Predigtgottesdienst mit Taufen an Palmsonntag, 05. 04. 2009 um 9.30 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen 
 
 
Orgelvorspiel
 
 
Begrüßung
 
Lied: 450, Morgenglanz der Ewigkeit
 
 
Psalm Nr. 760
 
 
Gebet / Stilles Gebet
 
 
Ansprache zur Taufe
 
Tauflied 582, 1 – 3 Kind du bist uns anvertraut...
 
Schriftlesung zur Taufe
 
 
Tauffragen
 
Taufhandlung
 
Taufgebet
 
 
Lied: 541, 1 – 3 Von guten Mächten 
 
 
Predigt Joh. 12,12 – 19
 
 
Orgelmeditation
 
 
Lied: 76, 1+2 O Mensch bewein dein Sünden groß 
 
 
Dank- und Fürbittegebet
 
Vaterunser
 
 
Lied: 295, 1 – 4 Wohl denen, die da wandeln..
 
 
Abkündigungen
 
Segensstrophe 157 Lass mich dein sein und bleiben...
 
Segen
 
 
Orgelnachspiel
 
 
Predigt an Palmsonntag, 05. 04. 2009 um 9.30 Uhr in der Jakobuskirche Kuchen                       Reihe I Joh. 12, 12 – 19
 
 
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.  Amen<
 
 
Liebe Gemeinde,
 
wie treten die Mächtigen der Welt auf? Sie treten auf bei voll gesperrten Autobahnen und großem Sicherheitsaufgebot mit kreisenden Hubschraubern.
 
Wie treten die Mächtigen der Welt auf? Sie treten auf mit militärischen Ehren auf roten Teppichen und nach einem genau abgesprochenen Protokoll.
 
Wie treten sie auf, die Mächtigen? In Blitzlichtgewittern, in lächelnder Pose, freundlich aussehenden Gesten und schütteln die Hände ausgewählter Bürgerinnen und Bürger.
 
So erleben wir es gerade beim Nato-Gipfel in Baden-Baden, in Kehl, in Straßburg. Der amerikanische Präsident, die deutsche Kanzlerin, etliche europäische Regierungschefs. Alle sind sie beieinander, fahren vor in gepanzerten Limousinen, sind abgeschirmt ansonsten bis in die privatesten Räume. Das ist die Wirklichkeit. Das ist heute.
 
Ausgerechnet für diesen Sonntag aber hören und lesen wir von einem ganz anderen Auftritt. Es gleicht dem Kommen eines Königs – und ist doch ganz anders. Kein Gipfel ist ausgerufen worden. Es wird nicht über Sicherheit verhandelt. Der Herrscher zeigt sich nicht im Aufgebot seiner Macht. Er kommt schlicht, würdig, unzweifelhaft, und unaufhaltsam. So konnte keiner vor ihm und kann auch keiner mehr nach ihm kommen. Jesus Christus zieht in Jerusalem ein. Es ist die Geschichte für Palmsonntag. Von ihr hat er seinen Namen.
 
Das Evangelium nach Johannes erzählt die Begebenheit so:
 
                                   Text: Johannes 12. 12 – 19
 
Liebe Gemeinde,
 
mit so einem König kann man keinen Staat machen. Als einer unter seinen Jüngern nähert er sich der Stadt Jerusalem. Er ist kaum unter ihnen als der Herr auszumachen. Dann setzt er sich auf ein Eselchen. Genau so wird es bei Johannes ausgedrückt. Es ist keine königliche Geste. Es hat nichts Erhabenes. Er hält keine Rede, keine Ansprache, bleibt merkwürdig stumm. Von keinem Grüßen in die Menge hinein wird gesprochen. Keine Mimik wird verraten. Jesus kommt einfach nur. Und es ist alles andere als ein: er kam, er sah, er siegte. Wo bleibt das Beeindruckende? Wo spürt man den Gebieter? Nirgends. Mit Jesus ist kein Staat zu machen.
 
Mit recht! Es fällt auf, dass bei Johannes keine Aufforderung an die Jünger ergeht, dass sie einen Esel ausfindig machen sollen. Es ergibt sich vielmehr so, dass Jesus einen Esel findet. Hier soll nichts inszeniert werden, kein Einzug und keine Parade.
 
In den anderen Evangelien wird Jesus eigens von seinen Mannen auf den Esel gesetzt. Wie auf einen Thron heben sie ihn auf das Lasttier. Nicht so bei Johannes. Und auch die Kleider, die man auf den Boden legte und auf denen er wie über einen Teppich ritt, fehlen hier.
 
Mit Recht fehlt es deswegen, weil Jesus nicht die weltliche Macht will. Und das Evangelium nach Johannes will alles vermeiden, was danach aussehen könnte. Es ist ohnehin schon ein Zuviel, was scheinbar sichtbar wird bei diesem Auflauf im Vorfeld des Passahfestes. Das eigentliche ist unsichtbar – und wird es bleiben.
 
Liebe Gemeinde, können wir das denn noch nachvollziehen? Ziehen uns nicht die Bilder von den Mächtigen heute so in Bann? Und erwarten wir nicht Ähnliches von dem, den wir als machtvollen Befreier bezeichnen: dem Sohn Gottes. Mit irgendetwas muss er das doch zeigen. Durch sein Handeln, durch ein Symbol muss es deutlich werden. Irgendetwas Unmissverständliches muss es geben, dass wir sagen: der ist es.
 
Stattdessen begegnen wir Christen aller medial aufgerüsteten Welt nur mit einer vergleichsweise einfachen Geschichte eines Eselreiters. Ist es nicht beschämend? Gibt es nichts Glaubwürdigeres? Wir verstehen es
 
nicht.
 
Die Jünger verstanden es auch nicht. Wörtlich steht es so an dieser Stelle. Was verstanden sie nicht? Dass der Herr der Welt nicht mächtiger, einnehmender, unmissverständlicher auftritt? Dass Jesus nicht alles unternimmt, dass deutlich wird: hier ist die Macht Gottes, hinter der andere Mächte verblassen müssen? Nein – die Jünger verstanden gar nicht, dass hier Gott überhaupt so sehr nahe ist. Sie sind mitten im Geschehen und sehen nichts. Erst im Nachhinein erkennen sie, dass Jesus mit dem Eselsritt einen kleinen Wink geben wollte. Genau so hat ein anderer das Kommen des Messias beschrieben. Der Prophet Sacharja schrieb es. Der Gottgesalbte kommt auf einem Esel. Später erkennen sie es. Später können sie das Bild auflösen, das Jesus ihnen bot, als er sich auf den Esel setzte.
 
Ich frage mich, ob wir heute nicht auch immer wieder mit solch einer Art Blindheit geschlagen sind. Machttitel für Jesus haben Konjunktur. Wir singen von dem Herrscher, von dem König der Könige, von der Allmacht, von dem, der regiert. Es kann seine Größe nicht absoluter ausgemalt werden und die Untergebenheit der Gläubigen stärker betont werden. Ich glaube, nicht wenige wünschten sich einen Jesus, der heute so auftreten würde wie ein Super-Obama. Und alle müssten auf die Knie fallen. Mit Recht zeigt das Johannesevangelium Jesus nicht so. Niemand fällt hier auf die Knie. Keiner überantwortet dem auf dem Esel sein Leben. Während dieser Einzug eigentlich alles andere als das ist, während hier nichts inszeniert werden soll, läuft eine bestimmte Richtung des christlichen Glaubens gerade Gefahr, das zu machen: Jesus in Szene zu setzen. Ihn in moderner Weise herauszustellen. Ihn als das überstrahlende Universale überlebensgroß zu projizieren. Dabei ist dieser Sohn Gottes weder ein Star, der in Fußballstadien zu feiern ist, noch ist er gekommen, um Großleinwände zu füllen. Hätte er das gewollt, wäre er in einem Palast und nicht in einem Stall geboren. An diesen Anfang dürfen wir uns kurz vor seiner Kreuzigung durchaus noch einmal erinnern lassen.
 
Aber er wird doch gefeiert. Er zieht doch die Massen an. Die brodelnde Stadt wartet doch auf ihn. Als ob Jesus weitestgehend unbeachtet durch die Straßen geritten wäre. Jesus hat doch nichts dagegen gehabt, dass er Aufmerksamkeit erregte. Wo Jesus sie nicht zurückgehalten hat, warum sollen wir da heute zurückhaltend sein?
 
Ja, sie feierten Jesus. Er war der heimliche Held dieses Passahfestes. Schon vor seinem Erscheinen ging eine Kunde voraus: Er hat Lazarus wieder lebendig gemacht. Lazarus selbst ist auch auf dem Fest. Die Menschen kamen nicht allein um Jesu willen, sondern auch um Lazarus zu sehen. Das genau steht ebenso wörtlich bei Johannes und zeigt, dass doch mehr die Sensation regierte als die Erkenntnis, hier dem Gesalbten Gottes zu begegnen. Wenn Jesus selbst zwar im Verborgenen halten will, wer er ist, so gibt es doch sprechende Beispiele. Begebenheiten, die für den sich bedeckt Haltenden sprechen. Einen wiedererweckten Toten, den kann man trefflich feiern. Und damit den, der dies vollbracht hat.
 
Allein, Jesus hat es nicht vollbracht, um damit berühmt zu werden. Nur die Leute brauchten eine Berühmtheit. Jesus tat dies, um Gottes Macht zu zeigen. Aber von Gott wollen die Menschen nach wie vor nichts hören, dafür um so mehr von Wundern. Wie aktuell das doch immer noch ist. Kann man schon mit einem König ohne deutliche Insignien keinen Staat machen, mit einem Wundertäter kann man es dann doch. Was damit geschieht ist aber, dass alle Welt durch Jesus hindurch sieht. Denn das Volk – und das Johannesevangelium schreibt sogar der Pöbel, der Mob – ist gekommen, den Lazaruserwecker zu sehen. Und niemanden sonst. Welche Kommentare werden sie am Straßenrand abgegeben haben? „Ach so sieht der aus?“ „Ich habe ihn mir ein bisschen größer vorgestellt.“ „Eigentlich hat er ein ziemlich schmales Gesicht.“ Oberflächlichkeiten. Aber an den Obamas interessiert auch mehr ihre Kleidung als ihre Worte.
 
Warum aber lässt Jesus das zu? Warum spielt er mit? Was hat sein Schweigen zu bedeuten? Zeichen gibt er mit dem Esel, die auf eine Prophetenstelle hinweist, aber niemand versteht es. Gefeiert wird er, aber nur als Objekt einer Sehenswürdigkeit. Hochgejubelt wird Jesus für eine Totenauferweckung, wo doch eigentlich Gott die Ehre gegeben werden müsste. Jesus bricht nicht die falsch verstandene Vorstellung ab. Er stellt nichts klar. Er erklärt sich nicht, lässt Palmzweige wedeln, lässt Hosianna rufen. Und so wie es bei Johannes erzählt wird, muss eigentlich ein einziges Missverständnis sein. Jesus löst es nicht
 
auf.
 
Es gibt Gründe, warum es Jesus geschehen lässt. Der eine Grund ist, dass hier nichts mit Worten zu erklären ist. Die Leute sind nicht gekommen um eine Predigt zu hören. Das Volk will ohnehin nie eine Predigt hören. Was sehen, was erleben, ergriffen sein, sich freuen, in Sprechchören mitsingen – das traf viel eher die Stimmung des Momentes. Die Pharisäer, Meister der Worte, erkennen es. Sie sind machtlos gegen die Woge der Begeisterung. Auch Jesus kann und will sie in diesem Moment nicht aufhalten. Er schweigt, weil andere Zeichen reden wie der Esel und die Palmzweige. Sie sprechen ihre Sprache. Die trockenen Bibelausleger wie die Pharisäer, so muss man gerechterweise sagen, haben eine solche Sprache nicht. Eine Sprache, die ans Herz geht. Unmittelbar vor dem Einzug steht die Erzählung von der Frau, die Jesus die Füße salbt. Und im Kapitel nach dem Einzug wäscht Jesus den Jüngern die Füße. Es ist, so schrieb ein Ausleger, als ob hier das Evangelium vom Kopf auf die Füße gestellt werde. Vom Verstand in die Praxis. Von der Möglichkeit in die Wirklichkeit. Jesus redet nicht, weil zu reden nicht vonnöten ist. Jede Sprache kann missverständlich sein. Nicht nur die Sprache der Dinge und Taten. Auch die wörtliche Rede, auch alles Erklären kann umgedeutet
 
werden.  
 
Andererseits: Auch im falsch Verstandenen kann ein richtiges Handeln  liegen. Jesus lässt zu, dass er gepriesen wird. Weil er vertraut – oder weiß – dass das richtige Verständnis kommen wird. Er lässt das Lob zu, obwohl der wahre Grund für das Lob erst noch erkannt werden muss. Deshalb wird das vorweggenommene Lob nicht falsch. Die Menschen feierten ihn, obwohl sie nicht wissen, dass sie den wahren Sohn Gottes feiern. Das Feiern ist also angebracht. Es ist, so könnte man sagen, das einzig Richtige an dieser Stelle. Nicht von den Verständigen, nicht von den Klugen, nicht von den Weisheitslehrern, die alles zu durchschauen meinen, will sich Jesus ehren lassen. Jesus weist niemanden zurück. Auch Pöbel und Mob nicht. Er schämt sich nicht, sich von den gemeinen Leuten zu einem König gemacht zu werden, wo sie einen König in ihm sehen.
 
Und doch muss er – von diesem gleichen Volk später verraten – später am Kreuz sagen: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie wussten es auch hier nicht, mit den Palmzweigen in der Hand.
 
Ich für meinen teil will lieber vorsichtig sein. Nüchterner, wachsamer. Ich weiß, dass ich auch damit bei Jesus meinen Platz haben kann.
 
Alle Welt lief ihm nach, heiß es am Schluss. Jesus nachzulaufen heißt noch nicht, ihm zu folgen. Dazu gehört mehr. Passionszeit heißt darum, sich immer noch einmal ernst zu befragen, um was es einem geht. Um unverstandene Festlichkeit. Um nachdenkliche Schweigsamkeit. Oder um das Bekenntnis, dass ich überhaupt nicht weiß, wie ich diesem Jesus richtig begegnen kann, wie ich ihn angemessen feiere, mich ihm verstehend nähere. Dass ich also genau so schnell in die Schlingen der Schuld gerate.
 
Im Verkehrten liegt auch etwas Richtiges. Das ist der Trost. Und wie passend war es in diesem Moment von den Leuten auf der Straße ein ihnen bekanntes Lied als Schlachtruf auszuposaunen: Hosianna! Gelobt sei der da kommt, im Namen des Herrn, der König von Israel! Wie richtig es doch zugehen kann, ungewolltermaßen. Das Loblied schwingt schon mit. Der Gesang ist  schon der Palmsonntag. In altbekannten Worten tut sich Neues auf. Es braucht sich nur noch entfalten. Es ist das, worauf wir warten. Immer leuchtet es hindurch und ist schon zu sehen. Darum ist ein Festtag heute, wie es ein Festtag in Jerusalem gewesen ist. Ganz wahr und ganz wirklich und für den Richtigen, Gottes Sohn in Jesus Christus.
 
                                                                                  Amen                   
 
 

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