Gottesdienst an Heilig Abend 24. 12. 2009 Christmette um 22.00 Uhr
 
in der Jakobuskirche Kuchen                       „Flügelschlag“
 
 
 
Vorspiel
 
 
Begrüßung – Gedicht von Rose Ausländer (EG S. 309)
 
 
Text 1  - Hirten (Lukas 2,8)
 
 
Psalm: Kolosserhymnus EG Nr. 765
 
 
Lied 155,4 Ehr sei dem Vater und dem Sohn (nach EG 24)
 
 
Text 2 – Samuels Berufung (1. Samuel 3,5)
 
 
Lied NL 23 Du bist der Atem der Ewigkeit
 
 
Text 3 – Säuseln (1. Könige 19, 12)
 
 
Lied 184, 1 + 2 Wir glauben Gott im höchsten Thron... (nach EG 24)
 
 
Text 4 – Geist Gottes (1. Johannes 4,2)
 
 
Lied 45, 1 – 3 Herbei o ihr Gläubgen
 
 
Gebet
 
Vaterunser
 
 
                        Musikalisches Zwischenspiel
 
 
Lied 142, 1 + 5  Gott aller Schöpfung Heilger Geist (nach EG 24)
 
 
Sendung in die Nacht
 
 
Segen
 
 
Nachspiel
 
 
Begrüßung      (Frank Bendler)
 
 
Stille ist die Nacht. Die Nacht der Geburt von Jesus Christ.
 
Ich begrüße alle, die sich aufgemacht haben noch einmal hierher in die Kirche zu kommen.
 
Denn es liegt etwas Besonderes in dieser Stunde. Weil alles schweigt ist anderes zu vernehmen als am Tag. Wo die Welt stumm wird, werden Töne hörbar, die es sonst schwer haben, gehört zu werden.
 
 
Was haben sie uns zu sagen? Was bedeutet das leise Rauschen? Können wir uns vorstellen, es ist wie das Schlagen von Flügeln?
 
 
Vielleicht streift uns die Zeit. Vielleicht rührt uns die Geste der Freundlichkeit dieses Gottes, der sich in diese Nacht aufgemacht hat zu uns Menschen.
 
 
Vielleicht hören wir dem Engel besser zu zur späten Stunde, der vom Himmel hoch her zu uns gekommen ist. Wir hören, was er noch zu sagen hat.
 
 
Vielleicht ist es alles, wie in diesem Gedicht von Rose Ausländer
 
 
- Gedicht von Rose Ausländer -
 
I. Die Hirten                (Sprecher/in 1)
 
 
„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ Lukas 2,8
 
 
Was hörten die Hirten? Was konnten sie hören? Das Blöcken ihrer Schafe. Das Bellen eines Hundes. Das Knacken eines Astes. Das Rascheln eines Mantels.
 
 
Noch anderes hörten die Hirten
 
 
Das Quieken einer Maus. Das Niesen eines Nachbarn. Das Klappen einer Stalltür. Das Rieseln aus dem Stroh.
 
 
Aber die Hirten hörten mehr.
 
 
Nicht das Geräusch, das sie kannten, sondern ein fremdes Rauschen, aber ganz leise. Kein Laut, den sie gleich einordnen konnten. Wie ein Pfeifen in der Luft, aber so, als ob es spräche. Ein lautloser nur merklicher Schall. Ein flatterndes Lob. Ein Gesang in kaum wahrnehmbar höchsten Tönen. Ein Schwirren über ihren Köpfen, das sie sowohl erschreckte als auch beglückte.
 
 
Woher kam dieses Rauschen und Zirpen und Wehen?
 
 
Vom Flügelsschlag des Engels, der unerkannt über ihnen war. Vom himmlischen Luftzug seiner Schwingen. Der Zungenschlag der Verkündigung lag in der Luft. Und die Hirten merkten’s.
 
 
Der Wind der Änderung, hin zu einer neuen Zeit, wollte sich erheben. Und die Hirten vernahmen es.
 
 
Die Hoffnung sollte in dieser Nacht einen Namen bekommen. Davon sangen die Töne. Die Herrschaft der Gewalten war vorbei. Sie verstummten vor dem Schönen, das die Luft bewegte. Der anmutige Flügelschlag des Engels bedeckte die, die Böses im Sinn hatten.
 
 
Und die Hirten wurden all dessen gewahr und begriffen die geflüsterte Botschaft und sie freuten sich und sie machten sich auf, dem Ruf zu folgen.
 
 
Auch wir sind wie die Hirten gerufen, das Neue zu vernehmen. Versperren wir unsere Sinne nicht. Stimmen wir ein in den Hymnus dieser Nacht, der alles zusammen sieht, der uns die Worte gibt für das unverstehbare Geschehen.
 
Beten wir. Beten wir wie die Hirten. Beten wir zu dem, der da kam in der Nacht mit dem Kolosserbriefhymnus
 
 
            Nr. 765 Hymnus aus dem Kolosserbrief– im Wechsel
 
 
 
II. Samuel                               (Sprecher/in 2)
 
„Und Samuel lief zu Eli und sprach: Siehe hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe dich nicht gerufen; geh wieder hin und lege dich schlafen.“           1. Samuel 3,5
 
 
Wieder in der Nacht. Wer ruft da? Wer raunt da? Wer nennt da den Namen? Wer?
 
Der Priester weiß es  nicht. Der Zögling kann es nicht benennen. Er hat es gehört. Das ist wahr.
 
Er kommt noch ein zweites Mal und noch ein drittes Mal. Geduldig muss die Stimme sein, die da ruft. Geduldig, bis sie verstanden wird.
 
 
Stimmen zu hören, die nicht da zu sein scheinen, ist gefährlich. Wer Stimmen hört aus dem Nichts, mit dem stimmt etwas nicht. Eine Stimme gehört zu einem Menschen, einem ausgemachten Gegenüber. Schon Tiere haben keine Stimme, sondern nur Laute: ein Bellen, ein Röhren, ein Krähen.
 
Wer anderes hört, wer mehr hört, hat bald nichts mehr zu sagen.
 
 
Was hörte der Junge? Das Aneinanderschlagen der Zeltbahnen? Das Heulen des Windes? Den Schrei eines Wildvogels aus der Steppe? Das Knistern des Feuers vor dem Heiligtum?
 
 
Sollte Gott sich eines solchen Geräusches bedienen. Sollte Gott, wo er uns etwas zu sagen hat, durch anderes sprechen: Gegenstände, Luftgebilde, Naturlautmalereien?
 
Der Flügelschlag  wo er berührt, wird sehr konkret. Die Stimme, wo sie spricht, ist sehr genau. „Sage dies“, oder „Tue das“ gibt sie an. Verstehbar als menschliche Worte. Denn Gott will nicht, dass man sich ihn nur einbildet. Gott will nicht, dass unsere Einbildung oder unsere Deutung eine Rolle spielt.
 
Darum wird Gott nicht erkannt im Fallen der Würfel. Darum wird Gott nicht erkannt im Satz in der Tasse. Darum wird Gott nicht erkannt in den Eingeweiden der Tiere.
 
 
Gott wird erkannt im Hören. Im Hören auf die Stimme, nicht auf irgendwelche Geräusche. Im Hören auf seine direkte Ansage. Im Hören auf seinen Willen.
 
 
Gottes Flügelschlag bringt voran. Er wedelt nicht einfach in der Luft. Er wird zur Triebfeder für das, was wir tun.
 
 
Und der Junge sprach: Rede, denn dein Knecht hört. Bereit war er. Bereit für die Worte, für die Stimme, für die Sprache, für das klare Rauchen des Flügels.
 
Bereit sind auch wir. Hörbereit und Fertig zu Tat. Gerade in dieser Nacht, dieser geweihten Nacht in der Gott sagt: Ich bin ein menschlicher Gott. Ein Gott, den Menschen zugewandt. Seit Ewigkeiten schon. Und ich werde es bleiben.
 
 
                        Lied: NL 23 Du bist der Atem der Ewigkeit
 
  
 
III. Säuseln                                         (Sprecher/in 3)
 
„Nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle“. 1. Könige19,12f.
 
 
Was erwartete er nicht alles? Dass die Erde zerbirst. Dass das Feuer vom Himmel fällt. Dass der Donner grollt. Dass der Feind erstirbt. Dass die Sonne blitzt. Dass die Luft zerreißt. Dass der Flügel schlägt. Dass der Richter tagt.
 
Elia. Der Schlachten mit Propheten und Königen ausfocht. Elia, der Gott gegen allen Götzendienst verteidigte. Elia, der den Kampf suchte um Gottes Recht durchzusetzen. Denn siehe: der Herr muss gewaltig kommen.
 
 
Was hätte erwartet weiter? Dass der Stern alles erhellt. Dass die Jungfrau gebiert. Dass der Könige Knie sich beugen. Dass der Herrscher ersteht. Dass die Welt sich fürchte. Dass die Schlange vergeht. Dass der Tod nicht mehr sein wird. Gleich mit dem Kommen. Dem Kommen des Gottes. Mit Macht muss es sein.
 
 
Und da streichelte ihn der Gottesflügel. Er merkte es kaum. Er war so beschäftigt mit dem Ausmalen des Weltumsturzes. Er war so benommen von dem Brausen und Toben und Krachen und Stürmen, was da alles in seiner Vorstellung vom wahren Gott in ihm vorging.
 
Aber die sanften Federn strichen über ihn hin. Behutsam, noch einmal und noch einmal, gegen das Kriegsgetümmel in seinem Kopf.
 
Und Elia sah auf. Und er hörte die Stille. Die unvergleichliche Stille. Nur ein Stern blinkte sanft. Und ein Grasbüschel zitterte leise.
 
 
Wo war Gott? Nicht hier. Nicht in dieser Welt. Oder hatte alles Laute ihn daraus vertrieben? Hatte Elia selbst ihn mit Getöse und Gewaltszenen vertrieben?
 
Und doch war da auch etwas in der Stille, was nur in der Stille vernehmbar ist: Das Aus- und Eingehen des Atems. Das Pochen des Herzens. Das bange Flüstern: Wer bin ich, Gott? Und wer bist du?
 
 
Und Gott antwortete mit einer leichten Brise, mit dem Hauch des Flügels. Mit dem Gewahr - werden, wie Zeit vergeht, Sekunden, Minuten. Gott antwortet mit dem Raum, der entsteht und den er lässt.
 
 
Und Elia begriff:
 
Ein Kind wird es sein. Ein zartes Menschenwesen. Und er wird niemals ein Gewaltiger werden. Ein Sterblicher wird es sein, der nicht verhindern kann, dass er dereinst getötet wird. Eine Stimme wird er haben, mit der er nicht sagen kann, wer er ist und von wo er kommt. Von unscheinbarer Gestalt wird er sein. Auf einem Esel nur wird er reiten. Und barfuss gehen. Und seinen Staub von den Füßen schütteln.
 
 
Aber er wird der Größte sein. Größer als ich und alle Propheten, wusste Elia. Weil er mit dem Säuseln des Windes kommt. Mit den Wolken des Himmels. Weil er von oben ist, zu jeder Zeit hier unten.
 
Weil er zur Rechten Gottes sitzt. 
 
 IV. Geist Gottes                                (Sprecher/in 4)
 
 
Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, das Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott.
 
(1.   Johannes 4,2)
 
 
Prüfet die Geister. Die Welt ist voller Antworten. Die Welt ist voll von gut gemeinten Ratschlägen. Die Welt ist voll Richtigkeiten. Und wer will, der bloggt sie ins Netz. Und wer kann, spricht seine Wahrheit in hundert Mikrophone. Die Deutungshoheit ist das Wichtigste. Wer die Meinungsvervielfältiger auf seiner Seite hat, dem wird geglaubt.
 
Können wir die Geister prüfen? Sind wir nicht schon zu manipuliert? Können wir einschätzen, was uns gesagt wird, Gutes oder Schlechtes? Glauben wir besser gar nichts mehr? Und glauben wir damit am meisten, dass alles verlogen ist und sich nur Misstrauen lohnt?
 
Wie arm wir dann geworden sind.
 
 
In dieser heiligen Nacht wird kein Politiker sagen: „Ich stehe dazu, dass Jesus Christus geboren ist – und ich unterschlage kein Detail.“ Und kein Wirtschaftsmanager wird sagen: „Der da gekommen ist, bringt Fortschritt und Wachstum“.
 
 
Wie gut, dass das öffentliche Leben schweigt und ansonsten nur beim Essen schwelgt und hinnimmt, dass weihnachtliche Klänge sie schweift.
 
Kann da ein Geist endlich reden? Ein göttlicher Geist, von Flügeln entfacht, empor getragen, über alle verteilt. Noch ist heilige Nacht und nicht Alltag. Noch ist das Wunder ganz nah und die Realität ganz fern. Noch ist die Ruhe da und die Hektik fehlt.
 
Prüfet die Geister. Nur heute nicht. Denn es ist der Engel, der heute alleine redet. Ihn hört.
 
 
Es kommt einer, der keine falsche Rede hält, nur damit er Menschen fängt. Seine Worte sind einfach und wahr. Er sagt sie, wie Gott sie sagt. Wir dürfen vertrauen.
 
 
Es kommt einer, der nicht mit Glanz und Geld besticht, weil das die Menschen so wollen. Er scheut sich nicht, Gott seinen Vater zu nennen. Er lässt die Wahl, es ihm gleich zu tun.
 
 
Es kommt einer, der nicht mit dem Untergang droht, denn die Menschen sind nur mit Angst zu beherrschen. Er redet von Gottes Reich. Er spricht von Gerechtigkeit. Wer es glaubt, erlebt es.
 
 
Es kommt einer, der hilft, wo die Welt und alle in ihr schreien: Dem ist nicht mehr zu helfen. Er tut es, weil Gott niemanden aufgibt. Werden wir der eine oder die eine sein, dem geholfen wird? Und dann?
 
 
Es kommt einer, der ist der Sohn, der Christus, der Geist, der Flügel Gottes, der in das Fleisch gekommen ist, der Menschengestalt annahm. Kommt herbei, alle, die ihr glaubt, ihn zu loben.
 
Fürbittengebet            (Frank Bendler)
 
Herr, in dieser Nacht preisen wir dich für die leisen Klänge gegen das Laute der Welt.
 
Du musst nichts übertönen. Du musst nichts überschreien.
 
Dein Wort kommt auf ruhigen Schwingen und doch vernehmen wir den kräftigen Flügelschlag.
 
 
Herr, wir preisen dich, wie du uns streifst mit einer Gebärde, mit einem Hauch.
 
Du brauchst dich nicht zu beeilen. Du brauchst nicht hilflos flattern.
 
Dein Geist weht wann und wo er will, bewegt von deinem Flügelschlag.
 
 
Herr, wir preisen dich, wie du uns birgst und deckst und hebst mit deinen Fittichen.
 
Nicht Adler können dir gleichen. Nicht Habichte dich übertreffen.
 
Wo dein heiliger Engel seinen Flügel bewegt, herrscht in der Stille deine göttliche Kraft.
 
 
Herr, wir preisen dich in dieser Nacht, dass du Mensch geworden bist, auf Stroh und nicht auf Federn oder Daunen. Denn dich trägt der Himmel mit seiner Macht.
 
                                                                                  Amen 
 
 
Vaterunser
 
 
Sendung in die Nacht            (Frank Bendler)
 
 
Send deine Boten aus, hinaus in die ganze Welt.
 
            Heute Nacht und all die kommenden Nächte.
 
            Zu den Menschen die es hören sollen, überall.
 
           
 
Send deine Boten aus, deine Liebe zu verkünden.
 
            Dass es am Tag die Welt erkennt
 
            Dass der eine Mensch gekommen ist und bleiben wird.
 
 
                                                           Halleluja
 
 
 
 
 
Segen                                     (Frank Bendler)
 
 
 

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