solche Tage gibt es ja durchaus, an denen ich freudig aufwache und ohne Zweifel bin, dass aus ihm etwas wird. Dass ich meine Kraft spüre und keine Angst vor dem Kommenden habe. Tage, an denen ich Gutes erwarte, unbestimmt woher die Erwartung kommt.
Zu einem solchen Tag möchte ich aufstehen als dem Christtag. Weil ich weiß, daher kommt die gute Erwartung und sie täuscht mich nicht. Weil ich aus ihm Lust bekomme zu leben.
Auch an was ich mich freuen will an einem solchen Tag, wollte ich denken beim Aufwachen. Wo sind die hohen Berge der Aufgaben. Sie sind wie weg. Wo ist das drückende Muss? Es ist untergegangen in dem Gefühl, imstande zu sein und alles zu vermögen durch den, der da kommt. Und wo soll ich Liebe wirken und auf welche Weise? Sie ist von Anfang an in allem Tun dabei.
Nein, es ist keine schöne Überredungskunst um mich endlich aufzumuntern, dann doch aufzustehen. Der Tag holt mich.
Und dann kann doch alles das kommen, wovon Paulus so gesetzeshaft spricht: Dass ich dem anderen wahr und ehrlich begegne und nicht mit Vorbehalten und Ausflüchten. Denn das macht der gekommene Christtag gar nicht mehr nötig. Ich muss mich nicht mehr verstecken in meiner Lüge.
Ich kann auf meinen Reichtum sehen, meine guten Seiten. Wie elend wären wir Christen, wo wir das zu sehr als Selbstlob abtun. Zu wissen, was ich habe, schützt mich davor, anderen etwas zu neiden. Die Kraft, danach trachten zu müssen, kann ich anders einsetzen. Zum Beispiel zu helfen, denen es nicht so gut geht wie mir. Aus freien Stücken, nicht als ein Muss.
Ich brauche mich auch nicht über den anderen zu erheben. Ihn gering schätzen, ihm seinen Lebensrecht absprechen. Nicht weil ich damit ein gutes Werk gebe, wo ich es unterlasse. Sondern weil von diesem kommenden Christus her zu sein, mich selbst lebendig hält. Von diesem Leben möchte ich abgeben und merke die Freude, dass ich das kann.
Alles das kann aber nur kommen, wenn ich die Nacht hinter mir lasse, wenn ich aufstehe. Christus kommt nicht zu mir, wenn ich liegen bleibe. Christus kommt auch nicht, wenn ich mir nur Gedanken mache.
Aber wenn ich aufstehe, anfange, so ist er da. Und meine Schritte sind nicht vergebens. Ich muss nicht von vornherein wissen, welchen Schritt ich tue. Das hindert mich nur.
Ich soll nicht mehr träumen. Ich brauche nicht von gestern zu sein. Ich darf vertrauen. Und gehen. Und was nicht geht, wird vergeben sein.
Die Nacht ist vorgerückt. Der Tag ist nicht mehr fern. Das Viertelstündchen ist vergangen. Advent ist, wenn ich dazu aufstehe, mich diesem Herrn zu überlassen.
Amen


