Passionsandacht am Mittwoch der Karwoche, 19. 03. 2008
In der Jakobuskirche Kuchen
 
Thema: 4 Blickwinkel - Passion
 
Orgelvorspiel
 
Gruß:
 
Psalm
 
Lied: 98, 1 – 3 Korn, das in die Erde...
 
Gebet
 
Schriftlesung: Matthäus 27, 3 - 10
 
Lied 95, 1 - 4 Seht hin, er ist allein im Garten (Lied einmal vorspielen)
 
 
Auslegung / Erzählung: 3. Judas
 
Lied: 75, 1 – 3 Ehre sei dir Christe...
 
Dank- und Fürbittegebet
 
Vaterunser
 
 
Orgelnachspiel
 
 
Passionsandacht am Montag in der Karwoche 17. 03. 2008
4 Blickwinkel - Passion
 
3. Judas
Ich bin Judas. Ja, richtig, der Judas. Ich frage mich als erstes, ob ich wirklich zu der ganzen Geschichte etwas zu sagen habe? Wer erwartet das von mir? Welches Recht habe ich dazu?
Mit mir ist man fertig. Zurecht. Ich habe es nicht verdient, nur ein Wort über Jesus zu sagen. Davon habe ich zu viele gesagt zu seinen Feinden. Habe bereitwillig Auskunft gegeben, wo Jesus zu finden ist. Die eine oder andere Spitzfindigkeit, Kenntnisse aus dem engsten Kreis, habe ich dazu geliefert. In blanken Silberstücken habe ich es mir ausbezahlen lassen.
Habe ich das gerne getan? Habe ich mich wohl dabei gefühlt? Sicher nicht! Es wäre unsinnig, zu sagen, ich wollte Jesus nicht schaden. Ich wollte, dass er nicht weiter durch das Land zieht und vom Frieden predigt, wo kein Friede ist. Er sollte nicht die Menschen weiter zur Passivität verführen, dass jemand nach der linken Wange auch die rechte noch hinhalten soll. Und diese Selbstbezichtigungen in der letzten Zeit, er werde viel leiden müssen, gaben mir noch den Rest. Hatte sich Jesus nicht schon aufgegeben? Als wir nach Jerusalem kamen, weinte er über die Stadt. Anstatt sie wach zu rütteln. „Wehrt euch“ zu rufen. Macht dieses Jerusalem wieder zu einer Stadt, die des Königs Davids würdig ist. Anführen sollte er uns. Statt dessen wusch er uns die Füße. Mir auch.
Das einzige Mal. Wo ich noch Stärke bei ihm entdeckte, war bei dem Mahl danach, als er von dem bevorstehenden Verrat sprach. Unverwandt sah er mich an, als er davon sprach, einer dieser Zwölf wird mich ausliefern. „Genau“, dachte ich bei mir und wich seinem Blick nicht aus. Weil ich nämlich weiß, was ich will. Du wartest ja auch Zeichen von oben. Die hat es doch noch nie gegeben. Das Unglück war immer schneller. Die besten hat es hinweg gerafft. Immer wieder.
Ich Tor! Ich sollte das Unglück sein. Ich sollte das Übel dieser Welt sein. Ich sollte es sein, der Gott im Weg steht, das Gute zu tun.
Ich wollte die Welt schaffen, wie sie mir passte, wollte mit Stolz Israelit sein. Mit meinem Volk wollte ich einig sein. Die großen Zeiten von früher wünschte ich mir herbei. Da, wo der einzelne noch etwas wert war. Wo es auf jeden Mann ankam – und der konnte etwas tun für sein Land. Jesus wollte das alles nicht. Er wollte für seinen Gott leben, im Kreis seiner anderen Gottergebenen. Wie weltfremd mir das mittlerweile vorkam.
Aber ich, ich? Was für eine Heldentat habe ich vollbracht, indem ich diesen Menschen, der nichts anderes als fromm sein wollte, verriet. Habe ich mein Volk damit von einer Pest befreit – mitnichten. Habe ich zum Wohlergehen meines Landes beigetragen? Was ich erleben musste am Tag danach war eine Hysterie der Massen. Kreuzige, Kreuzige schrieen sie. Als hätten wir keine eigenen Gesetze. Jüdische Gesetze! Darin kam das Kreuz nicht vor. Gesteinigt wird jemand, der den Tod verdient hat bei uns. Kreuzige! Für so viel Dummheit habe ich einen Menschen verkauft. Einen Menschen, der selbst für die Dümmsten noch gebetet hätte. Ich aber war erfüllt von Verachtung für die Menschen um mich herum, Verachtung für Jesus, Verachtung für den Kreis, den er um sich versammelt hatte.
Zu den Hohepriestern ging ich und sagte: „Ihr könnt das Geld wieder haben. Es hat keinen Sinn ihn umzubringen.“ Sie antworteten nur: „Für uns hat es einen Sinn. Geh, du hast dein Geld.“ Sind sie denn nicht auch Juden? Wie ich. Wie er. Müssen wir uns vor den Römern solche Blöße geben, dass Juden des Juden Feinde werden. Aber wer hat angefangen? Ich war es doch. Enttäuscht mochte ich sein. Schlecht sogar. Aber korrupt bin ich nicht. Dieses elende Geld! Wie hatte Jesus gesagt: gebt es dem Kaiser zurück. Dem gehört es doch. Und gebt Gott das, was ihr von ihm habt. Er hatte immer den weiteren Horizont, Jesus.
Ich habe mir nicht das Leben genommen, wie später erzählt wurde. Sie mussten meinem Leben ein Ende geben. Ich selbst kann nicht verstehen, dass ich es nicht wirklich getan habe. Ich war zu feige dazu vielleicht. Ich war zu angeekelt, so dass mir ein Freitod noch zu heroisch war. Mag sein, ich wollte auch mit der noch größeren Strafe büßen, alles Folgende noch erleben zu müssen. Er sollte sterben. Und ich sollte leben. Das war sein Lebensprinzip von jeher. Er sollte leiden und innerlich frei sein. Aber ich sollte unverletzt bleiben, außen, aber zerstört sein in meinem Denken, meinem Fühlen, meiner Geschichte.
Hoffte ich auf Hilfe aus der Höhe? Gott, der mich umbringen ließ, durch einen kleinen billigen Räuber, der mich um die dreißig Silberlinge erstechen sollte, die ich im begriff war, in den Tempel zu werfen. Nein, so billig macht Gott es nicht.
Rettet mich noch etwas? War da ein Anfang dazu gegeben? Reue bewegte mich. Der starke Judas, der merkt, wie klein er ist. Der Judas, der schon immer ein Eiferer war. Dabei waren es die anderen, die Jesus vorgeschlagen hatten: Herr, lass Feuer vom Himmel fallen, wie Elia. Petrus und Jakobus haben das gerufen. Aber ich will mich nicht entschulden. Ich hätte es auch sagen können.
Ich bin nicht erst der Bösewicht geworden. Ich war es, wenn, dann schon immer. Und Jesus hat mich trotzdem in seinen Heiligenverein aufgenommen. Ich war Mitglied dieser frommen Runde, von der niemand wirklich fromm war, nur er selbst. Einen Mühlstein hätte mir um den Hals gehenkt gehört und ich in die Fluten des Sees geworfen werden sollen. Gesagt hat er es mir einmal. Aber er hat mich nicht fortgeschickt. Er ließ den Scheiternden in seiner Nähe bei sich leben.
 
Ich war bei der Kreuzigung. Verhüllt. Die Kapuze des Mantels habe ich mir tief in die Stirn gezogen. Ich hatte keine Angst vor dem eigenen Tod, dass sie gleich noch ein weiteres Kreuz für mich aufstellten. Sollten sie doch. Ich hatte Angst vor den Blicken der anderen, der Frauen, der Trauernden, der Freunde. Seitab stand ich, Man erkannte mich nicht.
„Vater vergib ihnen“, rief er. Das meinte die Folterknechte wohl. Das meinte die Schadenfrohen. Es meinte die Gaffer. Es meinte die Verführten. Es meinte die Ängstlichen. Es meinte die Befehlsgewaltigen. Vergebung für sie alle. Wie gut sie es haben und nicht wissen, wenn es wahr sein sollte. Vergebung – es meinte nicht mich. Ich durfte ja gar nicht hier sein. Ich sollte ja gar nicht mehr existent sein. Und doch hörte ich es, aus der Ferne. Hörte es als eine wundersüße Möglichkeit, hörte es wie einen himmlischen Traum.
 
Ich kam noch einmal zum Kreuz, als der daran Gehängte abgenommen war. Als alle gegangen waren. Allein stand ich darunter, schaute in die schwindelnde Höhe des Querbalkens über mir.
Nun war alles zu Ende. Ruhe sollte sein und Vergessen. Immer wieder war von ihm als Sohn Gottes geredet worden. Ob es denn das überhaupt hier auf unserer Erde geben kann? Gottes Sohn, er selbst, hier. Unsere Propheten haben es für das Ende aller Zeiten vorausgesehen. Gott würde bei den Menschen wohnen. Sie aber ließen ihm nur einen einzigen Platz auf dieser Welt: dieses Kreuz. Und ich habe es ihm aufgestellt. Ich wünschte ich könnte die Augen schließen und meine Geschichte von vorn beginnen.
Bei Gott ist nichts unmöglich, hat er einmal gesagt. Das ist lange, lange her. Es gibt nur das Kreuz. Mein Kreuz. Unerträglich und untragbar. Und wenn, dann nur mit Kräften der Hoffnung. Woher? ,frage ich mich. Und denke wie ein Atemzug noch einmal das schöne Wort.
 
 
Passionsandacht am Mittwoch 19. 03. 2008
In der Jakobuskirche Kuchen
 
Psalm
 
Lied: 98, 1 – 3 Korn, das in die Erde...
Lied 95, 1 - 4 Seht hin, er ist allein im Garten
Lied: 75, 1 – 3 Ehre sei dir Christe...
 

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