Gottesdienst am Heilig Abend 24. 12. 2009 (Christvesper) mit dem Posaunenchor in der Jakobuskirche Kuchen 17.00 Uhr
Vorspiel Orgel / Posaunen
Begrüßung
Lied: 24, 1 – 6 Vom Himmel hoch, da komm ich her...
Psalm: 96 (Nr. 738)
Gebet
Schriftlesung Lk 2, 1 – 14
Zwischenspiel Posaunenchor
Schriftlesung Lk 2, 15 - 21
Lied: 540, 1 – 4 Stern über Bethlehem
Predigt : Römer 1, 1 – 7
Lied 48, 1 – 3 Kommet ihr Hirten...
Dank – und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied 47, 1 – 5 Freu dich Erd – und Sternenzelt...
Abkündigungen
Segen
Lied: 44, 1 – 3 O du fröhliche
(Nachspiel)
Predigt an Heilig Abend 24. 12. 2009 (Christvesper) in der Jakobuskirche Kuchen 17.00 Uhr Römer 1, 1- 7
Liebe Gemeinde,
fast alles, was zu Weihnachten gehört, haben wir heute Abend in diesem Kirchenraum: Da ist der große Baum, geschmückt mit Sternen und Äpfeln, mit seinen ausladenden Ästen und seinem schönen Grün. Da klingen die bekannten Weihnachtslieder, „Vom Himmel hoch“ und „Stern über Bethlehem“ und nachher noch das „O du fröhliche“. Da haben wir die Weihnachtsgeschichte gehört, von dem Paar ohne Unterkunft in Bethlehem, das mit einem Stall vorlieb nehmen muss und von den Hirten, die kommen um anzubeten. Da flackern die Kerzen und verbreiten einen heimeligen Schein. Das alles ist mit Weihnachten verbunden. Und zu Hause gibt es dann die Geschenke, das Essen, die Fröhlichkeit in familiärer Runde. „Gemütlichkeit“ hat ein Schüler an die Tafel geschrieben in der letzten Schulstunde als das, was er von Weihnachten erwartet.
Fehlt noch etwas zu Weihnachten? Ein Brief vielleicht? Auch ich muss bei diesem Gedanken kurz stutzen. Ja, allerlei Post bekommt man ja auch zu Weihnachten. Meistens sind es Karten mit schönen Motiven und einigen wenigen Worten. Nette Gesten, dass an einen gedacht wurde. Geschäfte verschicken ihre Karten. Der Text ist meist schon eingedruckt. Oder aber es liegt ein Schreiben bei in einem Päckchen oder Packet, wie eine kleine Gebrauchsanweisung, wer was erhalten soll, was da mit gesandt wurde. Aber ein richtiger Brief mit Worten, wie es wirklich geht, wie es einem um’s Herz ist, mit persönlich gemeinten Mitteilungen, das ist selten. Ein Brief – das gehört nicht unbedingt und unmittelbar zu Weihnachten.
Uns aber, hier in dieser Kirche, ist heute ein Brief gegeben. Er ist uns nicht gerade zugestellt worden, es gibt ihn schon länger. Aber er liegt uns vor und wir sollen ihn lesen. Ein Brief von Paulus ist es. Und er schreibt an die Gemeinde in Rom:
Römer 1, 1 – 7
Liebe Weihnachtsgemeinde,
manchem Brief kann man schon von außen ansehen, von wem er ist. Das Kuvert gibt schon Auskunft. Die Farbe allein – vielleicht ein lindes Grün, das auf einen freundlichen Inhalt schließen lässt. Oder ein steifes Weiß, fest, strukturiert, was recht geschäftsmäßig aussieht. Oder es trägt der Umschlag einen poppigen Aufdruck, der jugendlich anmutet. Die äußere Form macht schon etwas her. Sie weckt je nachdem Freude oder Interesse oder aber Respekt.
Ebenso ist es mit dem Schriftzug. Noch bevor man den Absender liest ist schon klar: Ach, der ist von der Tante, die immer so schön geschwungen die „K’s“ und „G’s“ schreibt. Oder aber: den Brief hat der Freund geschrieben, bei dem die „M’s“ und „N’s“ immer zu einem Strich auslaufen. Schriftzüge sind es, die einem schon etliche Male begegnet sind, sodass sogleich der ganze Briefwechsel, die Beziehung mit dieser Person, die Geschichte vor Augen steht. Ein Brief heißt: die Bekanntschaft geht weiter, Neues kommt ins Leben, ein Baustein mehr festigt die Zusammengehörigkeit.
Bei diesem Brief des Paulus war es anders: Niemand in Rom kannte den Briefschreiber persönlich. Mag sein, man hat von ihm gehört, durch andere, Reisende, Brüder oder Schwestern, die ihm in anderen Orten begegnet sind. Am Ende des Briefes werden zwei genannt, Priska und Aquila, die eine zeitlang seine Mitarbeiter waren. Aber sonst kennt ihn die große Menge in Rom nicht.
Darum muss Paulus anders anfangen bei diesem Brief. Er holt aus, in weitem Bogen – und erzählt dabei die Weihnachtsgeschichte. Denn er, Paulus, ist der Apostel Jesu Christi, der geboren wurde aus dem Stamm Davids, eingesetzt als Gottes Sohn.
Liebe Gemeinde,
was für eine kurze Weihnachtsgeschichte ist das! Wenn wir nicht vorhin die Verse aus dem Lukasevangelium gehört hätten, wir könnten nichts anderes, als enttäuscht sein. Denn dieses Sinnbild, dass Gott selbst Armut hat leiden müssen, als er in die Welt kam, dass Gott den unscheinbarsten Weg gewählt hat, indem er klein, gering und ohnmächtig geboren wurde, das erzählt doch nur das Evangelium so anrührend und genau. Diese Geschichte ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Auch dass die Unterschicht, die ungebildeten, schlecht bezahlten, etwas grobschlächtigen Schäfer als erste die Botschaft mitgeteilt bekommen, hören wir immer gerne. Dass Weltbewegendes in einer Krippe Platz haben soll, dass der Himmel in einem Stall zu findet ist, ist noch immer Wunder über Wunder, einfach unbegreiflich. Immer wieder mahnt uns die Geschichte auch, wie wir mit Menschen umgehen, die Hilfe suchend unter uns sind. Ist denn der Wirt, der pragmatisch wie einfach dieses Paar in irgendeine eine Ecke abschiebt, so aus der Welt? Auch diese Gedanken bewegen uns immer wieder an Weihnachten.
Aber Paulus geht auf all das nicht ein. Vielleicht kannte er diese Weihnachtserzählung gar nicht. Zu seiner Zeit gab es nur ein Fest, das gefeiert wurde, nämlich Ostern. Weihnachten als Geburt des Gottessohnes setzte sich erst im 3. bis 4. Jahrhundert durch. Paulus bezeichnet sich schlicht als Knecht dieses Christus, der da geboren wurde. Und weil er geboren wurde und in der Welt war, hat er das Leben des Paulus verändert. Ohne diesen Christus wäre er nicht dieser Paulus.
Liebe Gemeinde, ich frage mich, ob das nicht viel mehr ist. Wer könnte und wer wollte das so sagen: Weihnachten, die Geburt Christi, sein Kommen in die Welt, hat mein Leben verändert? Unbestreitbar hat die jährliche Feier auf die eine oder andere Weise unser Leben geprägt. Die Spannung in den Kindertagen, der Glanz, die Atmosphäre heute. Und unsere ganz persönlichen Weihnachtsgeschichten sind Bestandteil unseres Lebens. Ganz sicher zählt auch das Weihnachten dieses Jahr dazu. Wieder wächst eine Erfahrung. Die Besonderheiten dieses Mal, seien sie froher oder seien sie trauriger Natur, tragen mit zu dem Weihnachtsgefühl bei, das uns in alle Zukunft begleiten wird. Denn Weihnachten ist jedes Jahr anders und doch auch mit jedem Jahr wieder ein großes Ganzes. Weihnachten gehört zu uns. Auch für mich verbinden sich die Jahre der Gottesdienste und Predigten an diesen und anderen Orten miteinander und geben ein einzigartiges Band.
Aber Paulus ging es nicht um ein Fest. Paulus ging es nicht um eine Zeit im Jahr. Paulus ging es nicht um ein Neugeborenes. Für Paulus ist hier der Anfang. Mit Christus kam der in die Welt, der ihn, Paulus, nicht mehr los lassen sollte. Mit Christus war der geboren worden, der das Schicksal des Paulus wenden sollte. Das erkennt er als der gereifte Mann, der den Brief an die Römer schreibt. Davor war viel passiert: Der Christenverfolger und Christenhasser Saulus wird in der Wüste bei Damaskus von diesem Gottessohn gestellt. Nach seiner kurzfristigen Erblindung fällt es ihm wie Schuppen von den Augen wem er da begegnet war – dem, der von Gott her war. Der Auftrag zu verkünden, dass der Höchste selbst da war in seinem Sohn, treibt diesen Paulus über die Meere der Welt, durch Wüsten und Gefängnisse. Er wird zum rastlosen Vielschreiber. Er wird zum Gemeindegründer und –leiter. Er wird zum Märtyrer, der bei Rom den Tod findet. Vermutlich mit einem letzten Lob auf den Sohn des Himmels, der auch der Herrscher der Erde ist. So war Paulus wirklich ein Knecht Christi – und er wusste, wer dessen Knecht ist, der ist nicht unterdrückt. Diener des von Gott Gesandten zu sein, kann einen nur heben. Unterdrückte Knechte sind wir nur unter Menschen.
Das alles steckt hinter diesem Briefanfang. Das alles, weil es einmal das wahre Weihnachten gab. Christus ist in die Welt gekommen. Für Paulus war es nichts weniger als umwerfend.
Dieser trockene, dieser spröde Briefanfang liegt mir damit klarer vor Augen. Ein ganz eigener und eigenartiger Weihnachtsbrief ist das. Die Überraschung ist gelungen. Aber es gibt auch so etwas wie Ratlosigkeit bei mir und vielleicht bei Ihnen auch. Wie ist das, wenn ich zwar meine Weihnachtsgeschichte habe, meine Erlebnisse mit dem Fest, aber nicht diese durchschlagende Erfahrung des Paulus habe? Wie ist das, wenn ich zwar den Heiland geboren sein lasse, mein Leben aber nicht weiter davon betroffen wird? Paulus – das muss ja ein ganz besonderer Christ gewesen sein. Apostel nennt er sich. Ein Heiliger ist er wohl ebenso zu nennen.
Sollte es allgemein so sein, dass wir wohl die Geburt haben im Großen und Ganzen, so wie wir sie heute feiern, aber es fehlt die letzte Wirkung? Haben wir immer wieder nur den Anfang und den Anfang und nicht die Begegnung, diese Änderung?
Liebe Gemeinde, das wäre zu wenig, wenn dieser Christus nur für den Paulus wichtig geworden wäre. Und das wäre zu wenig, wenn nur Paulus hierzu in einem Brief mit kargen Worten etwas zu sagen hätte.
Wir alle würden ohne den Anfang in Bethlehem nicht hier sitzen. Dieses Fest heute gäbe es nicht. Diese Kirche gäbe es nicht und überhaupt keine Kirche gäbe es. Unseren Glauben gäbe es nicht oder er wäre ein völlig anderer. Auch wir selbst wäre anders, hätten andere Hoffnungen, Ziele und Werte. Wenn es kein Weihnachten gäbe, dann fehlte mehr als nur ein Feiertag. Denn den Christus geboren zu wissen ist mehr als nur eine Tradition, die uns geprägt hat. Unser ganzes übriges Leben ist auch in nicht gezählten Weisen mit diesem einen Herrn verbunden. Vielleicht nicht so deutlich wie bei Paulus. Aber es ist mehr da, als einmal im Jahr nur Weihnachten. Wäre es anders, dann würde es reichen, sich das ein- oder zwei Mal anzusehen, dieses Weihnachtsspektakel. Aber Jahr für Jahr wieder zu kommen, das bedeutet, mehr zu suchen oder aber auch mehr gefunden zu haben als nur eine gute, liebgewordene Gewohnheit.
Könnte es nicht sein, dass auch für viele, wenn nicht die meisten unter Ihnen Weihnachten auch ein Anfang ist, der Beginn, ab dem wirklich etwas anders wurde für sein Leben und in seinem Leben? Ganz genau, weil dieser Christus auch für mich gekommen ist. Ich bin nicht nur Zaungast vor einer Krippenkulisse, sondern dieses Kind geht mich etwas an. Ich bin nicht nur ein Weihnachtschrist, denn ich spüre, das Kind kommt nicht für heute allein. Ich bin nicht um des lieben Frieden willen da, sondern weil ich von Herzen gerne Frieden fände und ein wenig glaube, dass es mit dem Kind da zu tun haben könnte. Ich bin nicht da, weil alle anderen auch da sind, sondern weil es eine heimliche, stille Zwiesprache gibt mit dem da oben –nur dass er jetzt hier unten ist. So treibt so viele, die meisten, uns alle das um, was auch Paulus umgetrieben hat: dass dieser Jesus mit meinem Leben verbunden ist, und immer wieder darin hinein wirkt. Und dass er das nur kann, weil er einmal in diese Welt geboren wurde um sich aller Welt bekannt zu machen.
Einen Brief zu Weihnachten hat uns Paulus überlassen. Einen Brief mit einem schwierigen Anfang und einer verkürzten Weihnachtsgeschichte. Aber er ist zu unserem Brief geworden, weil wir darin vorkommen. Denn wir sind ebenso wie er von Christus Betroffene. Uns sagt ebenso wie ihm der ins Leben gekommene Christus etwas. Wir sind Beteiligte, wie Paulus selbst auch.
Aber dann gilt uns genau so das zuletzt in diesem Abschnitt gesagte, dann ruft es Paulus auch uns zu: An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen. Das gilt jedem und jeder hier an diesem Weihnachtsabend, den Großen und den Kleinen. Geliebte Gottes und Heilige sind die, die das Evangelium hören, hier und anderswo. Denn zu nichts weniger als zu das macht Christus die Menschen, die ihm folgen. Und das ist doch nicht eben wenig, diese Bezeichnung, diese Titel führen zu können.
Es ist gut, glaube ich, dass wir diesen Brief aufgemacht haben. Wir hätten etwas Wichtiges verpasst, hätten wir diese Weihnachtspost zugelassen. Der Brief hat sein Ziel erreicht, wo uns Christus berührt hat. Er hat sein Ziel erreicht, wenn wir uns als Beschenkte vorkommen, weil Gott uns seine Zuneigung spüren lässt. Der Brief hat sein Ziel erreicht, wenn er uns an den einen Anfang zurückführt, ohne den auch für uns nichts so wäre wie es ist.
Wo sich Weihnachten für uns noch einmal ganz anders öffnet, da dürfen wir auch trotzdem die alten Weisen singen, wie jetzt anschließend das Lied „Kommet ihr Hirten“. Denn Weihnachten ist mehr. Der Gottessohn kommt, um uns zu begegnen. Und diese Begegnung ändert alles.
Amen
Vorspiel Orgel / Posaunen
Begrüßung
Lied: 24, 1 – 6 Vom Himmel hoch, da komm ich her...
Psalm: 96 (Nr. 738)
Gebet
Schriftlesung Lk 2, 1 – 14
Zwischenspiel Posaunenchor
Schriftlesung Lk 2, 15 - 21
Lied: 540, 1 – 4 Stern über Bethlehem
Predigt : Römer 1, 1 – 7
Lied 48, 1 – 3 Kommet ihr Hirten...
Dank – und Fürbittegebet
Vaterunser
Lied 47, 1 – 5 Freu dich Erd – und Sternenzelt...
Abkündigungen
Segen
Lied: 44, 1 – 3 O du fröhliche
(Nachspiel)
Predigt an Heilig Abend 24. 12. 2009 (Christvesper) in der Jakobuskirche Kuchen 17.00 Uhr Römer 1, 1- 7
Liebe Gemeinde,
fast alles, was zu Weihnachten gehört, haben wir heute Abend in diesem Kirchenraum: Da ist der große Baum, geschmückt mit Sternen und Äpfeln, mit seinen ausladenden Ästen und seinem schönen Grün. Da klingen die bekannten Weihnachtslieder, „Vom Himmel hoch“ und „Stern über Bethlehem“ und nachher noch das „O du fröhliche“. Da haben wir die Weihnachtsgeschichte gehört, von dem Paar ohne Unterkunft in Bethlehem, das mit einem Stall vorlieb nehmen muss und von den Hirten, die kommen um anzubeten. Da flackern die Kerzen und verbreiten einen heimeligen Schein. Das alles ist mit Weihnachten verbunden. Und zu Hause gibt es dann die Geschenke, das Essen, die Fröhlichkeit in familiärer Runde. „Gemütlichkeit“ hat ein Schüler an die Tafel geschrieben in der letzten Schulstunde als das, was er von Weihnachten erwartet.
Fehlt noch etwas zu Weihnachten? Ein Brief vielleicht? Auch ich muss bei diesem Gedanken kurz stutzen. Ja, allerlei Post bekommt man ja auch zu Weihnachten. Meistens sind es Karten mit schönen Motiven und einigen wenigen Worten. Nette Gesten, dass an einen gedacht wurde. Geschäfte verschicken ihre Karten. Der Text ist meist schon eingedruckt. Oder aber es liegt ein Schreiben bei in einem Päckchen oder Packet, wie eine kleine Gebrauchsanweisung, wer was erhalten soll, was da mit gesandt wurde. Aber ein richtiger Brief mit Worten, wie es wirklich geht, wie es einem um’s Herz ist, mit persönlich gemeinten Mitteilungen, das ist selten. Ein Brief – das gehört nicht unbedingt und unmittelbar zu Weihnachten.
Uns aber, hier in dieser Kirche, ist heute ein Brief gegeben. Er ist uns nicht gerade zugestellt worden, es gibt ihn schon länger. Aber er liegt uns vor und wir sollen ihn lesen. Ein Brief von Paulus ist es. Und er schreibt an die Gemeinde in Rom:
Römer 1, 1 – 7
Liebe Weihnachtsgemeinde,
manchem Brief kann man schon von außen ansehen, von wem er ist. Das Kuvert gibt schon Auskunft. Die Farbe allein – vielleicht ein lindes Grün, das auf einen freundlichen Inhalt schließen lässt. Oder ein steifes Weiß, fest, strukturiert, was recht geschäftsmäßig aussieht. Oder es trägt der Umschlag einen poppigen Aufdruck, der jugendlich anmutet. Die äußere Form macht schon etwas her. Sie weckt je nachdem Freude oder Interesse oder aber Respekt.
Ebenso ist es mit dem Schriftzug. Noch bevor man den Absender liest ist schon klar: Ach, der ist von der Tante, die immer so schön geschwungen die „K’s“ und „G’s“ schreibt. Oder aber: den Brief hat der Freund geschrieben, bei dem die „M’s“ und „N’s“ immer zu einem Strich auslaufen. Schriftzüge sind es, die einem schon etliche Male begegnet sind, sodass sogleich der ganze Briefwechsel, die Beziehung mit dieser Person, die Geschichte vor Augen steht. Ein Brief heißt: die Bekanntschaft geht weiter, Neues kommt ins Leben, ein Baustein mehr festigt die Zusammengehörigkeit.
Bei diesem Brief des Paulus war es anders: Niemand in Rom kannte den Briefschreiber persönlich. Mag sein, man hat von ihm gehört, durch andere, Reisende, Brüder oder Schwestern, die ihm in anderen Orten begegnet sind. Am Ende des Briefes werden zwei genannt, Priska und Aquila, die eine zeitlang seine Mitarbeiter waren. Aber sonst kennt ihn die große Menge in Rom nicht.
Darum muss Paulus anders anfangen bei diesem Brief. Er holt aus, in weitem Bogen – und erzählt dabei die Weihnachtsgeschichte. Denn er, Paulus, ist der Apostel Jesu Christi, der geboren wurde aus dem Stamm Davids, eingesetzt als Gottes Sohn.
Liebe Gemeinde,
was für eine kurze Weihnachtsgeschichte ist das! Wenn wir nicht vorhin die Verse aus dem Lukasevangelium gehört hätten, wir könnten nichts anderes, als enttäuscht sein. Denn dieses Sinnbild, dass Gott selbst Armut hat leiden müssen, als er in die Welt kam, dass Gott den unscheinbarsten Weg gewählt hat, indem er klein, gering und ohnmächtig geboren wurde, das erzählt doch nur das Evangelium so anrührend und genau. Diese Geschichte ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Auch dass die Unterschicht, die ungebildeten, schlecht bezahlten, etwas grobschlächtigen Schäfer als erste die Botschaft mitgeteilt bekommen, hören wir immer gerne. Dass Weltbewegendes in einer Krippe Platz haben soll, dass der Himmel in einem Stall zu findet ist, ist noch immer Wunder über Wunder, einfach unbegreiflich. Immer wieder mahnt uns die Geschichte auch, wie wir mit Menschen umgehen, die Hilfe suchend unter uns sind. Ist denn der Wirt, der pragmatisch wie einfach dieses Paar in irgendeine eine Ecke abschiebt, so aus der Welt? Auch diese Gedanken bewegen uns immer wieder an Weihnachten.
Aber Paulus geht auf all das nicht ein. Vielleicht kannte er diese Weihnachtserzählung gar nicht. Zu seiner Zeit gab es nur ein Fest, das gefeiert wurde, nämlich Ostern. Weihnachten als Geburt des Gottessohnes setzte sich erst im 3. bis 4. Jahrhundert durch. Paulus bezeichnet sich schlicht als Knecht dieses Christus, der da geboren wurde. Und weil er geboren wurde und in der Welt war, hat er das Leben des Paulus verändert. Ohne diesen Christus wäre er nicht dieser Paulus.
Liebe Gemeinde, ich frage mich, ob das nicht viel mehr ist. Wer könnte und wer wollte das so sagen: Weihnachten, die Geburt Christi, sein Kommen in die Welt, hat mein Leben verändert? Unbestreitbar hat die jährliche Feier auf die eine oder andere Weise unser Leben geprägt. Die Spannung in den Kindertagen, der Glanz, die Atmosphäre heute. Und unsere ganz persönlichen Weihnachtsgeschichten sind Bestandteil unseres Lebens. Ganz sicher zählt auch das Weihnachten dieses Jahr dazu. Wieder wächst eine Erfahrung. Die Besonderheiten dieses Mal, seien sie froher oder seien sie trauriger Natur, tragen mit zu dem Weihnachtsgefühl bei, das uns in alle Zukunft begleiten wird. Denn Weihnachten ist jedes Jahr anders und doch auch mit jedem Jahr wieder ein großes Ganzes. Weihnachten gehört zu uns. Auch für mich verbinden sich die Jahre der Gottesdienste und Predigten an diesen und anderen Orten miteinander und geben ein einzigartiges Band.
Aber Paulus ging es nicht um ein Fest. Paulus ging es nicht um eine Zeit im Jahr. Paulus ging es nicht um ein Neugeborenes. Für Paulus ist hier der Anfang. Mit Christus kam der in die Welt, der ihn, Paulus, nicht mehr los lassen sollte. Mit Christus war der geboren worden, der das Schicksal des Paulus wenden sollte. Das erkennt er als der gereifte Mann, der den Brief an die Römer schreibt. Davor war viel passiert: Der Christenverfolger und Christenhasser Saulus wird in der Wüste bei Damaskus von diesem Gottessohn gestellt. Nach seiner kurzfristigen Erblindung fällt es ihm wie Schuppen von den Augen wem er da begegnet war – dem, der von Gott her war. Der Auftrag zu verkünden, dass der Höchste selbst da war in seinem Sohn, treibt diesen Paulus über die Meere der Welt, durch Wüsten und Gefängnisse. Er wird zum rastlosen Vielschreiber. Er wird zum Gemeindegründer und –leiter. Er wird zum Märtyrer, der bei Rom den Tod findet. Vermutlich mit einem letzten Lob auf den Sohn des Himmels, der auch der Herrscher der Erde ist. So war Paulus wirklich ein Knecht Christi – und er wusste, wer dessen Knecht ist, der ist nicht unterdrückt. Diener des von Gott Gesandten zu sein, kann einen nur heben. Unterdrückte Knechte sind wir nur unter Menschen.
Das alles steckt hinter diesem Briefanfang. Das alles, weil es einmal das wahre Weihnachten gab. Christus ist in die Welt gekommen. Für Paulus war es nichts weniger als umwerfend.
Dieser trockene, dieser spröde Briefanfang liegt mir damit klarer vor Augen. Ein ganz eigener und eigenartiger Weihnachtsbrief ist das. Die Überraschung ist gelungen. Aber es gibt auch so etwas wie Ratlosigkeit bei mir und vielleicht bei Ihnen auch. Wie ist das, wenn ich zwar meine Weihnachtsgeschichte habe, meine Erlebnisse mit dem Fest, aber nicht diese durchschlagende Erfahrung des Paulus habe? Wie ist das, wenn ich zwar den Heiland geboren sein lasse, mein Leben aber nicht weiter davon betroffen wird? Paulus – das muss ja ein ganz besonderer Christ gewesen sein. Apostel nennt er sich. Ein Heiliger ist er wohl ebenso zu nennen.
Sollte es allgemein so sein, dass wir wohl die Geburt haben im Großen und Ganzen, so wie wir sie heute feiern, aber es fehlt die letzte Wirkung? Haben wir immer wieder nur den Anfang und den Anfang und nicht die Begegnung, diese Änderung?
Liebe Gemeinde, das wäre zu wenig, wenn dieser Christus nur für den Paulus wichtig geworden wäre. Und das wäre zu wenig, wenn nur Paulus hierzu in einem Brief mit kargen Worten etwas zu sagen hätte.
Wir alle würden ohne den Anfang in Bethlehem nicht hier sitzen. Dieses Fest heute gäbe es nicht. Diese Kirche gäbe es nicht und überhaupt keine Kirche gäbe es. Unseren Glauben gäbe es nicht oder er wäre ein völlig anderer. Auch wir selbst wäre anders, hätten andere Hoffnungen, Ziele und Werte. Wenn es kein Weihnachten gäbe, dann fehlte mehr als nur ein Feiertag. Denn den Christus geboren zu wissen ist mehr als nur eine Tradition, die uns geprägt hat. Unser ganzes übriges Leben ist auch in nicht gezählten Weisen mit diesem einen Herrn verbunden. Vielleicht nicht so deutlich wie bei Paulus. Aber es ist mehr da, als einmal im Jahr nur Weihnachten. Wäre es anders, dann würde es reichen, sich das ein- oder zwei Mal anzusehen, dieses Weihnachtsspektakel. Aber Jahr für Jahr wieder zu kommen, das bedeutet, mehr zu suchen oder aber auch mehr gefunden zu haben als nur eine gute, liebgewordene Gewohnheit.
Könnte es nicht sein, dass auch für viele, wenn nicht die meisten unter Ihnen Weihnachten auch ein Anfang ist, der Beginn, ab dem wirklich etwas anders wurde für sein Leben und in seinem Leben? Ganz genau, weil dieser Christus auch für mich gekommen ist. Ich bin nicht nur Zaungast vor einer Krippenkulisse, sondern dieses Kind geht mich etwas an. Ich bin nicht nur ein Weihnachtschrist, denn ich spüre, das Kind kommt nicht für heute allein. Ich bin nicht um des lieben Frieden willen da, sondern weil ich von Herzen gerne Frieden fände und ein wenig glaube, dass es mit dem Kind da zu tun haben könnte. Ich bin nicht da, weil alle anderen auch da sind, sondern weil es eine heimliche, stille Zwiesprache gibt mit dem da oben –nur dass er jetzt hier unten ist. So treibt so viele, die meisten, uns alle das um, was auch Paulus umgetrieben hat: dass dieser Jesus mit meinem Leben verbunden ist, und immer wieder darin hinein wirkt. Und dass er das nur kann, weil er einmal in diese Welt geboren wurde um sich aller Welt bekannt zu machen.
Einen Brief zu Weihnachten hat uns Paulus überlassen. Einen Brief mit einem schwierigen Anfang und einer verkürzten Weihnachtsgeschichte. Aber er ist zu unserem Brief geworden, weil wir darin vorkommen. Denn wir sind ebenso wie er von Christus Betroffene. Uns sagt ebenso wie ihm der ins Leben gekommene Christus etwas. Wir sind Beteiligte, wie Paulus selbst auch.
Aber dann gilt uns genau so das zuletzt in diesem Abschnitt gesagte, dann ruft es Paulus auch uns zu: An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen. Das gilt jedem und jeder hier an diesem Weihnachtsabend, den Großen und den Kleinen. Geliebte Gottes und Heilige sind die, die das Evangelium hören, hier und anderswo. Denn zu nichts weniger als zu das macht Christus die Menschen, die ihm folgen. Und das ist doch nicht eben wenig, diese Bezeichnung, diese Titel führen zu können.
Es ist gut, glaube ich, dass wir diesen Brief aufgemacht haben. Wir hätten etwas Wichtiges verpasst, hätten wir diese Weihnachtspost zugelassen. Der Brief hat sein Ziel erreicht, wo uns Christus berührt hat. Er hat sein Ziel erreicht, wenn wir uns als Beschenkte vorkommen, weil Gott uns seine Zuneigung spüren lässt. Der Brief hat sein Ziel erreicht, wenn er uns an den einen Anfang zurückführt, ohne den auch für uns nichts so wäre wie es ist.
Wo sich Weihnachten für uns noch einmal ganz anders öffnet, da dürfen wir auch trotzdem die alten Weisen singen, wie jetzt anschließend das Lied „Kommet ihr Hirten“. Denn Weihnachten ist mehr. Der Gottessohn kommt, um uns zu begegnen. Und diese Begegnung ändert alles.
Amen


