Abendmahlsgottesdienst am 4. So n. Epiphanias 30. 01. 2011 in der Jakobuskirche Kuchen                             9.30 Uhr
 
 
Orgelvorspiel
 
Begrüßung
 
 
Lied: 327, 1 – 4 Wunderbarer König, Herrscher von uns allen...
 
 
Psalm: 69 ( Nr 731)
 
 
            Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
 
 
Gebet / Stilles Gebet
 
Glaubensbekenntnis
 
 
Schriftlesung: 2. Korinther 1, 8 - 11
 
 
Lied: 346, 1 – 4 Such wer da will ein ander Ziel
 
 
Predigt: Matth. 14, 22 - 33
 
 
Lied: 617, 1 – 5 Stark ist meines Jesu Hand...          
 
 
Überleitung z. Abendmahl
 
Sündenbekenntnis / Vergebungszusage
 
Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl
 
 
Lied 190.2 Christe du Lamm Gottes...
 
 
Abendmahlsausteilung
 
 
Dank- und Fürbittegebet
 
Vaterunser
 
 
Lied: NL 30, 1 – 4 Durch das Dunkel hindurch
 
 
Abkündigungen
 
Segen /Orgelnachspiel
 
 
Predigt am 4. Sonntag nach Epiphanias, 30. 01. 2011
 
In der Jakobuskirche Kuchen.          Reihe III  Matth. 14, 22 - 33
 
 
>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.  Amen<
 
 
Liebe Gemeinde,
 
„Du siehst Gespenster“, halb spöttisch, halb tröstend sagen wir solch einen Satz zu einem Freund, zu einem Vertrauten, einer nahen Verwandten. Da mag das Klappern einer Tür den Gedanken aufkommen lassen, es könnte jemand einbrechen. Oder es geht jemand gerade vorüber, den ich meine zu kennen, obwohl er doch ganz woanders wohnt. Du siehst ja schon Gespenster. Das ist ja alles gar nicht wahr. Plötzlich ist der Brief, den ich mir zum Einwerfen bereit gelegt habe, nicht mehr da. Oder an dem ausgemachten Treffpunkt erscheint niemand. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.
 
Führte der Weg, den ich hier letztes Jahr noch gegangen bin, nicht noch weiter? Habe ich dieses Buch da nicht erst vor kurzem bei jemand ganz anderem gesehen? Lauter unerklärliche Dinge.
 
Aber bei genauerem Hinsehen gibt es dann doch Erklärungen. Den Brief habe ich bereits schon in meine Manteltasche gesteckt um ihn nicht zu vergessen. Der dort vorüberging, war doch nicht mein Bekannter, er sah ihm nur ähnlich. Der Treffpunkt war der richtige, aber ich war zu einer falschen Zeit da. So kann es einem gehen mit den Erscheinungen, die man so zu haben meinte. Gespenster, die verschwinden auch wieder und alles ist dann wieder wie gewohnt.
 
Meistens jedenfalls ist es so.
 
Von Unerklärlichem erzählt auch die Bibel. Und sie löst es auch nicht so einfach auf, sondern mutet uns zu, es einmal stehen zu lassen, zu glauben sogar. Die Bibel zweifelt nicht, dass solche Unerklärbarkeiten ihren Sinn haben. Er liegt hinter dem, was passiert ist, was abgelaufen ist. Auch in jener Nacht auf dem See Genezareth. Ich lese aus dem Matthäusevangelium Kapitel 14 die Verse 22 bis 33.
 
                                   Text:  Matth. 14, 22 – 33
 
Liebe Gemeinde,
 
wie das gegangen sein soll, das würden wir gerne wissen, nicht wahr? Selbst Menschen, die sich in der Bibel nicht gut auskennen, wissen zumindest, dass Jesus über’s Wasser gehen konnte. Ein wenig mit Augenzwinkern wird die Geschichte weitergegeben. Verrückt, wer glauben will, dass dies wahr ist. Aber Aufmerksamkeit erregt es. Es sind immer die eher außergewöhnlichen Dinge, die man behält. Über das Wasser gehen zu können – eine tolle Idee. Dass der Mensch, der es versucht, da reinfallen muss, ist völlig klar. Was ein Jesus kann, das kann halt kein anderer. Und zu dem Augenzwinkern über diese Verrücktheit gesellt sich doch ein gewisser Respekt. Denn wenn der Gang über das Wasser noch so unglaubwürdig ist, zuzutrauen wäre es dem Gottessohn. Der hat das eben können – so wie Mose das Rote Meer teilen konnte oder wie Elia Feuer vom Himmel fallen lassen konnte. Das weist die Genannten als Gottesmänner aus. Das muss man ihnen lassen.
 
Die Frage aber ist, ob diese Geschichte wirklich aufgeschrieben worden ist, damit unsere Ehrfurcht vor Jesus gestärkt wird. Das Ende des Berichtes legt dies nahe: „Die im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn.“ Wenn wir übertragenerweise auch mit ihnen in einem Boot sitzen, so können wir uns dieser Erkenntnis nur anschließen. Der die Naturgesetze außer Kraft setzt, der kann nur mit der Himmelsmacht im Bunde sein. Den müssen wir anerkennen, anbeten. Der ist der wahre Herrscher. Vor ihm müssen wir auch nicht mehr fragen wie das geschehen kann, welche Erklärung es dafür gibt. Einzig dazu, seine Autorität zu beweisen, wird die Geschichte erzählt. Jesus ist zu allem fähig. Hier übersteigt er die Wellen. Später entsteigt er dem Grab und wird auferstehen. Alles, alles ist schon im Voraus daraufhin angelegt.
 
Und doch wird ja zumindest bei Matthäus noch mehr erzählt. Da ist ja auch noch Petrus. Will er zu einem zweiten Jesus werden, will er unsterblich sein, wenn er seinen Fuß aus dem Boot heraus in die Fluten setzt? Soll in ihm das Menschliche unterstrichen werden, von dem sich eben das Göttliche abhebt? Sollen wir uns durch sein Beispiel trösten lassen, dass selbst die Jünger Jesu uns nichts voraus haben? Selbst ein Petrus konnte das Kunststück nicht vollbringen, auf dem Wasser zu gehen, das wir für uns selbst längst als unmöglich abgetan haben. Immerhin dürfen wir so mit den Jüngern gleich sein.
 
Doch beginnen wir von vorn:
 
Jesus schickt seine Jünger ins Boot. Er lässt sie vorausfahren ans jenseitige Ufer. Ohne ihn sollen sie diese Strecke bewältigen und schon einmal alles vorbereiten, dort wo sie anlanden werden. Es gibt nicht so viele Stellen, wo die Jünger ausdrücklich ohne Jesus handeln. Vergleichbar ist es nur mit der Aussendung der Zwölf in alle Lande. Und später, nach der Kreuzigung, sind de Jünger allein. Vielleicht wird gerade aus dieser Erfahrung die Erinnerung an diese nächtliche Schifffahrt aufgeschrieben. Allein und verunsichert sind sie nach Jesu Tod und suchen nach einem Halt. Halt, den sie in dieser stürmischen Nacht auf dem See erhalten haben.
 
Noch ist aber alles ganz normal und unspektakulär. Die Hälfte der Mannschaft, davon kann man ausgehen, sind Fischer. Ihnen ist solch ein Kahn ein zweites Zuhause. Dort sitzt jeder Handgriff. Und auch dass es zu Stürmen kommt, ist für die Mehrzahl nichts Erschrecken-des. In wie viele brenzlige Situationen sind sie schon als Fischer gekommen. Und jetzt wieder. Sie tun ihr Menschenmögliches. Sie rudern. Sie schöpfen übergetretenes Wasser aus dem Schiffskörper. Sie stemmen sich mit ihrer Körperkraft gegen die Wellengewalt, versuchen das Ruder zu halten. Sie machen ihr Handwerk. Sie organisieren sich insoweit, dass sie Nachtwachen einteilen. Die anderen sollen sich, so gut es geht, ausruhen und zu neuen Kräften kommen. Sie gehen vernünftig mit ihrer Situation um. Und wenn sie auch ihre liebe Mühe und Not haben, sie ist zu bewältigen. Diese Überfahrt ist das Alltäglichste vom Alltäglichen. Wenn sie am anderen Ufer angekommen sind, wird die Nacht vergessen sein. Und vergessen wird sein, wie dünn die Decke ist zwischen dem, dass alles normal verläuft und der lauernden, hereinbrechbaren Katastrophe.
 
Liebe Gemeinde, das allgemeine Alltagsgeschäft, das kennt jeder von uns. Dass man morgens in sein Auto steigt und zur Arbeitsstelle fährt. Dass Schulkinder und Lehrer Unterrichtsstunden und Pausen bewältigen. Dass einer sich gegen die anderen behaupten muss und sein Wissen und Können unter Beweis stellen muss. Alltag ist es, wenn gekocht und versorgt wird. Alltag, wenn nahe Angehörige gepflegt werden. Wenn in der Erziehung Werte vermittelt werden und wenn kleine und große Schmerzen gelindert werden. Alltag heißt  auch, dass die Ruhe fehlen kann oder dass zu viel Ruhe und einsames Leben auf einem lasten kann. Auf und ab geht es, wie auf den Wellen. Und bei den vielen Gelegenheiten und Fällen meistert es jeder auf seine Weise mal mehr, mal weniger gut, aber doch so dass es voran geht. Voran in den nächsten Alltag, der wieder Kräfte und Geschick fordert. Vergleichbar zu den Jüngern rudern wir durch das Leben, obenauf auf den Wellen. Was hereinbricht, das suchen wir wieder nach außen zu befördern.
 
Und doch lauert da unter uns, außerhalb das Unvorstellbare. Dass einer von seiner Autofahrt nicht nach Hause zurückkehrt. Dass ein Unfall ihn oder einen anderen aus der Bahn geworfen hat. Dass ein erschreckender Anruf kommt: bei Ihnen hat es gebrannt oder bei Ihnen ist eingebrochen worden. Dass eine gefährliche Krankheit festgestellt wird, ein langer Krankenhausaufenthalt, eine Schädigung für immer vielleicht nicht ausgeschlossen wird. Dass einem die Kinder aus den Händen entgleiten, in Alkoholexzesse verwickelt sind. Dass eine Überbelastung im Kollaps endet. Wie viele hunderterlei gefahren gibt es nicht. Und wie viele sind davon nicht auch hier unmittelbar betroffen. Der Alltag geht nicht mehr voran. Das Leben beginnt zu schlingern. „Wenn ich jetzt meinen Arbeitsplatz verliere...?“, könnte eine Frage heißen. Und da taucht es dann auf: Ach was. Du siehst Gespenster. Es geht doch gar nicht so schlecht bei euch. Das bildest du dir nur ein. Ein Schatten ist das, deine Gedanken. „Wenn jetzt unsere Beziehung zerbricht?“ Denke nicht daran. Mach dich nicht verrückt. Und doch, es scheint so nah. Die Schatten bewegen sich.
 
Was dachten die Jünger im Sturm anderes als: jetzt holt man uns. Da hinten rollt eine Riesenwelle auf uns zu. Dort steht der Sensenmann. Der kann gewiss über’s Wasser gehen. Das Wasser, das er mir zum Grab bereitet. Gegen die Übermacht kommen sie nicht mehr an. Ich schaffe es nicht mehr. Der Alltag ist zu Ende. Das Grauen ist da. Die Angst. Die Jünger schreien.
 
Albträume sind es. Am anderen Morgen, angekommen würden sie zurückdenken und sich fragen: was war das letzte Nacht? Haben wir die Gefahr nicht größer gemacht als sie war. Und sagen wir, wenn wir durchgekommen sind, nicht ähnliches?
 
Doch hier, mitten in der Gefahr, mitten in der Nacht, mitten auf dem See über dem Nichts, da ruft es: Ich bin’s. Ich bin’s, Jesus euer Freund. Nicht der Sensenmann, sondern der, der euch das Leben verheißt und bringt. Fürchtet euch nicht.
 
Liebe Gemeinde, wenn es doch aus unseren dunklen Schatten so freundlich spräche. Wenn doch in solcher Nacht das Wort fiele: Fürchte dich nicht. Wenn, die Hand vor Augen vor Leid oder Schmerz, der eine sagt: Ich bin’s. Der Ich – bin – bei – dir. Wenn dies doch geschehen könnte. Was will uns dann noch angehen? Kein Gespenst, das mir sagt, mit dir ist es zu Ende. Sondern der Geist Gottes, der mir sagt: Ich halte dein Leben. Nicht der Absturz ins Bodenlose. Sondern das Wunder, dass das Wasser trägt. Dass du alle Unsicherheit unter deine Füße nehmen kannst und nichts gibt nach. Das wäre doch die Hilfe, die jeder braucht. Das wäre Ermutigung zum Leben. Ich bin’s – und nun tritt über alle Gefahr, über alle Schmähung, über körperliche Gebrechen, düstere Gedanken, ja Tod und Teufel auf mich zu. So unmöglich ist das und dann doch so unmöglich wieder nicht.
 
Steig aus, aus dem Alltag und tritt in das Meer der Krankheit. Sie verschlingt dich nicht. Nicht ich spreche es. Er spricht. Verlasse den Alltag deiner zersplitterten Beziehung und tritt in das Meer der Einsamkeit. Du sollst oben bleiben. Er will’s. Geh hinaus aus dem Kahn des Alltags, in dem du dich verschanzt hast aus Scham vor deinen Fehlern und tritt in das Meer der Schuld um dich herum. Die Schuld muss dich leben lassen. Stehe auf ihr, wenn du zu dem blickst der zu dir sagt: Ich liebe dich. Ich der Herr. Ich, der ich da bin.
 
Das geht nicht, sagen wir ängstlich und klammern uns noch mehr an das Ruder unseres Alltagsschiffes. Vielleicht kommen wir noch einmal durch. Wie schon so viele Male.
 
Petrus aber versucht es. Er macht ernst. Er will keine Angst mehr haben müssen. Er will alles Schreckliche hinter sich lassen. Er lässt sogar die Freunde im Boot. Aber er versinkt.
 
Sollte uns das nicht warnen? Aus dem Alltag steigt man nicht so leichtfertig aus. Die Meere der Einsamkeit, Krankheit, des Versagens und der Schuld sind tief, die Wasser reißerisch.
 
Und doch für einen Moment stand Petrus da neben dem Boot. Und es war himmlisch ruhig. Und er machte unwissend wie einen Schritt und noch einen. Erst dann sah er nach unten, sah auf die Wellen, sah alles Schwarze. Erst da war alles aus. Und da ergriff ihn Jesus.
 
Die Geschichte, die da berichtet wird, die kann mit einem Augenzwinkern erzählt werden, wenn sei mit uns und unserem Leben nichts zu tun hat. Man kann Lachen und spotten und sagen: welch eine kuriose Idee, über das zu Wasser gehen. Wo ist der Trick.
 
Wir aber gehen täglich über solche Wasser und merken es nicht. Und wenn uns eine Ahnung ankommt, so reden wir von Gespenstern. Aber Jesus ist jederzeit da. Nicht auf das, was nach unten zieht, sollen wir sehen, sondern nach dem, der uns immer zur rechten Zeit erscheint. Der freundlich spricht: Ich bin’s. Auf allen Meeren. In deinem Leben. Bei aller Bedrohung. Ich bin nicht die Einbildung. Ich bin der ich bin. Für immer. Und ich bin nahe.
 
                                                                                  Amen         
 
 
 
 

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