Bläsergottesdienst am 19. Sonntag n. Tr. 18.11.2009
in der Jakobuskirche Kuchen
Posaunenvorspiel
Begrüßung
Lied: 452, 1+2+5 Er weckt mir alle Morgen
Psalm 32 (Nr. 717)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
In der Stille angekommen - Posaunenzwischenspiel
Schriftlesung: Jesaja 61, 1 – 3
Lied: 656, 1 – 3 Wir haben Gottes Spuren festgestellt
Predigt
Lied 611, 1 – 3 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
Dank- und Fürbittegebet Lied Nr. 383
Vaterunser
Bläserehrung Aufnahme der Jungbläser Ansprachen Bendler / Sannwald / Schlecht Zwischenspiel Posaunen
Lied: NL 6 Bis ans Ende der Welt
Abkündigungen
Segen
Orgel- Posaunennachspiel
Predigt am 19. Sonntag n. Tr. 18.11.2009 in der Jakobuskirche Kuchen Reihe I , Markus 2, 1 - 12
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
in den Sommerwochen habe ich an einer Seelsorgeausbildung teilgenommen, bei der ich auch Menschen im Krankenhaus besuchte. Oft hat uns die Frage in den Nachbesprechungen beschäftigt, was wir denn dabei eigentlich machen. Für die Bekämpfung der Krankheit, gleich welcher Art, sind die Ärzte zuständig. Ob der Suchtabhängige nach der Entlassung in einer Wohngruppe unterkommt, regelt ein Sozialarbeiter. Und wir Theologinnen und Theologen können Ängste vielleicht mindern, aber nicht nehmen. Wir wissen auf die uns gestellten Fragen auch nicht die schlüssige Antwort: Warum bin ich krank geworden? Muss das so sein, dass ich so verlassen bin? Und oft müssen wir nach einer Reihe von Besuchen erleben, dass sich nichts bessert oder dass der Mensch, wie es zu erwarten war und sich angekündigt hat, dann doch gestorben ist.
Und dennoch habe ich das Gefühl gehabt, dass diese Besuche wichtig sind für mein Gegenüber wie für mich selbst. Insbesondere dann, wenn nicht schneller Trost und erst recht kein guter Rat erfolgt ist, sondern wenn ein Gespräch eine Offenheit erreicht hat, in der etwas gesagt werden konnte, was sonst nicht heraus durfte.
„Sie wären bestimmt ein guter Arzt oder Psychologe“, sagte eine Patientin zu mir. Und ich erwiderte: „Ich weiß nicht, mit was ich als Psychologe zu Ihnen gekommen wäre. Ich bringe Ihnen Worte und Geschichten aus der Bibel mit.“
Eine Krankenheilung im Neuen Testament ist das Thema für den heutigen Sonntag. Sie stand nicht auf dem Ausbildungsprogramm im Sommer und ich habe sie auch nicht am Krankenbett erzählt. Aber sie wäre es wert und sie kann uns vieles sagen. Ich lese den Bericht von der Heilung eines Gelähmten aus dem 2. Markuskapitel.
Text: Markus 2, 1 – 12
Liebe Gemeinde,
was würde geschehen, wenn mitten in diesen Gottesdienst, jetzt, während der Predigt, die Kirchentüre aufgerissen würde und welche einen Kranken hereinschleppten und riefen: Er braucht Hilfe. Nicht dass es akut wäre, ein Notfall, wo der Arztkoffer eher gefragt ist. Sondern ein chronisch Kranker oder eine Kranke, ein Unheilbarer, eine schon Aufgegebene. Was könnte ich tun? Ein paar Fragen stellen. Eine Hand auflegen. Ein Gebet sprechen. Sagen, dass es immer wieder Fälle gibt wo Menschen ganz unerklärlich genesen sind. Und letztlich würde ich auf Jesus verweisen, der es dann doch als Heiland am besten kann, Menschen zu helfen und zu befreien. Heilen könnte ich nicht. Den Menschen auf die Beine stellen, könnte ich nicht. Äußeres Werk könnte ich tun. Der Beweis, dass das, was auf der Kanzel gesprochen wird, wahr ist, den könnte ich nicht erbringen. Nein, zum Demonstrieren gäbe es bestimmt nichts.
So ähnlich aber war die Situation damals. Jesus redete das Wort von Gott, vom Himmelreich, von allem Guten, das den Menschen von Gott her zugedacht ist. Er predigte ihnen und sie hörten.
Und plötzlich war da der Kranke. Vom Dach herunter gelassen. Gelähmt war er. Noch nie war er gelaufen. Jesus ist in seiner Rede unterbrochen worden. Anderes hat sich als Wichtigeres dazwischen gedrängt. Hier ist ein Mensch, was kannst du ihm sagen? Was kannst du für ihn tun? Ganz konkret.
Anschaulich, zum Teil sogar dramatisch dargestellt, erzählt das Markusevangelium, wie man mit allen Mitteln den Kranken vor Jesus brachte. Vier trugen ihn. Das Dach wurde aufgebrochen. Der Gelähmte war schwer, vorsichtig musste man ihn durch die Lücke bugsieren. Zuvor hatte man erst einmal Seile beschaffen müssen. Auf eine Dachexpedition war man nicht eingestellt. Jetzt war das Ziel erreicht: hautnah bei Jesus zu sein. Doch das war nicht das Ziel. Damit fing doch alles erst an, sollte man meinen.
Jesus hatte auch schon Menschen geheilt. Die Schwiegermutter des Petrus war kurz zuvor gesund geworden, erzählt das Evangelium. Andere Kranke hatte man zu ihm gebracht und unmittelbar vor der Erzählung hier war ein Aussätziger genesen. Für Jesus muss es ein Leichtes sein. Warum sollte Jesus mit seiner Wunderkraft sparen? Was dort möglich war, hier musste es auch gehen. Irgendetwas musste er mit dem Kranken machen. Die Erwartungen waren nicht gering.
Wenn ich an Jesu Stelle wäre, was würde ich sehen, was würde ich spüren? Gespannte Gesichter. Totenstille im Haus. Und in mir - Unwohlsein. Überforderung. Angst zu enttäuschen. Angst zu versagen. Ärger, dann, dass die Leute so unklug sind, an völlig unpassender Stelle zu kommen. Unmut, dass irgendwer immer ein Zeichen braucht.
So geht’s nicht, höre ich mich sagen. So wenig wie bei einem in die Kirche gebrachten Kranken. Seid vernünftig, ihr Menschen. Man darf Gott auch nicht versuchen und auf die Probe stellen. Rechtfertigung. Ausflüchte.
Was sah Jesus? Er sah nicht seine Herausforderung. Er sah nicht seine Angst. Er sah ihren Glauben – und staunte. Und freute sich zugleich. So viel Kraft. So viel Energie steckt dahinter. Was haben die versucht, bis sie hier waren! Enorm. Jesus denkt nicht an sein eigenes Kleinsein. Er denkt an die Größe derer, die er vor sich hat. Er lobt in seinem Herzen den Mut dieser Männer.
Schön, aber dann, wo bleibt das eigentliche? Wann kommt der Lohn für die Anstrengung? Der Lahme wird nicht gebracht, damit Jesus Gefallen an ein paar Menschen hat. Das Wichtigste ist doch, dass er gesund wird. Die Erwartung und die Erfüllung ist es doch, nicht mehr auf dieser Trage liegen zu müssen. Ohne das, wäre alles nichts.
Und Jesus sagt: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Liebe Gemeinde, viele von Ihnen waren schon einmal im Krankenhaus. Jeder von uns war schon krank. Das ist ein Zustand, von dem man ohne Wenn und Aber befreit werden will. Kranksein kann einen so beherrschen, dass man an nichts anderes mehr denken kann. Insbesondere, wenn sie von Schmerzen begleitet wird. Krank zu sein raubt mir meine Lebensmöglichkeiten. Und Dauerkrankheiten wie eine Lähmung sowieso. Krankheit nimmt meinen Körper zur Geisel, sperrt mich in ein unsichtbares Gefängnis. Eine schwere Krankheit kann aus mir machen, dass ich kein Mensch mehr bin. Und wo ich gesund oder wieder gesund bin, ist alles anders, ist Gefahr und Schrecken vorbei, ist die Aussicht und die Angst, vor dem Ende zu stehen, nicht mehr da.
Darum muss als erstes die Krankheit weg. Dann sind alle Sorgen weg, oder zumindest kann ich sie dann bewältigen. Der Mensch muss gesund sein, um leben zu können.
Vielleicht ist es dieses Muss, was es mir schwer machen würde, einen spontan vor mich gebrachten Kranken zu helfen. Weil ich nicht Herr über die Krankheit bin. Und weil ich so keine Aussicht auf Leben geben kann. Die Krankheit, die mein Gegenüber gefangen hält, die hält auch mich als Helfer gefangen. Wo etwas geschehen muss, werde ich selbst gelähmt. Es bleibt ein Graben zwischen uns.
Jesus aber sagt: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Was spüre ich? Dass die Spannung abfällt. Dabei müsste sie sich doch noch steigern. Mensch, da liegt einer krank und Jesus redet von Sünde und vom Reich Gottes oder von sonst etwas Fernem. So wie jeder und jede Kranke hier in der Kirche denken müsste: der Pfarrer redet von Wundern, doch was hilft es mir. Und weil ich das weiß, muss ich genau vor diesem Gedanken, vor diesem Urteil Angst haben.
Aber bei Jesus entspannt sich auf eine Weise die Lage, weil er sich nicht mit fesseln lässt von der Krankheit. Er muss sich nicht vom Mitleid verzehren lassen, das ihm die Sprache verschlägt. Er muss sich nicht zu irgendwelchem Handeln drängen lassen, weil er ja ansonsten nichts taugt. Er muss nicht auf die Erwartung hören. Er muss sich nicht vor der Enttäuschung des Kranken fürchten. Jesus muss nichts. Und das löst die Spannung. Das macht frei. Das überträgt sich auf den Kranken, auf die um ihn Stehenden. Das Muss fällt auch bei ihm weg: Ich muss hier liegen. Ich muss mich immer tragen lassen. Scham und Schuld und Tod und Teufel – alles nicht. Ich liege hier. Ich werde getragen. Mehr nicht. Es hat mich nicht meine Krankheit im Griff. Meine Gedanken haben mich im Griff, verurteilen mich, lähmen mich.
Ich könnte mir vorstellen einen Patienten, eine Patientin zu fragen: „Wenn sie für einen Moment Ihre Krankheit vergessen, wer sind Sie dann?“ Alles Mögliche kann da zum Vorschein kommen: Ich bin einer, der weit gereist ist und viel gesehen hat. Ich bin ein Sportfan. Ich bin Mutter von vier Kindern. Ich habe früher alle meine Kleider selber genäht und habe einen Blick für die Mode. Manchmal tauchen Vorlieben auf, an die man seit Kindertagen nicht mehr gedacht hat, Lieblingsgerichte, das Aussehen der ersten Puppe, ein Spiel, das mich fesselte. Es schmerzt nicht, daran zu denken, weil man es nicht mehr kann. Es schmerzt viel viel mehr, es verloren zu haben, es sich zu verbieten, daran zu denken.
Deine Sünden sind dir vergeben, sagt Jesus. Zwischen dir und Gott steht nichts, meint es. Für Gott bist du heil, so krank, wie du auch bist. Es hindert ihn nicht zu dir zu kommen. So stelle auch du nichts mehr zwischen dich und dein Leben.
Und damit hätte man also den Gelähmten wieder auf’s Dach nach oben ziehen können? Und die vier Männer hätten zufrieden nach Hause gehen können? Und alles wäre gut?
Nun, es gab ja dort Gegenstimmen, dass man so nicht vorgehen dürfe. Die Pharisäer murrten, man dürfe einem Kranken nicht mit Gott Mut machen. Das greift in die Hoheit Gottes ein. Und überhaupt sei das Scharlatanerie, hier einem Kranken zu dessen Beruhigung vorzu-gaukeln, er wäre ohne Sünde. Jeder Mensch ist sündig und habe nichts Gutes zu erwarten. Und Krankheit ist eben ein Ausdruck davon.
Was schwingt hier mit? Ist es nicht Angst, Gott könne gnädiger sein, ohne dass einer dafür etwas tun könne. Und ohne, dass Gesetze und Vorschriften eingehalten werden. Wo doch die Pharisäer die Gesetzestreue und die Befolgung aller Regeln vertraten. Wo Gott Sünden vergibt, einfach so, da könnten sie überflüssig werden. Dann wären sie ja ihres Lebenssinnes beraubt. Und weil sie genau das von Jesus fürchten, trachten sie ihm nach dem Leben.
Vielleicht hätte man auch die Pharisäer fragen müssen: Wenn du einmal nicht daran denkst, dass du Pharisäer bist, was bist du dann? Und was bist du in Gottes Augen?
Aber das ist eine andere Geschichte. Wahr ist, dass der Mensch, der von seinem Bett am Ende aufstehen konnte, nicht erst da befreit war. Es war die Dreingabe, dass er jetzt auch wieder laufen konnte. Dass er in Ordnung war, war zuvor schon klar. Dass er ein Mensch ist vor Gott, dass er Leben in sich hat, dazu brauchte es kein Wunder. Das kann ein Mensch in seiner tiefsten Krankheit noch erfahren, dass er nur eine Krankheit hat, aber er selbst nicht die Krankheit ist. Der Mensch ist mehr. Und das darf ihm gesagt werden.
Es zugleich das, was mir in der Seelsorgeausbildung wichtig geworden ist. Es ist nicht die Hilfe um jeden Preis. Es ist nicht das Machen-können, woran ja selbst die Ärzte manchmal verzweifeln, weil es nicht geht. Es ist die Kraft, beizustehen und das Wunder geschehen zu lassen, sich selbst wieder zu finden. Altes und Gutes in mir drin. Und dass Gott mich so will.
Viele von Ihnen haben schon in der einen oder anderen Weise mit der Palliativabteilung im Krankenhaus zu tun gehabt. Wenn ich zu Angehörigen eines Verstorbenen komme, wird meist viel Gutes darüber gesagt und wie sehr es die letzten Lebenswochen erleichtert hat. Gerade deshalb, weil hier ein Mensch als ein Mensch behandelt wird und nicht als ein Kranker. Gerade im unheilbaren Stadium. Schmerzlindernde Mittel sind das eine. Liebe, die zur Hilfe wird, das andere.
Und wenn nun die Kirchentüre aufgerissen wird und ein Kranker herein getragen wird, was könnte ich tun? Ich könnte ihm sagen: Es ist gut, dass sie hierher gekommen sind. Dass sie nicht alleine zu Hause liegen, sondern unter Menschen sind. Und hören Sie den schönen Posaunenklängen zu. Die können Sie so froh machen, wie alle anderen.“
Ich hätte ihn nicht gesund gemacht. Ich hätte kein Wunder vollbracht und es auch gar nicht gekonnt. Aber ich habe vielleicht geholfen, auf anderes zu sehen, anderes in sich zu spüren. Den Blick weg von der Krankheit zu wenden. Gottes Gnädig-sein zu ahnen. Und gleichzeitig weiß ich, dass nicht ich geholfen habe, sondern der Herr.
Ich verlasse das Krankenzimmer oft mit einem großen Dank. Nicht, weil ich draußen bin. Sondern weil ich drinnen war, bei einem Menschen.
Amen
in der Jakobuskirche Kuchen
Posaunenvorspiel
Begrüßung
Lied: 452, 1+2+5 Er weckt mir alle Morgen
Psalm 32 (Nr. 717)
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
Gebet / Stilles Gebet
In der Stille angekommen - Posaunenzwischenspiel
Schriftlesung: Jesaja 61, 1 – 3
Lied: 656, 1 – 3 Wir haben Gottes Spuren festgestellt
Predigt
Lied 611, 1 – 3 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
Dank- und Fürbittegebet Lied Nr. 383
Vaterunser
Bläserehrung Aufnahme der Jungbläser Ansprachen Bendler / Sannwald / Schlecht Zwischenspiel Posaunen
Lied: NL 6 Bis ans Ende der Welt
Abkündigungen
Segen
Orgel- Posaunennachspiel
Predigt am 19. Sonntag n. Tr. 18.11.2009 in der Jakobuskirche Kuchen Reihe I , Markus 2, 1 - 12
> Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<
Liebe Gemeinde,
in den Sommerwochen habe ich an einer Seelsorgeausbildung teilgenommen, bei der ich auch Menschen im Krankenhaus besuchte. Oft hat uns die Frage in den Nachbesprechungen beschäftigt, was wir denn dabei eigentlich machen. Für die Bekämpfung der Krankheit, gleich welcher Art, sind die Ärzte zuständig. Ob der Suchtabhängige nach der Entlassung in einer Wohngruppe unterkommt, regelt ein Sozialarbeiter. Und wir Theologinnen und Theologen können Ängste vielleicht mindern, aber nicht nehmen. Wir wissen auf die uns gestellten Fragen auch nicht die schlüssige Antwort: Warum bin ich krank geworden? Muss das so sein, dass ich so verlassen bin? Und oft müssen wir nach einer Reihe von Besuchen erleben, dass sich nichts bessert oder dass der Mensch, wie es zu erwarten war und sich angekündigt hat, dann doch gestorben ist.
Und dennoch habe ich das Gefühl gehabt, dass diese Besuche wichtig sind für mein Gegenüber wie für mich selbst. Insbesondere dann, wenn nicht schneller Trost und erst recht kein guter Rat erfolgt ist, sondern wenn ein Gespräch eine Offenheit erreicht hat, in der etwas gesagt werden konnte, was sonst nicht heraus durfte.
„Sie wären bestimmt ein guter Arzt oder Psychologe“, sagte eine Patientin zu mir. Und ich erwiderte: „Ich weiß nicht, mit was ich als Psychologe zu Ihnen gekommen wäre. Ich bringe Ihnen Worte und Geschichten aus der Bibel mit.“
Eine Krankenheilung im Neuen Testament ist das Thema für den heutigen Sonntag. Sie stand nicht auf dem Ausbildungsprogramm im Sommer und ich habe sie auch nicht am Krankenbett erzählt. Aber sie wäre es wert und sie kann uns vieles sagen. Ich lese den Bericht von der Heilung eines Gelähmten aus dem 2. Markuskapitel.
Text: Markus 2, 1 – 12
Liebe Gemeinde,
was würde geschehen, wenn mitten in diesen Gottesdienst, jetzt, während der Predigt, die Kirchentüre aufgerissen würde und welche einen Kranken hereinschleppten und riefen: Er braucht Hilfe. Nicht dass es akut wäre, ein Notfall, wo der Arztkoffer eher gefragt ist. Sondern ein chronisch Kranker oder eine Kranke, ein Unheilbarer, eine schon Aufgegebene. Was könnte ich tun? Ein paar Fragen stellen. Eine Hand auflegen. Ein Gebet sprechen. Sagen, dass es immer wieder Fälle gibt wo Menschen ganz unerklärlich genesen sind. Und letztlich würde ich auf Jesus verweisen, der es dann doch als Heiland am besten kann, Menschen zu helfen und zu befreien. Heilen könnte ich nicht. Den Menschen auf die Beine stellen, könnte ich nicht. Äußeres Werk könnte ich tun. Der Beweis, dass das, was auf der Kanzel gesprochen wird, wahr ist, den könnte ich nicht erbringen. Nein, zum Demonstrieren gäbe es bestimmt nichts.
So ähnlich aber war die Situation damals. Jesus redete das Wort von Gott, vom Himmelreich, von allem Guten, das den Menschen von Gott her zugedacht ist. Er predigte ihnen und sie hörten.
Und plötzlich war da der Kranke. Vom Dach herunter gelassen. Gelähmt war er. Noch nie war er gelaufen. Jesus ist in seiner Rede unterbrochen worden. Anderes hat sich als Wichtigeres dazwischen gedrängt. Hier ist ein Mensch, was kannst du ihm sagen? Was kannst du für ihn tun? Ganz konkret.
Anschaulich, zum Teil sogar dramatisch dargestellt, erzählt das Markusevangelium, wie man mit allen Mitteln den Kranken vor Jesus brachte. Vier trugen ihn. Das Dach wurde aufgebrochen. Der Gelähmte war schwer, vorsichtig musste man ihn durch die Lücke bugsieren. Zuvor hatte man erst einmal Seile beschaffen müssen. Auf eine Dachexpedition war man nicht eingestellt. Jetzt war das Ziel erreicht: hautnah bei Jesus zu sein. Doch das war nicht das Ziel. Damit fing doch alles erst an, sollte man meinen.
Jesus hatte auch schon Menschen geheilt. Die Schwiegermutter des Petrus war kurz zuvor gesund geworden, erzählt das Evangelium. Andere Kranke hatte man zu ihm gebracht und unmittelbar vor der Erzählung hier war ein Aussätziger genesen. Für Jesus muss es ein Leichtes sein. Warum sollte Jesus mit seiner Wunderkraft sparen? Was dort möglich war, hier musste es auch gehen. Irgendetwas musste er mit dem Kranken machen. Die Erwartungen waren nicht gering.
Wenn ich an Jesu Stelle wäre, was würde ich sehen, was würde ich spüren? Gespannte Gesichter. Totenstille im Haus. Und in mir - Unwohlsein. Überforderung. Angst zu enttäuschen. Angst zu versagen. Ärger, dann, dass die Leute so unklug sind, an völlig unpassender Stelle zu kommen. Unmut, dass irgendwer immer ein Zeichen braucht.
So geht’s nicht, höre ich mich sagen. So wenig wie bei einem in die Kirche gebrachten Kranken. Seid vernünftig, ihr Menschen. Man darf Gott auch nicht versuchen und auf die Probe stellen. Rechtfertigung. Ausflüchte.
Was sah Jesus? Er sah nicht seine Herausforderung. Er sah nicht seine Angst. Er sah ihren Glauben – und staunte. Und freute sich zugleich. So viel Kraft. So viel Energie steckt dahinter. Was haben die versucht, bis sie hier waren! Enorm. Jesus denkt nicht an sein eigenes Kleinsein. Er denkt an die Größe derer, die er vor sich hat. Er lobt in seinem Herzen den Mut dieser Männer.
Schön, aber dann, wo bleibt das eigentliche? Wann kommt der Lohn für die Anstrengung? Der Lahme wird nicht gebracht, damit Jesus Gefallen an ein paar Menschen hat. Das Wichtigste ist doch, dass er gesund wird. Die Erwartung und die Erfüllung ist es doch, nicht mehr auf dieser Trage liegen zu müssen. Ohne das, wäre alles nichts.
Und Jesus sagt: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Liebe Gemeinde, viele von Ihnen waren schon einmal im Krankenhaus. Jeder von uns war schon krank. Das ist ein Zustand, von dem man ohne Wenn und Aber befreit werden will. Kranksein kann einen so beherrschen, dass man an nichts anderes mehr denken kann. Insbesondere, wenn sie von Schmerzen begleitet wird. Krank zu sein raubt mir meine Lebensmöglichkeiten. Und Dauerkrankheiten wie eine Lähmung sowieso. Krankheit nimmt meinen Körper zur Geisel, sperrt mich in ein unsichtbares Gefängnis. Eine schwere Krankheit kann aus mir machen, dass ich kein Mensch mehr bin. Und wo ich gesund oder wieder gesund bin, ist alles anders, ist Gefahr und Schrecken vorbei, ist die Aussicht und die Angst, vor dem Ende zu stehen, nicht mehr da.
Darum muss als erstes die Krankheit weg. Dann sind alle Sorgen weg, oder zumindest kann ich sie dann bewältigen. Der Mensch muss gesund sein, um leben zu können.
Vielleicht ist es dieses Muss, was es mir schwer machen würde, einen spontan vor mich gebrachten Kranken zu helfen. Weil ich nicht Herr über die Krankheit bin. Und weil ich so keine Aussicht auf Leben geben kann. Die Krankheit, die mein Gegenüber gefangen hält, die hält auch mich als Helfer gefangen. Wo etwas geschehen muss, werde ich selbst gelähmt. Es bleibt ein Graben zwischen uns.
Jesus aber sagt: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Was spüre ich? Dass die Spannung abfällt. Dabei müsste sie sich doch noch steigern. Mensch, da liegt einer krank und Jesus redet von Sünde und vom Reich Gottes oder von sonst etwas Fernem. So wie jeder und jede Kranke hier in der Kirche denken müsste: der Pfarrer redet von Wundern, doch was hilft es mir. Und weil ich das weiß, muss ich genau vor diesem Gedanken, vor diesem Urteil Angst haben.
Aber bei Jesus entspannt sich auf eine Weise die Lage, weil er sich nicht mit fesseln lässt von der Krankheit. Er muss sich nicht vom Mitleid verzehren lassen, das ihm die Sprache verschlägt. Er muss sich nicht zu irgendwelchem Handeln drängen lassen, weil er ja ansonsten nichts taugt. Er muss nicht auf die Erwartung hören. Er muss sich nicht vor der Enttäuschung des Kranken fürchten. Jesus muss nichts. Und das löst die Spannung. Das macht frei. Das überträgt sich auf den Kranken, auf die um ihn Stehenden. Das Muss fällt auch bei ihm weg: Ich muss hier liegen. Ich muss mich immer tragen lassen. Scham und Schuld und Tod und Teufel – alles nicht. Ich liege hier. Ich werde getragen. Mehr nicht. Es hat mich nicht meine Krankheit im Griff. Meine Gedanken haben mich im Griff, verurteilen mich, lähmen mich.
Ich könnte mir vorstellen einen Patienten, eine Patientin zu fragen: „Wenn sie für einen Moment Ihre Krankheit vergessen, wer sind Sie dann?“ Alles Mögliche kann da zum Vorschein kommen: Ich bin einer, der weit gereist ist und viel gesehen hat. Ich bin ein Sportfan. Ich bin Mutter von vier Kindern. Ich habe früher alle meine Kleider selber genäht und habe einen Blick für die Mode. Manchmal tauchen Vorlieben auf, an die man seit Kindertagen nicht mehr gedacht hat, Lieblingsgerichte, das Aussehen der ersten Puppe, ein Spiel, das mich fesselte. Es schmerzt nicht, daran zu denken, weil man es nicht mehr kann. Es schmerzt viel viel mehr, es verloren zu haben, es sich zu verbieten, daran zu denken.
Deine Sünden sind dir vergeben, sagt Jesus. Zwischen dir und Gott steht nichts, meint es. Für Gott bist du heil, so krank, wie du auch bist. Es hindert ihn nicht zu dir zu kommen. So stelle auch du nichts mehr zwischen dich und dein Leben.
Und damit hätte man also den Gelähmten wieder auf’s Dach nach oben ziehen können? Und die vier Männer hätten zufrieden nach Hause gehen können? Und alles wäre gut?
Nun, es gab ja dort Gegenstimmen, dass man so nicht vorgehen dürfe. Die Pharisäer murrten, man dürfe einem Kranken nicht mit Gott Mut machen. Das greift in die Hoheit Gottes ein. Und überhaupt sei das Scharlatanerie, hier einem Kranken zu dessen Beruhigung vorzu-gaukeln, er wäre ohne Sünde. Jeder Mensch ist sündig und habe nichts Gutes zu erwarten. Und Krankheit ist eben ein Ausdruck davon.
Was schwingt hier mit? Ist es nicht Angst, Gott könne gnädiger sein, ohne dass einer dafür etwas tun könne. Und ohne, dass Gesetze und Vorschriften eingehalten werden. Wo doch die Pharisäer die Gesetzestreue und die Befolgung aller Regeln vertraten. Wo Gott Sünden vergibt, einfach so, da könnten sie überflüssig werden. Dann wären sie ja ihres Lebenssinnes beraubt. Und weil sie genau das von Jesus fürchten, trachten sie ihm nach dem Leben.
Vielleicht hätte man auch die Pharisäer fragen müssen: Wenn du einmal nicht daran denkst, dass du Pharisäer bist, was bist du dann? Und was bist du in Gottes Augen?
Aber das ist eine andere Geschichte. Wahr ist, dass der Mensch, der von seinem Bett am Ende aufstehen konnte, nicht erst da befreit war. Es war die Dreingabe, dass er jetzt auch wieder laufen konnte. Dass er in Ordnung war, war zuvor schon klar. Dass er ein Mensch ist vor Gott, dass er Leben in sich hat, dazu brauchte es kein Wunder. Das kann ein Mensch in seiner tiefsten Krankheit noch erfahren, dass er nur eine Krankheit hat, aber er selbst nicht die Krankheit ist. Der Mensch ist mehr. Und das darf ihm gesagt werden.
Es zugleich das, was mir in der Seelsorgeausbildung wichtig geworden ist. Es ist nicht die Hilfe um jeden Preis. Es ist nicht das Machen-können, woran ja selbst die Ärzte manchmal verzweifeln, weil es nicht geht. Es ist die Kraft, beizustehen und das Wunder geschehen zu lassen, sich selbst wieder zu finden. Altes und Gutes in mir drin. Und dass Gott mich so will.
Viele von Ihnen haben schon in der einen oder anderen Weise mit der Palliativabteilung im Krankenhaus zu tun gehabt. Wenn ich zu Angehörigen eines Verstorbenen komme, wird meist viel Gutes darüber gesagt und wie sehr es die letzten Lebenswochen erleichtert hat. Gerade deshalb, weil hier ein Mensch als ein Mensch behandelt wird und nicht als ein Kranker. Gerade im unheilbaren Stadium. Schmerzlindernde Mittel sind das eine. Liebe, die zur Hilfe wird, das andere.
Und wenn nun die Kirchentüre aufgerissen wird und ein Kranker herein getragen wird, was könnte ich tun? Ich könnte ihm sagen: Es ist gut, dass sie hierher gekommen sind. Dass sie nicht alleine zu Hause liegen, sondern unter Menschen sind. Und hören Sie den schönen Posaunenklängen zu. Die können Sie so froh machen, wie alle anderen.“
Ich hätte ihn nicht gesund gemacht. Ich hätte kein Wunder vollbracht und es auch gar nicht gekonnt. Aber ich habe vielleicht geholfen, auf anderes zu sehen, anderes in sich zu spüren. Den Blick weg von der Krankheit zu wenden. Gottes Gnädig-sein zu ahnen. Und gleichzeitig weiß ich, dass nicht ich geholfen habe, sondern der Herr.
Ich verlasse das Krankenzimmer oft mit einem großen Dank. Nicht, weil ich draußen bin. Sondern weil ich drinnen war, bei einem Menschen.
Amen


