Bendler Predigten EG 643
Gottesdienst beim Waldheim Germania, 12. 09. 2010
Posaunenchor
Begrüßung Pfr. Bendler
Lied: 449, 1 – 4 Die güldne Sonne, voll Freud und Wonne
Psalm EG 766 Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name Helga Simon
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet Helga Simon
Zwischenspiel: Posaunenchor
Schriftlesung: Pfr. Bendler
Lied: 643, 1 – 4 Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer
Predigt über das Lied 643 Pfr. Bendler
Lied: 650, 1 – 3 Liebe ist nicht nur ein Wort
Dank- und Fürbittengebet Helga Simon
Vaterunser
Lied: 628, 1 – 3 Meine Zeit steht in deinen Händen
Abkündigungen
Segen gemeinsam Pfr. Bendler
Helga Simon
Posaunenchor
EG 766 Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
I Wir freuen uns dass du da bist.
Wir loben dich aus ganzem Herzen.
II Große und Kleine staunen und sagen:
Gott, du bist gut.
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
I Der Mond und die Sterne, der ganze Himmel
kommt aus deiner Hand
II Ein Wunder ist der Mensch.
Er kann denken und sein Leben gestalten.
Du denkst an ihn und begleitest deinen Weg.
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
I Schaut euch die Welt an:
Die Vögel in den Bäumen, die Schafe auf der Weide,
die Fische im Wasser.
Es ist schön, auf der Welt zu sein.
II Es ist zum Staunen:
Die Bäume bringen Frucht, die Pflanzen bringen Nahrung,
der Boden ist voller Schätze.
Wir danken dir für diesen Reichtum.
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
Predigt beim Ökumenischen Gottesdienst im Germania Waldheim Kuchen am 12. September 2010 zu EG 643 „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer...“
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,
wie inbrünstig haben wir das Lied gesungen: Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer. Damals, noch Ende der 70er Jahre, bei den Kornwestheimer Schalomgottesdiensten. Friedensbewegte Jugendliche, die wir waren, gestalteten wir mit einem inspirierten Pfarrer und einem engagierten Jugendreferenten Abendmahlsgottesdenste in neuer Gestalt. Und zur Gitarre wurde damals auch immer wieder dieses Lied geschmettert. Im Gesangbuch war es nicht zu finden, nicht einmal in der ersten Auflage der „Neuen Lieder“. Kopierte Blätter lagen nur vor, zusammengeklammert als eigenes kleines Liederheft. „Herr, deine Liebe...“ Das Lied war eingängig, es hatte eine positive Ausstrahlung. Wo immer es in dem Lied „wir „ heißt, da betraf es ganz genau uns. Mag sein, es war dann schon ein Schlager auf dem Evangelischen Kirchentag in Nürnberg 1979, wie auch „Der Himmel geht über allen auf“ oder: „Wenn das rote Meer grüne Welle hat“. Jedenfalls gehörte „Herr, deine Liebe...“ zum festen Kanon der christlichen Jugend.
Heute steht das Lied im Württembergischen Gesangbuch. Bei Trauungen wird es regelmäßig als Gesangswunsch angemeldet. Wer der Kirche nicht so nahe steht, kennt als neueres Lied wenigstens dieses. Es ist die Folge davon, dass es in unzähligen Religionsstunden, bei Jungscharfreizeiten und Konfirmationen gesungen wurde.
Was ist dran an diesem Lied? Steht es berechtigterweise so hoch im Kurs oder ist es ein Überbleibsel und spricht von einem Lebensgefühl, über das die Zeit hinweggegangen ist? Auch ich will es heute nicht mehr so vorbehaltlos singen. Und wenn ich recht überlege, habe ich schon manches immer recht sperrig empfunden.
Dennoch: Mit einem großen Wort eröffnen die ersten beiden Strophen: mit dem Wort Freiheit. Es ist genau genommen kein Vorrecht der Jugend allein, frei sein zu wollen. Freiheit ist der große Motor der Menschheit schlechthin. Gestern jährte sich zum neunten Mal der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center. Das neue Hochhaus, das gebaut wird, heißt Freedom-tower, Freiheits-Turm. Mit seinen 1779 Fuß Höhe symbolisiert er zugleich das Jahr der Befreiung und Unabhängigkeit Amerikas. Und wer immer noch Zweifel hat, um was es den geht, für den gibt es in unmittelbarer Nähe auch noch die Freiheitsstatue. Etwas dick aufgetragen ist das ganze. Aber klar ist doch, dass Terrorakte gerade nicht Freiheit, sondern Willkür verkünden. Genauso übrigens wie Koranverbrennungen auch kein Zeichen von Freiheit sind sondern reine Provokation. Ein wirklicher Turm der Freiheit würde allerdings erst dann gebaut, wenn in seinem Inneren auch eine Moschee Platz fände, wofür es Pläne gibt. Freiheit ist auch immer die Freiheit des anderen. Wo das verkörpert wäre, hätte die Welt wirklich etwas gelernt.
Aber so ernst geht es ja gar nicht zu in dem Lied. Um ein persönliches Freiheitsgefühl geht es. Wohnen möchte ich, wo ich will und wie ich will. Gehen möchte ich können in jede Richtung. Ja, und dass man mir Platz lässt, Raum gibt, mich selbst ausprobieren zu können. Kein „Das tut man aber nicht“ soll mich von vornherein einschränken. Wir wollen Freiheit um uns selbst zu finden. Dazu gehören die Möglichkeiten. Ich will aus meinem Leben etwas machen. Ich will in meinem Leben entscheiden. Ich will im eigentlichen Sinne un-gehalten sein. Und vielleicht will ich im Zweifelsfalle auf niemanden hören müssen. Aus dieser Sicht ist es doch ein recht jugendliches Lied.
Wie weit mag es gehen mit diesem Gefühl? Tun sich da nicht auch Ausläufer auf hin zum Freiheitskampf oder zum Befreiungsschlag? Interessanterweise wurden gegenüber dem Original auch Aussagen abgemildert. „Frei sind wir, ja zu sagen oder nein.“ So singen wir in der Version von Ernst Hanssen, der das Lied 1970 aus dem Schwedischen übertragen hat. Aber da heißt die Textzeile „att säga ja till Gud och säga nej“, wörtlich: Zu sagen Ja zu Gott und sagen Nein. Also auch Freiheit von Gott – in letzter Konsequenz? So weit wagt Hanssen nicht zu gehen. Markus Jenny hat das Lied 1993 neu übersetzt und den urspünglichen Sinn aufgenommen: „Freiheit bekamen wir, uns zu bewegen / und zu Gott Ja zu sagen oder Nein“.
Ich für meinen Teil möchte Ernst Hanssens Zurückhaltung Recht geben. Auch Martin Luther sagt in seiner Freiheitsschrift nur soviel, dass ein Christenmensch frei ist und niemandes untertan, dass er sich andererseits um seiner Glaubwürdigkeit willen in jedermanns Dienste stellt. Frei kann einer von anderen Menschen, von anderen Meinungen, von Zwängen werden, von etwas, das einer kennt und beurteilen kann. Von Gott können wir genau deshalb nicht frei sein, weil wir ihn nicht fassen und somit auch nicht entschieden lassen können. Gott ist uns entzogen. Auch bei unserem Freiheitsstreben
Aber um Gott, um Gottes Liebe geht es doch. Das ist der immer wieder-kehrende Refrain. In Bilder wird diese Liebe gepackt. Sie ist wie Gras und Ufer. Sie ist Weite, aber paradoxerweise auch wie ein Zuhaus. Diese Zeilen haben dem Lied auch Spott eingetragen. Wer kennt nicht die Verballhornung: Herr, deine Ziege frisst das Gras am Ufer...“ Einfach, weil es sich zu banal anhört. Romantisch bis hin zum Kitsch. Ernsthafte Christen wollten jedenfalls so Gott nicht verstanden wissen: irgendwas zwischen Strandkorb und blauem Himmel. Heißt es denn nicht im 103. Psalm dass der Mensch in seinem Leben wie Gras ist, in seiner Vergänglichkeit. Gras, das am Morgen blüht und sprosst und am Abend in den Ofen geworfen wird. Kann etwa dieses Bild auf Gott oder Gottes Liebe angewandt werden? Gras ist schwach und Gras ist wertlos. Manche Bilder haben eine zu lange Geschichte, als dass sie so mir nichts dir nichts umgedeutet werden können.
Aber der schwedische Pfarrer Anders Frostenson hat nicht an den Psalm gedacht. Er hat an sein Land gedacht und das, was ihm daran wertvoll und liebenswert ist. Sein Lied besingt die weite der Schärenlandschaft mit ihren felsigen, bewaldeten Ufern und ihren verträumten und offenen Wasserflächen als ein aus Gottes Liebe geschenktes Zuhause.
Besser getroffen hat es da der andere Liederübersetzer, der übrigens Schweizer ist und es an und für sich auch nicht so mit dem Wasser hat. Aber er kann sich in die Thematik einfühlen und beginnt das Lied mit den Versen: „Weit wie das Meer ist Gottes große Liebe, / wie Wind und Wiesen, ewiges Daheim.“ Es wundert nicht, dass diese Version in das Gesangbuch der Nordelbischen Kirche eingegangen ist.
Aber dann kommt das Sperrige in diesem Lied, mit der dritten Strophe: Mauern zwischen Menschen, Gitter, versklavtes Ich, das ein Gefängnis ist. Zwei Strophen lang haben wir die schöne Freiheit besungen, den Drang aus uns herauszugehen, die unerschöpflichen Möglichkeiten unseres Selbst. Und nun soll alles ganz anders sein. In Wahrheit ist unser Ich eingeschränkt, gedemütigt, unterworfen. In Wahrheit sind wir nur Gefangene und Träumer der Freiheit. Wie kann das sein? Und doch wird bei den besagten Hochzeiten diese Strophe munter mitgesungen.
Wie kam es zu dieser Aussage? Hat sie einen Grund, eine Berechtigung, in diesem Lied?
Der schwedische Pfarrer Frostenson hat sein Lied nicht einfach frei erfunden. Er hatte eine Vorlage, nämlich das Lied „Die ganze Welt hast du uns überlassen“ von Christa Weiß. Dieses Lied steht auch im Evangelischen Gesangbuch im Stammteil unter der Nummer 360 – und das ist in allen Landeskirchen an der gleichen Stelle. Ein Hauptlied also. Und ich muss gestehen, ich habe es noch nie gesungen. Eine gänzlich unbekannte Melodie ist es. Und doch hatte das Lied eine Zeit lang großen Einfluss – wie gesagt, sogar bis Schweden hin. Christa Weiß hat es 1965 geschrieben und bekannt wurde es mit dem Evangelischen Kirchentag in Köln 1965. In der vierten Strophe heißt es da: „Wir richten Mauern auf, wir setzen Grenzen / und wohnen hinter Gittern unsrer Angst. / Wir sind nur Menschen, die sich fürchten können, / wir brachten selbst uns in Gefangenschaft. Gott schenkt Freiheit, / seine größte Gabe gibt er seinen Kindern.“
Es waren die Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, nach der Errichtung von Grenzzaun und Selbstschussanlagen. Der „Kalte Krieg“ schürte Misstrauen und Ängste. Vor diesem Hintergrund ist verständlicher, dass es auf einmal heißt: Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen... Die Freiheit ist immer gefährdet. Eigene, persönliche Freiheit stößt an Grenzen, die staatliche Willkür, die ein undemokratisches Regime, gezogen hat. Das Lied von Christa Weiß wurde auch in der DDR gesungen. Das ist beachtlich, denn in der zweiten Strophe heißt es offen: „Und wir sind frei, zu hoffen und zu glauben, / und wir sind frei zu Trotz und Widerstand“. So zeichneten sich schon die Vorgänge der Studentenrevolte, die 68er Zeit, die Außerparlamen-tarische Opposition und die Abkehr vom autoritären Denken ab.
Aber: nicht Gott sperrt uns ein. Selbstgebaut, von Menschenhand sind diese Mauern. Bei Christa Weiß folgt mit dem Eingeständnis unserer Schuld schließlich die Bitte zu Gott, uns freizusprechen und alle Hindernisse aus dem Weg zu ihm wegzuräumen.
Was aber gingen den alten Schweden Frostenson diese Deutsch-Deutschen Probleme an? Schweden war und ist ein auf Neutralität zwischen den Großmächten bedachtes Land. Auch heute spielt das eine weithin bedeutende Rolle in weltweiten internationalen Beziehungen wie in der Ökumene und ist verknüpft mit Persönlichkeiten wie Dag Hammarskjöld, Nathan Södeerblom oder Olaf Palme.
Allerdings: Nur mit hohem Aufwand hatte sich Schweden gegen unverhoffte militärische Überfälle schützen können. In den Großstädten standen in Felsen gesprengte Tiefgaragen als atombombensichere Bunker bereit. Das waren Zeichen der Furchet trotz der politischen Neutralität. Also hatte auch Schweden seine Mauern, die sie aus Angst hochgezogen hatten.
Doch von Christa Weiß 1965 zu Anders Frostensen 1968 hat sich die Welt noch wieder ein bisschen weitergedreht. Hoffnungen keimten auf. Die Rede Martin Luther Kings „I have a dream“, ich habe einen Traum, dass Schwarze und Weiße zusammen leben können, ging um die Welt. Ds hat sich niedergeschlagen in Frostensons Lied: „Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden, Freiheit, die Leben zu gestalten weiß. Nicht leeren Raum, doch Raum für unsre Träume, Erde, wo Baum und Blume Wurzeln schlägt.“
Es bleibt die Frage übrig: Wie kommen wir aus dem Gefängnis von Angst und Schuld heraus? Mit der dritten Strophe konnte das Lied nicht enden. Christa Weiß bittet Gott: Lass deine Gnade, Herr, vor Recht ergehen. In Frostensons Lied ist aber die Buße nicht sehr stark ausgeprägt. Er bittet einfach um Freispruch unter Berufung auf Gottes Vergebung. Vergebung wird zum Schlüsselwort für die wiedergeschenkte Freiheit.
Letztendlich meine ich, müsste beides zusammen kommen: Das Schuldeingeständnis und die Vergebung Gottes. Er kann alles in der Welt zu einem anderen Ende bringen, als es die kurzsichtigen und eben auch manchmal übel wollenden Menschen vorhaben. Aber Gott vergibt nicht nur, weil wir unsere Schuld einsehen. Gott lässt sich nicht durch unseren Mangel bewegen und schon gar nicht durch die Auffassung: sie können es halt nicht besser. Auch wenn Christus am Kreuz ruft: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Gott lässt sich vielmehr durch seine unendliche Liebe bewegen. Aus ihr heraus lässt er Heil entstehen. Aus seiner Liebe heraus rettet er die Welt immer neu. Und wir erkennen erst in dieser Liebe, wie wir selber sind – und erschrecken darüber. Gott aber hat schon längst seinen Plan. Sein Reich, in dem der Kleine groß sein darf, der Hungernde und die Dürstende gestillt sein werden, der Friedliebende an erster Stelle steht und die, die im Herzen rein ist, Gott schaut, dieses Reich ist nahe herbei gekommen.
„Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ mag kein ganz großartiges Lied sein. Aber es ist ein Lied, das nachdenkenswert ist. Es bleibt mit seinem Freiheitsgedanken hochaktuell. Es gibt mit seiner Blickrichtung neuen Mut. Was kann es für die heutige Zeit Wichtigeres geben – außer vielleicht noch mehr Gottes Liebe zu erkennen?
Diesen weiteren Schritt machen wir aber jetzt nicht mehr in der Predigt, sondern wir gehen diesen Schritt mit dem nächsten Lied, das eine weitere Antwort gibt: Liebe ist nicht nur ein Wort. Liebe, das sind Worte und Taten.
Eine solche Liebe gibt uns Gott in seinem Sohn. Ihm dürfen wir folgen und vertrauen. Der Weg ist da. Und da sind auch Lieder, die uns darauf begleiten und führen.
Amen
Gottesdienst beim Waldheim Germania, 12. 09. 2010
Posaunenchor
Begrüßung Pfr. Bendler
Lied: 449, 1 – 4 Die güldne Sonne, voll Freud und Wonne
Psalm EG 766 Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name Helga Simon
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet Helga Simon
Zwischenspiel: Posaunenchor
Schriftlesung: Pfr. Bendler
Lied: 643, 1 – 4 Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer
Predigt über das Lied 643 Pfr. Bendler
Lied: 650, 1 – 3 Liebe ist nicht nur ein Wort
Dank- und Fürbittengebet Helga Simon
Vaterunser
Lied: 628, 1 – 3 Meine Zeit steht in deinen Händen
Abkündigungen
Segen gemeinsam Pfr. Bendler
Helga Simon
Posaunenchor
EG 766 Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
I Wir freuen uns dass du da bist.
Wir loben dich aus ganzem Herzen.
II Große und Kleine staunen und sagen:
Gott, du bist gut.
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
I Der Mond und die Sterne, der ganze Himmel
kommt aus deiner Hand
II Ein Wunder ist der Mensch.
Er kann denken und sein Leben gestalten.
Du denkst an ihn und begleitest deinen Weg.
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
I Schaut euch die Welt an:
Die Vögel in den Bäumen, die Schafe auf der Weide,
die Fische im Wasser.
Es ist schön, auf der Welt zu sein.
II Es ist zum Staunen:
Die Bäume bringen Frucht, die Pflanzen bringen Nahrung,
der Boden ist voller Schätze.
Wir danken dir für diesen Reichtum.
Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen
Predigt beim Ökumenischen Gottesdienst im Germania Waldheim Kuchen am 12. September 2010 zu EG 643 „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer...“
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,
wie inbrünstig haben wir das Lied gesungen: Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer. Damals, noch Ende der 70er Jahre, bei den Kornwestheimer Schalomgottesdiensten. Friedensbewegte Jugendliche, die wir waren, gestalteten wir mit einem inspirierten Pfarrer und einem engagierten Jugendreferenten Abendmahlsgottesdenste in neuer Gestalt. Und zur Gitarre wurde damals auch immer wieder dieses Lied geschmettert. Im Gesangbuch war es nicht zu finden, nicht einmal in der ersten Auflage der „Neuen Lieder“. Kopierte Blätter lagen nur vor, zusammengeklammert als eigenes kleines Liederheft. „Herr, deine Liebe...“ Das Lied war eingängig, es hatte eine positive Ausstrahlung. Wo immer es in dem Lied „wir „ heißt, da betraf es ganz genau uns. Mag sein, es war dann schon ein Schlager auf dem Evangelischen Kirchentag in Nürnberg 1979, wie auch „Der Himmel geht über allen auf“ oder: „Wenn das rote Meer grüne Welle hat“. Jedenfalls gehörte „Herr, deine Liebe...“ zum festen Kanon der christlichen Jugend.
Heute steht das Lied im Württembergischen Gesangbuch. Bei Trauungen wird es regelmäßig als Gesangswunsch angemeldet. Wer der Kirche nicht so nahe steht, kennt als neueres Lied wenigstens dieses. Es ist die Folge davon, dass es in unzähligen Religionsstunden, bei Jungscharfreizeiten und Konfirmationen gesungen wurde.
Was ist dran an diesem Lied? Steht es berechtigterweise so hoch im Kurs oder ist es ein Überbleibsel und spricht von einem Lebensgefühl, über das die Zeit hinweggegangen ist? Auch ich will es heute nicht mehr so vorbehaltlos singen. Und wenn ich recht überlege, habe ich schon manches immer recht sperrig empfunden.
Dennoch: Mit einem großen Wort eröffnen die ersten beiden Strophen: mit dem Wort Freiheit. Es ist genau genommen kein Vorrecht der Jugend allein, frei sein zu wollen. Freiheit ist der große Motor der Menschheit schlechthin. Gestern jährte sich zum neunten Mal der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center. Das neue Hochhaus, das gebaut wird, heißt Freedom-tower, Freiheits-Turm. Mit seinen 1779 Fuß Höhe symbolisiert er zugleich das Jahr der Befreiung und Unabhängigkeit Amerikas. Und wer immer noch Zweifel hat, um was es den geht, für den gibt es in unmittelbarer Nähe auch noch die Freiheitsstatue. Etwas dick aufgetragen ist das ganze. Aber klar ist doch, dass Terrorakte gerade nicht Freiheit, sondern Willkür verkünden. Genauso übrigens wie Koranverbrennungen auch kein Zeichen von Freiheit sind sondern reine Provokation. Ein wirklicher Turm der Freiheit würde allerdings erst dann gebaut, wenn in seinem Inneren auch eine Moschee Platz fände, wofür es Pläne gibt. Freiheit ist auch immer die Freiheit des anderen. Wo das verkörpert wäre, hätte die Welt wirklich etwas gelernt.
Aber so ernst geht es ja gar nicht zu in dem Lied. Um ein persönliches Freiheitsgefühl geht es. Wohnen möchte ich, wo ich will und wie ich will. Gehen möchte ich können in jede Richtung. Ja, und dass man mir Platz lässt, Raum gibt, mich selbst ausprobieren zu können. Kein „Das tut man aber nicht“ soll mich von vornherein einschränken. Wir wollen Freiheit um uns selbst zu finden. Dazu gehören die Möglichkeiten. Ich will aus meinem Leben etwas machen. Ich will in meinem Leben entscheiden. Ich will im eigentlichen Sinne un-gehalten sein. Und vielleicht will ich im Zweifelsfalle auf niemanden hören müssen. Aus dieser Sicht ist es doch ein recht jugendliches Lied.
Wie weit mag es gehen mit diesem Gefühl? Tun sich da nicht auch Ausläufer auf hin zum Freiheitskampf oder zum Befreiungsschlag? Interessanterweise wurden gegenüber dem Original auch Aussagen abgemildert. „Frei sind wir, ja zu sagen oder nein.“ So singen wir in der Version von Ernst Hanssen, der das Lied 1970 aus dem Schwedischen übertragen hat. Aber da heißt die Textzeile „att säga ja till Gud och säga nej“, wörtlich: Zu sagen Ja zu Gott und sagen Nein. Also auch Freiheit von Gott – in letzter Konsequenz? So weit wagt Hanssen nicht zu gehen. Markus Jenny hat das Lied 1993 neu übersetzt und den urspünglichen Sinn aufgenommen: „Freiheit bekamen wir, uns zu bewegen / und zu Gott Ja zu sagen oder Nein“.
Ich für meinen Teil möchte Ernst Hanssens Zurückhaltung Recht geben. Auch Martin Luther sagt in seiner Freiheitsschrift nur soviel, dass ein Christenmensch frei ist und niemandes untertan, dass er sich andererseits um seiner Glaubwürdigkeit willen in jedermanns Dienste stellt. Frei kann einer von anderen Menschen, von anderen Meinungen, von Zwängen werden, von etwas, das einer kennt und beurteilen kann. Von Gott können wir genau deshalb nicht frei sein, weil wir ihn nicht fassen und somit auch nicht entschieden lassen können. Gott ist uns entzogen. Auch bei unserem Freiheitsstreben
Aber um Gott, um Gottes Liebe geht es doch. Das ist der immer wieder-kehrende Refrain. In Bilder wird diese Liebe gepackt. Sie ist wie Gras und Ufer. Sie ist Weite, aber paradoxerweise auch wie ein Zuhaus. Diese Zeilen haben dem Lied auch Spott eingetragen. Wer kennt nicht die Verballhornung: Herr, deine Ziege frisst das Gras am Ufer...“ Einfach, weil es sich zu banal anhört. Romantisch bis hin zum Kitsch. Ernsthafte Christen wollten jedenfalls so Gott nicht verstanden wissen: irgendwas zwischen Strandkorb und blauem Himmel. Heißt es denn nicht im 103. Psalm dass der Mensch in seinem Leben wie Gras ist, in seiner Vergänglichkeit. Gras, das am Morgen blüht und sprosst und am Abend in den Ofen geworfen wird. Kann etwa dieses Bild auf Gott oder Gottes Liebe angewandt werden? Gras ist schwach und Gras ist wertlos. Manche Bilder haben eine zu lange Geschichte, als dass sie so mir nichts dir nichts umgedeutet werden können.
Aber der schwedische Pfarrer Anders Frostenson hat nicht an den Psalm gedacht. Er hat an sein Land gedacht und das, was ihm daran wertvoll und liebenswert ist. Sein Lied besingt die weite der Schärenlandschaft mit ihren felsigen, bewaldeten Ufern und ihren verträumten und offenen Wasserflächen als ein aus Gottes Liebe geschenktes Zuhause.
Besser getroffen hat es da der andere Liederübersetzer, der übrigens Schweizer ist und es an und für sich auch nicht so mit dem Wasser hat. Aber er kann sich in die Thematik einfühlen und beginnt das Lied mit den Versen: „Weit wie das Meer ist Gottes große Liebe, / wie Wind und Wiesen, ewiges Daheim.“ Es wundert nicht, dass diese Version in das Gesangbuch der Nordelbischen Kirche eingegangen ist.
Aber dann kommt das Sperrige in diesem Lied, mit der dritten Strophe: Mauern zwischen Menschen, Gitter, versklavtes Ich, das ein Gefängnis ist. Zwei Strophen lang haben wir die schöne Freiheit besungen, den Drang aus uns herauszugehen, die unerschöpflichen Möglichkeiten unseres Selbst. Und nun soll alles ganz anders sein. In Wahrheit ist unser Ich eingeschränkt, gedemütigt, unterworfen. In Wahrheit sind wir nur Gefangene und Träumer der Freiheit. Wie kann das sein? Und doch wird bei den besagten Hochzeiten diese Strophe munter mitgesungen.
Wie kam es zu dieser Aussage? Hat sie einen Grund, eine Berechtigung, in diesem Lied?
Der schwedische Pfarrer Frostenson hat sein Lied nicht einfach frei erfunden. Er hatte eine Vorlage, nämlich das Lied „Die ganze Welt hast du uns überlassen“ von Christa Weiß. Dieses Lied steht auch im Evangelischen Gesangbuch im Stammteil unter der Nummer 360 – und das ist in allen Landeskirchen an der gleichen Stelle. Ein Hauptlied also. Und ich muss gestehen, ich habe es noch nie gesungen. Eine gänzlich unbekannte Melodie ist es. Und doch hatte das Lied eine Zeit lang großen Einfluss – wie gesagt, sogar bis Schweden hin. Christa Weiß hat es 1965 geschrieben und bekannt wurde es mit dem Evangelischen Kirchentag in Köln 1965. In der vierten Strophe heißt es da: „Wir richten Mauern auf, wir setzen Grenzen / und wohnen hinter Gittern unsrer Angst. / Wir sind nur Menschen, die sich fürchten können, / wir brachten selbst uns in Gefangenschaft. Gott schenkt Freiheit, / seine größte Gabe gibt er seinen Kindern.“
Es waren die Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, nach der Errichtung von Grenzzaun und Selbstschussanlagen. Der „Kalte Krieg“ schürte Misstrauen und Ängste. Vor diesem Hintergrund ist verständlicher, dass es auf einmal heißt: Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen... Die Freiheit ist immer gefährdet. Eigene, persönliche Freiheit stößt an Grenzen, die staatliche Willkür, die ein undemokratisches Regime, gezogen hat. Das Lied von Christa Weiß wurde auch in der DDR gesungen. Das ist beachtlich, denn in der zweiten Strophe heißt es offen: „Und wir sind frei, zu hoffen und zu glauben, / und wir sind frei zu Trotz und Widerstand“. So zeichneten sich schon die Vorgänge der Studentenrevolte, die 68er Zeit, die Außerparlamen-tarische Opposition und die Abkehr vom autoritären Denken ab.
Aber: nicht Gott sperrt uns ein. Selbstgebaut, von Menschenhand sind diese Mauern. Bei Christa Weiß folgt mit dem Eingeständnis unserer Schuld schließlich die Bitte zu Gott, uns freizusprechen und alle Hindernisse aus dem Weg zu ihm wegzuräumen.
Was aber gingen den alten Schweden Frostenson diese Deutsch-Deutschen Probleme an? Schweden war und ist ein auf Neutralität zwischen den Großmächten bedachtes Land. Auch heute spielt das eine weithin bedeutende Rolle in weltweiten internationalen Beziehungen wie in der Ökumene und ist verknüpft mit Persönlichkeiten wie Dag Hammarskjöld, Nathan Södeerblom oder Olaf Palme.
Allerdings: Nur mit hohem Aufwand hatte sich Schweden gegen unverhoffte militärische Überfälle schützen können. In den Großstädten standen in Felsen gesprengte Tiefgaragen als atombombensichere Bunker bereit. Das waren Zeichen der Furchet trotz der politischen Neutralität. Also hatte auch Schweden seine Mauern, die sie aus Angst hochgezogen hatten.
Doch von Christa Weiß 1965 zu Anders Frostensen 1968 hat sich die Welt noch wieder ein bisschen weitergedreht. Hoffnungen keimten auf. Die Rede Martin Luther Kings „I have a dream“, ich habe einen Traum, dass Schwarze und Weiße zusammen leben können, ging um die Welt. Ds hat sich niedergeschlagen in Frostensons Lied: „Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden, Freiheit, die Leben zu gestalten weiß. Nicht leeren Raum, doch Raum für unsre Träume, Erde, wo Baum und Blume Wurzeln schlägt.“
Es bleibt die Frage übrig: Wie kommen wir aus dem Gefängnis von Angst und Schuld heraus? Mit der dritten Strophe konnte das Lied nicht enden. Christa Weiß bittet Gott: Lass deine Gnade, Herr, vor Recht ergehen. In Frostensons Lied ist aber die Buße nicht sehr stark ausgeprägt. Er bittet einfach um Freispruch unter Berufung auf Gottes Vergebung. Vergebung wird zum Schlüsselwort für die wiedergeschenkte Freiheit.
Letztendlich meine ich, müsste beides zusammen kommen: Das Schuldeingeständnis und die Vergebung Gottes. Er kann alles in der Welt zu einem anderen Ende bringen, als es die kurzsichtigen und eben auch manchmal übel wollenden Menschen vorhaben. Aber Gott vergibt nicht nur, weil wir unsere Schuld einsehen. Gott lässt sich nicht durch unseren Mangel bewegen und schon gar nicht durch die Auffassung: sie können es halt nicht besser. Auch wenn Christus am Kreuz ruft: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Gott lässt sich vielmehr durch seine unendliche Liebe bewegen. Aus ihr heraus lässt er Heil entstehen. Aus seiner Liebe heraus rettet er die Welt immer neu. Und wir erkennen erst in dieser Liebe, wie wir selber sind – und erschrecken darüber. Gott aber hat schon längst seinen Plan. Sein Reich, in dem der Kleine groß sein darf, der Hungernde und die Dürstende gestillt sein werden, der Friedliebende an erster Stelle steht und die, die im Herzen rein ist, Gott schaut, dieses Reich ist nahe herbei gekommen.
„Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ mag kein ganz großartiges Lied sein. Aber es ist ein Lied, das nachdenkenswert ist. Es bleibt mit seinem Freiheitsgedanken hochaktuell. Es gibt mit seiner Blickrichtung neuen Mut. Was kann es für die heutige Zeit Wichtigeres geben – außer vielleicht noch mehr Gottes Liebe zu erkennen?
Diesen weiteren Schritt machen wir aber jetzt nicht mehr in der Predigt, sondern wir gehen diesen Schritt mit dem nächsten Lied, das eine weitere Antwort gibt: Liebe ist nicht nur ein Wort. Liebe, das sind Worte und Taten.
Eine solche Liebe gibt uns Gott in seinem Sohn. Ihm dürfen wir folgen und vertrauen. Der Weg ist da. Und da sind auch Lieder, die uns darauf begleiten und führen.
Amen


