Predigtgottesdienst mit Taufen von Mia Gaspar am Sonntag Septuagesimae,  8. Februar 2009  in der Jakobuskirche Kuchen 
 
 
 
Orgelvorspiel
 
Begrüßung
 
Lied: 443, 1+2+4+7 Aus meines Herzens Grunde sag ich d. Lob u. Dan
 
 
Psalm 31 ( Nr. 716)
 
 
            Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
 
 
Gebet / Stilles Gebet
 
 
Ansprache zur Taufe
 
Tauflied 206, 1+3+4 Liebster Jesu wir sind hier, d Worte nachzuleben
 
Schriftlesung zur Taufe
 
 
Tauffragen
 
Taufhandlung
 
Taufgebet
 
 
Lied: 409, 1 – 8 Gott liebt diese Welt
 
 
Predigt Mt   20, 1 – 16a
 
Orgelmeditation
 
Lied: 631, 1 – 4 Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehn
 
 
Dank- und Fürbittegebet
 
 
Vaterunser
 
 
Lied: 293, 1 + 2 Lobt Gott den Herren, ihr Heiden all
 
 
Abkündigungen
 
Segensstrophe 163 Unsern Ausgang segne Gott
 
Segen
 
Orgelnachspiel
 
 
Predigt am am Sonntag Septuagesimae,  8. Februar 2009  in der Jakobuskirche Kuchen                                  Reihe I   Matth. 20, 1 – 16a
 
 
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heilgen Geistes sei mit uns allen. Amen<
 
 
Liebe Gemeinde,
 
"Nennen wir ihn Stefan. Er arbeitet in einem jungen Unternehmen in der Informations-Technologie-Branche. Eine Berufsbezeichnung hat er nicht, auch kein abgeschlossenes Studium. Sein Gehalt wird größtenteils in Aktien bezahlt. Karriere plant er nicht. Stefans Produkte sind schnell. Sein Rohstoff ist die Information, sein Werkzeug der Computer. Veränderungen vollziehen sich in Licht-geschwindigkeit: Ein Internetjahr sind sieben alte Jahre. Grenzen hasst Stefan. Er will sich nichts vorschreiben lassen, auch nicht, wie und wann er Arbeit zu erledigen hat. Was zählt ist das Arbeits-ergebnis. Zeit ist flexibel, seine Arbeitszeit allemal. Manchmal fährt er um 19.00 Uhr nach Hause, setzt sich zur Familie an den Tisch und geht um 22 Uhr noch mal in die Firma. Vertrauensarbeitszeit nennt man es, wenn Stechuhren abmontiert sind und die Arbeit erst beendet ist, wenn die Wünsche der Kunden befriedigt, der Auftrag abgewickelt, Zielvereinbarungen und Stückzahlen erreicht sind. Arbeit ist dann überall, zu Hause am Schreibtisch, unterwegs am Handy, im Kopf beim Sonntags-spaziergang. Jedes neue Projekt ist eine Herausforderung. Eine gute Dosis Angst, sagt sein Chef und klopft ihm auf die Schulter, mobilisiert deine Instinklte wieder. Manchmal möchte Stefan das Tempo herunterfahren. Wer über Zeit verfügt, herrscht. Er möchte wieder Herr seiner Zeit sein - seiner Arbeitszeit, Freizeit, Lebenszeit."
 
Liebe Gemeinde, ich habe diese Beschreibung einer bestimmten Arbeitswelt nicht erfunden. Ich entnahm sie einem Zeitungsartikel über Ich-AG und über den "Just-in  time-Facharbeiter". Es ist ein Ausschnitt und doch sieht die Welt bei vielen Menschen schon heute so aus. Vielleicht nicht überall so ausgeprägt. Aber in den Köpfen ist das Bewußtsein da, dass alles Traditionelle in Auflösung begriffen ist: Wie wir leben, wie wir arbeiten, wie wir alt werden.
 
Hören wir uns jetzt aber dazu eine Arbeitsgeschichte aus der Bibel an, die Jesus erzählt:
 
Text. Matthäus 20, 1 - 16a
 
 
Liebe Gemeinde,
 
ich will überhaupt nicht behaupten mit dem angeführten Eingangs-beispiel, dass unsere Geschichte einem wie Stefan nichts mehr sagen kann. Dass es illusorisch wäre, davon je noch anzufangen bei diesen Abgehobenen einer bestimmten Branche. Ganz im Gegenteil: ich glaube sogar, dass diese Leute sie auf eine ganz bestimmte Weise vollkommen begreifen würden.
 
Wahr ist aber, dass ich bei Schülern einen Ansturm der Entrüstung erlebe, wenn ich mit ihnen zum Thema Gleichnisse diese Verse aus Matthäus 20 lese. Fast ausnahmslos finde ich sie auf der Seite derer wieder, die gegen den Hausherrn murren, weil es doch schlicht nicht sein kann, dass einer den gleichen Lohn bekommt, der eine Stunde gearbeitet hat, wie der, der viele Stunden oder gar den ganzen Tag gearbeitet hat. Denn wenn da kein Unterschied sein sollte, dann, so überlegen sich die Schüler, mache ich es morgen genau so: Ich stehe spät auf, gehe den halben Tag spazieren, komme am späten Nach-mittag zur Arbeitsvermittlungsstelle um schließlich den Lohn für den ganzen Arbeitstag einzustreichen. Es ist klar, es würde nicht eine Woche vergehen, bis nicht alle es so machen wollten: wenig Arbeit für maximalen Verdienst. Wenn es für alle so ginge, wäre es auch o.k. , selbst für die Schüler. Wenig Aufwand, viel Effekt, ist fast überall zur Grundauffassung für alle Lebensbereiche geworden. Aber jeder weiß, dass es nicht geht. Ich kann auch einer Halbtags-kraft im Kindergarten nicht den gleichen Monatslohn geben wie einer Vollzeitkraft.
 
Die Schüler verlieren schnell die Geduld. "Ein schlechtes Beispiel", sagen sie und zerknüllen mein Abeitsblatt oder haben längst einen Papierflieger daraus gebaut. Auch das ist so eine neue Lebenswelt: Was nichts bringt ist schnell durchschaut. Dumm ist, wer dafür Zeit verschwendet. Mal sehn, ob uns nicht etwas anderes mehr Zufrie-denheit beschert.
 
Jesus will keine neuen Regeln für die Arbeitswelt aufstellen. Er will auch keinen Beitrag zum heutzutage hochaktuellen Thema leisten, ob wir nicht zu viel arbeiten und zu wenig leben. Sein Beispiel taugt weder für eine linke Argumentation, dass der Hausherr die Mehr-arbeiternden ausbeutet, noch für konservative Kreise, nach denen der Hausherr ein freier Unternehmer ist, der über sein Kapital  allein verfügen kann, ohne die Mitsprache anderer. Das alles kann und hat man Jesu Gleichnis schon unterstellt. Die Frage lautet aber schlichtweg: Wie gütig darf einer sein - und was muss einer dafür tun, um Anteil an dieser Güte zu bekommen.
 
Ein Silbergroschen für den Tag war ein guter Verdienst. Es deckte den Tagesbedarf. Wenn der Hausherr diesen Betrag in Aussicht stellt, so sagt er damit, dass für diesen Tag für denjenigen gesorgt ist. Oder anders ausgedrückt: Der Hausherr verspricht: ich gebe dir, was für dein Leben nötig ist. Das ist etwas anderes, als wenn er sagen würde: Geh - es wird dein Schaden nicht sein. Der Hausherr ist hier klar und eindeutig in seiner Zusage. Ich weiß, was du brauchst, heißt sein Angebot. Das gebe ich dir.
 
Und ab hier beginnt diese Geschichte zum Gleichnis zu werden. Denn um das geht es ja überhaupt immer nur. Um diese Zuversicht, um dieses Wissen, diese verlässliche Angabe: Es wird genug sein. Es wird mich erfüllen. Es wird alles da sein. Ich muss nichts entbehren, nichts vermissen. Wer kann das schon garantieren, heutzutage? Eigentlich niemand.
 
Es stimmt schon: Mit der Lohntüte fängt es an. Aber damit hört es nicht auf. Denn Lohn, Geld ist nur eine Art Schlüssel fürNährmittel, für Lebensfreuden, für Annehmlichkeiten. Wir alle aber wissen, dass wir mehr brauchen. Wir sind auf der Suche, was ganz unserem Leben entspricht. Ein Wort heißt: Glück - und es beinhaltet das überraschend Schöne, das einem wiederfährt. Ein Wort heißt: Herausforderung - sie gipfelt im Erfolg, den einer oder eine einfährt. Ein Wort heißt: Verstehen - Zusammenhänge, die Wirrnisse der Wege, das Wissen der Menschen. Es wächst nur mit dem Altern. Ein Wort heißt: Wert. Das Bleibende, das wir schaffen wollen. Etwas, was Bestand hat über unsere Vergänglichkeit hinaus. Ein Wort heißt: Änderung. Reagieren auf Menschen, auf Erfahrungen. Sich Strömungen aussetzen oder widersetzen. Sein Leben am Leben anderer reiben. Mitfließen und doch bei sich bleiben im großen Wandel. Es gibt noch ein paar Worte mehr, die das Menschsein ausmachen. Aber schon diese wenigen sagen: es geht nicht um's Geld allein. Es geht um die eigne Existenz, wo die Frage nach allem gestellt wird. Alles, was uns möglich ist. Alles, was wir nötig haben.
 
Wenn aber jetzt Gott der Hausherr ist, der uns da anspricht, so wissen wir, es geht nicht mehr um den Silbergroschen. Es geht genau darum zum Leben zu kommen. Und es ist Gott der Hausherr, der sagt: ich gebe euch das, dass ihr zum Leben kommt. Nicht mehr und nicht weniger.
 
Gott gibt. Wir können nur nehmen. Damit könnte es zu Ende sein. Dankbar könnten wir nur sein. Mehr können wir nicht geben. "Wir sind Bettler, das ist wahr". So sagte es Martin Luther mit seinem letzten Atemzug. Aber in seinem ganzen Leben und seiner Lehre hat er noch etwas anderes gesagt, das er vielleicht in einem allerletzten Atemzug ergänzt hätte: "Wir sind Bettler. Aber Gott sieht uns nicht als Bettler an." Er hält uns wahrhaftig für würdig, in seinen Weinberg zu gehen und seine Arbeit zu tun. So wie ein Weinberg-besitzer mitten unter denen ist, die mit ihm an den Hängen arbeiten, genau so sollen und dürfen wir mit unserem Herren Seite an Seite in seinem Reich tätig werden. Und was darin tun? Menschen unter-richten in den Dingen des Lebens. Menschen heilen. Einsame in die Gemeinschaft einbeziehen. Für Trauernde da sein und sie trösten. Schwache ermutigen. Starke nicht aus der Verantwortung zu lassen.Es sind Stichworte, Schlagworte. Es wäre ein eigenes
 
Kapitel.
 
Alles das nun aber für Gotteslohn. Sprich: Materiell reich werden wird man damit nicht. Anerkennung erhält man auch keine. Wird nicht gerade bei Kirchens immer nur etwas von einem erwartet? Und sie murrten, denn sie meinten, sie würden mehr empfangen. Denn sie hatten die Hitze und des Tages Last getragen.
 
Hat aber Gott nicht versprochen, er wird ihnen das Ganze, das zum Leben notwendig ist, geben? Wie können sie mehr wollen? Wie können wir mehr wollen? Liegt es nicht vielmehr an unserem Unglauben, das Ganze gäbe es ohnehin nicht? Also sollte man im Bereich Gottesarbeit immerhin bei dem einen oder anderen großzügiger sein. Und so denke ich manchmal, dass offizielle Ehrungen oder Lohnaufschläge ein Beweis dafür sind, dass wir eigentlich nicht mehr für unser Leben erwarten.
 
Jede Hausfrau kennt aber das, dass sie mit viel Detailarbeit ein fest vorbereitet hat. Dinge, die keiner sieht, mussten im Hintergrund dafür vorbereitet und organisiert werden. Aber alles ist vergessen, wenn das Fest schön wird, wenn sich die Gäste freuen. Wenn das, was an Vorbereitungen nicht zu sehen war, doch zu spüren ist, an der Schönheit des Raumes, dem Essen, dem Trinken. Es war viel Arbeit - schon. Aber das Erleben der Gemeinschaft mit allen Anwesenden ist unvergleichlich größer.
 
Gott sagt uns zu, dass wir das, was wir wirklich für unser Leben suchen, bei ihm finden werden. Alles was es über Geld und gute Worte noch hinaus gibt. Dass es einen Sinn gibt in meinem Leben, dass es einen Wert hat, was ich mache und sei es auch nur wenig. Auch der, der nur eine Stunde für das Reich Gottes arbeitet, soll dieses Ganze zum Leben bekommen. Er wird sich überlegen, ob er am nächsten Tag wieder die zehn anderen Stunden Dingen nachrennen soll, die alle nicht zufrieden machen.
 
Insofern wäre Jesus doch ein bemerkenswerter Arbeitgeber, denn er braucht nicht nur Spitzenkräfte. Er braucht nicht nur Dauerar-beiter. Er holt sich auch den noch für eine einzige Stunde in seinen Weinberg. Er verzichtet nicht auf das kleinste Quentchen, das einer bringen kann.
 
Kommen wir zuletzt noch einmal auf Stefan, jenen Computer-fachmann. Ist seine Lebenswelt wirklich so abgehoben ? Sind seine Träume vom Leben aber so anders? Was könnte ihn nachdenklich stimmen an dieser Geschichte? Zumindest doch die Tatsache, dass sein Chef ihm nur eine Dosis Angst verspricht, einen regelmäßigen Adrenalinstoß, dass er das Letzte aus sich herausholt. Lachend hat er es gesagt und ihm auf die Schulter geklopft. Ist das die Anerkennung, die er sucht? Ist das Freiheit, nach der er strebt?
 
Solch ein Leben im Hochgeschwindigkeitsrausch ist möglicherweise nur Ausdruck dafür, dass man gar nicht richtig lebt und dass man es nur nicht spürt, weil es Abwechslung im Sekundentakt gibt. Und irgendwann ist man draußen, ziemlich schnell sogar wahrschein-lich. Der Traum, es ein paar Jahre so zu machen und es dann ruhiger angehen zu lassen, geht nicht auf. Dann wird er da stehen, ohne dass etwas gewachsen war mit seiner Arbeit. Ohne eine Ernte, weil alles was er tat nur weiterleiten war.
 
Bei Gott: es muss mehr sein, das Leben. Es muss mehr geben als nur die Finger auf der Tastatur. Es muss mehr geben, als selbst ein hochverarbeitend menschlicher Mikrochip zu werden.
 
Bei Gott ist es mehr.
 
Amen      
 
 

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